Daphne du Maurier, Don’t Look Now

BuchtitelbildDon’t Look Now (britischer Titel: Not After Midnight) ist das erste Buch von Daphne du Maurier, das ich gelesen habe; Rebecca kenne ich dem Namen nach und von dem berühmten Anfangssatz (dessen Ruhm ich nie ganz nachvollziehen konnte), und vielleicht habe ich mal in einer Horror-Anthologie „Die Vögel“ von ihr gelesen. Anlass war ein Podcast zur titelgebenden, bekannt verfilmten Geschichte; insgesamt sind fünf recht lange Kurzgeschichten in dieser Sammlung.

„Don’t Look Now“

(Habe neulich schon von dieser Geschichte erzählt, daher kurze Doppelung.) Spielt in Venedig, und der Film heißt auf Deutsch „Wenn die Gondeln trauer tragen“, und natürlich habe ich das früher immer mit Thomas Manns „Tod in Venedig“ durcheinandergebracht. Und es gibt ja auch Gemeinsamkeiten: Ein Protagonist auf der Suche nach einer oder der Flucht nach einer anderen Sache in Venedig, die Farbe Rot als Symbol des Todes, ein gescheiterter Versuch, der Stadt zu entkommen. In beiden Geschichten halten die Autoritäten Wissen um eine Gefahr in der Stadt zurück – bei Mann die Cholera, und bei du Maurier… da ist es etwas schwieriger. Bei Mann passiert nichts Spektakuläres, die Geschichte lebt von der Erzählweise; bei du Maurier ist die Erzählweise solides Handwerk, aber nichts Besonderes, interessant ist da allerdings die Frage, was überhaupt Geschehen ist und warum. Die Hauptfigur sieht Dinge, die nicht da sind, oder nicht mehr, oder noch nicht, oder nur so ähnlich sind; gleichzeitig gibt es eine Reihe von Todesfällen in Venedig, die vermutlich nichts mit ihm und seiner Geschichte zu tun haben, eine zweite, verborgene Handlung. Die Geschichte weist Leerstellen auf, insbesondere die eine am Ende, und man hat kaum Chancen, sie befriedigend zu füllen.

„Not After Midnight“

Ähnlich ist das in der zweiten Geschichte. Auch sie enthält sinistre Elemente, erzählt wird sie rückblickend von einem in der Zwischenzeit in Ungnade gefallenen Schulmeister, und am Ende weiß man vielleicht, wie das kam. Dennoch bleiben wieder Fragen offen – nicht so wie beim üblichen offenen Ende, wo nicht klar gesagt wird, was nach dem Ende der erzählten Handlung passiert; es geht vielmehr darum, was während der erzählten Handlung eigentlich genau passiert ist. Der Schulmeister ist im Urlaub in Kreta, wird gestört von einem überzeichneten älteren amerikanischen Paar, das er gerne besuchen darf, aber nicht nach Mitternacht. Warum? Und was macht die ältliche reiche Amerikanerin wirklich nachts im Taucheranzug?

„A Border-Line Case“

Wenige Seiten der Einstieg: Eine junge Schauspielerin, in Trauer über den Tod ihres Vaters, will einem seiner alten Kriegskameraden und früheren Familienfreund einen Überraschungsbesuch abstatten. In Irland beginnt dann die eigentliche Geschichte, und zwar wie eine Rückbesinnung auf die weird menace der Pulps: Die Schauspielerin erfährt, dass der zu Besuchende auf einer Insel lebt, wird von Unterlingen dorthin entführt, auch noch auf einen Turm, mit einem charmanten älteren Gastgeber, der seine Insel militärisch streng führt und geheime Experimente macht. Ich habe beim Lesen wild spekuliert, wenn auch nicht so wild wie die Heldin, die zwischendurch enttäuscht auf die Lösung „They were all homos“ kommt. Die tatsächliche Auflösung (eine Gruppe von IRA-Terrroristen) war dann so enttäuschend, und die Auflösung nach der Auflösung so offensichtlich für alle außer der Heldin, dass ich vermutet habe, die Geschichte ist aus irgendeiner Absicht heraus schlecht gemacht. Vielleicht ist sie einfach nur aus der Zeit gefallen. (Immerhin gibt es eine Fahrt/Entführung zum verdeckten Einsatz im Wagen des örtlichen Bäckers, noch mit dem Backwerk des Tages beladen. Das kann keine ganz unbewusste Absurdität sein.)

„The Way of the Cross“

Eine kleine englische Reisegruppe ist auf einem Abstecher in Jerusalem, ersatzweise von einem unvertrauten Geistlichen geleitet: reicher Amerikaner mit Frau, alte Jungfer, jungverheiratetes Paar mit Eheproblemen, feine Leute mit altklugem Enkel. Alle haben verschiedene Probleme, die zum Ausbruch kommen – und hat mich an nichts so sehr erinnert wie einen Slasher-Film, sagen wir: Nightmare on Elm Street. Die Gruppe wird getrennt, die Paare werden aufgelöst, treiben durch eine – für sie – fast schon alptraumhaft fremde Stadt und erleiden jeweils ein ironisch passendes Schicksal. (Aber alle überleben.) Hat mir gefallen, auch weil ich die wechselnden Perspektiven mal in der Schule einsetzen kann.

„The Breakthrough“

Diese Geschichte hat bei mir am wenigsten Spuren hinterlassen. Ein Geheimlabor beschäftigt sich statt mit offizieller geheimer Forschung mit eigener geheimer Forschung, es geht darum, die Seele eines sterbenden messbar zu machen, vielleicht einzufangen. Auf für mich unbestimmte Art und Weise geht es daneben. Es blieben keine Fragen offen, die mich interessiert hätten, und ich habe nichts Neues gelernt.

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