Es war einmal (und viel mehr über weitere Erzählspiele, als ich eigentlich zu schreiben vorhatte)

1. Es war einmal

Nachdem es vorgestern schon ums Erzählen ging, will ich mir auch endlich diesen Eintrag von der Liste schreiben: Bei Amigo ist 1997 das Spiel Es war einmal erschienen, die deutsche Ausgabe von Once upon a time (Atlas Games 1994, zweite Ausgabe 1995).

„Es war einmal“ ist einigermaßen bekannt und auch im normalen Spielwarenhandel zu bekommen. Das Spiel besteht aus über hundert Erzählerkarten, jeweils mit typischen Märchenmotiven: Charaktere (Kind, Prinzessin, Monster), Gegenstände (Schlüssel, Krone, Baum), Orte (Heim, Kapelle, Kerker), Eigenschaften (versteckt, wunderschön, blind) und Ereignisse (Falle, Wettbewerb, jemand wird verletzt). Jeder Spieler kriegt eine Handvoll dieser Karten und außerdem eine von ein paar Dutzend Zielkarten, auf die er mit seiner Geschichte hinarbeitet. Diese Zielkarten lauten etwa „So erkannte er, wie treu sein Bruder gewesen war“ oder „Und als der Bann gebrochen war, waren sie frei.“
Ein Spieler fängt an, eine Märchengeschichte zu erzählen. Wenn er ein Element nennt, zu dem er die passende Karte hat (Charakter, Gegenstand, Ort und so weiter), dann kann er die Karte ablegen. Er darf solange erzählen, bis er unterbrochen wird, nicht mehr weiter weiß oder nach seiner letzten Karte zu seinem vorgegebenen Schluss kommt.
Unterbrochen werden kann der aktuelle Erzähler durch die anderen Spieler unter anderem dann, wenn einer von diesen eine Karte hat, die zu einem gerade verwendeten Element der Erzählung passt. Dann ist der unterbrechende Spieler dran und erzählt die Märchengeschichte weiter – nun wiederum bemüht, seine Karten loszuwerden und zu seinem Ende zu kommen. Aber auch er kann bei passender Gelegenheit unterbrochen werden, und so geht das, bis das Märchen zu einem Ende erzählt ist.

Das waren fast schon die ganzen Regeln. Es gibt noch ein paar weitere, die für einen guten Erzählfluss sorgen sollen. Aber wenn das Spiel Spaß machen soll, dann helfen alle Regeln nicht viel: Die Mitspieler dürfen nicht auf Teufel komm raus versuchen, die anderen zu schlagen, und sie müssen sich zügeln, und lieber aufgeben, als den anderen eine zu verquere Lösung zu präsentieren. Ich habe, ehrlich gesagt, nur einmal zwei Runden von „Es war einmal“ gespielt. Ich fand das Spiel leicht, aber manche in der Gruppe hatten Schwierigkeiten, von einem gegebenen Punkt in der Erzählung zu ihrem Ende zu kommen – auch ohne dass die Mitspieler dazwischenfunkten. Dabei muss man natürlich keinesfalls nur mit den Karten erzählen, die man auf der Hand hält, sondern kann ganz beliebige Wege einschlagen. Man darf die Karten halt nicht aus den Augen verlieren, da man sie schließlich loswerden will.

Ich hatte mir nach dem letzten Spiel den Anfang Kartenfolge notiert, weiß aber nicht mehr, wie das Märchen dazu ging: Ruine + zwei Liebende + magischer Ring + Schwert + Stiefmutter + Dieb + Fest + Plan + Koch + Verfolgung + Esel + Ruine + Fenster + Fee

Nach der Fee wurde es problematisch. Die Fee erzählte dem fliehenden Liebespaar, das in der Ruine übernachtete, nämlich von der Zeit, als die Ruine noch ein stattliches Schloss gewesen war. Und schon waren wir in einer Binnenerzählung. Irgendwann hatte in der Binnenhandlung eine Figur dann noch einen Traum, und wir steckten noch eine Binnenebene tiefer drin. Das hat uns überfordert – also sollte man das am Anfang besser vermeiden. (Unter kontrollierten Bedingungen können verschachtelte Erzählungen toll sein. Mein Favorit, mal aus dem Wühltisch gezogen: The Arabian Nightmare von Robert Irwin.)

