Essay in Deutsch

By | 12.1.2017

Nächste Woche schreibt meine 9. Klasse eine Essay-Schulaufgabe. Ungewohnt für die Schüler ist, dass es für den Essay keine festen Regeln für den Aufbau gibt – von der Textanalyse, von der Erörterung her kennen sie das anders. Auch dort müssen sich die Schülerinnen nicht an unsere Regeln (sprich: die Gliederung) halten, aber wir empfehlen das sehr. Sicher könnte man auch die Möglichkeiten, ein Essay zu schreiben, auf vergleichbare Weise einschränken. Aber zum einen ist diese Festlegung auf einen bestimmten Aufbau beim Essay viel willkürlicher als bei anderen Textsorten: Die Erörterung gibt es in der Form, wie wir sie lehren, ja nur in der Schule. (Bei der Textanalyse passt unser Aufbau wenigstens zu Wikipedia-Einträgen.) Zum anderen ist es, glaube ich, Zeit, dass sich die Schülerinnen mal selber überlegen, wie sie ihren Text aufbauen – gerade weil die Gliederung jetzt de facto kein verpflichtender Teil des Aufsatzes mehr ist.

An Essay wie auch Erörterung stört mich, dass man mit einem Thema konfrontiert wird und gleich im Anschluss in 90 oder 180 Minuten den Aufsatz schreiben muss. So entstehen außerhalb von Zeitungen die wenigsten Texte. Man sollte das Thema eine Weile mit sich tragen können, dann fällt einem eher ein, was man dazu schreiben möchte. — In der Prüfungssituation geht das nicht; stattdessen gibt man inzwischen den Schülern Begleitmaterial zur Hand, das sie verwenden sollen. Das funktioniert nur so mäßig und ist nur so mäßig sinnvoll.

In meiner 9. mache ich das jetzt – nach Rücksprache mit den Schülerinnen und Schülern – so : Eine Woche vor der Prüfung kriegen sie 14 ganz kurz gehaltene Essay-Themen. Wir stimmen ab, welche 2 davon wir streichen. Über die restlichen 12 können sie dann schon mal nachdenken. Am Prüfungstag würfle ich dann 2 der Themen aus, und die werden dann gestellt. (Außerdem gibt es noch ein drittes, unbekanntes Thema mit Begleitmaterial.)

– Am einfachsten wäre es ja, wenn ich das Thema stellen könnte und die Schüler hätten eine Woche Zeit, den Aufsatz zu schreiben. In anderen Ländern ist das selbstverständlich; auch bei uns gab es Anfang des Jahrtausends noch die Deutsche Hausaufgabe in der 11. Klasse – eine große schriftliche Prüfung in Form eines zu Hause geschriebenen Aufsatzes. Warum ist das abgeschafft worden? Ich kann mir nur vorstellen, dass die Rechtsabteilung des Kultusministerium davor gewarnt hat, man könne ja nie sicherstellen, dass selber geschrieben usw. Denn das war eminent sinnvoll, und die meisten haben das auch selber geschrieben. Aber Hausaufgaben darf man nicht bewerten. Wenn ich eine Sache am Gymnasium ändern würde, dann das.

(Die Hausaufgaben zum Üben, die nicht. Aber Hausaufgaben zum Demonstrieren, was man kann, die schon.)

7 thoughts on “Essay in Deutsch

  1. -thh

    „Warum ist das abgeschafft worden? Ich kann mir nur vorstellen, dass die Rechtsabteilung des Kultusministerium davor gewarnt hat, man könne ja nie sicherstellen, dass selber geschrieben usw. “

    Davon gehe ich auch aus.

    Zu den juristischen Staatsexamina der meisten Bundesländer gehörte früher auch zumeist eine Examenshausarbeit – deren Bearbeitung sehr viel mehr mit der juristischen Arbeit zu tun hat als eine fünfstündige Klausur, bei der außer dem Gesetz keine Hilfsmittel zugelassen sind. Realitätsferner ist vermutlich nur noch das Schreiben von Programmen auf Papier.

