Judith Lynne, Not Like A Lady, 2019 (If you only ever read one Regency Romance…)

Bei Amazon für den Kindle erhältlich. Nachtrag: Jetzt auch auf Papier.

Wikipedia entnehme ich, dass es Trads gibt, traditionelle Regency Romances (“gilt bei vielen Kennern als das intellektuell anspruchsvollste Genre der seriellen englischsprachigen Liebesromanliteratur”). Populärer als Trads seien inzwischen Historicals, das heißt Regency Historical Romances, die entweder ein erhöhtes Maß von sozialem Realismus aufweisen, oder deren Figuren im Gegenteil unhistorisch moderne Wertvorstellungen haben. Und es gibt explizit erotische Szenen.

Ich lese diese Romance, weil eine kluge Studienfreundin aus den USA sie geschrieben hat, und dann interessiert sie mich schon. Zugegeben: Noch nicht gelesen habe ich die Science-Fiction-Bände der Tentakel-Trilogie oder der Kaiserkrieger-Reihe von Dirk van den Boom, Fandomspezl von früher; oder die bisher wohl zwei Bände alternativer Geschichte um ein Deutschland, das den ersten Weltkrieg gewonnen hat und mit futuristischer Technik Europa zu beherrschen droht – weil mir da der befreundete Autor noch verschweigt, unter welchem Pseudonym er sie veröffentlicht hat.

Die Regeln des Genres – alle Genre-Literatur hat Regeln – entdecke ich beim Lesen. Ich mag Genre-Literatur. Der Ausgangspunkt: Letitia (“an appealing armful of delicious womanhood”), die willensstarke einzige Tochter eines verarmten Gentleman, der sich dann aber doch bald eher als notorischer Betrüger herausstellt, begleitet ihr geliebtes Pferd Maggie zu Sir Michael (“raw masculine power in action”), dem es verkauft wurde – in der Absicht, es irgendwie zu retten. Sir Michael ist ein junger Invalide, ein Bein hat er unterhalb des Knies im Seekrieg gegen die Franzosen verloren. Typisch griesgrämig, wird er doch weich beim Anblick der jungen Frau, und auch sie ist sofort von ihm fasziniert.

Aber natürlich klappt das nicht sofort, es gibt Standesunterschiede, Missverständnisse; erst spät ein echter Konflikt und allenfalls in einem Nebensatz mal angedeutet ein anderer junger Mann, der vielleicht Interesse an ihr haben könnte. Aber eigentlich ist das die ganze Zeit über ein Roman über die beiden Hauptpersonen, und auch da ohne allzuviel Drama, da sich die beiden ja sofort mögen und sich (und auch recht früh: einander) das bald eingestehen. In Jane Eyre geht es ebenfalls weitgehend nur um die zwei Hauptpersonen, anders als bei Jane Austen etwa, wo ich mehr Personal in Erinnerung habe – aber dazu kommen bei Jane Eyre Geheimnisse und Brände und finsterere Brauen, als es sie hier gibt. Nicht mal ein großes dramatisches Missverständnis – immerhin, die Heldin rennt davon, aber nur so halbherzig, und wird dann doch bald von ihrem “partly-dressed midnight pirate, Sir Michael of Roseford” auf ein nächtliches Pferd gehoben.

Nebenfiguren: An Sir Michaels Seite gibt es die ehemalige Haushälterin, die als Anstandsdame wieder auf das Anwesen geholt wird, und auf Lettys Seite Anthony, die interessanteste Gestalt – er ist der Vertraute/Begleiter/Diener Lettys, ein Mann mit Vergangenheit, französischstämmig, nennt sie stets “Prinzessin”.

Das letzte Kapitel ist reines Happyend, das vorletzte besteht aus der großen Sexszene, nachdem es vorher schon zwei kleinere, aber ebenfalls deutliche gab. Davor nur wenig Konflikt, wie gesagt, und der erst ab dem letzten Viertel.

Sprachlich habe ich viel gelernt und, berufskrankheit, genau gelesen. Sind Amerikanismen dabei? Ist “grifter” auch in England verbreitet, das ich eher von O. Henry kenne? Auch “snuck” als past tense von “to sneak” taucht, glaube ich, erst später auf. Typisches Vokabular scheint zu sein: her derriere, lightskirt (das war mir ganz neu, ist aber gut belegt – heißt so viel wie: leichtes Mädchen), angemessene Euphemismen für Penis und Sperma: his stand, to spend/the spend.

Hier meine Lieblingsszene, apropos Euphemismen:

“If the burden of society’s disapproval would not fall so disproportionately on you, my lady, I would have importuned you day and night since practically the moment that you arrived. […] I would have importuned you in my bed, and in yours,” he muttered harshly, rubbing his cheek against the side of her neck and then, when her head fell obligingly to the side, nipping at the base of her throat with his teeth. […] “I would have importuned you in the library, the breakfast room, and very likely on the stairs and in the kitchen.”

“Oh my,” Letty breathed into his neck, and tried copying him by biting him on the shoulder, just a little, through his shirt. […]

“I would have importuned you until we were both too tired to move, and then I probably would have tried to importune you more,” he admitted hoarsely into her hair, his hands sweeping down her back to pull him more tightly against him.

Natürlich ist das ein spielerisches Genre, das nicht versucht, historisch korrekt zu sein, sondern zu unterhalten. Und unterhalten war ich sehr, musste oft an die Autorin denken.

Hier ein historischer Vergleichstext, sehr viel weniger lustig; wenige Jahrzehnte vor der Zeit erschienen, zu der Not Like A Lady spielt, aus den Tagebüchern von William Hickey:

My brother was so beastly drunk that at ten o’clock we were obliged to have him carried to bed. He had previously made strong love to Miss Kelly, the girl of twelve years old, at which the mother was greatly enraged. My brother, regardless of her anger, continued his nonsense, swearing the young one’s bosom had already too much swell for a nun, and that no canting hypocritical friar should have the fingering of those little plump globes (clapping his hand upon Miss’s bosom). The mother was indignant at these insinuations, hiccuping out her entreaties that he would cease to use such indecent language and action before her innocent child. ‘Innocent,’ echoed my brother, ‘oh, very innocent to be sure, but she knows a thing or two. However, I’ll take her to bed with me and ascertain how matters are.’ In his endeavour to lay hold of her, he fell upon the floor in a state of insensibility, and then it was we had him carried to his room.

William Hickey, Memoirs of a Georgian Rake, ed. Roger Hudson, London: The Folio Society 1995, p. 272

Im Internet Archive gibt es Band 1, Band 2, Band 3 und Band 4 der Memoiren von William Hickey, verfasst 1808–1810, aber in den behutsam unvollständigen Ausgaben von 1913–1925.

2 Antworten auf „Judith Lynne, Not Like A Lady, 2019 (If you only ever read one Regency Romance…)“

  1. Bin ja kein Fan des Genres aber ich finde die Beispielszene gut geschrieben.

    Zu William Hickey: Ja, das ist schon sehr herb. Das war selbst in jenem Jahrhundert ein gutes Stück entfernt davon, akzeptabel zu sein.
    Erinnert mich ein bisschen an den Faust (“ist über vierzehn Jahr doch alt” und dergleichen), als wir das in der Schule damals gelesen haben waren einige sehr empört. Und irgendwie zu Recht.

    Gruß
    Aginor

  2. An Faust dachte ich nicht, aber klar. Man sieht bei beiden, wie junge Frauen eingeschätzt wurden, wenn sie keinen besonderen Schutz hatten.

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