Abifeier 2016

Das Abimotto dieses Jahr war: 12 Jahre Druck – endlich Diamanten. (Unter den Abi-Mottos der letzten Jahre noch eines der besseren.) Immerhin vergleichen sich die Schülerinnen und Schüler mit Diamanten, das ist schon in Ordnung. Kann man was damit machen, auch wenn es Steine sind und Ressourcen und Schüler mehr sind als das; Rohdiamanten und so weiter, die man erst noch zum Funkeln bringen muss, diamond in the rough.

Positiv war, wie schon letztes Jahr: Zur Verleihung der Zeugnisse zieht nicht mehr jeder Schüler, jede Schülerin einzeln mit einem angespielten Lied ein, sondern die Schüler machen das in (meist) Dreiergruppen mit einem gemeinsamen Lied. Das macht das ganze sehr viel besser.
Negativ: Früher haben sich Lehrer und Lehrerinnen fein gemacht und vorne ins Publikum gesetzt, wo ihnen Plätze freigehalten wurden. Die Plätze waren auch diesmal frei, aber die Lehrer sammelten sich im Hintergrund, oberhalb der Aula, ohne sich groß feingemacht zu haben. Weil es da kühler war. Ich sehe das eher als ein weiteres Symptom für den Rückzug vom Schulleben, von denen mir in letzter Zeit einige auffallen.

Zur Kleidung: Da darf ich diesmal nicht so viel schreiben, weil ich weiß, dass Leute das lesen. :-) Also: Mir sind weder bei den jungen Frauen und Männern modische Trends aufgefallen. Zwei junge Frauen in Hosen; eine mit kurzen Haaren (Respekt), eine mit einem schönen und auffälligen 80er-Jahre-Bob, den sie aber schon seit Jahren trägt. Sonst alle Haare noch mädchenhaft lang.

Es gab Reden von Schulleiterin, Landrat, Bürgermeisterin, Elternsprecherin, Oberstufenkoordinatorin, und einem Schüler. Die Schülerrede eckte bei ein paar Kollegen ein wenig an. „Da muss man doch mehr differenzieren“ und so. Aber so ein bisschen anecken soll eine Rede auch, oder wenigstens irgendetwas an so einem Nachmittag. Klar macht man sich keine Freunde, wenn man beginnt mit „Liebe Menschen, liebe Lehrer“, und nach dem einsetzenden Gelächter meint: „Wenn ich fertig bin, klatscht hier niemand mehr.“ Aber ich fand’s okay. Der vorletzte Satz, nach einer Reihe von mehr oder weniger ironischen Danksagungen, war: „Danke für das Wort ‚abiturrelevant‘, ich will es nie wieder hören.“ Ich fürchte, das Wort haben die Schüler öfter verwendet als die Lehrer.

Ganz am Anfang der Veranstaltung wurde, ohne dass das thematisiert wurde, das hier an die Wand geworfen:

Abifeier-Disclaimer

Warum diese Distanzierung von sich selbst? Weil irgendwie ironisch immer gut ist? Aus Angst davor, aus Versehen Stellung zu beziehen? Das ist unnötig.

Nach der Verabschiedung löste sich alles sehr schnell auf. Gut, so kam ich noch in den Biergarten, aber eine halbe Stunde Stehempfang nach der Feier wäre schön, dann könnte man sich noch unterhalten. (Danach gehen die Abiturienten mit ihren Familien essen, und später tanzen.)

— Die Abizeitung war brav, und letztlich mit wenig Inhalt, der auch für Außenstehende interessant war. Einer der wenigen solchen Artikel kritisierte, dass männliche Schüler nicht beim Oberstufenkurs „Gymnastik und Tanz“ mitmachen durften. An anderen Gymnasien geht das sehr wohl, und die Gründe, die die Sportlehrer dagegen vorbrachten, schienen mir äußerst fadenscheinig. Ansonsten kriegte jede Schülerin, jeder Schüler zwei Seiten: Lieblingsfächer, -nachbarn, Lebensmotto, vorbildliche Lehrer, schon interessant, aber vor Jahren gab es mehr Fragen: Stärken, Schwächen, Ziele, drei Lehrer für die einsame Insel, Lieblingsschullektüre. (Letzteres sehr spannend für Deutschlehrer!)

Kommende Abiturienten wissen hoffentlich, was Lehrer, wenn sie die Abizeitung lesen, und das tun nicht alle, wirklich interessiert: „Du kommst auch drin vor“ hat Hanns Dieter Hüsch seine Autobiographie genannt, und so hält man als Lehrer-Leser immer unauffällig Ausschau nach dem eigenen Namen. Diesmal tauchte so ziemlich jeder auf.

Insgesamt: Abistreich, Abifeier, Abizeitung hat dieser Jahrgang gut gemacht; es war ein netter Jahrgang mit interessanten Menschen. (Aber das ist eigentlich immer so.) Das Abitur haben sie verdient.

