Gefundene Parabel (Arbeitsblätter von Kollegen 2)

Ich schaue mir ja gerne die Arbeitsblätter an, die von Kollegen in Klassenzimmern oder am Kopierer zurückgelassen werden. Vor ein paar Tagen fand ich das hier ungemein interessant, leider nur unvollständig erhalten:

gefundene_parabel_keuner_geschichte

Etwas leichter zu lesen:

Operation korrigiert werden kann. K wendet sich an V und erklärt ihm unter Zurverfügungstellung von „Berta“, er wolle wegen des „Mangels“ ein anderes Tier aus demselben Wurf. V erklärt zutreffend, er könne zwar eine andere Katze liefern, sei dazu jedoch nicht bereit.

Das kam mir vage bekannt vor. Die Geschichten von Herrn K von Bert Brecht kannte ich doch eigentlich alle – war das das Ende einer neuen, einer Schülerparodie auf die Brecht-Parabeln? Mit einem Touch Kafka drin für das Absurde, vor allem der letzte Satz? „‚Gibs auf, gibs auf'“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“ – so enden Kafka-Geschichten, und ich kenne eine Kafka-Parodie von Woody Allen, die liest sich genauso wie der Text auf dem Arbeitsblatt.

Der Kollege, dem ich den Schnipsel vor die Nase hielt, lachte nur und klärte mich auf. „Damit war der Denkende endlich aufgeklärt“, wie es bei Brecht heißt.

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9 Thoughts to “Gefundene Parabel (Arbeitsblätter von Kollegen 2)

  1. Im Roman „Tschick“ von W. Herrndorf ist eine wunderbare – fiktive – Schülerinterpretation zu der Parabel „Das Wiedersehen“ von Brecht zu finden (S. 55 im TB). Scanne ich aus Urheberrechtsgründen lieber nicht ein, sei aber jedem zum Nachlesen empfohlen. Da hat Herrndorf sich einen netten Spaß gemacht.

  2. Herrndorf war wohl allgemein sehr schlecht auf Germanisten zu sprechen. Sogar auf die ganz kleinen an Schulen.

  3. Das mit den Germanisten weiß ich nicht, aber in seinem Blog hat er wohl am 15.1.2011 geschrieben:
    „[…] Briefe von Schülern einer Frankfurter Schule gelesen, die als Hausaufgabe ein eigenes Tschick-Kapitel schreiben mussten und einen Brief an den Autor. Wie ich das gehasst hätte in der Neunten. Und in jeder anderen Klasse auch. Briefe an irgendwelche Idioten schreiben, glücklicherweise thematisieren das einige auch. Aber alle ziehen sich wie ohne Mühe aus der Affäre, auch die beiden Rüpel aus der letzten Reihe, einwandfrei […]. Montessori-Schule, wahrscheinlich mit eingebauter Sozialkompetenz.“
    Zitiert nach EinFach Deutsch, Tschick, 2014, S. 104. – Interessanterweise findet sich dieser Eintrag nicht (mehr?) im Online-Blog (http://www.wolfgang-herrndorf.de/2011/01/zwoelf/). Ob er nach Herrndorfs Tod wegredigiert wurde, weil er so „schulfeindlich“ ist? Wo doch alle Schulen im Land brav den Roman rauf und runter lesen?!

  4. Das Zitat steht noch im Blog, aber unter dem Datum des 18.6.2011, hier.
    Tschicks Parodie-Interpretation habe ich nachgelesen, sehr schön, sehr witzig auch Anja, die im Anschluss daran „die richtige Interpretation, wie sie auch bei Google steht“ vorliest.

  5. „Generation Google“ eben ;-)
    Dabei lässt sich Tschicks Interpretation innerhalb des kargen Brechttexts gar nicht so leicht widerlegen, wenn ich mich richtig erinnere.

    Die Arbeitsblätter der Kollegen schaue ich mir übrigens auch immer gerne an. Man kann a) immer noch was lernen, b) was fürs eigene Archiv abstauben oder einfach c) feststellen, dass die eigenen Arbeitsblätter natürlich viel besser didaktisiert/methodisiert/layoutet/geklaut/… sind.

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