Berge wie weiße Elefanten

Bei der Erzähltheorie in der Schule geht es drunter und drüber. Ein Kollege hat mal zusammengestellt, was für die einzelnen Jahrgangsstufen im Lehrplan steht:

  • 5: „Erzähler“
  • 6: „Äußeres und inneres Geschehen, erzähltechnische Mittel“
  • 8: „Innen- und Außenstandpunkt des Erzählers, Erzählperspektive wechseln“
  • 9: „Erzählverhalten“
  • 10: „Erzähltechnik“

Sonst nichts Genaueres. (Keine Erwähnung von Begriffen aus speziellen Theorien, etwa: auktorial, allwissend, homodiegetisch.)
Unser Schulbuch fügt den kaum von einander zu trennenden Begriffen „Erzählperspektive“, „Erzählverhalten“ und „Erzähltechnik“ noch die „Erzählform“ und die „Position“ und „Einstellung“ des Erzählers hinzu sowie die „Erzählhaltung“. Dazu verschiedene Begriffe, die sich letztlich an einer vereinfachten Erzähltheorie nach Stanzel orientieren.

Kein Wunder, wenn man da durcheinander kommt. Wir versuchen gerade zu einem einheitlichen Modell für unsere Schule zu kommen.

Währenddessen habe ich mit meinen Achtklässlern etwas Hemingway gemacht. Das kam so: Eine Fassung des Stanzel-Modells kennt einen Kreis als Modell, eingeteilt in sechs Bereiche in der Form der bekannten Trivial-Pursuit-Törtchen. Jeder Schüler brachte ein Buch mit, besprach sich mit Mitschülern, und trug den Titel des Buches je nach Erzählertyp dann in das passende Törtchen ein. Wir stellten fest, dass von den sechs möglichen Bereichen eigentlich nur zwei benutzt wurden. (Von den Schülern aufgestellte Theorien: Manche Erzählertypen sind einfach populärer. Zumindest bei Büchern, die Achtklässler so mitbringen.) Außerdem interessierten sich die Schüler plötzlich für den Literaturnobelpreis – wer ihn kriegt und warum und wofür, und ob wir was von einem lesen können.

Also brachte ich eine Hemingway-Geschichte mit, „Hills Like White Elephants“. Glücklicherweise fand ich eine deutsche Übersetzung im Web, und zwar im Archiv der Zeit, wo die Geschichte 1949 erschienen ist. (Die Übersetzung ist etwas veraltet. Der Zeilenumbruch entspricht gar nicht dem meiner Hemingway-Ausgabe.)

In dieser Geschichte ist die Distanz zwischen Erzähler und Geschichte wirklich minimal, der Erzähler kaum als solcher erkennbar; die Personen der Geschichte erlebt man in konsequent durchgehaltener Außenperspektive. Das wollte ich den Schülern mal zeigen.
Schnell mal lesen oder Inhaltsangabe? — Ein Mann und eine junge Frau sitzen in Spanien in einem Café und warten auf der Zug. Sie unterhalten sich, es geht um eine Operation, die der Frau bevorsteht. Der Mann redet die Operation klein, auch wenn die Frau Bedenken zu haben scheint. Hauptsache, danach ist alles wieder wie vorher. Viel Sonnenschein und wenig Kommunikation.

Die Schüler fanden die Geschichte nicht unterhaltsam (wie sollten sie auch), gingen aber großzügig davon aus, dass es schon irgendeinen Grund dafür geben würde, dass ich ihnen ausgerechnet diese Geschichte präsentierte. Spannend war, was sie störte. Erst mal, dass nichts zu passieren scheint. Dann aber auch, dass die junge Frau zwar als Erwachsene behandelt, aber durchweg als „das Mädchen“ bezeichnet wird. (Original: „the girl“.) Für meine Schülerinnen und Schüler heißt Mädchen: noch nicht erwachsen, kindlich. Dass eine erwachsene Frau als Mädchen bezeichnet wird, ist ihnen fremd.
Außerdem hielten die Schüler die Geschichte für einen Textausschnitt und wollten wissen, was davor und danach komme – sehr überrascht waren sie, als ich sagte, dass das die vollständige Geschichte ist. (Passt bei 11 Punkt Schriftgröße auf zwei A4-Seiten, jeweils zweispaltig.)

Das Verhältnis der beiden Hauptpersonen haben die Schüler gut verstanden und auch selbstständig am Text belegt. Der Mann drängt die Frau zu irgendeiner Operation, er ist älter, kennt sich besser aus. (Kann Spanisch, kennt die Getränke in der Bar.) Aber um welche Operation es ging, darauf kamen die Schüler nicht. Ich glaube, es war auch nicht so, dass sie sich nicht getraut haben, sondern dass sie es wirklich nicht wussten.

Also habe ich es ihnen erzählt: Es geht um eine Abtreibung. (Haben sie dann auch gleich gesehen.) Dazu musste ich den Schülern erzählen, dass Abtreibungen damals illegal waren. Da sie den Text gründlich gelesen hatten, wiesen sie mich aber gleich auf eine Äußerung hin, nach der die Freundinnen der Hauptpersonen auch alle so eine Operation gehabt hätten. Puh. Also weiter erklären, dass trotz der Illegalität Abtreibungen stattgefunden haben. Entweder beim Arzt, wenn man Geld hatte, oder eben mit anderen, lebensgefährlichen Methoden, und dass das mit ein Grund für die Legalisierung von Abtreibung war. Was für Methoden denn das gewesen seien.

Sagen wir, ich hoffe, ich hatte genug Fingerspitzengefühl.

Sehr interessant fand ich die Interpretation eines Schülers. Die Operation wird nur so beschrieben: „Es wird nur Luft reingelassen, und dann ist alles vollkommen natürlich.“ Es könne sich demnach auch um eine Brustvergrößerung handeln.

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9 Thoughts to “Berge wie weiße Elefanten

  1. Ha! Genau das habe ich mir vergangene Woche auch gedacht, dass man einmal für eine einheitliche Terminologie sorgen müsste, was die Begriffe der Erzähltheorie angeht. Das ist bei uns genau wie bei euch ein Grauen und für die Schüler vermutlich höchst verwirrend. Wir müssten da eigentlich auch einmal als Fachschaft „ran“, um das zu ändern.

  2. Oh, das war eine von den Stories, bei denen mir Hemingway unsympathischer und unsympathischer geworden ist. Der hält dieses Ekelpakethafte so gnadenlos durch, dass ich zu dem Schluss gekommen bin (auch nachdem ich eine Biographie von ihm gelesen habe), dass er tatsächlich ein egozentrisches Ekelpaket gewesen sein MUSS.
    Schreiben konnte er, aber das geht nicht immer mit menschlicher Nettigkeit Hand in Hand.

  3. Hemingway… ich glaube, ich habe nur einen Roman gelesen, eher meh, aber ich mag seine Kurzgeschichten sehr. In der Schule haben sich mich überhaupt nicht interessiert und gelangweilt, das weiß ich noch gut und behalte es im Kopf. Hier habe ich etwas über zwei eher untypische seiner Geschichten geschrieben.

    Einheitliche Regelung: Wir sind schon dabei.

  4. …da hab ich doch glatt das „kein“ vor „Rechtsverdreher“ verbummelt. Zugegeben, ich bereue heute manchmal, nicht doch Jura statt Literaturwissenschaft & Philosophie studiert zu haben. Aber nur manchmal ;)

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