Abifeier 2016

Abifeier-Disclaimer

Das Abimotto dieses Jahr war: 12 Jahre Druck – endlich Diamanten. (Unter den Abi-Mottos der letzten Jahre noch eines der besseren.) Immerhin vergleichen sich die Schülerinnen und Schüler mit Diamanten, das ist schon in Ordnung. Kann man was damit machen, auch wenn es Steine sind und Ressourcen und Schüler mehr sind als das; Rohdiamanten und so weiter, die man erst noch zum Funkeln bringen muss, diamond in the rough.

Positiv war, wie schon letztes Jahr: Zur Verleihung der Zeugnisse zieht nicht mehr jeder Schüler, jede Schülerin einzeln mit einem angespielten Lied ein, sondern die Schüler machen das in (meist) Dreiergruppen mit einem gemeinsamen Lied. Das macht das ganze sehr viel besser.
Negativ: Früher haben sich Lehrer und Lehrerinnen fein gemacht und vorne ins Publikum gesetzt, wo ihnen Plätze freigehalten wurden. Die Plätze waren auch diesmal frei, aber die Lehrer sammelten sich im Hintergrund, oberhalb der Aula, ohne sich groß feingemacht zu haben. Weil es da kühler war. Ich sehe das eher als ein weiteres Symptom für den Rückzug vom Schulleben, von denen mir in letzter Zeit einige auffallen.

Zur Kleidung: Da darf ich diesmal nicht so viel schreiben, weil ich weiß, dass Leute das lesen. :-) Also: Mir sind weder bei den jungen Frauen und Männern modische Trends aufgefallen. Zwei junge Frauen in Hosen; eine mit kurzen Haaren (Respekt), eine mit einem schönen und auffälligen 80er-Jahre-Bob, den sie aber schon seit Jahren trägt. Sonst alle Haare noch mädchenhaft lang.

Es gab Reden von Schulleiterin, Landrat, Bürgermeisterin, Elternsprecherin, Oberstufenkoordinatorin, und einem Schüler. Die Schülerrede eckte bei ein paar Kollegen ein wenig an. “Da muss man doch mehr differenzieren” und so. Aber so ein bisschen anecken soll eine Rede auch, oder wenigstens irgendetwas an so einem Nachmittag. Klar macht man sich keine Freunde, wenn man beginnt mit “Liebe Menschen, liebe Lehrer”, und nach dem einsetzenden Gelächter meint: “Wenn ich fertig bin, klatscht hier niemand mehr.” Aber ich fand’s okay. Der vorletzte Satz, nach einer Reihe von mehr oder weniger ironischen Danksagungen, war: “Danke für das Wort ‘abiturrelevant’, ich will es nie wieder hören.” Ich fürchte, das Wort haben die Schüler öfter verwendet als die Lehrer.

Ganz am Anfang der Veranstaltung wurde, ohne dass das thematisiert wurde, das hier an die Wand geworfen:

Abifeier-Disclaimer

Warum diese Distanzierung von sich selbst? Weil irgendwie ironisch immer gut ist? Aus Angst davor, aus Versehen Stellung zu beziehen? Das ist unnötig.

Nach der Verabschiedung löste sich alles sehr schnell auf. Gut, so kam ich noch in den Biergarten, aber eine halbe Stunde Stehempfang nach der Feier wäre schön, dann könnte man sich noch unterhalten. (Danach gehen die Abiturienten mit ihren Familien essen, und später tanzen.)

– Die Abizeitung war brav, und letztlich mit wenig Inhalt, der auch für Außenstehende interessant war. Einer der wenigen solchen Artikel kritisierte, dass männliche Schüler nicht beim Oberstufenkurs “Gymnastik und Tanz” mitmachen durften. An anderen Gymnasien geht das sehr wohl, und die Gründe, die die Sportlehrer dagegen vorbrachten, schienen mir äußerst fadenscheinig. Ansonsten kriegte jede Schülerin, jeder Schüler zwei Seiten: Lieblingsfächer, ‑nachbarn, Lebensmotto, vorbildliche Lehrer, schon interessant, aber vor Jahren gab es mehr Fragen: Stärken, Schwächen, Ziele, drei Lehrer für die einsame Insel, Lieblingsschullektüre. (Letzteres sehr spannend für Deutschlehrer!)

