Medienbildung: Kreativ und selbstbestimmt entscheiden, was man mit Microsoftprodukten Schönes machen kann

Angefangen hat es damit, das Philippe Wampfler, ein Schweizer Deutschlehrer und Medienmensch, über irgendetwas im Zusammenhang mit dem Microsoft Office 365 schrieb, das an seiner Schule eingesetzt wird. Das ist so eine Art Google Drive, also eine Möglichkeit, online Text- und andere Dateien zu erstellen, zu verwalten und mit anderen gemeinsam zu bearbeiten.

Daraus wurde dann bald eine Diskussion um Dateiformate: .docx sei nicht wirklich offen; dann: aber für die Schüler und Schülerinnen schon, weil aus allen verwendeten Programmen heraus nach .docx exportiert werden könne. Philippes Aufgabe sei nicht zu missionieren, sondern (seine Schüler und Schülerinnen) zu befähigen:

Ähnlich sieht das Arne Paulsen:

Dass es nur darum, was die Schüler und Schülerinnen mit denen ihnen vorgesetzten Programmen anstellen können, halte ich für eine zu eingeschränkte Sicht. Die Sicht begegnet mir in anderen Bereichen auch: dass Digitale wird alles transformieren und die Schule völlig umkrempeln – dass das mit Microsoft-Produkten geschehen soll, ist gar kein Thema. Netzpolitische Themen wie Netzneutralität sehe ich in der Twitter-Medienmenschen-Szene nie diskutiert. Die anderen schwören auf Apple-Produkte, wie toll, zu was die Schüler und Schülerinnen mit einem iPad alles befähigt werden!

Dabei habe ich gar nichts gegen Microsoft- oder Apple-Produkte. Ich mag mein Windows, und iPads sind schöne Geräte. Wer mit Word arbeiten möchte: unbedingt, gerne! Android oder IOS, alles willkommen, da begrüße ich die Freiheit, verschiedene Plattformen zu nutzen.

Aber die Frage, welches Dateiformat propagiert werden soll, ist eine andere, welches Progamm man benutzt, oder sollte eine andere sein. Wenn Arne oben schreibt, dass die Vielfalt der Formate ein Vorteil sei: Nein, eigentlich nicht. HTML ist ein einigermaßen einheitliches Format, und eben weil das so einheitlich ist, hat sich das WWW so schnell entwickelt. Schlimm genug, dass immer noch jeder Browser CSS oder HTML ein wenig anders interpretiert; es ist großartig, dass ich die eine HTML-Seite mit vielen verschiedenen Browsern ansehen kann – eben weil es ein weitgehend einheitliches Format ist.
Auch JavaScript ist ein einheitliches Format, eine Programmiersprache, die von Browsern interpretiert wird und auf den meisten Webseiten eingesetzt wird. Hier hat sich glücklicherweise das Microsoft-eigene Spezialanfertigung JScript nicht durchsetzen können: das hatte nur der Internet Explorer vollständig implementiert.
Mp3 ist nicht das beste Format, aber es ist ein einheitliches Format, das von vielen verschiedenen Programmen korrekt interpretiert wird: Es ist egal, ob man eine mp3-Datei im Browser anhört, mit WinAmp, iTunes, mit was auch immer. Eben dieses einheitliche Format hat zu Tauschbörsen, Rechtsprechung, neuen Geräten geführt. (Soll ich jemandem eine Real-Audio-Datei schicken? Ich habe noch welche, glaube ich.)

Klar: Sobald es um spezialisierte Anwendungen geht, sind Formate, die spezifisch zu einem konkreten Programm gehören, nicht wegzudenken. Tonschnitt-, Videoschnitt-, Bildbearbeitung, ordentliche Layoutprogramme. Da gibt es Formate fürs fertige Produkt, .jpg und .png und .svg etwa, wo ich auch wieder die freie Wahl bei Programmen habe, und die Formate, die Bearbeitungszustände speichern, produktspezifisch. Bei Office-Anwendungen muss das nicht sein.

Warum das wichtig ist: Die eine Englisch-Kollegin arbeit mit Pages, wird also ihre Dateien nie den Kollegen zur Verfügung stellen können. (Wobei: Auch hier ist ja gar nicht Pages das Problem, sondern das voreingestellte Pages-Dateiformat, mit dem letztlich nur Applenutzer arbeiten können.) Die andere Kollegin fragt nach Möglichkeiten, billig an Schullizenzen für Microsoft-Office zu kommen; sie arbeitet nun mal seit Jahren mit Microsoft Word und kann sich daher von .docx nicht lösen. Alles kein Problöem, wenn nicht doch immer wieder der Wunsch aufkäme, Material zu tauschen, oder von mir erwartet werden würde.

