Über die verschiedenen fehlgeschlagenen Versuche der Illuminaten, mich zu kontaktieren

Auslöser war ein Anruf heute, auf dem Telefon (huch!), unter der Nummer, die hier in meinem Impressum steht. Das ist eine von mehreren Nummern, die alle zum gleichen Apparat führen. Frau (Home Office) Rau ging ran, weil ich gerade in einer Videokonferenz war; aber dann musste doch ich sprechen.

Ein Herr erkundigte sich nach den Illuminaten, da ich in meinem Blog so viel über die geschrieben hatte. (Hier, aber auch andernorts.) Er habe eine spirituelle Erfahrung oder Begegnung mit ihnen gehabt und suche nach Gleichgesinnten. Ich reagiere spontan nicht sehr lustig oder ironisch, erklärte also, dass ich viel über die echten und die popkulturellen Illuminaten wisse, dass es die nicht in einem sinnvollen Sinn gebe (aufgelöst Ende des 18. Jahrhunderts, als Studentenulk wiederbelebt in den 1960er Jahren), dass die Kommentare in meinem Blog Betrugsversuche seien, und dass ich ihm viel Glück bei seiner Suche wünsche.


Der erste Brief einer Geheimorganisation an mich ist nicht überliefert. Ich war vielleicht fünfzehn Jahre alt, hatte Stefan B. und Karl-Heinz Z. im Verdacht, und ebenso im Verdacht, mir den Brief wieder entwendet zu haben, vielleicht ist er auch verloren gegangen – genug, es gibt keinerlei Zeugnisse und ich kann mich an kaum etwas erinnern.


Der zweite Brief kam von Udo aus dem Sauerland, da war ich siebzehn:

Ich bin damals zur Post am Hauptbahnhof, weil da sämtliche Telefonbücher für ganz Westdeutschland auslagen, und las mich durch das Telefonbuch von Warstein/Suttrop, um den Inhaber der vierstelligen Nummer ausfindig zu machen. Hätten Sie doch auch getan? So viele Anschlüsse gab es da ja nicht.


Außer Konkurrenz, weil anderer Hintergrund: Eine Nacht lang Trenchcoat tragen.


Ende 2017 bekam ich meine bis zu diesem Anruf letzte Nachricht eines Geheimbundes. Es kam in der Post, Poststempel Augsburg, meine Heimatstadt: Ein auf einem Farblaserdrucker beidseitig ausgedrucktes Blatt, gefaltet und die Seiten aufgeschnitten, mit Heftklammern sauber zusammengehalten, so dass ein kleines Heftchen, eine Broschüre daraus wurde.

Der Inhalt: Eine Räuberpistole um Verschwörung und Geheimbund und abgesetzte Könige, wenn ich mich richtig erinnere, in einem fiktiven Land, mit einem fiktiven Titel. Dazu der Slogan “sapere aude” in interessantem Design. Die Handlung erinnerte mich ein wenig an das Buch “S.” von J.J. Abrams und Doug Dorst (Blogeintrag), aber vielleicht trügt mich meine Erinnerung da.

Der Text enthielt unter anderem ein leichtes kryptographisches Rätsel, und ein schwereres – an dem ich scheiterte. Das war mir peinlich. Ehrlich gesagt, das sah nach einer Werbeaktion oder einem Scherz aus, durchaus gut gemacht, aber nichts, das eine echt schwierige Verschlüsselung erwarten ließ. Dennoch, ich fand die Lösung nicht – und ja, ich habe auch mit CrypTool gearbeitet und hatte außerdem gedacht, dass ich zumindest in die Basics der Verschlüsselung eingestiegen war. Hybris, reine Hybris.

Die Broschüre enthielt auch den Link zu einer Webseite unter eigener Domain, auf der man aber nur die Vorlage für die Broschüre als Pdf-Datei herunterladen konnte, zusammen mit einer Bastelanleitung. Die dort herunterladbare Broschüre war, wie meine auch, deutschsprachig. Ich gab irgendwann mal auf und vergaß das ganze, bis ich heute daran erinnert wurde.

