Gedankenaustausch bei Twitter: Deutungsthesen und Schulhomepages

Zwei Gedankenaustausche bei Twitter letzte Woche, der erste zum Thema Aufsatzdidaktik: Schülerinnen und Schüler schreiben in allen Bundesländern Interpretationsaufsätze zu Dramen, Erzählungen, Gedichten. Dazu gehört dann jeweils eine Beschreibung der wichtigsten Phänomene – Erzählverhalten, Figurenkonstellation, Art der Äußerungen, Form, und die bekannten sprachlichen und stilistischen Auffälligkeiten. Das alles soll aber münden in eine eigenständige Deutung des Textes: Was bedeutet das alles denn nun? (Das ist eine ganz andere Frage als die, was der Autor damit wollte, wird aber oft damit verwechselt.)

Im Lehrplan heißt das: „Vor dem Hintergrund der Mehrdeutigkeit literarischer Texte entfalten die Schülerinnen und Schüler ein eigenständiges Textverständnis und begründen dieses textnah und plausibel.“

Vorgesehen ist das Arbeiten so, dass man zuerst eine Stoffsammlung anlegt, also – am besten schon strukturiert – Notizen macht. Dann legt man eine Gliederung des ganzen Aufsatzes an. (Die muss in Bayern mit bewertet werden.) Und dann schreibt man den Aufsatz.

Das an meiner Schule eingeführte Schulbuch sieht dazu vor, dass Schülerinnen und Schüler am Anfang des Hauptteils des Aufsatzes, also nach einer kurzen Einleitung, Ihre Deutungshypothese schreiben, und sie im Lauf der Analyse zu beschäftigen, um dann am Abschluss noch einmal (uh, glaube ich) zu bestätigen. Die Deutschlehrer an meiner Schule empfehlen dagegen, erst die Analyse vorzunehmen und diese am Ende in eine Deutung münden zu lassen.

Bei Twitter habe ich gefragt, wie andere Lehrer das halten:

Wenn ich die Deutungsthese nur am Schluss bringe, vermeide ich eine Wiederholung, und vor allem riskiere ich weniger, mich zu früh auf eine Deutung festzulegen, die nicht haltbar ist und auf die dennoch alles folgende hin mechanisch ausgerichtet wird. („Gedicht stammt aus dem Jahr 1918, ist also garantiert expressionistisch“ oder „das Wort ‚Vernichtung‘ taucht auf, es geht also um eine Warnung vor dem Dritten Reich“). Denn die eigentliche Interpretation eines Gedicht entsteht – vielleicht – ja erst beim Analysieren und beim Verschriftlichen der Gedanken, siehe auch Kleists Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“.

Andererseits: Wenn ich die Deutungsthese bereits am Anfang nenne, ist die Gefahr geringer, dass ich danach ziellos und mechanisch Beobachtungen aneinanderreihe, die letztlich mit der späteren Deutung nichts zu tun haben. „Im Gedicht überwiegen männliche Kadenzen.“

Hauptberufliche Didaktiker haben sich bei der Umfrage leider nicht zu Wort gemeldet, die sagen vermutlich nur so wenig Hilfreiches wie „Man muss die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, dass sie selbst entscheiden können, wie sie ihren Aufsatz aufbauen und wo sie ihre Deutung platzieren.“

Ganz früher war ich ein Vertreter der Deutung-nach-vorn-Schule. Dann die letzten Jahre über: Deutung nach hinten. Inzwischen kehre ich wohl wieder zurück. Es ist wohl doch nicht so, dass Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken beim Schreiben entwickeln; die Analyse hat dann doch zu wenig mit der darauffolgenden These zu tun. Zwingt man sie, am Anfang ihre Hosen an den Mast zu nageln (uh, gibt diese Redewendung nur auf Englisch? bin schon, uh, sehr im Feierabend), dann überlegen sie vielleicht tatsächlich schon lange vor dem Schreiben, worauf sie hinauswollen.

