Historische Didaktik: Lernzirkel nach 1998 über die Literatur nach 1945

Der Ausgangspunkt: Ich habe im Abiturkurs noch zwei Doppelstunden Deutsch vor den Faschingsferien; zum vorangegangenen Termin wurde die mit dem Thema gründlich abschließende Klausur geschrieben: Was als Nächstes, am folgenden Tag, tun? Nachkriegszeit steht im Lehrplan, keine Epoche, auf die ich einen Schwerpunkt legen will. Da erinnere ich mich an einen Lernzirkel zu diesem Thema, den ich 2004 bereits einmal durchgeführt habe und den ich damit noch gespeichert und auf meinem Stick dabei habe. Ich beschließe spontan, den Lernzirkel auszuprobieren – nach der Klausur und vor den Ferien ist das vielleicht auch eine Abwechslung für die Schülerinnen und Schüler.

So ein Lernzirkel erfordert meist einige Vorbereitung, zu der ich keine Zeit habe, aber ich weiß, dass mir der Kurs kleinere Schwächen nachsehen wird. Ein Lernzirkel (Wikipedia) ist eine Unterrichtsmethode, die dem Zirkeltraining im Sport nachempfunden ist: Es gibt eine Reihe von Stationen zu einem Thema, die – alle oder teilweise, eventuell mit Pflicht- und Wahlmmodulen – in mehr oder weniger beliebiger Reihenfolge einzeln bearbeitet werden. Das ist sicher kein selbstgesteuertes oder gar eigenverantwortliches Lernen, erfordert aber dennoch mehr Selbstständigkeit als in anderen Formen des Unterrichts.

Der Lernzirkel entstand „im Januar 1998 im Lehrgang ‚Neue Verfahren im Deutschunter­richt am Gymnasium'“ an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen. Er ist Teil des dort erschienenen Bandes:

Freies Arbeiten am Gymnasium – Materialien mit Anregungen für die Durchführung im Fach Deutsch (zweiteilig Teil A + Teil B) – mit CD-Rom, 1999, 492 S., Akademiebericht Nr. 329 der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen, 22 €.

Diese zwei Bände habe ich wohl anlässlich einer Fortbildung in Dillingen erstanden. Auf der beiliegenden CD gibt es das dort abgedruckte Material, es besteht aus Bilddateien im Format .tif und Textdateien im Format .doc beziehungsweise .rtf. Heute üblicher wären .jpg und zumindest auch .pdf. Bevor ich das Material verwenden und ausdrucken kann, muss ich es erst einmal aktualisieren.

Aktualisierungen für 2020

  • Zuerst aktualisiere ich die Rechtschreibung auf die wichtigsten amtlichen Änderungen ab 1996 (weiter reformiert 2004, 2006 und 2011), insbesondere etwa „daß“ zu „dass“, zumindest außerhalb von Zitaten.
  • Das Original-Dateiformat ist .doc, die Bilder darin zeigt mir das eine Textverarbeitung mit falscher Formatierung an, das andere – der Nachfolger des damals verwendeten Standardprodukts – zeigt sie überhaupt nur in manchen Fällen, da sie als externe Dateien referenziert sind: „So bleiben die Textdateien klein und übersichtlich, die Bilder können leichter nachbearbeitet werden.“ Ich finde die Namen der Bilddateien heraus und platziere sie manuell an der vorgegebenen Stelle. Außerdem passe ich Seitenumbruch an, der nicht mehr immer an der vorgesehenen Stelle geschieht, ändere dabei auch Schriftart und Dateiformat.
  • Ich ergänze Zeilennummern bei den längeren Texten.
  • Bei einer Station soll ein Lexikon zur Verfügung gestellt werden; ich teile stattdessen den Schülern und Schülerinnen mit, dass sie ihr Handy mitnehmen sollen, damit sie im Web recherchieren können. (WLAN stelle ich dafür zur Verfügung.)
  • Bei einer Station soll ein Walkman mit einer Kassette und einem Lied zur Verfügung gestellt werden; ich lade stattdessen das Lied als mp3-Datei in den Moodlekurs der Klasse hoch und verlinke dort zusätzlich ein Youtube-Video mit der Lied-Version.
  • Bei einer Station sollen die Schüler und Schülerinnen einen Filmausschnitt ansehen. Ich verlinke den Film bei Youtube und gebe den Zeitpunkt in Minuten an, den sie sich anschauen sollen. Im Original ist von einer Videokassette die Rede, die man kaufen kann; die Anweisung: „Spulen Sie anschließend das Videoband zurück!“ lasse ich aus sentimentalen Gründen auf den Angaben.
  • Eine Station verlangt einen „Audio-Cassettenrecorder mit Aufnahmemöglichkeit und eine Leercassette“; auch das wird durch das Handy ersetzt.
  • Eine Station verlangt eine „CD-ROM mit Nachschlagewerk“, zu Film beziehungsweise Kunst; auch das wird durch das Handy ersetzt.
  • Keinen Ersatz finde ich für einen Ausstellungskatalog, ich könnte ihn gebraucht für wenig Geld bestellen, aber das dauert zu lange. Auch in digitaler Form gibt es den Katalog nicht.

