Telefonspiele in der Oberstufe

Zwei Themen behandle ich gerade im Englischunterricht der elften Klasse – erstens Indien: Vorgabe war ein englischsprachiges Land außer UK/US; ich hatte auch noch Irland angeboten, die Schüler Südafrika, Australien oder Neuseeland, aber bei der Abstimmung kam dann doch Indien heraus. Was weiß ich über Indien? Nicht viel. Salman Rushdie, Rohinton Mistry (aber da ist das meiste vergessen), Slumdog Millionaire, viel Kipling, ein Sachbuch, also nichts. Und ich lese, vielleicht meine beste Quelle, was Mademoiselle Readon auf Read on my Dear, read on. über Indien schreibt, etwa Eine Banane – ich muss mal die älteren, englischsprachigen Texte durchgehen, ob da etwas für meine Schüler und Schülerinnen dabei ist.

Im Buch gibt es etliche Texte und vor allem auch Hörverstehenstexte dazu, bei mindestens zwei davon geht es um call centers.

Das zweite große Thema ist die mündliche Schulaufgabe, die irgendwann nach den Pfingstferien ansteht. Habe ich noch nie gemacht, ich weiß nur, dass es eine Aufwärmphase, einen kurzen Einzelvortrag und dann vor allem einen Dialog zwischen den beiden gleichzeitig Getesteten gibt.

Da bietet es sich doch an, auch hier ein bisschen Telefonieren zu spielen. Die Schülerinnen und Schüler kriegten einen Dialog und ein paar Telefonfloskeln und sollten dann eigene Dialoge schreiben, etwa ein Kundengespräch bei Erwerb und Ausstattung einer geheimen Superschurken-Festung oder beim Inselkauf (für eben jene geheime Festung) – siehe Punkt 4 unter 6 Companies That Are Clearly Catering to Supervillains. Aber natürlich konnte es auch einfach nur ums Pizzabestellen gehen – obwohl das keiner mehr am Telefon macht.

— Nachdem in der Folgestunde die meisten Schüler und Schülerinnen ihre Dialoge vorgelesen hatten, wurden wir immer wieder durch Telefonanrufe unterbrochen. Und das kam so: An meiner Schule gibt es in jedem Klassenzimmer ein Telefon – man kann von diesen zwar nicht andere Klassenzimmer anrufen, wohl aber etwa von der Bibliothek aus angerufen werden. Und da hatte ich eine sehr gut sprechende Schülerin hingesetzt, unbemerkt von den anderen; es war die erste Stunde des Tages, da ging das gut.

Vor ein paar Jahren habe ich das schon mit einer 6. Klasse gemacht und darüber gebloggt… kurz nachgeschlagen: 2009 war das, schon länger her, aber seit damals hatte ich nun mal fast kein Englisch mehr. Für die 11. Klasse musste ich das nur wenig abwandeln. Die Vorgehensweise:

  • Die Schülerin erhielt eine Klassenliste.
  • Und ein Blatt mit allgemeinen Anweisungen: Alle drei Minuten oder so anrufen, ein Schüler geht ans Telefon, Namen erfragen, ausrichten lassen, dass man eine andere, jeweils vorher ausgewählte Schülerin sprechen will, dieser dann einen Auftrag geben. (Im Klassenzimmer wird dann dieser Auftrag den Mitschülen wiedergegeben und dann ausgeführt.)
  • Dazu ein Blatt mit kurzen Aufträgen, darauf in Stichpunkten die jeweils nötigen Informationen:
    • Name des Anrufer/der Anruferin: z.B. Robert Johnson/Elizabeth Perkins (je nach Geschlecht)
    • Der Auftrag: z.B. Nachfragen, ob genug Kreide da ist; Kreide holen lassen aus dem Lehrerzimmer. Oder: Nachschauen, ob es für die Q11 heute Stundenplanänderung gibt. Oder: Nachschauen, was es zum Mittagessen in der Mensa gibt. Oder: Versuchen Sie, die Teilnahme an einem Trainingsseminar für Vorstellungsgespräche zu verkaufen, Uhrzeit usw. angegeben.