– Zweitens eine kurze Diskussion zu Schulwebseiten. (Gibt es dazu eigentlich schon Forschung? Sollte leicht zu machen sein und klingt interessanter als die Befragungen, die im Lehrerforum immer wieder auftauchen.) Adressaten von Schulhomepages sind: die eigenen Schüler, die eigenen Eltern, die vorgesetzte Behörde, fremde Eltern und Schülern, die eigenen Lehrer. Für wen sind die Beiträge auf der Homepage jeweils gedacht, und wen erreichen sie wirklich? Ich bin ja sehr skeptisch, was die Reichweite von Homepages betrifft. Vertretungsplan und Mensa-Speisezettel sind für Schüler interessant, sonst eher nichts. (Allerdings: Umfrage mit Kommentarmöglichkeit wird tatsächlich gut genutzt.) Was interessiert die Eltern der eigenen Schule; wie groß ist der Werbe-Effekt im Vergleich zu anderen Schulen wirklich? Ist es gut oder schlecht, wenn Schulen über ihren Webauftritt in Wettbewerb miteinander treten, oder passiert das gar nicht? Ich denke manchmal, am ehesten interessieren sich noch die vorgesetzten Behörden für Homepages. Jedenfalls werden die bei Ministerialbeauftragten und externer Evaluation regelmäßig angeführt.

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9 Thoughts to “Gedankenaustausch bei Twitter: Deutungsthesen und Schulhomepages

  1. Also, ich habe beruflich und privat nichts mit Schule zu tun. Ich schwelge aber gern in Erinnerungen und interessiere mich auch schon mal für die eine oder andere Schule an meinem Wohn- oder Arbeitsort, einfach um zu sehen, was Schule heute so ausmacht oder wie sich die Schule definiert, von der meine Kollegin neulich geredet hat.

    Mit andern Worten: Ich schaue mir öfter Schulwebseiten an. Was mir auffällt: Sie sind (bis auf wenige Ausnahmen) nur für den internen Gebrauch gestaltet und daher für Außenstehende sterbenslangweilig – obwohl es häufig eine Rubrik „Wir stellen uns vor“ gibt. Dort sieht man dann (austauschbare und daher nichtssagende) Fotos von Schülern „im Spanischkurs“ oder „in der Theater-AG“. Was mich als Ehemalige oder Außenstehende aber am meisten interessiert, wird mir leider nicht gezeigt, nämlich wie die Schule überhaupt aussieht, innen und außen (Fotos bitte und nicht zu knapp!). Auch ein geschichtlicher Überblick mit mehr als dem Gründungsdatum wäre hilfreich (vielleicht ebenfalls mit alten Fotos?).

    Kurzum: Vorausgesetzt man unterstellt den Schulen ein Interesse an Werbewirksamkeit, sehe ich das Anliegen häufig nur sehr laienhaft umgesetzt. Vieles wirkt lieblos und unispiriert.

    Dabei ist mir unverständlich, warum man neben aktuellen Informationen wie Stundenplanänderungen oder Mitteilungen an die Eltern nicht auch eine gut gemachte Abteilung zur Darstellung/Vorstellung einrichten könnte. Man brauchte sie ja nicht ständig zu erneuern, weil Gebäudefotos nicht so schnell veraltern und allgemeine Informationen auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Werbeauftritt am besten von jenen gemacht würde, die selbst nicht mit dieser Schule involviert sind (Stichwort Fremdblick).

    Komisch, dass sich ausgerechnet Schulen so wenig dafür zu interessieren scheinen, wie sie nach außen hin wirken. Oder bin ich mit meiner Neugier die große Ausnahme und gehe daher in der Masse unter?

  2. Den Aspekt der Schulhomepages finde ich spannend. Wenn es also Forschung dazu gibt, nur her damit. Gerne auch im Vergleich zu Homepages von Lehrern und Lehrerinnen.

  3. >Komisch, dass sich ausgerechnet Schulen so wenig dafür zu interessieren scheinen, wie sie nach außen hin wirken. Oder bin ich mit meiner Neugier die große Ausnahme und gehe daher in der Masse unter?

    Das wüsste ich auch gern. Eine Untersuchung, was alles auf Schulhomepages zu sehen ist, sollte leicht sein; wer sie besucht und was erwartet, ist sicher auch irgendwie machbar. Ich bin grundsätzlich sehr für Schulhomepages. Zum einen sollen Schulen ja mehr in die Öffentlichkeit, Zusammenarbeit mit externen Partnern, Teilnahme am Leben in der Region und Gemeinde. Außerdem bin ich für alles, was Schülerinnen zeigt, dass es ein Internet außerhalb von Facebook etc. gibt.