    Heute gibt es nirgendwo mehr Examenshausarbeiten, sondern nur noch (i.d.R. mindestens acht) Klausuren. Grund waren mit Sicherheit neben dem ggf. höheren Aufwand für die Bewertung die Fremdautoren.

    Klar, für sein Examen ist die Versuchung größer, sich für ein paar tausend Euro einen Ghostwriter zu nehmen – andererseits ist ein Essay wohl auch leichter geschrieben. :-)

  2. Aginor

    Zu Essays/Erörterungen und den „Schnellschüssen“ wie ich sie nenne:
    Als Schüler fand ich das auch irgendwie befremdlich.
    Ich war schon immer jemand, der sich gerne mit einem Thema beschäftigt, bevor er sich wirklich eine Meinung bildet und Argumente formuliert, und auch gerbe andere Quellen als die schnell verfügbaren mit einbezieht. Das ist einem ja in einer Klausurumgebung unmöglich.
    Das andere Problem (hatte Herr Rau auch schonmal in einem Blogeintrag erwähnt IIRC) ist dass man als Schüler Beispiele aus der Luft erfinden muss (Beispiele werden ja in der Erörterung gefordert). Ich finde das höchst kontraproduktiv, denn später soll man das ja gerade nicht machen (soll Quellen nennen usw.), und bei vielen Themen hat ein Schüler (einfach mangels der erforderlichen Anzahl der Erlebnisse in einem jungen Leben) einfach keine Beispiele parat, er müsste sie recherchieren.

    Die bewertete Hausaufgabe halte ich für eine gute Idee. Und ich bin sicher dass die meisten Lehrer in der Lage sind, Plagiate zu erkennen. Es ist ein Arbeiten wie man es später im Leben kennt, auch im Studium. Das sollte man mal gemacht haben.

    Zu Essay vs. Erörterung: Ich bin eher ein Freund des Essays. Strukturiertes argumentieren ist auch wichtig, aber beim Essay hat man mehr den persönlichen touch, den Denkfluss des Autors, das finde ich spannend.

    Zum von -thh angesprochenen Programmieren auf Papier:
    Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen selbst im Studium noch. Ich weiss nicht ob es nicht auch Vorteile hat, wenn man sich das ganze wirklich aus dem Nichts herstellen muss. Es entspricht nicht der Weise wie man in der Realität arbeiten würde, aber vielleicht schärft es den Blick. Als Übung wäre es wohl ganz nett, als Klausur finde ich es grauenvoll.
    Vermutlich will man da den Einfluss der Hilfestellung durch IDEs und/oder Internet minimieren, aber dann soll man doch einfach einen simplen Texteditor (mit oder ohne Syntax Highlighting) als Hilfsmittel verwenden.

    Als Softwareentwickler kann ich aber sagen: Die Herausforderungen sind andere, und die lernt man nicht so intensiv wie es scheint. In Stackoverflow/W3Schools/JavaAPI o.Ä. nach Snippets zu suchen, sie auf Eignung zu analysieren und zu bewerten, und darauf basierend zu entwickeln, das ist ein Skill den man jeden Tag braucht und den man scheinbar zumindest in manchen Schulen nicht lernt. Bei der Syntax hilft die IDE, beim wirklichen Programmieren nicht. Ich finde dass der Fokus – damals bei mir, weiss nicht wie es jetzt ist – zu sehr auf Syntax lag.

    Gruß
    Aginor

  3. Herr Rau Post author

    >Realitätsferner ist vermutlich nur noch das Schreiben von Programmen auf Papier.
    Die Schüler am Gymnasium sollen nicht im engeren Sinn lernen, zu programmieren und Software zu entwickeln, also gar nicht die Realität nachspielen. (Sonst wäre das berufs- und nicht allgemeinbildend.) Und es wird viel auf Papier programmiert, in Java. Ich hätte nichts gegen so viel IDE, wie sie verkraften, aber spätestens im Abitur geht’s dann an das Papier.

    Man muss die benotet Hausaufgabe ja nicht in jedem Fach einführen. Die Art Aufgaben, die man in der Schule in Mathematik macht, muss man sich nicht durch den Kopf gehen lassen; bei Aufsätzen ist das ganz anders. (Aber gut, dann könnte man in Mathematik vielleicht auch mal andere Aufgaben stellen.) Und in der Oberstufe wäre ich vorsichtig wegen der Fremdautoren – aber in der Mittelstufe, so als Option, da sehe ich kein Problem.