Kommende Abiturienten wissen hoffentlich, was Lehrer, wenn sie die Abizeitung lesen, und das tun nicht alle, wirklich interessiert: “Du kommst auch drin vor” hat Hanns Dieter Hüsch seine Autobiographie genannt, und so hält man als Lehrer-Leser immer unauffällig Ausschau nach dem eigenen Namen. Diesmal tauchte so ziemlich jeder auf.

Insgesamt: Abistreich, Abifeier, Abizeitung hat dieser Jahrgang gut gemacht; es war ein netter Jahrgang mit interessanten Menschen. (Aber das ist eigentlich immer so.) Das Abitur haben sie verdient.

Brexit

Morgen stimmt das Vereinigte Königreich darüber ab, ob es in der Europäischen Union bleiben will. Mein Englandbild hat einigermaßen gelitten in den letzten Monaten. Für mich war England immer: Rationalismus, Understatement, Skeptizismus, Agnostik. (“Fair play” dagegen, traditionell mit England assoziiert, habe ich nie groß damit verbunden, vielleicht weil das Klassensystem schon mal dagegen spricht.)

Die letzten Monate hatten nicht nur kein fair play, sondern Lügwn, Hysterie, Bauernfängerei und die völlige Abwesenheit von Skepsis gegenüber großspurigen Versprechungen.

Meine Prognose: England wird für den Brexit stimmen, mit mehr Abstand als erwartet. Warum: Prognosen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Meine kleine Theorie: Die Entscheidung für ein Ausscheiden aus der EU ist so falsch, dass es den Leuten peinlich ist, sie zuzugeben; deshalb kommen die Umfragen zu einem schiefen Ergebnis. Hinweis: Ich verstehe überhaupt nichts davon. Am Ende ist das den Leuten gar nicht peinlich, weil sie wirklich nicht sehen, wie falsch das ist.

Spannender ist es natürlich, wenn der Brexit kommt: Dann kann man sehen, ob die Voraussagen eintreffen. Ich mache auch gleich mal ein paar, ungetrübt von jeglichem Wissen jenseits des gesunden Menschenverstands: Das Pfund wird fallen, England wird es wirtschaftlich deutlich schlechter gehen, mindestens die nächsten sechs Jahre über. Wie die EU reagieren wird, weiß ich nicht. Gute Handelskonditionen für England wird es sicher nicht geben. Allein das schon wollen viele Leute in England, wenn man den Zeitungen glauben darf, nicht wahrhaben. Ich würde es ja noch verstehen, wenn man das als Ausgangspunkt nimmt und sagt: Trotzdem wollen wir raus aus der EU. (Auch wenn ich das aus anderen als wirtschaftlichen Gründen für falsch halte.)

Die EU müsste als Wertegemeinschaft verstanden werden. Führt ein Weg dorthin? Ich weiß es nicht.

Die letzten drei Wochen

Zwei Wochen Kolloquium, eine Woche mündliche Prüfungen. Vielleicht später darüber, es ist jedesmal anstrengend und geht an die Seele.

Gestern abend war ein bunter Abend an meiner Schule, der eigentlich mal eine Lange Nacht hätte werden sollen, dann aber verschoben werden musste und jetzt eine Nummer kleiner stattfand. Immerhin: Es gab ein gutres Dutzend Veranstaltung in bis zu vier Slots hintereinander, meine eigene Präsentation – über die Geschichte von Marvel- und DC-Superheldencomics – habe ich dreimal gehalten. Viel war nicht los, im Publikum ein Gutteil anderer Lehrer. Bei Friedrich Torberg hätte man von einem Café, bei dem die Belegschaft Geschäftigkeit demonstrieren muss, gelesen: “Und wetten, die Abortfrau sitzt am Häusl und kackt.” (Aus dem Gedächtnis zitiert.) Aber schön war es tatsächlich trotzdem. Es hat Spaß gemacht, mit meinem Marvel-Hawaii-Hemd herumzulaufen, und danach konnte ich mit wie Schülern aus der Oberstufe tatsächlich fachsimpeln. Die kannten sich richtig gut aus! Das hat mich gefreut. (Und man kriegt mit, was die Kollegen für Interessen neben der Schule haben. Auch wenn natürlich Fußballschauen eines davon war; deswegen auch nur so ein kurzer Abend.)

