Zweierlei Hybris (aber die eine ist besser als die andere)

Welche Gründe gibt es dafür, dass wir etwas für wahr halten? Deutlicher, wenn auch weniger korrekt: Woher wissen wir, was wahr ist? Leonhard Euler erklärt 1761 im 115. seiner Briefe an eine deutsche Prinzessin (an die sechzehnjährige Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt) zu dieser Frage, dass es dafür drei Gründe gibt:

  1. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen.
  2. Die Logik sagt uns, dass es stimmt.
  3. Man hat es uns glaubwürdig versichert.

Euler betont, dass man sich bei allen diesen drei Anlässen täuschen kann: Man macht sich oft selber etwas vor und kann seinen Sinnen nicht trauen; man sitzt Fehlschlüssen auf; oder man vertraut den falschen Autoritäten.

Als Beispiel für Wahrheiten vom Typ 1 nennt Euler: “So erkenne ich, dass der Magnet das Eisen anziehe, weil ich es sehe und weil es die Erfahrung ungezweifelt beweiset.” Damit greift er allerdings ein wenig zu kurz: Mit eigenen Augen kann ich sehen, dass dieser Magnet zu diesem Zeitpunkt dieses Stück Eisen anzieht (bei dieser Temperatur und bei diesem Luftdruck, obendrein). Wenn ich Aussagen über alle Magneten in allen Situationen treffen will, komme ich mit der Anschauung nicht weit. Da brauche ich zusätzliche Mittel.

(Tatsächlich geht Euler im Text dann in eine Richtung, die mir nicht gefällt, aber das muss ich hier ja nicht schreiben. Wer mich mit meinem eigenen Euler schlagen will, muss das selber nachlesen.)

Eine alter Witz stellt dieses Problem mit der Anschauung und den allgemeinen Aussagen schön dar:

Ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Logiker und ein Mathematiker fahren in einem Zug durch Schottland. Sie sehen auf der Wiese ein schwarzes Schaf. Sagt der Wirtschaftler: „Die Schafe in Schottland sind schwarz.“ Daraufhin korrigiert der Logiker: „Es gibt mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland.“ Verbessert der Mathematiker: „Es gibt mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland, das von mindestens einer Seite schwarz ist!“

Dennoch halte ich den Satz, dass Magnete Eisen anziehen, für wahr, auch wenn ich nicht alle Kombinationen unter allen Umständen ausprobiert habe. Basis meines Glaubens ist ein wenig Erfahrung; etwas Logik; und letztlich auch das Vertrauen an Autoritäten. Die haben nämlich nicht nur viele Beobachtungen angestellt, sondern – das ist die wissenschaftliche Methode – Hypothesen aufgestellt, woran das liegen könnte, das mit den Magneten und dem Eisen; diese Hypothesen wurden im Experiment bestätigt; erfolgreich wurden Voraussagen aufgestellt. Kurz, es gibt eine Theorie, warum das mit den Magneten und dem Eisen so ist.

Auch für die Schwerkraft und die Evolution gibt es solche Theorien: Eine Theorie erklärt, wie etwas funktioniert, sie ermöglicht Voraussagen, ihre Bestandteile lassen sich überrüfen und sind überprüft. “Theorie” hört sich vielleicht zu vorläufig an, aber definitiver geht es in der Wissenschaft nun mal nicht.

Woher weiß man, dass eine Behandlung bei einer Erkrankung wirkt? Die Erkenntnis nach Typ 1 – unmittelbare Erfahrung – hilft da noch weniger als bei einem Magneten, da hier Ursache und Wirkung zeitlich weit auseinanderliegen und sich das System zwischendrin ständig verändert. Es geht einem schlecht, man erfährt eine Behandlung, eine Zeit später geht es einem gut. Das reicht aber nicht für die Behauptung, die Behandlung sei wirksam.

Man darf aus Korrelation nicht auf Kausalität schließen. Post hoc, ergo propter hoc nennt man diesen Fehlschluss. Vielleicht wäre es einem ohne Behandlung ja auch besser gegangen. Und man darf aus einem Einzelfall nicht auf eine allgemeine Regel schließen: Wenn es nach der Behandlung in dieser einen Situation einem bestimmten Menschen besser geht, heißt das nicht, dass das wiederholbar ist, schon gar nicht in anderen Situationen.

