Virtuelle Video-Woche und die erstaunliche Frage, ob Lehrkräfte ihre Kamera auch mal ausmachen dürfen

Videos in der Videokonferenz

Mit der zehnten Klasse ein bisschen die ersten fünfzehn Minuten der Unterrichtsstunde von Herrn Böhmermann: geguckt:

Für Erwachsene zumindest eines gewissen Alters cringeworthy und lustig. Für die Schüler:innen tatsächlich eher so mittel. Keine Fans dabei, anscheinend.

Das meiste davon ist Karikatur und zumindest an meiner Schule überholt. Tageslichtprojektoren wie den im Eck gibt es bei uns nicht mehr. (Warum haben die alle so orange Kabel? Warum hat nichts sonst so orange Kabel?) Meinen Namen habe ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr an die Tafel geschrieben. “7 Minuten habt ihr jetzt zum Lösen der Aufgaben” – was ich für eine Armbanduhr hielt (habe ich auch schon lange nicht mehr, alles mit dem Handy), identifizierten Schüler gleich als Smartwatch, auf der Lehrer Böhmermann die Zeit einstellt. Armbanduhr wäre passender gewesen. Tee und Korrektur nebenbei kenne ich auch nicht.

Lustig fand ich aber die leeren Phrasen. Die Wiederholungen. Klar, man ist es gewohnt, dass viele Schüler und Schülerinnen nicht zuhören und man alles dreimal sagen muss, und die Schüler:innen sind es auch gewohnt. Lustig, dass die angekündigten 7 Minuten halt doch länger waren, wie sie es gerne mal sind. Lustig das sinnlose Tafelputzen, nah an der Realität. Die ungenauen Fragen, das “einfach mal”, “einfach reinrufen”, “spontan”, das belanglose “richtig” und “super”.


Partnerprüfung in der Videokonferenz

An drei Nachmittagen anstregende mündliche Prüfungen in englischer Konversation abgehalten, jeweils zwei zu Prüfende mit monologischem und dialogischem Teil, dazu zwei Lehrkräfte. Anstrengend, weil das immer anstrengend ist – online aber tatsächlich weniger als in der Schule. Da haben dann mal die Schüler:innen die Kamera an, wenn sie sich miteinander unterhalten, und die Lehrkräfte haben sie aus.


Wer die Kamera anhat und wer nicht in der Videokonferenz

Und so hielt ich es an einem weiteren Tag mit einem Referat in der Oberstufe: Da musste der Referent die Kamera anschalten, seine Präsentation zeigen, und ich schaltete meine Kamera aus – nachdem ich andere im Kurs gebeten hatte, ihre Kamera anzumachen, wenn nichts Dringendes dagegen spräche. Und so hatten dann auch sechs oder so ihre Kamera an.

Denn bei Video-Unterrichtssitzungen ist es meist so: Die Lehrkraft hat die Kamera an (vermutlich freiwillig, ich kenne mich da rechtlich nicht aus, ist aber in meinem Kollegium wohl kein Problem), die Schüler und Schülerinnen haben sie aus (rechtlich wohl in Ordnung – teilnehmen müssen sie, zum Bild zwingen kann man sie wol nicht). Auf Wunsch machen etliche Schüler und Schülerinnen aber doch stets die Kamera an.

Das wird viel diskutiert. Ich finde es völlig verständlich, wenn die Schüler:innen die Kamera lieber aus haben. Dann kann man gähnen, sich kratzen, Augen rollen, Suppe schlürfen, im Bett liegen. Und leichter chatten, surfen, was man halt so nebenbei macht. Ohne Kamera ist es angenehmer, und ich will es so angenehm wie möglich für die Schülerinnen und Schüler machen. (Deswegen muss sich auch niemand melden wie wohl bei anderen Sitzungen üblich. Die sollen reinrufen, wie in einem Team, sofern nicht zu viel Durcheinander ist. Zu viel Durcheinander ist übrigens nicht.) Aber ich würde mich da jederzeit an Hausregeln halten, so wichtig ist mir das alles nicht.

Ich war überrascht, auf wie viel Unverständnis mein Verhalten, also bei einem Oberstufenreferat die Kamera auszuschalten und den Referenten nur Mitschüler:innen sehen zu lassen, auf Twitter stieß. “Ich habe meine Kamera immer an” sagten alle Lehrkräfte, und es schien geradezu skandalös, das anders zu halten. Ich verspreche auch ernsthaft, in mich zu gehen, aber ich gestehe: Ich habe die Kamera nicht immer an.