(Wie diese Aufgaben konkret aussehen, sieht man auch in dem Blogeintrag von 2009.)

Hat alles funktioniert und war sehr lustig, zumindest für mich, und hoffentlich auch für die anderen. Diese Telefone werden sonst nämlich fast nie benutzt; wir möchten auch nur ungern wegen Nichtigkeiten im Unterricht gestört werden. (Will heißen, einen Nichtigkeitentelefonierer gibt es demnach schon.)

Was Schüler und Schülerinnen übrigens gar nicht gut können: sich den Namen des Anrufers geben lassen, ihn sich eventuell buchstabieren lassen und ihn aufschreiben. Selbst beim vierten oder fünften Anruf haben es nicht alle geschafft, dem Namen des Anrufers zu erfragen. Dabei ist das das erste, was man im Büro beim Telefondienst eingetrichtert bekommt. (Oder kenne ich das aus amerikanischen Familienserien?)

Nächster Schritt: Einige zusätzliche Telefonnummern zuteilen lassen (geht problem- und kostenlos bei meinem VoIP-Anbieter), mit Aufgaben besprechen, und dann den Schülern und Schülerinnen die Nummer geben, wenn ich individuell und spontan eine Hörverstehensaufgabe stellen möchte.

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5 Thoughts to “Telefonspiele in der Oberstufe

  1. Für den Englischunterricht über Indien fände ich den Film ‚Outsourced‘ eine gute Wahl. Ich habe selbst fast ein Jahr in Indien gelebt und auch wenn der Film nicht frei von Kitsch und Klamauk ist, ist vieles vom Indienbild, das vermittelt wird, sehr stimmig und kann wunderbare Diskussionen anstoßen – von Geschlechterrollen bis hin zu Globalisierung und interkultureller Kommunikation.

  2. Outsourced… kurz reingeschaut, und den habe ich schon mal gesehen, und er hat mir gut gefallen, und ich weiß kaum mehr etwas davon. Im Fernsehen reingeschaltet? Überraschungskino? Danke für den Tipp, ich werde ihn mir bald anschauen.

    Googelt Neel Mukherjee… die Webseite hat schon mal schöne Buchbesprechungen von ihm. Aber ich setze ihn auch mal auf die Leseliste.

  3. Twinkle Khanna hat ein Buch gemacht, da heißt Legends of Lakshmi Prasad und da werden auf leicht zugängliche Art Themen des heutigen Indiens behandelt.

    Ein Film, der etwas über die komplexen Verhältnisse, aber auch die indische upper class, Hierarchien und das Verhältnis zum Westen vermittelt, ist: Delhi in a Day

    Vielleicht sind auch diese Art von indischer Gegenwart nicht uninteressant? https://scroll.in/magazine/875262/with-humour-and-honesty-an-indian-illustrator-highlights-young-womens-lives-and-concerns

    Chetan Bhagat hat ein Buch über Call-Center gemacht, das heißt: One Night @ The Call Centre. Interessant finde ich Reena Patels Buch: Working the Night Shift. Women in India’s Call Center Industry. Aber das ist vielleicht eher etwas zum tiefer einlesen.

    Ich finde das Thema Indien-Call-Center, um es sehr vorsichtig zu sagen,schwierig, denn die Hahahaha-wie die English sprechen-Verballhornungen finde ich oft sehr unangenehm. Aber wer weiß, vielleicht ist alles auch ganz anders.

  4. Danke für die Vorschläge. Legend of Lakshmi Prasad habe ich mir bestellt, und der Link sieht auch gut aus. Call center: Ich war selber überrascht, dass bei den Schülern und Schülerinnen und im Buch diese Assoziation so nahe liegt. Dafür hat noch keiner über den Akzent gelacht – ich zeige aber auch keinen Peter Sellers oder Rowan Atkinson mehr, wie sie Inder nachmachen. Dass die Schülerinnen und Schüler indisches Englisch hören und erkennen, dass es außerhalb UK/US auch Englisch gibt, ist aber Absicht.

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