Das heißt alles nicht, dass die Behandlung nicht wirkt. Das heißt nur, dass sich das aus der eigenen Erfahrung nicht herleiten lässt. Obendrein täuscht sich selber halt auch sehr leicht. Wikipedia hat diese schöne List of cognitive biases – viele Dutzende verschiedene Möglichkeiten, wie der Mensch sich etwas vormachen kann. Denn genau so, wie es optische Illusionen gibt, gibt es kognitive Illusionen: Da meint man etwas zu erkennen, was gar nicht da ist.

Das ist die eine Form von Hybris: Ich habe das so wahrgenommen, und deshalb ist es wahr. Alle Forschung, alle Theorie, alle anderen Aussagen sind da untergeordnet. Wenn die anderen das nicht glauben, um so besser – ich habe geheimes Wissen, das die MSM (Mainstream-Medizin) nicht wahrhaben will. Diese Hybris kenne ich von einer lieben Kollegin, bei deren Kindern homöopathische Mittel funktioniert haben. (Wir wussten alle, dass es darum gehen würde.) Diese Haltung tauchte erst gestern im Lehrerforum auf:

Ich bin auch so eine Homöopathietante und ich steh voll dahinter.
Entweder konnte die Hömopathie das auffangen oder ich habe ein grundlegend gutes Immunsystem.
In den letzten 20 Jahren habe ich nur 2x Antibiotikum nehmen müssen, 1x bei einer Stimmbandentzündung und 1x bei einer Borreliose.
Allergien habe ich auch so gut wie keine.

Wer denkt so? Was soll das belegen? Ich selber habe 0x Antibiotikum nehmen müssen und habe gar keine Allergien, ganz ohne Homöopathie. Das eine sagt so wenig aus wie das andere. Die eigene Erfahrung zum Maß der Dinge machen: das ist Hybris.

Achten kann ich jemanden, der behauptet, die Wirkung von Homöopathie sei nachgewiesen. Das stimmt natürlich nicht, im Gegenteil, aber das ist wenigstens nur ein Irrtum oder eine Leugnung der Realität – verhältnismäßig achtbare Fehler, bei denen die Hoffnung auf Erkenntnis besteht. Man spricht wenigstens eine gemeinsame Sprache.

Achten kann ich auch jemanden, der zugibt, dass Homöopathie eine Quasi-Religion ist, also damit zufrieden ist, das auf eine Stufe mit Wallfahrten nach Lourdes zu stellen: Es lässt sich nicht nachweisen oder erklären, man kann nur daran glauben. Auch damit kann ich gut leben. “Homöopathie spendet Trost” – soll sein.

Nicht achten kann ich die vielen, die da sagen: Es funktioniert, aber es lässt sich nicht nachweisen oder erklären, weil unserer Erkenntnis Grenzen gesetzt sind.

Anlass dieses Blogeintrags ist einerseits die gruslige Aufzählung von 14 Dumb Health Products Pretending To Be Ancient Secrets, die mir vor inzwischen schon einiger Zeit untergekommen ist: Ach, der Dummheit der Menschen sind so gar keine Grenzen gesetzt. “Aber mir hat’s geholfen.” Man hört da übrigens gerne: “Wer heilt hat recht”, und das ist natürlich völlig richtig, das präsupponiert aber doch gerade das, was man eigentlich beweisen müsste: dass es heilt. Siehe oben.

Anlass ist auch dieser peinliche Clip aus Österreich, den ich neulich bei Twitter gesehen habe:

Und Anlass ist der Bayerische Landtag, der allen Ernstes im Rahmen von mehreren Maßnahmen zum Umgang mit Antibiotika eine Studie beschlossen hat, die untersuchen soll, ob sich Antibiotika durch homöopathische Mittel ersetzen lassen. Die Antwort kann nur lauten: Ja, wenn die Antibiotika ohne Grund verschrieben wurden. Ich weiß nicht, wie oft das vorkommt.