    Es scheint mir auch darum zu gehen, dass – aus löblichen Motiven der Chancengleichheit – möglichst wenig ins Zuhause verlagert wird, dass nur geprüft wird, was in der Schule gemacht worden ist. Mindestens für Sprachen ist das Quatsch, wem da zu Hause der Zugang zu englischer oder deutscher Literatur geöffnet wird, der hat auch in der Schule Vorteile. Beim Umgang mit Computern ebenso.

  4. Tanja

    „die Deutsche Hausaufgabe in der 11. Klasse – eine große schriftliche Prüfung in Form eines zu Hause geschriebenen Aufsatzes. Warum ist das abgeschafft worden?“

    Ich war noch dabei, als die Hausarbeiten geschrieben werden mussten. Das erste Mal in Word mit Gliederung etwas Professionelles erstellen. Das erste Mal ausführliche Recherche (mit Vorort-Recherche und Fototermin), das erste Mal etwas verfassen, das Seitenzahlen nötig hat.
    Natürlich und zum Glück haben sich die Technik und ich selbst inzwischen weiterentwickelt (wer hätte damals geahnt, wohin die Reise mit Cloud, Tablet und Co. mal gehen wird), aber genau genommen zehre ich immer noch von dieser Hausarbeit, die mir die Tür zu guten Texten, strukturiertem Arbeiten und der ganzen digitalen Welt erst eröffnet hat.
    Schade, dass das abgeschafft wurde.

  5. Herr Rau Post author

    Es gibt ja noch die Facharbeit, auch wenn die jetzt Seminararbeit heißt. (Und weniger umfangreich oder anspruchsvoll ist als die LK-Facharbeit.) Aber die Hausaufgabe war eine schöne Vorübung dazu.

  6. gruenblinder

    Was ich an der Angst vor dem Ghostwriting nicht verstehe ist, dass es doch einfach wäre dieses Ghostwriting zu minimieren. Wenn sich der zu schreibende Essay/Aufsatz einfach hinreichend stark auf im Unterricht erarbeitetes bezieht und die Bearbeitungszeit entsprechend kurz ist, ist es doch völlig utopisch davon zu profitieren in kurzer Zeit einen Ghostwriter zu finden, dem alles zu erklären, und ihn dazu noch eine Arbeit schreiben zu lassen die so wenig wie möglich offensichtliches Ghostwriting ist. Das ist doch viel mehr Aufwand als sich einfach 2 Nachmittage hinzusetzen und der Ertrag in Form von Notenverbesserung wäre dann auch eher marginal. Im Übrigen: Ich halte diese Gefahr bei der Fach(Seminar-)arbeit für deutlich grösser, aber die scheint auch kein Problem.

    Das mit den x-Themen zum Vorbereiten ist sicher ein schöner Workaround, aber dennoch etwas anderes, als eine direkte Hausaufgabe. Dazu: Mit Bezug auf Uni, Beruf, Leben, etc. glaube ich gibt es weniger Allgemeinbildendes als die Vorbereitung darauf mit allen zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln unter Zeitdruck etwas vorzeig-, überprüf- und belastbares zu produzieren. Schade daher, dass die Angst hier so gross ist.

  7. Herr Rau Post author

    >Was ich an der Angst vor dem Ghostwriting nicht verstehe ist,

    Dann erkläre ich das mal so: Das Kultusministerium ist es, das diese Angst hat, nicht die Lehrer. Und damit ist es egal, was die Lehrer alles tun, um Fremdschreiben zu vermeiden, denn die entscheiden das ja nicht.

    (Es ist allerdings so, dass das Kultusministerien den Lehrern nicht zutraut, dieses Fremdschreiben zu verhindern – völlig zurecht, denn den großen Bruder eine Arbeit schreiben zu lassen, für die man maximal eine Woche Zeit hat, und das zusätzlich zu Schulalltag und Hausaufgaben, ist eine Kleinigkeit.)

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