Am Tag zuvor drei Kollegen zugehört, die sich über das Digitale und die Jugend von heute unterhalten haben. (Spitzer in da house eine Woche zuvor.) Ich habe mir jeden Kommentar verkniffen, weil mir einfach nichts Nettes einfallen wollte. Sagen wir mal: In dem Podcast Reply All gibt es immer wieder mal ein Feature, das “yes-yes-no” heißt und das mir gut gefällt. Der Chef der beiden Podcaster bringt dabei einen Tweet mit, der ihm untergekommen und den er nicht verstanden hat; die beiden werden gefragt, ob sie etwas damit anfangen können. Da war auch schon mal ein no-no-no dabei, was Recherche nötig machte, aber meistens führen sie ihren Chef schon dahin. An einer bayerischen Schule müsste man wohl eine Ebene darüber ansetzen, also keine kryptischen Tweets mitbringen, sondern gleich nach den ganzen Diensten “Twitter” oder so fragen lassen, oder nach Youtubern. Ein Lehrer und zwei internetaffine Schüler vielleicht? Wobei, so viele gibt es davon ja auch nicht.

Fanny Burney, Evelina

Evelina in Vauxhall Gardens

Enttäuscht von den zuletzt gelesenen Werken des 21. Jahrhunderts und angeregt durch einen Besuch im Jane-Austen-Museum in Bath wandte ich mich kürzlich endlich Evelina von Fanny Burney zu. Burney ist noch mehr mit Bath verbunden als Jane Austen, die die Romane ihrer Vorgängerin sehr schätzte. Evelina (1778) ist Burneys erster und bekanntester Roman, vielleicht weil von moderaterem Umfang als ihre späteren Werke; er wurde bereits 1779 ins Deutsche übersetzt und ist als Scan online da und dort zu lesen – weitere Übersetzungen kenne ich nicht. Anglisten haben sicher zumindest von Fanny Burney gehört; in Deutschland kann sie mangels Übersetzung kaum gelesen werden.

Evelina ist 17 Jahre alt und behütet von einem Ziehvater auf dem Land erzogen worden. Ihre Herkunft ist nicht standesgemäß oder zumindest problematisch; Evelina ist tugendhaft und gebildet, höflich und freundlich. Das bleibt auch das ganze Buch über so, es handelt sich also nicht um eine Form von Entwicklungsroman. (Auch wenn es um die Erfahrungen geht, die Evelina macht: “Alas, my dearest Sir, that my reflections should always be too late to serve me! dearly, indeed, do I purchase experience!”) Vielmehr erfahren wir, zusammen mit Evelina, viel über die – mittelfeine – Gesellschaft der Zeit und welche Regeln vor allem für junge Frauen gelten. Denn Evelina verschlägt es vom Land nach London und Bristol, und sie fühlt sich alleine und unwissend, was das Befolgen der vielen Regeln gilt, und wäre froh um Rat:

But, really, I think there ought to be a book of the laws and customs — a‑la-mode, presented to all young people upon their first introduction into public company.