Für die Mediendidaktik scheint mir die Lösung so auszusehen: Na, dann kaufen wir halt für alle Microsoft. (Deshalb halten ja Firmen, die parallel zu ihrer konkreten Software ein konkretes Format erzeugen, das Format nicht kompatibel: Damit sie ihre Programme verkaufen.) Dass man das aus Pragmatismus sagt, weil man sich lieber ein anderes Schlachtfeld aussuchen will, um dort zu scheitern: absolut verständlich. Aber das ohne Scham oder Problembewusstsein zu sagen, das verstehe ich gerade bei Medienbildnern nicht.

10 Thoughts to “Medienbildung: Kreativ und selbstbestimmt entscheiden, was man mit Microsoftprodukten Schönes machen kann

  1. Ich stimme vollkommen zu. Dateiformate bestimmen mit, wie leicht ein Austausch ist.
    Zum Glück können neuere Versionen von MS Office jetzt auch odt von Libre/OpenOffice lesen und umgekehrt ja schon lange. Bei manchen anderen Programmen geht es aber nicht.
    Insofern wäre es wichtig, bei den Programmen darauf zu achten, dass diese standartisierte, offene Formate benutzen.

    Und ich halte es immer noch wichtig, den SchülerInnen klar zu machen, dass Programme, die bestimmte Formate nutzen, auch einschränken können.
    Und Schulen können damit finanziell abhängig gemacht werden.
    Ich persönliche setze daher vor allem auf OpenSource.

  2. „Meine Aufgabe ist […] zu befähigen“, damit hat Philippe Wampfler recht. Nur sollte er Schüler auch dazu befähigen, möglichst barrierefrei zu kommunizieren. Das ist, so lange man nur mit einem Programm arbeiten kann, nicht der Fall.

  3. Bin auch völlig einverstanden, dass man sich der Formatfrage und den Konsequenzen bewusst sein muss. Aber in der Praxis ist es doch so, dass gerade bei Officeanwendungen schon lange (min. seit 5 Jahren) Flexibilität herrscht. Ich nutze aus Gewohnheit MS Office, auch seit ich Apple-Geräte habe, völlig problemlos, kann das in Pages, odt oder, was ich sonst will, exportieren. Ebenso kann mein Pages die anderen Formate konvertieren. Nur die KollegInnen mit uralten Geräten und wenig Ahnung können ausschließlich .doc öffnen.

  4. „Das ist so eine Art Google Drive, also eine Möglichkeit, online Text- und andere Dateien zu erstellen, zu verwalten und mit anderen gemeinsam zu bearbeiten. “

    Jein. Office 365 ist zum einen ein Abo-Modell für das Office-Paket, statt regelmäßig neue Versionen zu kaufen. Es bietet ebenso einen Zugriff auf OneDrive (das ist das Äquivalent zu Google Drive) und einen Zugang zu Microsoft Office Online, das wiederum ein Äquivalent zu Google Docs, Google Sheets usw. ist (mit Google Drive alleine kann man Office-Dateien eher nicht ohne weiteres kollaborativ bearbeiten, meine ich). Office Online ist m.W. aber auch kostenlos zugänglich.

  5. Danke für den Beitrag.
    Vielleicht muss ich kurz verschiedene Aspekte auseinanderhalten: Ich bin einerseits Experte, andererseits als Lehrer angestellt. Und da gibt es Vorgaben, die ich nicht beeinflussen kann. Office 365 gehört dazu. Nun – grundsätzlich würde ich gerne die Offenheit von Programmen bewahren. Es ist ja realistisch, dass Menschen auf verschiedenen Plattformen und mit verschiedenen Programmen zusammenarbeiten. Deshalb nutze ich für die Schule, wenn immer das geht, Webanwendungen, die in jedem Browser laufen (im besten Fall auch ohne Login).
    Nun ist aber diese Formatdiskussion – es ging um .doxc oder .odt eine sehr theoretische. Egal womit ich Textverarbeitung mache: Das Programm kann mit beiden Formaten umgehen. Wenn ich Formeln einbette, ist das in jedem anderen Programm ein Problem – wenn ich ohne auskomme, sehen die Dokumente in der Regel gleich aus wie in jedem anderen Programm.
    Nur: .docx ist der Standard. Das erwarten alle, das macht Word automatisch etc. Nun unterrichte ich Schülerinnen und Schüler, die diesen Standard erst erlernen müssen. Beherrschen sie ihn, dann kann ich gut einen Schritt weitergehen und ein anderes Format anschauen. Aber als Deutschlehrer möchte ich nicht eine Instruktionsphase für ein Problem verwenden, dessen Relevanz ich den Schülerinnen und Schülern nicht verständlich machen kann.