Dann nahm ich meine Recherche wieder auf; weit führte sie wieder nicht. Aber:

  • Die damalige Domain ist im Dezember 2020 (glaube ich) frei geworden, also gibt es nichts mehr unter dieser Adresse.
  • Erstmals in Erscheinung getreten ist sie im November 2017.
  • Ich habe sie mir geholt, aus sentimentalen Gründen.
  • In der Wayback Machine des Internet Archives gibt es Belege für den aktiven Zeitraum, mit dem Seiteninhalt, an den ich mich erinnere und den ich damals anscheinend nicht gespeichert habe, schlampig von mir.
  • Die Inhalte auf dieser Domain, es handelt sich lediglich um eine Seite, werden von einer externen Filehoster-Site aus eingebunden.
  • Die Inhalte sind unter einer CC-Lizenz freigeben; es gibt ein Impressum mit einer E‑Mailadresse und der Ankündigung, es handle sich um eine spielerische Einführung in Verschlüsselungstechnik (was gut zum Tonfall insgesamt passt; es klingt nicht nach Betrugsversuch oder echten Spinnern).
  • Die ursprüngliche pdf-Datei lässt sich über den externen Hoster auch heute noch herunterladen, allerdings ist in der Wayback-Machine-Fassung eine englischsprachige Version und nicht wie bei mir damals eine deutschsprachige Fassung verknüpft; die englische Fassung trägt einen anderen Titel.
  • Die Grafiken zur Anleitung zum Falten des Buchs tragen deutsche Dateinamen, was den Verdacht nahelegt, dass es sich ursprünglich um ein deutschsprachiges Projekt handelt (die Kryptogramme im englischen Text habe ich mir noch nicht angeschaut). Auch der so liebevoll formatierte Schriftzug “sapere aude” fehlt in der englischen Fassung der pdf-Datei.

Ich erwähne das vor allem deshalb, weil ich weder auf Twitter noch sonstwo im Web Hinweise auf dieses Projekt finde. Der ziemlich eindeutige Projektname ist in der deutschen Fassung ein Unikat, ich habe keinen signifkanten Treffer in Suchmaschinen gefunden, allenfalls Fehltranskriptionen in Dokumenten, die nichts damit zu tun haben. Hat niemand je etwas darüber geschrieben oder bin ich zu blöd, das zu finden? Das Projekt sah mir doch nach einigermaßen Reichweite aus.

Wenn man nach dem englischsprachen Projektnamen sucht, der auch der Name der Domain war, findet man exakt einen signifkanten Treffer – in einem Spielerforum, wo sich ein Forenmitglied danach erkundigt, ob jemand von dieser Sache gehört habe. Es hatte niemand, vor der Webseite wurde gewarnt (“wer weiß, was man sich beim Herunterladen da einfängt”), das war’s.

Den Namen verrate ich extra nicht. Ich finde, so viel Geheimnis gehört respektiert. Wenn ich das an Klausis Krytop Kolumne schicke (das bekannteste Blog zu Kryptographie in Deutschland, glaube ich), wäre das sicher bald gelöst, aber ein bisschen will ich noch träumen. Und mich vielleicht doch irgendwann noch einmal an das ungelöste Kryptogramm machen.

Ironisches Reden

Über fünfzig deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen haben an einer Aktion teilgenommen, bei der sie ironisch-sarkastisch-zynisch (darüber wird man streiten) eine (ihre?) Unzufriedenheit mit Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie demonstrierten: in übertriebener Form forderten sie immer mehr und strengere Maßnahmen.

Das ist die verhältnismäßig neutrale Beschreibung, und im besten Fall sah das so auf dem Papier und dort vielleicht nach einer brauchbaren Idee aus. Was herauskommen ist, ist unglücklich und peinlich. Es hagelt berechtigte Kritik von den meisten Seiten und Lob und Zuspruch von den Spinnern und Rechtsnationalen. Manche der Teilnehmenden rudern zurück, andere buddeln sich noch tiefer hinein.

Man hätte vorher mehr nachdenken können. Der Schauspieler Khodr Kida Ramadan, der ebenfalls für das Projekt angefragt wurde, erklärt das so (das erste Mal, dass ich etwas von Instagram einbette, ich hoffe, das geht halbwegs):

Mich erinnern die ursprünglichen Videos an einige Abiturreden, die ich im Lauf meiner Schulzeit erlebt habe. Nicht die echt kritischen, die fast schon ein Eklat sind, da wurde ich anderthalb mal Zeuge. Allen Respekt dafür. Ich meine eher die, die versehentlich daneben gehen – versehentlich vielleicht, absehbar sicher, so wie auch hier. Das waren dann jeweils Schüler, die auf die eine oder andere Weise unzufrieden waren mit der Schule. Zusammen mit der Gelegenheit, vor allen anderen auf einer Bühne zu stehen, führt das mitunter zu Ironie.