(So ein Buch ist Evelina natürlich auch.) Evelina ist dabei keineswegs naiv; einen Großteil der Regeln kennt und befolgt sie, aber immer wieder gerät sie doch in peinliche Situationen. Ein Hauptgrund ist die Verwandtschaft: Evelina gerät überraschend an eine exaltierte französische Großmutter und mit ihr an weitere Verwandte, die alle ganz furchtbar peinlich sind. Wie es schon in Tom Jonesalter Blogeintrag dazu – ein Merkmal des Provinziellen ist, mit Theateraufführungen nicht umgehen zu können, ist es hier das Unverständnis der Familie, was Preis, Dauer, Inhalt, Sprache eines Opernbesuchs betrifft, und die angemessene Kleidung dabei. Evelinas erste Opernaufführung ist zwar auch erst wenige Tage her, aber ihr hat sich das natürlich sofort erschlossen.

Meist schweigt Evelina einfach und fährt insgesamt gut damit. Lord Orville, den sie am Schluss abkriegt, ist ein Ideal von einem Mann; anders als Darcy oder im Arztroman hat er keine negativen Eigenschaften, von denen er erst kuriert werden müsste. Die Schwierigkeiten, die die beiden voneinander fern halten, sind technischer Art: Man kann ja nicht einfach miteinander reden oder sich treffen. Evelina schreibt Orville – die Verwandtschaft schon wieder – einen Entschuldigungsbrief, der aber abgefangen und von einem Konkurrenten unter Orvilles Namen beantwortet wird: Evelina ist verwirrt und entrüstet, dass Orville ihr Schreiben scheinbar zu einer Einladung zu einer Korrespondenz aufgefasst hat, was ja wohl gar nicht geht, und eine Antwort per Boten haben möchte statt per Post – doppelt schlimm, weil damit nicht öffentlich, sondern heimlich. Dazu kommt, dass Evelina angemessen diskret ist und deshalb viele Erklärungen für erklärungsbedürftige Vorfälle nicht vorbringen kann, was zu weiteren Missverständnissen führt.

– Man trifft sich nicht nur in der Oper, sondern oft auch in Lustgärten. The Ranelagh in London etwa, oder Vauxhall Gardens, große Anlagen mit Teeräumen, wo man spazieren geht und isst und sich sehen lässt.

Evelina in Vauxhall Gardens

Sehr interessant fand ich diese Sequenz, in der Evelina (“Miss”) mit Polly, Miss Branghton und anderen Teilen der peinlichen Verwandschaft nach Vauxhall Gardens zum Lustwandeln gebracht wird. Da gibt es Wasserfontänen und Feuerwerk und Spektakuläres, aber brave Mädchen bleiben bei ihren Verwandten, und das nicht ohne Grund. Hier gerät Evelina unbeabsichtigt in die dark walks, unbeaufsichtige Seitenpfade, übel beleumundet:

“Lord, Polly,” said the eldest, “suppose we were to take a turn in the dark walks!”
“Aye, do,” answered she; “and then we’ll hide ourselves, and then Mr. Brown will think we are lost.”
I remonstrated very warmly against this plan, telling them it would endanger our missing the rest of the party all the evening.
“O dear,” cried Miss Branghton, “I thought how uneasy Miss would be without a beau!”
This impertinence I did not think worth answering; and, quite by compulsion, I followed them down a long alley, in which there was hardly any light.
By the time we came near the end, a large party of gentlemen, apparently very riotous, and who were hallooing, leaning on one another, and laughing immoderately, seemed to rush suddenly from behind some trees, and meeting us face to face, put their arms at their sides, and formed a kind of circle, which first stopped our proceeding, and then our retreating, for we were presently entirely enclosed. The Miss Branghtons screamed aloud, and I was frightened exceedingly; our screams were answered with bursts of laughter, and for some minutes we were kept prisoners, till at last one of them, rudely seizing hold of me, said I was a pretty little creature.
Terrified to death, I struggled with such vehemence to disengage myself from him, that I succeeded, in spite of his efforts to detain me; and immediately, and with a swiftness which fear only could have given me, I flew rather than ran up the walk, hoping to secure my safety by returning to the lights and company we had so foolishly left: but before I could possibly accomplish my purpose, I was met by another party of men, one of whom placed himself so directly in my way, calling out, “Whither so fast, my love?”— that I could only have proceeded by running into his arms.
In a moment both my hands, by different persons, were caught hold of, and one of them, in a most familiar manner, desired, when I ran next, to accompany me in a race; while the rest of the party stood still and laughed.
I was almost distracted with terror, and so breathless with running, that I could not speak; till another, advancing, said, I was as handsome as an angel, and desired to be of the party. I then just articulated, “For Heaven’s sake, gentlemen, let me pass!”