  • Bei einer Konversationsprüfung, wo sich zwei Prüflinge miteinander unterhalten sollen zu einem bestimmten Thema. Da käme mir mein Bild neben den beiden unpassend vor. Habt ihr da die Kamera an?
  • Bei einer Art Fishbowl-Diskussion zwischen, sagen wir, Teilnehmenden und allen anderen als Beobachtern. Da käme mir mein Bild neben den vieren unpassend vor. Habt ihr da die Kamera an?
  • Auch bei Rollenspielen mit zwei Teilnehmenden würde ich mein Bild nicht zu denen gesellen. Ich mag ja Telefonanrufe im Englischunterricht, und aktuell ist die Situation doch prächtig, um nachgestellte Videokonferenzen in der Videokonferenz zu spielen – Verbindungs- und Verständigungsprobleme kann man da gleich spontan einbauen, falls sie sich ergeben. Da empfände ich mein Bild als störend. Aber eigentlich gibt es dafür ja ohne Gruppenarbeitsräume – nur vormachen muss man es sicher einmal vor allen.
  • Überhaupt, bei Gruppenarbeit in Breakout-Räumen: Da ist nicht nur meine Kamera aus, da bin ich dann oft gar nicht drin in den Räumen. Zählt das dann als “Kamera aushaben”? Ich kann technisch die Kamera in allen Räumen anhaben und nur einem Raum zuschauen und mitmachen – wäre so ein Big Brother nicht störend?
  • Nicht aus ist die Kamera, wenn ich meine Schüler bitte, meine Bildschirmfreigabe zu maximieren – kommt in Informatik immer wieder vor. Da sehen die mich auch nicht.
  • Und zuletzt eben beim Referat, je nach Jahrgangsstufe. Da ist es unglaublich wichtig, seine Ansprechpartner zu sehen. Aber das Zielpublikum sind aus Lehrkraftsicht die Mitschüler:innen. Aus Schülersicht nicht, klar – und dehalb schaut ein schlechter Referent im Klassenzimmer auch gerne mal ständig auf mich. Das führt dazu, dass ich mich betont verstecke. Ich finde, ich nehme den Schüler als Online-Referenten ernst, wenn ich nicht virtuell neben ihm zu sehen bin.
  • “Learning by teaching” – mache ich nicht, aber ist da auch die Lehrkraft neben den Schülern und Schülerinnen zu sehen? Das stelle ich mir komisch vor.

Sichtbare Aufmerksamkeit haben Schüler und Schülerinnen verdient. Aber doch nicht meine? Ich finde, sie sollen lernen, nach und nach für- und miteinander zu arbeiten, auch wenn ich verstehe, dass sie das erst einmal nicht tun. Ich halte es für schlecht und schädlich, wenn ich mich als Lehrkraft als Gesprächspartner beim Referat positioniere. Ich sehe mich, ganz ehrlich gern in der Kamera, viel lieber als auf Fotos, und ich schneide viel und vergnügt Grimassen. Aber ich finde es didaktisch sinnvoll, mich ab und zu zurückzunehmen und andere in den Vordergrund zu stellen. – Aber das muss alles nicht sein, ich bin gerne bereit, gründlich über all das nachzudenken.

3 Antworten auf „Virtuelle Video-Woche und die erstaunliche Frage, ob Lehrkräfte ihre Kamera auch mal ausmachen dürfen“

  1. Mich interessiert schon, was die Schülerinnen und Schüler so nebenbei machen, weil ich dann vermeine, besser einschätzen zu können, ob und was sie überhaupt lernen.
    Deswegen reihum, immer eine Gruppe (3 – 5 Schülerinnen und Schüler) Kamera an, auch wenn ich das nicht unmittelbar sanktionieren kann.

    Desweiteren interessiert mich schon, wenn da im Hintergrund (oder hinter der Kamera) noch Eltern rumhampeln. Im normalen Unterrichtsszenario würde ich diese Leute hochkant zur Tür hinauskomplementieren und auf die Sprechstunde verweisen, vor allem wenn es sich offenbar um Kollegen handelt, deren Kinder ich unterrichte. Videounterricht hat aber seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und wenn ich sehe, wie der Blick mancher Unterstufenschüler gegen die imaginäre Decke wandert, hab ich zumindest einen begründeten Verdacht. Dazu gibt es auch eine ganze Reihe technischer Rückmeldungen, deren Wahrheitsgehalt dann von Mitschülern mit dem mir verwehrten Wissen aus dem jeweiligen Klassenchat oftmals dementiert wird. Mir ist es schon wichtig zu wissen, dass Viktor nur eingeschränkten Zugang hat oder Caroline nur ein Mobiltelefon zur Hand.

    Kamera aus gibt es bei mir auch, bei Referaten und auch Präsentationen meinerseits, weil ja Inhalte und Vortrag der Schüler im Vordergrund stehen sollen.

  2. Ich habe die Kamera aus, die Schüler auch. Hat sich so eingespielt. Den Schülern ist es lieber so. Ich kann das verstehen. Ich möchte auch nicht den ganzen Tag mir selbst und den anderen direkt ins Gesicht schauen müssen. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass die Klassen gut mitarbeiten. Ich rufe viel auf im Online-Unterricht, die Schüler kommen viel mehr dran als sonst. Die Vermittlung erfolgt dafür nicht im Online-Unterricht, sondern im Selbststudium. Online-Unterricht und Selbstlernphasen wechsele ich ab. Kopfzerbrechen machen mir dafür mehr die 1–2 Schüler in jeder Klasse, die völlig abtauchen.

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