J. C. Wezel, Belphegor (1776)

By | 4.1.2017

Titelbild Belphegor

Nach der Erstauflage 1776 blieb das Buch vergessen, bis Arno Schmidt es 1959 in dem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ wieder in Erinnerung brachte. Hier ein Spiegel-Beitrag zur Neuveröffentlichung 1966. Inzwischen kann man Belphegor bequem als E-Buch lesen, leider nur unbequem bei gutenberg.spiegel.de – weshalb man sich am besten mit geeigneter Software aus den einzelnen Webseiten dort eine epub-Version zusammenbauen lässt für das E-Buch-Lesegerät der eigenen Wahl.

Arno Schmidt vergleicht das Buch mit Voltaires Candide und Gulliver’s Travels von Swift. Wie bei Voltaire verschlägt es ein kleines Häuflein von Helden quer durch die Welt: Belphegor, der zumindest am Anfang an das Gute im Menschen glaubt und stets bereit ist, für eine gute Sache zu kämpfen, und der stets dafür bestraft wird:

»Wohl einem Volke«, sagte Belphegor, »das für die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist glücklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich jährlich etliche hundert Hirnschädel opfern müßte. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor übereilter, zuströmender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang ‚Freiheit‘ tönen höre. Komm! wir kehren zurück nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne muß dort erfreulicher wärmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freyes Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes bestünde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn herauströpfeln lassen, könnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich für freyer als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch glücklicher zu werden.«

Dann ist da Medardus, der das Glück im Kleinen sucht; ihm reicht ein Krug Apfelwein und er erträgt die Unbillen des Schicksals mit seinem Wahlspruch: „Wer weiß, wozu mirs gut ist?“ Medardus glaubt an eine Vorsehung, die schon alles richten wird, am Ende.

Und es gibt Fromal, nach dessen materialistischer Auffassung der Mensch nur den blinden Gesetzen der Natur gehorcht und im Übrigen skrupellos, gierig und neidisch ist:

Fromal fiel ihm ins Wort: »Du hast erfahren, Belphegor, daß die Menschen nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen, wohl zu tun, glühn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen. Du hast sie gefunden, wie ich dir verkündigte – eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu können, durch ihre natürlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwährenden Kriege bestimmt, den sie beständig in roher, grausamer oder minder grausamer oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhältnisse es ihnen erlauben […] Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Stoß der auf sie wirkenden Räder treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muß Kräfte genug zum Wiederstande haben, oder er bekömmt Stöße, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft.«

Vorherbestimmt ist nach beider Auffassung ohnehin alles. Am Ende, aber nicht ganz am Ende, begnügen sich alle wie Candide damit, ein kleines Gärtchen in Afrika zu bestellen – patriarchalisch über ihre Sklaven gebietend allerdings, denn selbst Belphegor entpuppt sich als allzu menschlich und findet sich auch immer wieder als Unterdrücker wieder.

Wie bei Swift reisen die Helden, allein oder getrennt, durch imaginäre Welten in Afrik- oder Amerika. Allerdings kapiert man schon nach den ersten Ländern, dass die Welt schlecht und alles eitel ist; es ist ein wenig ermüdend, dass immer wieder zu lesen. Gulliver landet wenigstens in vier deutlich verschiedenen Reichern; bei Belphegor ist alles gleich – und dass Buch ist unnötiger Weise viermal so lang wie Candide.

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