Dieses Drangsalieren einer jungen Frau durch eine Gruppe Männer liest sich erschreckend modern.

– Etwas förmlicher laufen die Treffen in assembly rooms ab. Die jungen Leute tanzen, streng reglementiert; die alten spielen Karten. Beim Lesen ist mir selber die Idee zu einem Kartenspiel gekommen. Für zwei oder mehr Spieler, kooperativ oder kompetitiv, als Erzählspiel oder doch eher klassisch mit nachgeahmten Erzählelementen – das weiß ich alles noch nicht. Die Spieler haben jedenfalls eine Reihe von Personenkarten auf der Hand, verdeckt von einem Stapel: junger Mann, junge Frau, alte Frau. Außerdem gibt es noch Funktionskarten: “ist Geschwister von”, “ist Kind von”, “ist in Liebe verfallen” oder auch “ist verfeindet mit”. Spieler können zuerst Personenkarten ausspielen, etwa bei einem Treffen im Teehaus, als Begleitung von bekannten, bereits gespielten Karten. “Lord Orville erscheint zusammen mit einer jungen Frau” heißt es dann. Oder Spieler können zuerst Funktionskarten ausspielen, also an bereits ausgespielte, vom Typ dazu passende Karten: “Lord Orville hat ein Geschwister”, “Polly ist verliebt”. Und man kann vor allem bereits ausgespielte Karten ergänzen, Personen um zusätzliche Funktionen, oder Funktionenkarten mit der noch fehlenden Person dazu versehen. Eine assembly-Phase bietet immer Gelegenheit, neue Karten auszuspielen; ansonsten gibt es noch Ereigniskarten, “Ein Brief” etwa, die ermöglichen, neue Karten ins Spiel zu bringen.

Na gut, ich müsste noch mal darüber nachdenken. Jedenfalls ist Evelina die Art Geschichte, wo zuerst eine Person auftaucht (“unglücklicher Mann in Schwarz”), dann eine Geschichte dazu offenbart wird, aber natürlich diskret und ohne Namen (“ist verstoßenes Kind von” und “ist verliebt in”), wo man genau weiß, dass die passenden Personenkarten dazu später noch aufgedeckt werden (“ist verliebt in”) oder bereits auf dem Tisch liegen, aber noch nicht zugeordnet (“ist verstoßenes Kind von”). Und tatsächlich kommt der eine oder andere Twist im Plot sehr überraschend und unerwartet: “[T]hat lady – is the daughter of Sir John Belmont! – of my father!”

– Populär war das Buch sicher auch wegen der satirischen Überzeichnung der Charaktere. Evelinas französische Großmutter; ein raubeiniger Kapitän (ganz ohne Seele aus Gold); die peinliche Verwandschaft und vor allem die unerwünschten Werber um Evelina sind solche Gestalten. Zwei davon, Mr Coverley und Lord Merton, geraten einmal einander, nicht wegen Evelina, sondern wegen ihrer Kutschen. Der Rest der Gesellschaft redet ihnen ein gefährliches Wettrennen aus und verlangt, dass die Tausend-Pfund-Wette anders ausgeführt werden soll. Reihum muss jeder einen Vorschlag machen, wie die neue Wette aussehen soll. Die resolute Mrs Selwyn schlägt das Rezitieren von Horaz-Oden vor:

“I will then explain myself more fully. As I doubt not but you are both excellent classics, suppose, for the good of your own memories, and the entertainment and surprise of the company, the thousand pounds should fall to the share of him who can repeat by heart the longest ode of Horace?”