    Dass Schulen immer mehr miteinander konkurrieren, dürfte stimmen; dass Schulleitung die Homepage als Werkzeug dazu sehen, vielleicht auch. Wenn das stimmt, halte ich das Werkzeug aber auch für sehr ineffizient eingesetzt.

  4. Eine gute Webseite sollte (meiner Meinung nach) über Leitbild und Profil der Schule Auskunft geben.
    Dann kann man/frau nämlich sehr schnell feststellen, ob die durchgeführten Projekte auch dazu passen oder ob Projekte einfach „gesammelt“ werden, wie sie kommen.
    Eine Homepage muss nicht unbedingt der Konkurrenz dienen. Sie kann auch die
    Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Kooperationen dokumentieren, so es sie denn gibt.
    Umfangreich kann sie ruhig sein. Auch längere Texte stören nicht. Bilder sind enorm wichtig.
    Die neue Homepage meiner alten Schule ist nicht unbedingt ein Paradebeispiel.

  5. Nach Profil und Leitbild anderer Schulen habe ich tatsächlich mehrfach gesucht, um für unsere Schule Anhaltspunkte zum Nachmachen zu finden. (Eher fruchtlos.) Eine explizite Bildergalerie gibt es bei uns nicht, das werde ich kommendes Schuljahr mal angehen, eine gute Idee.

  6. Das mit der Deutungshypothese hat mich sehr überrascht – mein Deutschlehrer hat uns immer gesagt, dass wir unsere Deutungshypothese gar nicht explizit aufschreiben sollen.
    Ich als Schülerin finde die Schulwebsite meiner Schule vom Design her gar nicht so übel, war da aber nur für den Online-Vertretungsplan..

  7. Fürs Gymnasium in Bayern wäre das ungewöhnlich. Klar suche ich auch nach Spuren einer eigenständigen Deutung, wenn sich nichts Explizites dazu findet, aber meistens finde ich dann eben auch nur Spuren.

  8. Die Frage der Deutungshypothese finde ich ganz lustig, kommt sie mir doch das erste Mal so explizit unter, seit ich unterrichte (5 Jahre). Nachdem ich die meiste Zeit Englisch für Abi unterrichtet habe, hätte mich das durchaus schon beschäftigen können, da die Schüler ja auch hier interpretieren.
    Die Überlegungen im Artikel zeigen aber m.E. das Grunddilemma von Analysen und Interpretationeu auf: Die Textanalyse allein zeigt oft genug widersprüchliche oder zumindest nicht zwingend klare Ergebnisse, die überhaupt eine Deutungshypothese unterstützen können. Ein paar geschichtliche Grundlagen und vielleicht noch biografische zum Autor können dann ausreichend Material liefern, wenn ein Schüler sich gut mit der Materie auseinandergesetzt hat.
    Meist aber wird in der Tat maschinell eine Analyse abgespult, um zumindest diese so vollständig wie möglich hinzubekommen. Die Deutung geschieht dann nach einer der Lektürehilfen (bei bekannten Werken oder analog, wenn es sich um ein ähnliches Werk mit gleicher Problematik handelt).
    Kurzum: Eigentlich ist es oft egal, wo sich die Hypothese befindet, wenn sie denn überhaupt zu erkennen ist und Sinn ergibt. Oft genug ist schon die Logik so unklar (z.B. über den Protagonisten e. Geschichte des Kenianers Ngugi Wa’Thiongo: „Er ist intelligent, weil er zur Uni geht“), dass man beim Lesen einen Knoten im Hirn bekommt.

  9. Ich bin ja auch Englischlehrer, habe aber seit Jahren kein Englisch mehr unterrichtet. (Nächstes Jahr dann wieder!) Wie ist es denn bei der Cartoon-Analyse, wird da explizit eine Deutung gefragt oder heißt es vage „Comment on the cartoon“? Dabei sind solche Cartoons wieder anders als literarische Werke und bieten eine Deutung sehr viel mehr an als andere, falls überhaupt, sind also weniger offen als die typischen Texte des Deutschunterrichts. Ansonsten erinnere ich mich vor allem an Analyse- und weniger globale Fragen.

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