Unzufriedenheit: Man kriegt irgendwie nicht, was man gewohnt ist, und auf das man aber Anspruch zu haben glaubt. Durch Ironie baut man ein Schutzschild auf, implausible deniability, hat man ja doch gar nicht so gemeint. “Das war doch Ironie,” und dann darf man sagen, was man will. Überhaupt: Die Kritik hätte schon vorher kommen können, und in anderer Form, bei den Abiturreden wie bei den Schauspieler:innen, aber da war nichts. “Man darf ja nichts sagen”, heißt es auch bei beiden – “aus Angst vor schlechten Noten” oder aus Angst, gecancelt zu werden – beides Ausreden.

Aber alle können ja noch lernen, Abiturredner sowieso und auch Schauspieler:innen. Das war vielleicht dumm und ungeschickt, aber man muss auch eine Gelegenheit zum Rückzug lassen – finde ich. Das beutelt einen ja sicher auch, so einen, na ja, Fehler zu machen, so öffentlich. Allerdings habe ich das nicht im Detail verfolgt – ich kenne ohnehin, ahem, fast niemanden von diesen Leuten.

Vergnügliche Stunden in der Schule (für mich)

Englische Konversation, 11. Klasse, heute: Eigentlich schob ich nur kurz ein, dass viele Schüler und Schülerinnen, die ansonsten eher britisches Englisch sprechen, das intervokalische [t] lenisiert aussprechen, also fast wie ein [d]. Das heißt, sie sprechen “hot” [h​​​ɒt​] aus und “hotter” [‘hɒdə] – das stößt mir jedesmal auf. Das gibt es im amerikanischen Englisch, ja. Aber der Vokal ist ist bei den Schülern und Schülerinnen nicht zum amerikanischen [a] geworden. Also kurze Wiederholung zu stimmhaften und stimmlosen Konsonanten und zu Auslautverhärtung – dem Phänomen, dass ursprünglich stimmhafte Konsonanten am Wortende stimmlos werden, so dass sich “Pferd” auf “Wert” reimt, aber eben nicht “Pferde” auf “Werte”. Das befolgen Deutschsprechende erst einmal auch, wenn sie Englisch reden, wo es das Phänomen nicht so gibt.

Ein Schüler meinte dann, in England würden die doch eh alle [‘hɒʔə] sagen, also mit einem glottalen Plosiv, glottal stop, Glottisschlag. Deshalb weiter: Nein, vor allem und typisch in Südlondoner Akzent, aber auch im Aussterben begriffen. Aber der Glottisschlag ist so ein interessanter Laut, da holte ich mir die Erlaubnis zum Ausholen.

Den Laut gibt es im Deutschen auch, sogar häufig. Wir haben aber keinen Buchstaben dafür. Zwischen “be-inhalten” und “Spiegel-ei” ist dieser Laut, und zwischen “hin-auf” – außer man sagt “hi-nauf”, was inzwischen sicher häufiger ist. Aber auch zwischen nicht zusammengesetzten Wörter steht vor einem Vokal oft dieser Laut: zwischen “mein Auto” – außer man sagt “mei-Nauto”. Das ist empfohlen, wie auch geübte Vielsprecher einen Halbvokal wie [w] oder [j] als gleitenden Einstieg in einen Vokal wählen, eben um den Knacklaut zu vermeiden, der auf Dauer nicht gut für die Stimmbänder ist.

Auch die Aussprache von “Schüler:innen” oder “SchülerInnen” ist mit diesem Knacklaut kein Problem – man darf ja gerne dagegen sein, aber bitte nicht mit dem Argument, das könne man ja nicht aussprechen.

Diese Wort-Abtrennungen wie “mei-Nauto” gab es im Englischen auch, so dass “a nadder” (die deutsche Natter) zu “an adder” wurde und “an eke name” (ein, uh, auch-er Name) zu “a nickname”. Aber, was hat “eke” mit “auch” zu tun?

Also gut, schnell noch 2. Lautverschiebung und danach auf Wunsch auch noch die 1. eingeschoben. Grimm kennen sie gerade eh aus der Romantik. Das kann ich alles auswendig, und früher war die indoeuropäische Sprachfamilie sogar mal Stoff in der 8. Klasse. Vor der kompetenzorientierten Entschlackung der Lehrpläne.