Damit haben die Herren nun nicht gerechnet und versuchen sich herauszureden:

“But, did you study politics at school, and at the university?”
“At the university!” repeated he, with an embarrassed look; “why, as to that, Ma’am – no, I can’t say I did; but then, what with riding – and – and – and so forth – really, one has not much time, even at the university, for mere reading.”
“But, to be sure, Sir, you have read the classics?”
“O dear, yes, Ma’am! – very often – but not very – not very lately.”
“Which of the Odes do you recommend to these gentlemen to begin with?”
“Which of the Odes! – Really, Ma’am, as to that, I have no very particular choice; – for, to own the truth, that Horace was never a very great favourite with me.”
“In truth I believe you!” said Mrs. Selwyn, very drily.

Tatsächlich nehmen die zwei Herren dann einen anderen Vorschlag an. Zwei alte Frauen, jeweils mindestens achtzig, werden gesucht und sollen ein Wettrennen ausführen:

He told me that, to his great satisfaction, the parties had been prevailed upon to lower the sum from one thousand to one hundred pounds; and that they had agreed it should be determined by a race between two old women, one of whom was to be chosen by each side, and both were to be proved more than eighty years of age, though, in other respects strong and healthy as possible.

Und das Rennen läuft dann auch so unwürdig ab, wie man sich das vorstellt:

When the signal was given for them to set off, the poor creatures, feeble and frightened, ran against each other: and, neither of them able to support the shock, they both fell on the ground.

– Das Lesen hat mir großes Vergnügen bereitet. (Das heißt, ich fühlte mich nicht in Geschmack und Intelligenz beleidigt, und wollte stets wissen, wie es weiter geht.) Ich frage mich ein wenig, warum das so war. Wieso bereitet mir Evelina Vergnügen, der Arztroman aus dem Bahnhofsbuchhandel nicht? Vermutlich kann Burney einfach besser schreiben, aber auf dieser Ebene fällt mir das Analysieren schwer. Auf jeden Fall lerne ich beim Lesen von Evelina etwas über die Welt – über die Welt der Leser und Leserinnen, die dieses Buch damals lasen und zu einem Bestseller machten. Beim Arztroman lerne ich nichts über die Welt der Leser und Leserinnen, was ich nicht schon weiß, und die fiktive Welt interessiert mich auch nicht. (Bei Perry Rhodan und Superhelden ist das anders.)

Unwillkürlich vergleiche ich das Buch auch mit deutschen Romanen der gleichen Zeit. Und da kenne ich mich tatsächlich kaum aus, Werther fällt mir ein und etwas später Wilhelm Meister; Nicolai und Wieland habe ich nie gelesen. Auch wenn Werther sich in der zweiten Hälfte auf einem Schloss herumtreibt: Über die Gesellschaft damals erfahre ich nichts, aus Sicht einer Frau sowieso nicht. Da ist alles verklärt.

(In Kürze dann vielleicht zu Jane Eyre.)

Gedankenaustausch bei Twitter: Deutungsthesen und Schulhomepages

Zwei Gedankenaustausche bei Twitter letzte Woche, der erste zum Thema Aufsatzdidaktik: Schülerinnen und Schüler schreiben in allen Bundesländern Interpretationsaufsätze zu Dramen, Erzählungen, Gedichten. Dazu gehört dann jeweils eine Beschreibung der wichtigsten Phänomene – Erzählverhalten, Figurenkonstellation, Art der Äußerungen, Form, und die bekannten sprachlichen und stilistischen Auffälligkeiten. Das alles soll aber münden in eine eigenständige Deutung des Textes: Was bedeutet das alles denn nun? (Das ist eine ganz andere Frage als die, was der Autor damit wollte, wird aber oft damit verwechselt.)

Im Lehrplan heißt das: “Vor dem Hintergrund der Mehrdeutigkeit literarischer Texte entfalten die Schülerinnen und Schüler ein eigenständiges Textverständnis und begründen dieses textnah und plausibel.”

Vorgesehen ist das Arbeiten so, dass man zuerst eine Stoffsammlung anlegt, also – am besten schon strukturiert – Notizen macht. Dann legt man eine Gliederung des ganzen Aufsatzes an. (Die muss in Bayern mit bewertet werden.) Und dann schreibt man den Aufsatz.

