Fanny Burney, Evelina

By | 12.6.2016

Enttäuscht von den zuletzt gelesenen Werken des 21. Jahrhunderts und angeregt durch einen Besuch im Jane-Austen-Museum in Bath wandte ich mich kürzlich endlich Evelina von Fanny Burney zu. Burney ist noch mehr mit Bath verbunden als Jane Austen, die die Romane ihrer Vorgängerin sehr schätzte. Evelina (1778) ist Burneys erster und bekanntester Roman, vielleicht weil von moderaterem Umfang als ihre späteren Werke; er wurde bereits 1779 ins Deutsche übersetzt und ist als Scan online da und dort zu lesen – weitere Übersetzungen kenne ich nicht. Anglisten haben sicher zumindest von Fanny Burney gehört; in Deutschland kann sie mangels Übersetzung kaum gelesen werden.

Evelina ist 17 Jahre alt und behütet von einem Ziehvater auf dem Land erzogen worden. Ihre Herkunft ist nicht standesgemäß oder zumindest problematisch; Evelina ist tugendhaft und gebildet, höflich und freundlich. Das bleibt auch das ganze Buch über so, es handelt sich also nicht um eine Form von Entwicklungsroman. (Auch wenn es um die Erfahrungen geht, die Evelina macht: „Alas, my dearest Sir, that my reflections should always be too late to serve me! dearly, indeed, do I purchase experience!“) Vielmehr erfahren wir, zusammen mit Evelina, viel über die – mittelfeine – Gesellschaft der Zeit und welche Regeln vor allem für junge Frauen gelten. Denn Evelina verschlägt es vom Land nach London und Bristol, und sie fühlt sich alleine und unwissend, was das Befolgen der vielen Regeln gilt, und wäre froh um Rat:

But, really, I think there ought to be a book of the laws and customs — a-la-mode, presented to all young people upon their first introduction into public company.

(So ein Buch ist Evelina natürlich auch.) Evelina ist dabei keineswegs naiv; einen Großteil der Regeln kennt und befolgt sie, aber immer wieder gerät sie doch in peinliche Situationen. Ein Hauptgrund ist die Verwandtschaft: Evelina gerät überraschend an eine exaltierte französische Großmutter und mit ihr an weitere Verwandte, die alle ganz furchtbar peinlich sind. Wie es schon in Tom Jonesalter Blogeintrag dazu – ein Merkmal des Provinziellen ist, mit Theateraufführungen nicht umgehen zu können, ist es hier das Unverständnis der Familie, was Preis, Dauer, Inhalt, Sprache eines Opernbesuchs betrifft, und die angemessene Kleidung dabei. Evelinas erste Opernaufführung ist zwar auch erst wenige Tage her, aber ihr hat sich das natürlich sofort erschlossen.

Meist schweigt Evelina einfach und fährt insgesamt gut damit. Lord Orville, den sie am Schluss abkriegt, ist ein Ideal von einem Mann; anders als Darcy oder im Arztroman hat er keine negativen Eigenschaften, von denen er erst kuriert werden müsste. Die Schwierigkeiten, die die beiden voneinander fern halten, sind technischer Art: Man kann ja nicht einfach miteinander reden oder sich treffen. Evelina schreibt Orville – die Verwandtschaft schon wieder – einen Entschuldigungsbrief, der aber abgefangen und von einem Konkurrenten unter Orvilles Namen beantwortet wird: Evelina ist verwirrt und entrüstet, dass Orville ihr Schreiben scheinbar zu einer Einladung zu einer Korrespondenz aufgefasst hat, was ja wohl gar nicht geht, und eine Antwort per Boten haben möchte statt per Post – doppelt schlimm, weil damit nicht öffentlich, sondern heimlich. Dazu kommt, dass Evelina angemessen diskret ist und deshalb viele Erklärungen für erklärungsbedürftige Vorfälle nicht vorbringen kann, was zu weiteren Missverständnissen führt.

— Man trifft sich nicht nur in der Oper, sondern oft auch in Lustgärten. The Ranelagh in London etwa, oder Vauxhall Gardens, große Anlagen mit Teeräumen, wo man spazieren geht und isst und sich sehen lässt.

Evelina in Vauxhall Gardens

Sehr interessant fand ich diese Sequenz, in der Evelina („Miss“) mit Polly, Miss Branghton und anderen Teilen der peinlichen Verwandschaft nach Vauxhall Gardens zum Lustwandeln gebracht wird. Da gibt es Wasserfontänen und Feuerwerk und Spektakuläres, aber brave Mädchen bleiben bei ihren Verwandten, und das nicht ohne Grund. Hier gerät Evelina unbeabsichtigt in die dark walks, unbeaufsichtige Seitenpfade, übel beleumundet:

“Lord, Polly,” said the eldest, “suppose we were to take a turn in the dark walks!”
“Aye, do,” answered she; “and then we’ll hide ourselves, and then Mr. Brown will think we are lost.”
I remonstrated very warmly against this plan, telling them it would endanger our missing the rest of the party all the evening.
“O dear,” cried Miss Branghton, “I thought how uneasy Miss would be without a beau!”
This impertinence I did not think worth answering; and, quite by compulsion, I followed them down a long alley, in which there was hardly any light.
By the time we came near the end, a large party of gentlemen, apparently very riotous, and who were hallooing, leaning on one another, and laughing immoderately, seemed to rush suddenly from behind some trees, and meeting us face to face, put their arms at their sides, and formed a kind of circle, which first stopped our proceeding, and then our retreating, for we were presently entirely enclosed. The Miss Branghtons screamed aloud, and I was frightened exceedingly; our screams were answered with bursts of laughter, and for some minutes we were kept prisoners, till at last one of them, rudely seizing hold of me, said I was a pretty little creature.
Terrified to death, I struggled with such vehemence to disengage myself from him, that I succeeded, in spite of his efforts to detain me; and immediately, and with a swiftness which fear only could have given me, I flew rather than ran up the walk, hoping to secure my safety by returning to the lights and company we had so foolishly left: but before I could possibly accomplish my purpose, I was met by another party of men, one of whom placed himself so directly in my way, calling out, “Whither so fast, my love?”— that I could only have proceeded by running into his arms.
In a moment both my hands, by different persons, were caught hold of, and one of them, in a most familiar manner, desired, when I ran next, to accompany me in a race; while the rest of the party stood still and laughed.
I was almost distracted with terror, and so breathless with running, that I could not speak; till another, advancing, said, I was as handsome as an angel, and desired to be of the party. I then just articulated, “For Heaven’s sake, gentlemen, let me pass!”

Dieses Drangsalieren einer jungen Frau durch eine Gruppe Männer liest sich erschreckend modern.

— Etwas förmlicher laufen die Treffen in assembly rooms ab. Die jungen Leute tanzen, streng reglementiert; die alten spielen Karten. Beim Lesen ist mir selber die Idee zu einem Kartenspiel gekommen. Für zwei oder mehr Spieler, kooperativ oder kompetitiv, als Erzählspiel oder doch eher klassisch mit nachgeahmten Erzählelementen – das weiß ich alles noch nicht. Die Spieler haben jedenfalls eine Reihe von Personenkarten auf der Hand, verdeckt von einem Stapel: junger Mann, junge Frau, alte Frau. Außerdem gibt es noch Funktionskarten: „ist Geschwister von“, „ist Kind von“, „ist in Liebe verfallen“ oder auch „ist verfeindet mit“. Spieler können zuerst Personenkarten ausspielen, etwa bei einem Treffen im Teehaus, als Begleitung von bekannten, bereits gespielten Karten. „Lord Orville erscheint zusammen mit einer jungen Frau“ heißt es dann. Oder Spieler können zuerst Funktionskarten ausspielen, also an bereits ausgespielte, vom Typ dazu passende Karten: „Lord Orville hat ein Geschwister“, „Polly ist verliebt“. Und man kann vor allem bereits ausgespielte Karten ergänzen, Personen um zusätzliche Funktionen, oder Funktionenkarten mit der noch fehlenden Person dazu versehen. Eine assembly-Phase bietet immer Gelegenheit, neue Karten auszuspielen; ansonsten gibt es noch Ereigniskarten, „Ein Brief“ etwa, die ermöglichen, neue Karten ins Spiel zu bringen.

Na gut, ich müsste noch mal darüber nachdenken. Jedenfalls ist Evelina die Art Geschichte, wo zuerst eine Person auftaucht („unglücklicher Mann in Schwarz“), dann eine Geschichte dazu offenbart wird, aber natürlich diskret und ohne Namen („ist verstoßenes Kind von“ und „ist verliebt in“), wo man genau weiß, dass die passenden Personenkarten dazu später noch aufgedeckt werden („ist verliebt in“) oder bereits auf dem Tisch liegen, aber noch nicht zugeordnet („ist verstoßenes Kind von“). Und tatsächlich kommt der eine oder andere Twist im Plot sehr überraschend und unerwartet: „[T]hat lady – is the daughter of Sir John Belmont! – of my father!“

— Populär war das Buch sicher auch wegen der satirischen Überzeichnung der Charaktere. Evelinas französische Großmutter; ein raubeiniger Kapitän (ganz ohne Seele aus Gold); die peinliche Verwandschaft und vor allem die unerwünschten Werber um Evelina sind solche Gestalten. Zwei davon, Mr Coverley und Lord Merton, geraten einmal einander, nicht wegen Evelina, sondern wegen ihrer Kutschen. Der Rest der Gesellschaft redet ihnen ein gefährliches Wettrennen aus und verlangt, dass die Tausend-Pfund-Wette anders ausgeführt werden soll. Reihum muss jeder einen Vorschlag machen, wie die neue Wette aussehen soll. Die resolute Mrs Selwyn schlägt das Rezitieren von Horaz-Oden vor:

“I will then explain myself more fully. As I doubt not but you are both excellent classics, suppose, for the good of your own memories, and the entertainment and surprise of the company, the thousand pounds should fall to the share of him who can repeat by heart the longest ode of Horace?”