Deutsch, Q11: In der darauf folgenden Doppelstunde ging es um E.T.A. Hoffmann, “Der Sandmann”. Ich hatte eh schon etwas zur Motivgeschichte vorbereitet, angefangen mit Hypnos und Morpheus. Aber ein mythologisch interessierter Schüler kam mir zuvor: Er hatte gelesen, dass in der germanischen Mythologie Schlaf und Traum als Sendboten galten, und das Wort Sandmann von “Sendbote” komme. Ich äußerte Skepsis, fand dazu aber zwei Zeilen auf Wikipedia (ohne weitere Quelle). Aber immerhin. Ich blieb bei meiner Skepsis, bat den Schüler, das weiter zu recherchieren.

Am 10. April 2010 erweiterte der Nutzer “Jbergner” den Beitrag “Sandmann” unter anderem um folgende Zeilen: (nein, aber so ähnlich jedenfalls):

Für die [[Germanen]] waren der Schlaf und der Tod Geschwister. Beide wurden als ”Sandmann” (”Sendbote”) bezeichnet.

Und seitdem steht das da wohl so. Der Text hat sich nur wenig verändert bis heute; es finden sich etliche Stellen im Web, die das gleiche behaupten – aber nie mehr, und nie mit genaueren Quellenangaben, so dass ich vermute, dass die alle auf eine einzige Quelle zurückgehen, nämlich Wikipedia. Und die wiederum geht vielleicht zurück auf Hans-Jürgen Möller, Psychiatrie und Psychotherapie, Ausgabe von 2005, S. 295 – da steht, ganz nebenbei, das mit den Sendboten. Diese Quelle fand und schickte mir der Schüler.

Natürlich bin ich kein Experte, und natürlich ist es so, dass Lehrkräfte vielleicht zu oft davon ausgehen, dass etwas, das sie nicht kennen, gar nicht stimmen kann. Und doch bleibe ich bei meiner Skepsis. Im Sandmann-Beitrag in der Enzyklopädie des Märchens (15 Bd.) habe ich nichts dazu gefunden; wenn man im Web auf Englisch sucht, findet man gar keine solche Behauptungen.

Aber der Schüler und ich, wir recherchieren weiter, und vielleicht findet sich ja jemand, der sich in germanischer Mythologie auskennt – und in der Etymologie von “Sandmann”.

Impf-Ungeduld und Testen in der Schule

Seit Anfang dieser Woche (also nach den Osterferien) kommen in Bayern ab einer 7‑Tage-Inzidenz von 100 nur die Abschlussklassen in die Schule, das heißt fürs Gymnasium: die Kurse der 11. und 12. Klassen, und das jeweils abwechselnd nur in halber Besetzung. Außerdem müssen sich diese Schüler und Schülerinnen alle in der Schule im Klassenzimmer mit einem Selbsttest auf eine Covid-19-Infektion testen. Vor den Osterferien war das als freiwillig angekündigt, aber das ist lange her.

Ich finde es sehr lästig, dass ausgerechnet diese beiden Jahrgangsstufen in die Schule kommen. Gerade die kämen noch am besten ohne den Sozialkontakt aus und gut mit dem Distanzunterricht zurecht. Aber gut.

Getestet werden muss mindestens zweimal in der Woche. Da bietet sich tatsächlich der tägliche statt wöchentliche Wechsel der Kurshälften: bei uns wird einfach jeden Morgen getestet, in der jeweils ersten Stunde der Schüler und Schülerinnen. Wenn das erst in der dritten Stunde ist, muss man das halt mitkriegen; das geht aber schon.

Ohne Husten und Niesen laufen die Tests aber nicht ab. Deshalb Fenster auf, Desinfizieren, Augsburger Puppenkiste, dauert zehn Minuten mit Vorbereitung – dann muss man nur noch daran denken, nach einer Viertelstunde auf die Ergebnisse zu schauen. Das vergesse ich gerne mal. Ansonsten bei uns: sehr viel Aufwand, sehr gute Organisation. Aber insgesamt alles undramatisch.

(Anders ist das an anderen Schulen – die Schulleiterfreundin von Hauptschulblues berichtet.)

Bisher hatte ich kein Positiv-Ergebnis in einem Kurs. Müssen wir tiefer bohren? Vermutlich rechnen landauf, landab alle Schüler und Schülerinnen bedingte Wahrscheinlichkeiten aus – wenn ich ein Positiv-Ergebnis kriege, ist es wahrscheinlicher, dass ich infiziert bin (sehr unwahrscheinlich) und der Test das anzeigt (sehr wahrscheinlich), oder dass ich nicht infiziert bin (sehr wahrscheinlich) und der Test das falsch anzeigt (unwahrscheinlich)? Bei uns werden jeden Tag hundert Schüler und Schülerinnen getestet, ungefähr, und da müsste man eigentlich schon immer wieder mal ein paar falsch-positive Ergebnisse erwarten.