Das an meiner Schule eingeführte Schulbuch sieht dazu vor, dass Schülerinnen und Schüler am Anfang des Hauptteils des Aufsatzes, also nach einer kurzen Einleitung, Ihre Deutungshypothese schreiben, und sie im Lauf der Analyse zu beschäftigen, um dann am Abschluss noch einmal (uh, glaube ich) zu bestätigen. Die Deutschlehrer an meiner Schule empfehlen dagegen, erst die Analyse vorzunehmen und diese am Ende in eine Deutung münden zu lassen.

Bei Twitter habe ich gefragt, wie andere Lehrer das halten:

Wenn ich die Deutungsthese nur am Schluss bringe, vermeide ich eine Wiederholung, und vor allem riskiere ich weniger, mich zu früh auf eine Deutung festzulegen, die nicht haltbar ist und auf die dennoch alles folgende hin mechanisch ausgerichtet wird. (“Gedicht stammt aus dem Jahr 1918, ist also garantiert expressionistisch” oder “das Wort ‘Vernichtung’ taucht auf, es geht also um eine Warnung vor dem Dritten Reich”). Denn die eigentliche Interpretation eines Gedicht entsteht – vielleicht – ja erst beim Analysieren und beim Verschriftlichen der Gedanken, siehe auch Kleists Aufsatz “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden”.

Andererseits: Wenn ich die Deutungsthese bereits am Anfang nenne, ist die Gefahr geringer, dass ich danach ziellos und mechanisch Beobachtungen aneinanderreihe, die letztlich mit der späteren Deutung nichts zu tun haben. “Im Gedicht überwiegen männliche Kadenzen.”

Hauptberufliche Didaktiker haben sich bei der Umfrage leider nicht zu Wort gemeldet, die sagen vermutlich nur so wenig Hilfreiches wie “Man muss die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, dass sie selbst entscheiden können, wie sie ihren Aufsatz aufbauen und wo sie ihre Deutung platzieren.”

Ganz früher war ich ein Vertreter der Deutung-nach-vorn-Schule. Dann die letzten Jahre über: Deutung nach hinten. Inzwischen kehre ich wohl wieder zurück. Es ist wohl doch nicht so, dass Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken beim Schreiben entwickeln; die Analyse hat dann doch zu wenig mit der darauffolgenden These zu tun. Zwingt man sie, am Anfang ihre Hosen an den Mast zu nageln (uh, gibt diese Redewendung nur auf Englisch? bin schon, uh, sehr im Feierabend), dann überlegen sie vielleicht tatsächlich schon lange vor dem Schreiben, worauf sie hinauswollen.

- Zweitens eine kurze Diskussion zu Schulwebseiten. (Gibt es dazu eigentlich schon Forschung? Sollte leicht zu machen sein und klingt interessanter als die Befragungen, die im Lehrerforum immer wieder auftauchen.) Adressaten von Schulhomepages sind: die eigenen Schüler, die eigenen Eltern, die vorgesetzte Behörde, fremde Eltern und Schülern, die eigenen Lehrer. Für wen sind die Beiträge auf der Homepage jeweils gedacht, und wen erreichen sie wirklich? Ich bin ja sehr skeptisch, was die Reichweite von Homepages betrifft. Vertretungsplan und Mensa-Speisezettel sind für Schüler interessant, sonst eher nichts. (Allerdings: Umfrage mit Kommentarmöglichkeit wird tatsächlich gut genutzt.) Was interessiert die Eltern der eigenen Schule; wie groß ist der Werbe-Effekt im Vergleich zu anderen Schulen wirklich? Ist es gut oder schlecht, wenn Schulen über ihren Webauftritt in Wettbewerb miteinander treten, oder passiert das gar nicht? Ich denke manchmal, am ehesten interessieren sich noch die vorgesetzten Behörden für Homepages. Jedenfalls werden die bei Ministerialbeauftragten und externer Evaluation regelmäßig angeführt.