Adler und Hühnchen: Kurze Beispielrechnung zur Telekom-Drosselung

Ab Mai gibt es neue Tarife bei der Telekom. Dann gibt es bei neuen Verträgen keine Flatrate, sondern einen Tarif mit Volumenbeschränkung: Bei einem Tarif, der meinem vergleichbar ist (ich bin nicht bei der Telekom), würde ich weiter so viel surfen dürfen, wie ich will. Ab 75 GB heruntergeladener Daten im Monat würde allerdings meine Geschwindigkeit sehr stark gedrosselt werden. Das wäre blöd, aber die Telekom darf das natürlich.

Ich gucke zur Zeit zum Beispiel gerne live diesen Stream aus einem Fischadlerhorst in Estland. Ich weiß nicht, wie der kodiert ist, ich behaupte einfach mal: 300kbit/s, das ist vermutlich an der Untergrenze. Wenn ich sonst nichts im Internet mache und nur diesen Stream laufen lasse, Tag und Nacht wohlgemerkt, dann wird die Telekom mir nach gut 23 Tagen den Internethahn so sehr drosseln, dass ich kaum mehr gut mit dem Internet arbeiten kann. Wenn ich während dieser Zeit noch irgend etwas anderes im Internet mache, soll ja vorkommen, dann sind es natürlich noch weniger Tage.

(Zugegeben: Tatsächlich dürfte ich bisher selten an die Grenze von 75 GB gestoßen sein. Aber ich benutze ja auch kein Maxdome oder solche Sachen, wo man sich Filme legal und gegen Geld auf den eigenen Fernseher zaubern lassen kann. Stelle ich mir aber praktisch vor, so etwas.)

Nun ist es so, dass – um bei meinem Vogelstream-Beispiel zu bleiben – die Telekom quasi gleichzeitig ein Live-Hühnchen-Video streamt, das nicht auf meine Gesamtkosten angerechnet wird. Dann kann man sich ja denken, dass viele Leute eher das Hühnchen sehen werden und auf den Fischadler verzichten. Und eine dritte Firma streamt ein Video von glücklichen Truthähnen und zahlt der Telekom Geld dafür, dass die Telekom die Downloadmenge nicht auf meine Gesamtkosten anrechnet. Kann man sich ja denken, dass dann mehr Leute den bezahlten Truthahn-Stream anschauen werden und etwas weniger die Fischadler. Kleine Projekte, die der Telekom kein Geld für bevorzugte Behandlung zahlen können, haben es dann schwerer, wahrgenommen zu werden. Das ist das Hauptproblem an den neuen Tarifen der Telekom.

Natürlich geht es gerade nicht um Live-Vogelstreams, sondern um Audio- und Filmangebote. Aber bei denen geschieht genau das.

Das Schlagwort dazu, ich habe es schon öfter erwähnt, heißt: Netzneutralität. Es bedeutet, dass ein Internetanbieter die Datenpakete, die hin und her geschickt werden, nicht aufmacht um nachzuschauen, ob darin Hühnchen-, Truthahn- oder Fischadlerbilder sind, und sie vor allem nicht ungleich behandelt. In manchen Ländern ist Netzneutralität gesetzlich vorgeschrieben, in Deutschland nicht.

5 Antworten auf „Adler und Hühnchen: Kurze Beispielrechnung zur Telekom-Drosselung“

  1. Die Adlerchen sind wunderbar. Werde sie im Auge behalten.
    Die estnischen Mischwälder auch. War noch zu Zeiten der SU dort.

  2. Längerfristig können eben nicht nur Fischadler betroffen sein, sondern alle Projekte, die nicht durchkommerzialisiert sind. Also Open Source komplett (denn alle Entwickler-Tools laufen über das Netz), private Blogs, Creative Commons-Musikseiten usw. – und damit auch die manchmal auch nur utopische Möglichkeit, als kleiner Niemand die Welt zu verändern, die wir an diesem Internet alle so schätzen.

    Auf einmal werden auch Firefox, LibreOffice, Ubuntu Linux usw. alle nur noch in weniger als einer Woche herunterzuladen sein, wenn irgend jemand extra bezahlt. Und für Revisionskontrollsysteme wie Subversion oder Git oder Bazaar, die hinter der Entwicklung von so gut wie aller Open Source-Software stecken, könnte man ja gegen eine nette kleine Beteiligung von Microsoft & Co eine kleine Bremse installieren…

    Es gibt zwei Hoffnungen: Die eine ist, dass die Wettbewerber der Telekom nicht mitziehen werden, dann könnte der Markt die Sache regeln. Die andere ist, dass unser Gesetzgeber endlich aufhört, das Internet als diffuse Bedrohung zu sehen und auch mal was dafür tut.

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