Der tägliche Wechsel und das zweitägliche Testen ist auch insofern gut, als der Test erst dann korrekt eine Infektion signalisiert, wenn man schon einige Tage infiziert und bereits infektiös ist. Ein “negativ” am Mittwoch sagt also nur, dass man, vielleicht, am Montag noch nicht infiziert war, ein “positiv” am Freitag sagt, dass man vielleicht schon am Mittwoch jemanden angesteckt hat. Es geht also nicht darum, konkret Schüler:innen und Lehrkräfte unmittelbar zu schützen, sondern einen möglichen Ausbruch rasch zu unterdrücken. Das sehe ich sogar ein.

Und dennoch werde ich jetzt langsam ein bisschen impfungeduldig. In Augsburg, lese ich, fangen sie jetzt schon mit Prioritätsgruppe 3 an. Und im Lehrerforum höre ich von Lehrkräften an Gymnasien, die bereits Impfangebote erhalten haben. Ich bin auch Gruppe 3, als Lehrer am Gymnasium. Außerdem bin ich bald Mitte fünfzig, übergewichtig, habe Bluthochdruck – ich würde jetzt auch gerne mal. Hab mich schon mal höflich ganz vorsichtig bei der Hausärztin gemeldet, dass ich also schon würde, wenn ich könnte; aber es gibt natürlich wenig Dosen dort. Nun, ich stehe auf der Liste.

Ich könne es allen, die bereits geimpft sind, und es gitb sicher viele Fälle, die noch vor mir drankommen sollten. Aber ich werde ungeduldig.

Nachtrag: Ein paar Stunden später kam tatsächlich eine Mail mit Einladung zur Impfterminvereinbarung. Die lesen aber nicht mein Blog, oder? Jetzt muss ich nur noch von der Hausärztin starkes Übergewicht und Bluthochdruck bestätigen lassen.

Intensive und extensive Beschäftigung mit Lektüre: Avengers 142

Im 18. Jahrhundert änderte sich auch das Leseverhalten in Westeuropa, soweit ich weiß. Davor lasen viele Leute nur wenige Werke, oft erbauliche, und vor allem die Bibel; diese wenigen Werke dafür aber um so gründlicher: intensive Lektüre. Mit wachsender Alphabetisierung, mit der schnell wachsenden Popularität von Romanen las man danach viel und schnell und gierte nach Fortsetzungen und neuen Romanen: extensive Lektüre.

In meiner Kindheit und Jugend las ich viel, und wenn ich auch immer wieder zu bewährten Lieblingstexten griff und diese wieder und wieder las, intensiv, dann insgesamt doch wahrscheinlich extensiv, stets auf der Suche nache Neuem. Bei Musik und sogar bei Film war das teilweise anders. Da hörte ich ein Lied, eine Platte dutzendfach hintereinander an, schrieb die Liedtexte mühsam heraus und kaute so auf jedem Wort herum. Das war eine intensive Beschäftigung damit, bei der ich viel gelernt habe. Auch die Kindheitskassetten mit Hörspielen wurden wieder und wieder zum Einschlafen gehört, allein schon, weil es nicht so viele davon gab. Und da schon seit früher Kindheit – wir reden von den späten 1970er Jahren, meine Damen und Herren – ein Videorekorder im Haus war, gab es auch Filme, die ich immer wieder ansah. Es war eben keine enorm große Anzahl an Filmen. Auch dabei habe ich viel gelernt.

Und dann waren da meine Marvel-Superheldencomics. Sind 100 Hefte Fortsetzungsgeschichte, bei denen doch immer wieder das gleicher geschieht, nur scheinbar anders, eigentlich ein Text – intensive Lektüre – oder verschiedene – extensive? So oder so, ich habe intensiv gelesen, alle Hefte mehrfach, allein schon, weil ich das gemeinsame Universum nicht gut genug kannte und erst mal alle Zusammenhänge verstehen wollte.

Ein besonderer Fall war meine spärliche Sammlung originaler US-Hefte, ein paar aus dem Urlaub, ein paar von Flohmärkten. Die habe ich wieder und wieder gelesen, vor allem wieder, weil ich nur wenige davon hatte. Außerdem kannte ich viele Wörter nicht und suchte sie zu erschließen. Vor allem war es aber so, dass viele dieser amerikanischen Originalhefte, auch wenn sie teilweise älter waren als meine deutschen Hefte, in deren fiktionaler Zukunft spielten – Die Rächer waren in Deutschland 1978 mit der Entsprechung zu Heft Nr. 101 eingestellt worden, und das amerikanische Heft Avengers 142 aus dem Jahr 1975, lange Zeit mein einziges altes US-Avengers-Heft, war gleichzeitig Zukunft und Vergangenheit. Was mochte inzwischen, also seit Heft 101, passiert sein?