  6. Ich muss tatsächlich zugeben, aus dem Luxus heraus, an allen Arbeitsorten mehrere Programme zur Verfügung zu haben, bisher wohl zu wenig über diese Frage nachgedacht zu haben.
    Zwar thematisiere ich mit den SuS bei Gelegenheit die Frage der offenen Formate, auch unter dem Aspekt des Wettbewerbs und der Marktbeherrschung der großen Player, aber in der Anwendung habe ich dies dann nie konsequent umgesetzt. (Ich rede mich jetzt mal damit heraus, dass ich nur Deutsch und kein Informatik unterrichte, ähem…)
    Danke für den Beitrag, der mir das wieder bewusst macht – tatsächlich habe ich in meinem Tweet die Programme gemeint und beides vermischt.
    Ich werde im Austausch mit den Schülern mal wieder mehr vorleben, offene Formate zu nutzen.

  7. Proprietäre Dateiformate sind immer kacke. Einige haben sich aber trotzdem zum „Industriestandard“ entwickelt und können von verschiedenen Programmen genutzt werden.
    Natürlich sind offene Standards toll und OpenSource ist eine prima Sache. Aber leider braucht man bei OpenSource immer jemanden, der sich damit auskennt und in der Lage ist den Support zu leisten. Wenn man eine Software kauft, dann kauft man sich damit auch immer die Unterstützung und Wartung ein. Das ist buchhalterisch und organisatorisch im ÖffentlichenDienst einfach einfacher.
    Natürlich kann man sich durch durchsuchen von Foren und Mailinglisten selbst helfen, wenn man es denn kann. Der Normalnutzer hat dazu aber nicht die Muße oder hat das nicht gelernt und auch kein Interesse daran.
    Es ist immer doof eine Software anzuschaffen, nur weil exakt ein Kollege sich gut damit auskennt und das deshalb so bequem erscheint. Wenn der eine Kollege nämlich dann aus Gründen mal nicht mehr ist, kennt sich keiner mehr damit aus.

  8. >Ich muss tatsächlich zugeben, aus dem Luxus heraus, an allen Arbeitsorten mehrere Programme zur Verfügung zu haben

    Das haben meine Schüler und Schülerinnen auch, und da gibt es gar nicht so viele Probleme. (Aber klar, für Präsentation lohnt sich immr eine pdf-Fassung. Wer mit pages kommt, hat kaum eine Chance.)
    Aber die Kollegen: Gerade wenn man viel mit Schnickschnack arbeitet, liest das eine Office die Datei vom anderen doch nicht perfekt. Und schon ist ein Seitenumbruch anders oder ein Textfeld verschoben. Es ist bei Text- statt Layoutprogrammen ja berüchtigt schwer genug, Element überhaupt so zu platzieren, dass sie mal da bleiben, wo sie sein sollen. Die Zusammenführung von Dateien verschiedener Lehrer und Lehrerinnen für gemeinsame Grammatikprüfungen ist ein Alptraum. Ja, das liegt sicher an den Notlösungen, die viele anwenden, etwa bei Zeilennummerierung.

    Ja, die Programme sind besser geworden. Wen ich .docx kriege, stimmt dann doch immer wieder mal etwas nicht, im Briefkopf etwa.

    > Aber leider braucht man bei OpenSource immer jemanden, der sich damit auskennt und in der Lage ist den Support zu leisten

    Ja, Open Source hat viele Probleme. Deshalb will ich keinesfalls allen Open-Source-Programme aufschwatzen. Die offenen Formate sollen sie aber nutzen. — Öffentlicher Dienst, etwa Stadtverwaltungen: das würde jetzt zu weit führen. An meiner Schule hat man jedenfalls weder Support noch Wartung noch Schulung für Microsoft Office mitgekauft.

  9. Kurz gesagt: Ich mache mich nicht von Produkten einer Firma abhängig, verwende keine Software, die mich nicht meine Daten in verwertbarer Form exportieren lässt – schaue also bei RSS-Readern, bei Trello/Padlet-artigen Produkten, bei Blogsoftware als Erstes nach der Exportfunktion, im Idealfall in einen offenen Standard, wenn es denn einen gibt. Und speichere mein Material in solchen Dateiformaten. Das halte ich auch für Schüler, Schülerinnen, Lehrer, Lehrerinnen für wichtig.

  10. Eine mediendidaktische Lektion müsste heute doch sein: die Endung einer docx-Datei zur zip-Datei ändern, um dann … XML zu entdecken.

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