Zugegeben, ich habe auch ein persönliches Problem mit der Homöopathie. Die Theorie dahinter – keine Theorie im wissenschaftlichen Sinn, weil längst widerlegt – beleidigt meine Intelligenz. What the fuck? Ich glaube, wer hier liest, kenn die angebliche Wirkungsweise: Verdünnen, bis nichts mehr da ist; “mechanisches Schütteln”, und wenn’s nicht funktioniert, war’s die Erstverschlechterung. Diese Theorie finde ich beleidigend absurd. Das ist die andere Art von Hybris. Nein, ich kann nicht in Demut verharren vor dem Phänomen der Homöopathie, meinen Geist öffnen und akzeptieren, dass sich das nicht erklären oder verstehen lässt, dass es der wissenschaftlichen Überprüfung gar nicht erst zugänglich ist. Und ich kann nicht die achten, die das tun. (Deswegen trifft die Forderung, Homöopathie solle nicht mehr von Krankenkassen bezahlt werden, auch nicht den Kern: Selbst dann würde mich die Dummheit der Gläubigen noch aufregen. Das ist meine Hybris.)

Allerdings: Wenn die Fachwelt plötzlich sagt, dass Homöopathie wirkt? Wie würde ich reagieren? Würde ich das akzeptieren? Ja, wohl schon. Insbesondere dann, wenn es eine Theorie dazu gäbe – eine Theorie, die auch erklärt, warum bisher die Studien sagten, sie funktioniere nicht. Selbst wenn man noch keine Erklärung für das postulierte Wassergedächtnis und den Verdünnungskram hätte – aber dann gäbe es wenigstens etwas, das man untersuchen könnten.

Im Gegenzug: Würde irgendetwas meine Kollegin davon abbringen können, dass die homöopathischen Pillen ihr/den Kindern/den Haustieren/den Nachbarn geholfen haben? Ich glaube nein, nichts. So mächtig ist die Hybris der eigenen Wahrnehmung.

Dunkle Materie, Gravitonen, Homöopathische Wirkung

Es gibt das beobachtete Phänomen der Schwerkraft, und deshalb wird seit Newtons und (ein halbes Jahrhundert später) Eulers Zeiten eine Theorie dazu entwickelt, mit der sich heute ziemlich gut arbeiten lässt. Euler war übrigens wie viele andere seiner Zeit nicht der Meinung, dass sich Körper anziehen, vielmehr, dass sie gegeneinander geschubst werden. Denn wenn Körper sich anzögen, woher sollte der eine vom anderen wissen? Es ist spannend zu lesen, wie Euler das für die Prinzessin und damit auch mich herunterbricht. Die Frage ist heute auch noch nicht geklärt: Die Theorie postuliert ein hypothetisches Teilchen, das Graviton, das Träger der Gravitationskraft ist, so wie das Photon Träger der elektromagnetischen Kraft. Gefunden hat man es noch nicht.

Auch die dunkle Materie hat man noch nicht gefunden. Das beobachtete Universum verhält sich nicht ganz so, wie es sich nach der Theorie und dem Modell vom Universum, das man sich gemacht hat, sollte. Deshalb wird postuliert, dass es dunkle Materie gibt, da draußen. Die sucht man auch.

Es gibt nicht das beobachtete Phänomen der Wirkung von homöopathischen Mitteln. Die Homöopathie postuliert auch viel, das noch nicht gefunden wurde – das Wassergedächtnis vor allem. Aber dennoch ist der Fall verschieden: Es gibt ja erst einmal gar kein zu erklärendes Phänomen.

Disclosure

Meine Oma hat Kugeln aus Stanniolpapier unters Kopfkissen gelegt, abends stets ein Glas Zuckerwasser getrunken und Nägel in Wasser gelegt, um das dann zu trinken. Letzteres stammt wohl mittelbar von Paracelsus, das erste vom Wunderheiler Brunö Gröning, der in den 1950er in Westdeutschland populär war. (Wikipedia.)

Jan Böhmermann zur Homöopathie

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Nachtrag

Ein User im Lehrerforum schreibt zuerst: “Wenn der Placeboeffekt manchen hilft, ist es doch gut. Ohne Risiken und Nebenwirkungen.” Und ein paar Beiträge weiter: “Die Schulmedizin bekämpft eben sehr schnell und wirksam die Symptome, nicht die Ursache.”

Und das ist die perfide und schädliche Nebenwirkung von Homöopathie, dass man dann solchen Quatsch sagt und wohl auch glaubt und verbreitet.

6 Antworten auf „Zweierlei Hybris (aber die eine ist besser als die andere)“

  1. Danke Herr Rau, für diesen hervorragenden, erhellenden Text!
    Erschüttert bin ich von den Worten eines Herwig Lindner. Heilige Einfalt – was wir nicht wissen, können wir doch ruhig glauben, oder?