Eine deutsche Besprechung gibt es hier. Ausführliche Kritik mit Hinweisen zur Spieltaktik bei boardgamegeek.

Bei Atlas Games kann man die englischen Spielregeln und eine Liste der Karten herunterladen. Die pdf-Datei zum Einsatz im Klassenzimmer ist eher oberflächlich. Trotzdem kann man das Spiel vielleicht mal in der Schule einsetzen, im Fach Englisch oder Deutsch, ich habe es aber noch nie getan.

2. Dark Tales

Für das englische Spiel gibt es ein Erweiterungsset Dark Tales mit etwas grusligeren Karten, die man unter das Spiel mischen kann. Zu den Zielkarten gehören „His wound was healed but his heart remained broken forever“ und „He lived the rest of his life as a beggar …which was perfectly just.“ Ereigniskarten sind: Geister, Teufel, Ausgestoßene, Mörder, Gräber, aber nichts viel Schauerlicheres. Lovecraft’sche Geschichten kommen dabei nicht heraus. (Dabei könnte mir da auch ein nettes Set vorstellen: „Wahnsinn“, „Unangenehmer Geruch“, „Altes Buch“, „Bibliothek“, „unirdische Geometrien“.)

3. Dark Cults

Tatsächlich kenne ich mindestens ein vergleichbares Spiel mit Lovecraft-Elementen, Dark Cults: The Horror Story Game (Kenneth Rahman 1983). Das Spiel ist formaler etwas mehr an konventionellen Kartenspielen orientiert, aber doch ein reines Erzählspiel. Das Spiel besteht aus gut hundert Karten, alle mit atmosphärischen Tuschezeichnungen versehen.

Nur zwei Personen können spielen: Einer übernimmt die Rolle des Lebens, einer die des Todes. Beide kriegen einige Karten auf die Hand und ziehen eventuell vom Stapel nach. Für die abwechselnd abgelegten Karten kriegt jede Seite unterschiedlich viele Punkte, wer am meisten Punkte macht, hat gewonnen – aber das ist natürlich nicht die Hauptsache.

Jede Runde stellt einen nächtlichen Ausflug dar und beginnt mit einer Start-Karte, auf der steht: „This night, upon leaving the old and rumor-ridden brick apartment house,“ – denn so beginnen Geschichten. An diese Startkarte kann man verschiedene weitere Karten anlegen, das ist auf der Karte selbst durch Anfangsbuchstaben angegeben: Eine Atmosphere-Karte (old decaying town, obscene and abhorrent graffiti, mournful train whistle), eine Locality-Karte (the bad part of town, the shunned house), oder gleich eine Danger-Karte (ominous black cloud, whirling dimensional passage, slithering mass of revolting black ooze). Danger-Karten müssen gefolgt werden entweder von weiteren D-Karten, um die Situation noch mehr anzuheizen, von einer Escape-Karte, mit der der Held der Gefahr entkommt und weiterspaziert, von einer End-Karte (der Held stirbt) oder einer Save-Karte, mit der der Held der Gefahr entkommt und den nächtlichen Ausflug beendet (etwa a sudden weakness and feeling of fainting ends the nocturnal walk). In den beiden letzten Fällen ist die Runde damit zu Ende.
An den entsprechenden Stellen können auch Threat-Karten gespielt werden (solemn cluster of figures, echoing footsteps), die mit einer Save-Karte aufgelöst werden können, aber meist zu Character-Karten führen, bösen oder harmlosen (a ghoulish cannibal oder a mangy dog). An eine gefährliche Begegnung muss man eine E-Karte anlegen (Escape oder End), bei einer harmlosen geht es mit Atmosphere, Danger oder Locality weiter.
Nach bestimmten Situationen darf man auch eine Adverbialkarte mit conjuncts oder disjuncts wie „afterwards“ oder „unexpectedly“ ausspielen, die keine Punkte, aber etwas Struktur in das erzählte Geschehen bringen.

(In den Spielregeln gibt es auch noch Varianten für einen, drei oder vier Spieler und Kopiervorlagen für Object-Karten, die auf eine Locality-Karte folgen und zu einer Begegnung mit einem Charakter oder einer Gefahr führen können, aber nicht müssen.)