Avengers 142 ist obendrein eine Zeitreisegeschichte. Ein paar der Avengers sind in der US-Vergangenheit im Wilden Westen und treffen dort auf Kid Colt, the Two-Gun Kid, the Ringo Kid und natürlich Rawhide Kid und Night Rider (vormals Ghost Rider, nachmals Phantom Rider; lange Geschichte). Und diese Western-Helden kannte ich zum Teil schon! Neue Wörter, die mir in diesem Heft begegneten und an denen ich lernte: Owlhoots, savvy, ethereal, palooka, butte, throttle, polecat, pardner, fancy. Wobei fancy, das begegnete mir in der Zeit immer wieder, auch in sichtlich unterschiedlichen grammatischen Kategorien. – Geübt auch, aber wohl nicht neu gelernt: “thou”, “he standeth” und andere ältere Formen, wie Thor sie gerne benutzt, darunter auch “enow” statt “enough”. Shakespeare im Leistungskurs Englisch ein paar Jahre später war dann kein Problem. – Aber wer war diese komische kahlköpfige Frau, die ich nur von einem Quartett her kannte?

Der zweite Teil der Handlung betraf die Gegenwart, auch die für mich verrätselt bekannt-unbekannt, vergangen-zukünftig: Die Squadron Supreme hatten die Rächer gefangen genommen, unter Mitwirkung der bösen Roxxon Corporation, deren Name mir schon mal begegnet war. Die Squadron Supreme waren Superhelden aus einer Parallelwelt, sehr an die Gerechtigkeitsliga von DC angelehnt, entstanden aus einem inoffiziellen Crossover. Davor (Publikationsreihenfolge) bzw. danach (in-world) gab es allerdings die gleich aussehende Squadron Sinister, lange Geschichte, hat etwas mit Parallelwelten zu tun. Schuld am aktuellen Schurkentum der an sich guten Squadron war wieder einmal die Serpent Crown, auch das eine lange Geschichte, deren Fährte ich zum ersten Mal in den ganz alten Hit-Comics aufgenommen hatte.

Gezeichnet war das alles übrigens von einem jungen George Pérez, leider nicht besonders gut getuscht von Vince Colletta. Aber die Layouts von Pérez erkenne ich sofort wieder, jetzt, wo ich jüngere Werke von ihm kenne.

Hier wird das Heft besprochen: http://marveluniversity.blogspot.com/2015/04/december-1975-part-one-long-awaited.html

Exkurs: Western-Helden

Im Golden Age der spätern 1930er und 1940er Jahre gab es viele Superhelden-Comics. In den 1950er Jahren waren sie suspekt geworden. Anders als die Horror-Comics, mit denen zusammen sie verfolgt wurden, starben sie nicht ganz aus, aber die Verlage setzten in dieser Phase auf Comics mit Liebesgeschichten oder Western. Und diese Westernhelden überlebten bis weit in das Silver Age, wie die Renaissance der Superhelden mit dem Aufstieg der Marvel-Comics auch heißt – teils mit neuen Geschichten, teils mit Nachdrucken. Zu den bekanntesten gehörten: Kid Colt, Rawhide Kid, Two-Gun Kid, Ringo Kid. Dabei waren Kid Colt und Ringo Kid für mich stets austauschbar, hatten keine Eigenschaften, die ich mir gemerkt hätte; Two-Gun Kid hatte immerhin eine kleine Maske und eine Geheimidentität, fast wie der Lone Ranger. Die einzige Figur, die anders war als die anderen, war Rawhide Kid.

Warum eigentlich? Es muss die spezielle Lederkluft gewesen sein. Keine Maske, aber trotzdem nicht so gar cowboyhaft wie die anderen. An die Geschichten mit Rawhide Kid, die ich gelesen habe, kann ich mich nämlich gar nicht erinnern. Sie werden nicht gar so anders gewesen sein? – Er wurde immer wieder mal aus der Klamottenkiste geholt, 2003 in einer allerdings nicht besonders guten Miniserie als schwul inszeniert. Seitdem taucht er immer mal wieder auf.