  2. Schließe mich dem Lobgesang an, ein wunderbar differenzierter Blogeintrag! Mir fällt dazu immer ein früherer Kollege ein, der fast schon triumphierend frohlockte, die moderne Hirnforschung “hätte Kant widerlegt”, da alle unsere Entscheidungen auf Emotionen und eben nicht auf der reinen Vernunft basieren. Dabei kann niemand wissen, wie der gute Immanuel reagiert hätte: vielleicht hätte er sich ja einfach über die neurologischen Erkenntnisse gefreut und seine Theorie überarbeitet?

    Da habe ich mir dann Gedanken gemacht, wie wir als Gesellschaft mit überholten bzw. widerlegten Theorien umgehen: oft wird der Urheber jener Theorie medial hämisch als Depperle dargestellt oder anderweitig lächerlich gemacht. Das ist schade, weil die hehre Suche nach Wahrheit damit zu einem banalen Wettbewerb um die bessere Theorie degradiert wird (den verlinkten Artikel zu unwirksamen Gesundheitsprodukten nehme ich explizit aus, was Geld kostet UND dabei schadet, darf zurecht bloßgestellt werden…meine Hybris;-)).

  3. Vielen Dank für das Lob, allen.

    Wie Kant moderne Entwicklung gesehen hätte, weiß ich nicht; die reine Vernunft allein ist ja auch nicht ausreichend. Für mich ist ohnehin das Phänomen des Bewusstsein das Spannende, Ungeklärte; weniger, wer die Entscheidungen trifft.

    Überholte Theorien: Das macht den Euler so spannend. Er gibt das Bild einer Zeit wieder, als noch tastend gesucht wurde nach manchem, das wir heute gefunden haben, als es konkurrierende Theorien der Schwerkraft gab. Da ist es nicht falsch, auf die letztlich falsche Theorie gesetzt zu haben. (Das heute immer noch zu tun, das schon.)

  4. Triggered!
    Ja, auch ich bin kein Freund der Homöopathie. Das ganze ist in einem Maße absurd dass es wirklich nur analog zur Religion taugt.
    Interessanterweise wissen das wohl auch die Anwender, denn immer wenn davon die Rede ist und sie sich als Alternative aufspielen wollen, lassen sie die abstruseren Teile der Lehre einfach weg. Das “Organon der Heilkunst” des Homöopathieerfinders Samuel Hahnemann (online kostenlos verfügbar, verschiedene Auflagen) sollte jeder mal durchgelesen haben, vor allem weil es so offensichtlich ins absurde abgleitet.

    Wenn er z.B. meint, das auflegen einer Zinkplatte oder von Magneten für die Veränderung der Wirkungen wäre sinnvoll.

    Oder wenn er in der (IIRC dritten) Auflage von 1824 plötzlich aufzählt was alles die Homöopathischen Mittel unwirksam macht. Wer da irgendetwas erhellendes erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen werden Dinge aufgezählt wie
    – Lesen in waagerechter Lage
    – Spargel
    – Mittagsschlaf im liegen (was hat der Mann gegen das liegen?)
    – Vanille
    – unterdrückter Beischlaf
    – Schafwollene Hautbekleidung
    – Petersilie
    – Onanie
    – jegliche Salate
    – Schaukeln
    – Nachtleben
    – Geflügelfleisch
    usw. Es ist eine lange Liste, und ein Punkt ist so zufällig wie der nächste.
    EDIT: Übrigens steht da IIRC auch irgendwo dass Homöopathie ohne Handauflegen und dergleichen gar nicht funktioniert. Selbst Globuli zu nehmen ist also selbst nach Homöopathischer Lehre unwirksam…

    Einfach nicht Ernst zu nehmen.

    Was die Entscheidung des Bayrischen Landtags angeht , das mit den Antibiotika zu untersuchen:
    Ich sehe da das Glas ausnahmsweise mal halb voll. Wenn die das korrekt machen, dann finden sie vielleicht wirklich heraus, dass man die Antibiotikamenge z.B. durch die Änderung von Hygienevorschriften oder dergleichen reduzieren kann. Und als Nebeneffekt fällt ein weiterer Beweis ab, dass die Homöopathie dazu (wie zu fast allem anderen) nicht taugt.

    Danke für den Artikel!

    Gruß
    Aginor

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