Charlotte Lennox, The Female Quixote (1752)

Titelbild The Female Quixote Arabella wächst fernab von London in der Abgeschiedenheit des Anwesens ihres Vaters auf. Sie sie hat als Kind und Heranwachsende vor allem romances gelesen und nimmt deren Ereignisse für bare Münze, für Geschichtsschreibung. Alles, was ihr als junger Frau passiert, interpretiert sie vor diesem Hintergrund: Ein Gartenarbeiter, der ein wenig komisch schaut, ist für sie gleich ein verkleidetet Adliger, der sich unrettbar in sie verliebt hat und in die Bedienstetenrolle schlüpft, um heimlich in ihrer Nähe zu sein. (Als er beim Karpfenstehlen entdeckt wird, gelingt es ihr mit nur wenig Mühe, auch das in ihr Weltbild einzubauen.) Und fremde Berittene müssen immer gleich gedungene Entführer sein, die sie – im Auftrag eines verliebten Adligen, versteht sich – mit sich nehmen wollen.

Ihr Cousin Glanville wirbt um sie und versteht zuerst die Spielregeln nicht, die sie der Welt diktiert: Er darf ihr keineswegs seine Liebe gestehen, sonst wird er verbannt; erst nach vielen Jahren der Aufopferung, des unbemerkten Seufzens und Klagens darf es geschehen, dass die Geliebte quasi versehentlich von seiner Liebe erfährt, und dann ist ein „I do not hate him“ das höchste der Gefühle, das er erwarten darf. Dann nochmal zehn Jahre werben, gepaart mit dem Erobern von Städten oder anderen Heldenleistungen zu ihren Ehren, dann darf es eine Hochzeit geben. (Dass die Heldin dann immer noch jugendliche zwanzig Jahre alt ist, ist halt so.)

Nach einiger Zeit ist Glanville der einzige, der ihre Weltsicht versteht und ihre Aussagen deuten kann, sogar ihre wortlosen Gesten, den Raum zu verlassen, an denen alle anderen Personen scheitern, mit denen sie das versucht. Dazu gehören vor allem Glanvilles Vater und Sir George Bellmour, der ebenfalls um sie wirbt, allerdings vor allem auf ihr Vermögen aus ist.

Bei einem Ausflug nach Bath erwirbt Arabella die Freundschaft einer Gräfin, die sie behutsam in die Realität holen will; die Gräfin wird dann aber recht unvermittelt aus dem Buch entfernt, und erst im letzten Kapitel überzeugt ein ebenso unvermittelt ins Buch eingeführter Gelehrter (ein bisschen wie Van Helsing in Dracula, obwohl das Vorbild wohl Dr. Johnson ist) in einem platonischen Dialog Arabella davon, dass ihre geliebten romances a) fiktional, b) absurd und c) schädlich sind. Von diesen drei Punkten überzeugt bietet Arabella imn letzten Kapitel dem Glanville die erwartete Heirat an.

– Der Roman ist zu lang, und der Schluss zu unvermittelt. Es ist recht klar, dass eigentlich die Gräfin eine größere Rolle spielen sollte, und die Entscheidung, das Buch in zwei statt drei Bänden erscheinen zu lassen, den zu plötzlichen Schluss mit dem gelehrten Doktor nötig machte. (Das Manuskript weithin zu überarbeiten war für eine Berufsschriftstellerin finanziell nicht lohnend.) Aber interessant ist das Buch schon:
Einmal wegen der Rolle der tatsächlich relativ machtlosen Frau, die trotzdem der Umwelt ihre eigene Weltsicht aufzwingt und selbst Regeln aufstellt.
Dann illustriert es schön die – vermeintliche – Gefahr der Lesesucht (Blogeintrag dazu, der schamlos die besten Zitate aus dem Wikipedia-Artikel dazu übernimmt). (Weibliche Quixotes gab es vorher übrigens auch schon, entnehme ich dem Vorwort, etwa in Richard Steeles Komödie The Tender Husband, or, The Accomplished Fools, zu der ich im gesamten Web keine Inhaltsangabe gefunden habe.)
Und zuletzt geht es um romances. Die englische Literaturtheorie unterscheidet novels und romances, überall sonst wird beides „Roman“ genannt. Und das kam so: Epik kam ursprünglich in Versform. Geschichtsschreibung war in Prosa. Und im 17. Jahrhundert kam aus Frankreich die Mode, Epik in Prosa zu verfassen, wie Geschichtsschreibung, mit historischen Themen (altes Rom und so), aber voller Ritter, Prinzessinnen, Zauberei, Heldentaten, Schlachten (und historisch hanebüchen). Das hieß dann romance, so wie die höfische Epik davor auch, und wurde begeistert gelesen. Eine der wichtigsten Autorinnen war Madeleine (Mademoiselle) de Scudéry, genau die aus E. T. A. Hofmanns eponymer Novelle, unter der so viele Achtklässler leiden müssen. Von ihr stammt Artamène, mit etwa 2 Millionen Wörtern einer der längsten jemals erschienenen Romane, und Clélie, histoire romaine, an dem sich Arabella sehr orientiert.

Wäre eine moderne Adaption von The Female Quixote als Film oder Fernsehserie lohnend? Jemand hat in Folge eines bestimmten Medienkonsums ein verqueres Bild von der Welt, und scheitert an der wirklichen Welt, oder zwingt ihr den eigenen Willen auf? Vermutlich ist das verschwörungstheoretischer Alltag.

2 Antworten auf „Charlotte Lennox, The Female Quixote (1752)“

  1. Lohnend wäre wohl auch ein Vergleich mit Don Quijote: Gemeinsam die Warnung vor der durch Literatur verzerrten Wirklichkeit. Der Unterschied: Der große Abstand des Erzählers bei Don Quijote, die zwei Hauptfiguren, die weibliche Hauptfigur, vermutlich längst nicht so pikaresk, sondern empfindsam. Da wäre wieder ein Vergleich zu Jane Austen und ihrer Kritik an den Gothic romances/novels denkbar.

  2. Bei Wikipedia gerade gelesen: Don Quijote spricht bei Cervantes (ritterliches, altertümliches, romanzenhaftes) Alt-Kastilisch, alle anderen Figuren modernes Kastilisch. Daher auch die Laut- und Schreibvarianten: Im Altkastilischen steht „x“ für einen „sch“-Laut, der im Neukastilischen zu „ch“ wurde.

    Ja, ein Sancho Pansa fehlt bei Lennox. Und die zeitgemäß nicht so bewegliche Hauptperson kommt nicht so viel herum; man hat als Frau im 18. Jahrhundert auch nicht die Möglichkeiten, sich so frei zu bewegen, wie das für Abenteuer nötig ist. In den Romanzen, nehme ich an, kommen Frauen auch nur herum, wenn sie entführt werden.

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