Martin Amis, Time’s Arrow (1991)

By | 15.1.2017

Titelbild Time's Arrow

(Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.)

Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungewöhnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erzähler begleitet dieses Leben, und zwar beginnt das Bewusstsein des Ich-Erzählers zu dem Zeitpunkt, als Friendly stirbt – das Buch ist, man merkt es bald, sozusagen rückwärts erzählt: Friendly stirbt in hohem Alter, und der Ich-Erzähler gewinnt zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein; Friendly wird von Medizinern behandelt, es geht Friendly schlecht, bald geht es ihm immer besser, bald kann er sein Bett verlassen, aus dem Haus gehen, seinen Beruf als Arzt ausüben. Der Ich-Erzähler weiß wenig über diese Welt, er lernt nach und nach die merkwürdige Sprache verstehen, die alle Menschen dort sprechen, und er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, was er beobachtet. Der Ich-Erzähler ist quasi Passagier in Friendlys Kopf, er hört mit dessen Ohren und sieht mit dessen Augen, auch wenn er seine Aufmerksamkeit unabhängig davon auf einzelne Objekte der Außenwelt richten kann. Der Ich-Erzähler hat keinerlei Einblick in Friendlys Gedanken, aber er bekommt mit, wenn Friednly aufgeregt oder nervös ist, auch andere Stimmungen kann er deuten. Und so wird Friendly langsam immer jünger, und die Geschichte schreitet voran, oder zurück, je nachdem.

Das ist schon mal ein interessantes Gimmick. Viele Leser des Buches werfen diesem vor, dass das auch alles sei – kann sein, aber es ist schon mal interessant genug: Wo kommen alle schönen Dinge her, die der Mensch verwendet? Aus dem Müll, der von Müllmänner angeliefert und von Toiletten gespendet wird. Nicht jeder Mensch hat schöne Dinge, es gibt Klassenunterschiede:

It all comes down to the quality of your trash.

Der Ich-Erzähler hört Friendly fluchen und beschreibt das als: „[He] invokes human ordure, from which all good things come.“ Übersetzt heißt das: Friendly flucht: „Shit.“ Dieses Übersetzen ist ein Reiz des Buches – was der Ich-Erzähler beschreibt ist oft etwas anderes, als was aus Friendlys, sprich: unserer regulären Sicht geschieht. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen, besonders bei manchen Dialogen, die ich quasi gleichzeitig von oben nach unten und von unten nach oben las.

Schnell vergehen die Jahre. Friendly ist dem Ich-Erzähler nicht unbedingt immer sympatisch; sie haben bei vielen Dingen andere Ansichten. Friendly behandelt seine Frauenbekanntschaften (leider kein besseres Wort gefunden) sehr schlecht. Einmal gibt es eine Art Dreiecksverhältnis: Der Ich-Erzähler liebt Irene, Irene den Friendly, und der eigentlich niemanden.

Das Schicksal ist unausweichlich. Am Braunwerden von Friendlys Haut erkennt der Erzähler, dass es bald auf eine Reise gehen wird. (So ist das in dieser Welt nun einmal, dass sich Reisen derart ankündigen.) Selbstmord existiert als Konzept, ist aber unmöglich: Jeder weiß genau, wie lange sein Leben dauern wird. Gewalt erzeugt Dinge, aus dem Feuer kommen viele Gegenstände, besonders Briefe.

Das hat etwas – auch in seiner Unausweichlichkeit – von der Unschuld eines Wales, der plötzlich in der Atmosphäre eines Planeten geboren wird, sich erst orientieren muss, dem Kitzeln am Bauch den Namen „Wind“ gibt, und der nach und nach eine immer größer werdende Oberfläche auf sich zukommen sieht, die er mal probeweise „Boden“ nennt und von der er sich freudig erwartungsvoll fragt, ob sie wohl nett zu ihm sein wird.

Der Leser weiß es vermutlich vom Klappentext her, oder er stolpert über den Namen „Tod Friendly“, oder ahnt es sonst: Das geht nicht gut aus. „Tod Friendly“ wechselt mehrfach den Namen, in Mittelamerika sammelt er Goldmünzen, bis er sich schließlich auf eine Reise nach Deutschland macht, wo der Krieg vor kurzem begonnen hat. Er wird Arzt in Ausschwitz und Teil eines großes Projekts: Es gilt, die Juden aus den Lüften zu holen, aufzupäppeln, in die Gesellschaft zu integrieren. Das war grimmig und traurig und furchtbar zu lesen.