Damit haben die Herren nun nicht gerechnet und versuchen sich herauszureden:

“But, did you study politics at school, and at the university?”
“At the university!” repeated he, with an embarrassed look; “why, as to that, Ma’am – no, I can’t say I did; but then, what with riding – and – and – and so forth – really, one has not much time, even at the university, for mere reading.”
“But, to be sure, Sir, you have read the classics?”
“O dear, yes, Ma’am! – very often – but not very – not very lately.”
“Which of the Odes do you recommend to these gentlemen to begin with?”
“Which of the Odes! – Really, Ma’am, as to that, I have no very particular choice; – for, to own the truth, that Horace was never a very great favourite with me.”
“In truth I believe you!” said Mrs. Selwyn, very drily.

Tatsächlich nehmen die zwei Herren dann einen anderen Vorschlag an. Zwei alte Frauen, jeweils mindestens achtzig, werden gesucht und sollen ein Wettrennen ausführen:

He told me that, to his great satisfaction, the parties had been prevailed upon to lower the sum from one thousand to one hundred pounds; and that they had agreed it should be determined by a race between two old women, one of whom was to be chosen by each side, and both were to be proved more than eighty years of age, though, in other respects strong and healthy as possible.

Und das Rennen läuft dann auch so unwürdig ab, wie man sich das vorstellt:

When the signal was given for them to set off, the poor creatures, feeble and frightened, ran against each other: and, neither of them able to support the shock, they both fell on the ground.

— Das Lesen hat mir großes Vergnügen bereitet. (Das heißt, ich fühlte mich nicht in Geschmack und Intelligenz beleidigt, und wollte stets wissen, wie es weiter geht.) Ich frage mich ein wenig, warum das so war. Wieso bereitet mir Evelina Vergnügen, der Arztroman aus dem Bahnhofsbuchhandel nicht? Vermutlich kann Burney einfach besser schreiben, aber auf dieser Ebene fällt mir das Analysieren schwer. Auf jeden Fall lerne ich beim Lesen von Evelina etwas über die Welt – über die Welt der Leser und Leserinnen, die dieses Buch damals lasen und zu einem Bestseller machten. Beim Arztroman lerne ich nichts über die Welt der Leser und Leserinnen, was ich nicht schon weiß, und die fiktive Welt interessiert mich auch nicht. (Bei Perry Rhodan und Superhelden ist das anders.)

Unwillkürlich vergleiche ich das Buch auch mit deutschen Romanen der gleichen Zeit. Und da kenne ich mich tatsächlich kaum aus, Werther fällt mir ein und etwas später Wilhelm Meister; Nicolai und Wieland habe ich nie gelesen. Auch wenn Werther sich in der zweiten Hälfte auf einem Schloss herumtreibt: Über die Gesellschaft damals erfahre ich nichts, aus Sicht einer Frau sowieso nicht. Da ist alles verklärt.

(In Kürze dann vielleicht zu Jane Eyre.)

5 thoughts on “Fanny Burney, Evelina

  1. Herr Rau Post author

    Auch wenn Frau Rau Evelina im Regal stehen hat, habe ich die Version gelesen, und zwar die Gutenberg-Fassung, die einige Fehler enthält; die andere Fassung scheint besser zu sein. Das Buch ist übrigens ein Briefroman, die mochte ich ohnehin sehr, auch wenn die Fiktion hier oberflächlicher gehandhabt wird als in anderen Büchern.

  2. Hauptschulblues

    Ja, ich weiß, aber Briefroman ist in Ordnung. Und Online lesen auch.
    Bei ZVAB gibt es kein günstiges Angebot.

  3. Fontanefan

    @Herr Rau Ich danke sehr für die Empfehlung; @Hauptschulblues Dank für die Fundstelle für den E-Reader.

    Was für mich „Evelina“ meilenweit über Arztromane erhebt, ist die Möglichkeit, Bezüge zu Jane Austen herzustellen, z.B. zu dem Willoughby in „Sense and Sensibility“, und die Charakterzeichnung zu vergleichen. Außerdem vermeidet Burney durch die Fassung als Briefroman das, was die großen Gartenlaube-Autorinnen mir so peinlich macht, nämlich die direkte Charakterisierung der edlen Heldinnen und Helden.
    Was da an Peinlichkeiten unterlaufen könnte, wird elegant des Verfassern der Briefe zugeschoben.
    Zwar gehen mir die Dialoge von „französische Großmutter“ und „raubeinigem Kapitän“ auf die Nerven und der Humor hält für mein Empfinden keinen Vergleich mit Jane Austen aus. Aber die Schilderung der gesellschaftlichen Erwartungen und Verhältnisse bleibt mir durchweg interessant.
    Bis ins Groteske gesteigert ist die Unwahrscheinlichkeit, ein Mädchen der Zeit hätte seinem Ziehvater so detailreiche und ausführliche Berichte über ihr Leben gegeben. aber das nehme ich gern in Kauf, wenn ich nicht mit dem vorlieb nehmen muss, was ein gesittetes Mädchen damals einer Respektsperson anvertraut hätte.
    Und dann noch die „Kölner-Silvesterbahnhof-Erzählung“!

    Nochmals besten Dank für die Empfehlung!

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