Schuljahresendsternsinger

Gerade war ich im sich gentrifizierenden Münchner Stadtviertel südlich von da, wo ich wohne, spazieren, unsere wöchentliche Kartoffelkiste vom Verteilerpunkt abholen. Da sprechen mich drei Grundschulkinderinnen von der Seite an. “Pssst! Psst! Hallo.” (Das mit dem “Psst” habe ich erfunden.) Ob sie auf etwas warteten. (Sie sahen so aus.) Nein, aber sie würden gerne singen. (Na gut, ich stellte meine leere Kiste ab und setzte mich erwartungsvoll drauf.) Dann sangen die drei ein in der Grundschule erprobtes Lied, den Refrain etwas kräftiger als die drei Strophen, darüber, wie schön doch das Schuljahr war, dass sie sich in den Ferien erholen wollen und sich schon darauf freuen, sich alle im neuen Schuljahr wieder zu treffen.
Was es alles gibt.

Ich habe ihnen dann auch ganz großväterlich einen Euro dagelassen, für Eis. Es war ein langes Lied. Bei Junggesellinnenabschieden – die sind seltener geworden, oder? – partizipiere ich nie an der Fröhlichkeit und kaufe den jungen Frauen ein Gimmick ab, aber da musste ich wohl. Und gern.

Ungerecht ist es natürlich schon. Die Bettler kriegen meist nichts von mir.

7 Antworten auf „Schuljahresendsternsinger“

  1. Nette Idee der Kinder eigentlich…Hmm.… Ist das betteln oder nicht? Eine Dienstleistung (Singen, also Unterhaltung) wird angeboten, man kann sie auch ablehnen, und man bezahlt.
    Auf jeden Fall besser als “Faschingszoll” (aka Nötigung im Straßenverkehr, §240 StGB).
    Eher so wie Straßenmusiker. Nur dass die auch singen wenn man nicht interessiert ist.
    Bettlern in der Fußgängerzone habe ich früher immer mal wieder was gegeben, aber dann kamen die Berufsbettler.

    Und auf die Gefahr hin dass ich mich jetzt blamiere:
    Das mit den Kinderinnen ist ironisch gemeint, oder? Das schreibt man nicht wirklich. Oder etwa doch?
    Dann müsste es ja am Ende auch noch Schuljahresendsternsingerinnen heißen. :D

  2. >Das mit den Kinderinnen ist ironisch gemeint, oder?

    Es stimmt, dass man das nicht wirklich so schreibt. Aber ironisch war das auch nicht gemeint. Es schien mir ein passender Ausdruck für die Zusammensetzung der kleinen Gruppe und mein Verhältnis zu ihr. (Wahrnehmung als Gruppe statt als Individuen, Betonung ihrer Rolle und meiner als Arbeitgeber-Kunde-Mäzen, eine gewisse Distanziertheit oder Wurschtigkeit. Poetisch und sicher auch vielseitig deutbar.)

  3. Naja, das war ja fast ein Austausch Dienstleistung gegen Geld.
    Wesentlich besser als die durchaus betucht wirkenden Teenies am Oktoberfest, die’s mit “Tschuldigen Sie, haben Sie vielleicht zwei Euro für mich, ich würd so gern Achterbahn fahren!”
    Das finde ich wirklich dreist, dagegen ist nett fragen und dann singen ja geradezu kniggewürdig.

  4. Die waren aber auch schlau, sich ein Publikum mit mitgebrachter Sitzgelegenheit zu suchen. Sehr charmant. Blöd nur, dass man in München schon genau wissen muss, wo man für einen Euro noch eine Kugel Eis kriegt. Aber so schlaue Kinderinnen wissen auch das genau. Oder sie singen eben der Eisfrau was vor.

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