— Frau Rau hat das Buch als nett, aber nicht mehr als ein Gimmick in Erinnerung. Das deckt sich mit der Einschätzung vieler Kritiker. Bei Goodreads habe ich die Kommentare zum Buch gelesen; die klingen ähnlich oder weisen darauf hin, dass Martin Amis ja nicht der erste gewesen sei mit dieser Idee. Einer verweist auf eine Stelle aus Vonneguts Slaughterhouse Five mit einem rückwärts laufenden Film – Amis nennt Vonnegut selber als Anregung. Ein anderer nennt eine Geschichte von Jorge Luis Borges, „A Weary Man’s Utopia“. Man findet die Geschichte im Web, und sie enthält ähnliche Motive, also Vergangenheit und Zukunft, Zerstörung auf Aufbau, Hitler als Massenmörder oder Philantrop. Aber mehr Ähnlichkeit sehe ich nicht – zugegeben, bei Borges bin ich mir nie sicher, wieviel mir entgeht.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn Borges tatsächlich so eine ähnliche Geschichte geschrieben hätte. Das passt zu ihm. Tatsächlich habe ich auch eine Anthologie herausgesucht (im Original von 1967), in der ich eine solche Geschichte vermutete, und während da auch ein Borges drin ist, so ist es doch ein anderer. Dafür enthält der Band die Kurzgeschichte „Divine Madness“ von Roger Zelazny, die zum Großteil rückwärts erzählt wird – bis hin zu einer Situation, in der sich die Hauptperson gerne anders verhalten hätte, weil es schlimme Konsequenzen gab. Und ganz am Ende erhält die Hauptperson eine zweite Chance, und die Zeit läuft wieder vorwärts, jetzt aber in einer neuen Spur. – Was da aber fehlt, auch bei dem Borges, ist der Ich-Erzähler.

Fußnote: Nicht eigentlich rückwärts erzählt, aber doch mit ähnlichem Effekt ist dieses palindromische Gedicht von James A. Lindon.

Doppelgänger

by James A. Lindon

I

Entering the lonely house with my wife
I saw him for the first time
Peering furtively from behind a bush —
Blackness that moved,
A shape amid the shadows,
A momentary glimpse of gleaming eyes
Revealed in the ragged moon.
A closer look (he seemed to turn) might have
Put him to flight forever —
I dared not
(For reasons that I failed to understand),
Though I knew I should act at once.

II

I puzzled over it, hiding alone,
Watching the woman as she neared the gate.
He came, and I saw him crouching
Night after night.
Night after night
He came, and I saw him crouching,
Watching the woman as she neared the gate.

III

I puzzled over it, hiding alone —
Though I knew I should act at once,
For reasons that I failed to understand
I dared not
Put him to flight forever.

IV

A closer look (he seemed to turn) might have
Revealed in the ragged moon.
A momentary glimpse of gleaming eyes
A shape amid the shadows,
Blackness that moved.

V

Peering furtively from behind a bush,
I saw him for the first time,
Entering the lonely house with my wife.

6 thoughts on “Martin Amis, Time’s Arrow (1991)

  1. embee

    Gutes neues Jahr und danke für den schönen Lesetipp! Bist du auch gerade mit Zeit beschäftigt? Ich hab vor Kurzem das Buch mit dem schönen Titel „Time Travel – a History“ (James Gleick) gelesen; da wurde „Time’s Arrow“ natürlich auch erwähnt.

    Wenn der Ich-Erzähler Tods Vergangenheit als seine Zukunft erlebt – wie ist das dann grammatikalisch gemacht? Da kommt doch bestimmt das „Future Semiconditionally Modified Subinverted Plagal Past Subjunctive Intentional“ zum Einsatz, oder? (Wie komme ich jetzt bloß gerade auf Douglas Adams…?)