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14 Thoughts to “Abifeier 2016

  1. Die Frechheit, das Anecken, das fehlte mir immer bei der Schülerrede. Aber das liegt wohl am Alter.
    Umgekehrt: Die Lehrkräfte machten immer sehr lustige, ironische Anmerkungen über ihre SchülerInnen, wenn sie die Jahre mit ihnen revue passieren ließen.
    „aber eine halbe Stunde Stehempfang nach der Feier wäre schön“
    Schade. Das gehört wirklich dazu.
    (Mir war es dann aber fast immer zu lang …)

  2. „Ich sehe das eher als ein weiteres Symptom für den Rückzug vom Schulleben, von denen mir in letzter Zeit einige auffallen.“

    Natürlich kann man den Rückzug vom Schulleben bedauern – aus meiner Sicht aber primär ein Zeichen der gesteigerten Arbeitsbelastung (meine persönliche Jahresarbeitszeit habe ich diesmal 4 Wochen vor den Sommerferien schon überschritten, und da bin ich in unserem Kollegium sicher nicht die Einzige … )

  3. Gesteigerte Arbeitsbelastung ist ein guter Grund, sich zurückzuziehen; ebenso, wenn man sich anderswo engagiert. Bei manchen Kollegen sehe ich aber auch andere Gründe, aber das ist ein anderes Thema.

  4. Interessante Einblicke. Ich war selber damals in einem dieser Tanzkurse. (Und als Tanzpartner im Standard/Latein ist das ein Traum :D) Mir fällt kein Grund ein, wieso man dort Männer ausschließt. Kann mir auch nicht vorstellen, dass das rechtlich tragbar ist. Andersrum wäre das sicher größer thematisiert worden. Kannst du dazu mehr sagen?

  5. Zur Gymnastik und Tanz Farce: Hatte ich in meiner Schule (auch Bayern) damals ebenso. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war die Begründung an meiner Schule, dass wir als Jungs in der Mittelstufe nicht getanzt hätten. Da „könne man dann nichts machen“ . Da damals relativ viele G&T gewählt hatten und das als einzige individualsportart hatten, wurde schnell noch ein Badminton Kurs aus dem Boden gestampft. Hatten wir auch nie in der Mittelstufe, fühlte sich aber wohl männlicher für das Sportkollegium an..

  6. Dieser Rückzug aus der Schule wird bei uns Ösis noch deutlicher: Keiner will sich noch mit Schule identifizieren. Die Matura/Abi-Feiern verkommen zu netten Abendessen, ohne Programm und Witz. Die Matura/Abi-Zeitungen gibt es nicht mehr – zu viel Arbeit, zu wenig Engagement. Jeder möchte schnell sein Abschlusszeugnis holen, ohne Dank, ohne Feier. Unterricht war einmal ein gemeinsames Schüler-Lehrer-Eltern-Projekt mit würdigem Abschluss, es verkommt zu einem Konsumartikel, das man sich am Bildungsmarkt möglichst billig abholen will. Tja …

  7. So weit sind wir nicht. Den Schülern war sehr wichtig, dass wir Lehrer dort waren; einige haben sich vorher vergewissert, ob ich komme.

  8. Ich war 9 Jahre auf dem GRG, Abi 2000. Sehr interessant finde ich, dass sich nach der offiziellen Feier das Ganze mittlerweile sofort auflöst. Bei uns war der offizielle Teil (damals in der Rasso-Turnhalle) nur der Beginn einer langen Feierei, die sich auf dem Rasso-Sportgelände mit Beisammensein von Schülern, Lehrern und Eltern bei Speisen und Getränken fortsetzte und in eine Party mit Disco mündete, die erst spät in der Nacht ihr Ende fand. Ich finde es eigentlich sehr schade, dass es heutzutage anders läuft. Aber gut, gleichzeitig will ich auch nicht in den „früher war alles besser“-Modus verfallen, unser Jahrgang war, glaube ich, was sein Engagement fürs Schulleben angeht, sehr matt – wobei wir teilweise ein sehr intensives Verhältnis mit den Lehrern hatten, zu einem meiner LK-Lehrer habe ich bis heute Kontakt. Deshalb befremdet mich das von Ihnen geschilderte Verhalten der Lehrer schon arg.

  9. 2000, da war ich auch schon dabei, habe hier irgendwo die Abirede des Jahres 2000 veröffentlicht, glaube ich. Ich finde es einerseits praktisch, dass es keine größere Feier danach gibt, aber schon auch schade – ausgegangen ist das letztlich von den Schülern, die da nichts mehr auf die Beine stellen und separat feiern wollen. Aber wie gesagt, praktisch ist es schon. Es sind aber auch mehr Abiturienten in einem Jahrgang als 2000, was dazu führt, dass alles schneller gehen muss, und deshalb vielleicht auch insgesamt unpersönlicher ist.

  10. Ja, verstehe ich, wir waren gerade einmal 57 Abiturienten! Damals war es üblich, dass die K12 bei der Feier kräftig mithilft. Die Rede habe ich schon gefunden und kommentiert…

  11. Inzwischen sind es fast doppelt so viele Abiturienten. Und vor ein paar Jahren war der Jahrgang darunter noch sehr beteiligt; zumindest diesmal allerdings nicht.

    Ich habe gerade nachgeschaut: Aus Ihrem Jahrgang hatte ich tatsächlich in der zweiten Hälfte der 11. Klasse knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler; das war mein erstes halbes Jahr am GRG. Das heißt, ich war ziemlich sicher auch auf der Abifeier.

    Wissen Sie vielleicht noch Ihr Abimotto? Oder gab es das damals noch nicht? Meine Liste geht nur bis 2001:
    https://www.herr-rau.de/wordpress/2013/09/abimottos-die-dialektik-der-originialitaet.htm

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