Interessant übrigens, wie sich der Begriff „Schlager“ verändert hat – die Schüler und Schülerinnen waren überrascht, unter diesem Begriff folgendes Lied zu hören:

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Heute gehören zu einem Schlager wohl Marschrhythmus und Rhythmusmaschine und Bombast. „Capri-Fischer“ zählt dagegen zu ernst zu nehmender Musik.

Verwandte Methoden

Es macht sicher einen Unterschied, wenn man sich physisch von Station zu Station bewegt. Es macht sicher auch einen Unterschied, wenn sich die Stationen medial unterscheiden: Mit Papier, mit Nachschlagewerken, mit Kopfhörern, mit einem Poster an der Wand. Aber strukturell ist der Lernzirkel eigentlich nicht so verschieden von anderen Formen:

  • Statt die Stationen im Raum zu verteilen, kann man sie ersetzen durch einen zentralen Ablageort, an dem sich die Schüle und Schülerinen das benötigte Material holen und dann damit arbeiten (allein oder zusammen), wo sie wollen. So war das in meinem Kurs auch. Zusätzliches physisches Material zu den Arbeitsblättern – Lexikon, Walkman – ist dann ebenfalls zentral an einem Ort.
  • Ebenso gut könnte man jedem Schüler, jeder Schülerin einen eigenen Stapel mit Material in die Hand drücken, also quasi alle Stationen ausgedruckt. (Lexikon etc. weiter zentral.)
  • Ebenso gut könnte jeder Schüler, jede Schülerin das Schulbuch in die Hand nehmen, wenn ein Schulbuch zu dieser Art selbstständigem Stationenlernen geeignet wäre. (Lexikon weiter zentral.)
  • Ebenso gut könnte man auf Papier verzichten und den Schülern und Schülerinnen einen Mebis/Moodle-Kurs mit den Stationenblättern (pdf) anlegen. Sie lesen dann auf ihrem Handy. (Lexikon etc. durch Onlinequellen ersetzt.)
  • Man könnte ein Pdf-Skript erstellen und allen Schülern und Schülerinnen austeilen, statt einen Kurs anzulegen.
  • Man könnte das auch „Webquest“ nennen; sonst keine strukturellen Unterschiede.
  • Oder man macht eine App daraus; sonst keine strukturellen Unterschiede.

Strukturell anders, aber verwandt:

  • Wenn die Stationen aufeinander aufbauen und in bestimmter Reihenfolge zu bearbeiten sind, haben wir einen Escape Room oder ein Leitprogramm – zu letzterem gehören aber noch: Pflicht- und Wahlaufgaben; Kleinschrittigkeit; regelmäßige und schnelle Rückmeldung zur Korrektheit der Lösung; Weiterarbeit erst bei ausreichender Be- und Erarbeitung des Vorangehenden. Auch auf Papier oder als Moodlekurs.

Früher hätte man das noch ergänzt um ein Scrapbook oder zu erstellende Poster; heute kann ein Kurs Dokumente erstellen – Text- und Audio, aber auch Video oder Präsentation oder Lerntagebuch.

4 Antworten auf „Historische Didaktik: Lernzirkel nach 1998 über die Literatur nach 1945“

  1. Lieber Thomas, H. wird Deine Beiträge zum Unterricht vermissen, wenn Du im Sabbatjahr bist.
    Hoffentlich nehmen obigen Beitrag viele KollegInnen als Anregung. Es ist ja gut, dass es .doc-Dateien sind, mit .pdf täte man sich schwerer bei der Anpassung, da nicht jede/r die entsprechende Version zum Verändern hat.
    Die Vorbereitung der Vorbereitung sieht vom Umfang beinahe wie eine eigene Vorbereitung aus.

  2. Noch plane ich, Hauptschulblues, auch im Sabbatjahr – Daumendrücken, es ist ja nicht sicher – weiter zu bloggen. Aus dem aktuellen Unterricht erzähle ich nicht mehr so viel wie früher, wohl weil es Twitter gibt und weil sich ohnehin viel weiderholt, aber doch noch ein bisschen.

    Ja, pdf sicher nicht alleine, aber dann hätte man das Material (mit Bildern) zumindest unverändert benutzen können. – So viel Vorbereitung war das nicht, es musste ja schnell gehen, und den Lernzirkel hatte ich ja schon einmal 2003 gemacht. Und Dokumente bearbeiten und hochladen geht fix bei mir.

  3. Recht nostalgisch. Ich erinnere mich daran, wie mein Freund und ich planten, Zeitungsausschnitte einzuscannen!
    Nur bei der schnellen Änderung von apps und Dateiformaten werden bei älteren Unterrichtseinheiten weiterhin Anpassungsmaßnahmen nötig sein, die nicht jedem liegen.

  4. @Herr Rau
    Gerne gelesen (und bei der Passage mit der Einbettung der Bilder ein wenig Mitleid gehabt und beim sentimentalen Zurückspulen geschmunzelt).

    @Fontanefan
    Das ist wirklich problematisch. Ich bereite darum auch – obwohl für den Mac tolle Software bereitsteht – immer in Text-Dokumenten oder ähnlich breit verbreiteten Formaten (PPTX) vor.

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