    Und das Palindromgedicht ist ja ganz wunderbar. Sowas kannte ich noch gar nicht. Palindrome auf Wortebene gefallen mir viel besser als die ollen Rentner, Reittiere und Neger mit Gazellen. Hast du mal versucht, so ein Gedicht zu schreiben? Auf Deutsch geht das sicher gar nicht, zumindest nicht mit so schönen Bedeutungsverschiebungen wie im Englischen.

    Herzliche Grüße!

  2. Herr Rau Post author

    Nein, Zeit beschäftigt mich gerade nicht – aber ganze Anthologien zum Thema Zeitreisen habe ich natürlich mal gelesen. Palindromgedichte: Bei Twitter kursierten vor ein oder zwei Jahren ein oder zwei Texte, zeilenmäßig von oben wie von unten zu lesen, mit gegensetzlicher Bedeutung – Abschlussrede einer High School, oder so etwas, jedenfalls nur mäßig interessant. Im Barock kann ich mir so etwas auf Deutsch vorstellen, die waren da recht verspielt. Hier ein Barockgedicht , das man zweispaltig darstellen muss, und dann kann man es entweder zeilenweise lesen (protestantisch) oder in zwei Spalten (katholisch):

    Ich sage gänzlich ab/	  der Römer Lehr und Leben
    dem Luther bis ans Grab/  will ich mich ganz ergeben
    ich lache und verspott/	  die Messe, Ohrenbeicht
    dem Luther sein Gebot/	  ist mir ganz sanft und leicht
    ich hasse mehr und mehr/  all, die das Papsttum lieben
    der Lutheraner Lehr/	  hab ich ins Herz geschrieben
    bei mir hat kein Bestand/ die römische Priesterschaft
    was Luther ist verwandt/  lob ich mit aller Kraft
    wer lutherisch verstirbt/ das Himmelreich soll erben
    in Ewigkeit verdirbt/ 	  wer römisch bleibt beim Sterben.

    Das Versmaß – Alexandriner – eignet sich dafür besonders.

    Selber habe ich nie etwas in der Art gedichtet.

  3. embee

    Oh, das ist ja auch herrlich! Wird sofort der konfessionell bunt gemischten Familie präsentiert.

  4. halo

    Das Barock-Gedicht: ein herrlicher Text! Gibt es mehr davon? Wer ist der Verfasser?

  5. Herr Rau Post author

    Das Barockgedicht… ist vielleicht keins. Ich hab’s aus einem Bändchen „Wort-Spielereien“ von Eugen Oker (Taschenbuch 1984), wo es lediglich als „Eulenspiegelei aus der Reformationszeit“ präsentiert wird, das habe ich falsch erinnert.. Ich habe – nicht bei Oker – den Begriff „Spaltvers“ dafür gelernt. Das Gedicht findet sich auch im Web und anscheinend auch in mindestens einem Schulbüchern, aber nirgendwo gibt es eine Quellenangabe, also bin ich bereit, Oker als früheste dieser Quellen zu sehen. (Oker nennt noch ein weiteres Beispiel, Pasquino 1848, als Tafel sowohl für den Papst und gegen den Garibaldianer Mazzini als auch andersherum.)

    Beim Nachschlagen von Spaltvers im Web bin ich aber auf diesen Spaltvers gestoßen, angeblich von Joseph von Eichendorff (im Web nicht nach Original zitiert, aber aus seriös klingender Sekundärquelle; ich hab’s nicht recherchiert) :

    Habe nur deine Lust        - mein Freund, an seltnen Gaben
    An eines Mädchens Brust    - kannst du dich schwerlich laben.
    Der hat sich wohl gesellt  - wer Kunst und Weisheit liebt,
    Der sich zu Mädchen hält   - der ist nur stets betrübt.
    Das ist vortrefflich schön - bei seinen Büchern sitzen
    Den Jungfern nachzusehn    - wird dir sehr wenig nützen.
    Drum rat ich dir allein    - die Künste fortzutreiben
    Bei Schönen nur zu sein    - das, rat ich dir, laß bleiben.

    Ich kenne andere alberne und verspielte Gedichte von Eichendoff („Mandelkerngedicht“), daher traue ich ihm das schon zu.

  6. halo

    Danke für die ausführliche Info!

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