An Dark Cults habe ich schon seit Jahren nicht mehr gedacht. Ich habe es nur wenige Male gespielt, es ist halt schwer, einen Mitspieler zu finden, und das Spielformat ist sehr ungewöhnlich. Ich kann nicht mal beurteilen, ob es ein gutes Spiel ist.

  • Spielbesprechung mit Verbesserungsvorschlägen und sehr kurzem Erfahrungsbericht zum Einsatz im Unterricht.
  • Auf dieser Seite gibt es eine weitere Spielvariante, man kann dort auch alle eingescannten Karten anschauen.
  • Auch das großartige boardgamegeek.com lässt einen nicht im Stich: Bilder, Besprechungen, Hinweise, Spielregeln. Außerdem kann man eine Datei zum Spielen per Web oder Email herunterladen.

    (Und zwar für die Thoth Engine. Die ist speziell für Kartenspiele geschrieben und es ist mit ihr vergleichsweise einfach, ein papierernes Kartenspiel in elektronische Form zu bringen. Die grafischen Elemente des Spieles, also vor allem die Karten, werden dabei eingescannt. Andere Engines sind CyberBoard und Vassal. Beide sind wesentlich komplexer, da nicht nur für Kartenspiele gedacht – sondern für Kingmaker und Dune und Swashbuckler und Gunslinger und Dawn Patrol und all die anderen schönen Spiele meiner Jugend. Mit diesen Engines will ich schon lange mal was machen für den Informatikunterricht, aber dazu müsste ich mich erst mal selber reinknien.)

Zu kriegen ist das Spiel wohl kaum mehr. „Maybe you’ll find this game lying in the darker corner of some dingy, dust-encrusted games store who used to carry massive amounts of roleplaying material at one time. Or perhaps in a little-known curio shop managed by a withered old man with scarce knowledge of English and a scar running down from under his eyepatch.“ (Boardgamegeek-Review)

4. Weitere Erzählspiele, auf die ich noch gestoßen bin

Wer nach diesen Spieltiteln googelt, stößt bald auf weitere Erzählspiele: The Extraordinary Adventures of Baron Munchausen [sic], auf Deutsch Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen – für 6,50 € ein Schnäppchen. Ich kenne das Spiel noch nicht, es hat wohl Rollenspielelemente, aber keine Rollenspielregeln. Ein Erzählspiel halt.

Tales of the Arabian Nights, auf Deutsch Geschichten aus 1001 Nacht klingt eher nach einem gelenkten Spiel, ein Solo-Rollenspiel für mehrere Personen sozusagen. Ist aber vielleicht auch schön.

Recherchen führten mich ebenfalls zu Das Monster aus der Spätvorstellung (US: It came from the late, late, late show). Sonst weiß ich nichts über das Spiel.

Siehe weiterhin Pantheon (hier eine Besprechung), und Puppetland/Powerkill, „a storytelling game with strings in a grim world of make-believe“ beziehungweise „a satirical role-playing metagame“. Das soll es als kostenlosen Download geben, leider warnt mich Google gerade wegen vermuteter Trojanerverseuchung vor der Seite des Autors, so dass ich die Datei nicht herunterladen will. Die bei Wikipedia verlinkten Rezensionen sehen interessant aus.

5. Weitere Erzählspiele, die ich selber habe

Kollaborative Rollenspiele, die ich tatsächlich zu Hause habe, und bei denen die Mitspieler Aufgaben des Spielleiters übernehmen oder ihn ganz ersetzen, sind InSpectres und Primetime Adventures. Und Story Paths von White Wolf (mit einem fetten dahinter), eine Art Nachfolger der Whimsy Cards sind eine Vorstufe dazu: Die Spieler kriegen einige wenige Karten und können durch deren Ausspielen in bestimmten Situationen dem Spielleiter gewisse Vorgaben machen oder ins Geschehen eingreifen. In diversen Rollenspieltheorie-Foren gibt’s mehr dazu.

De Profundis ist ein Erzählspiel aus Polen – ein Brief-Rollenspiel mit Lovecraft-Elementen. Eigentlich logisch: Bei Lovecraft wird so viel korrespondiert, viele Geschichten sind in Tagebuch- oder Briefform, Zeitungsschnipsel werden mitgeschickt, dass man als Rollenspieler eigentlich gar nicht um einen gemeinsamen Tisch herumsitzen muss, sondern per Post spielen kann. Eine schöne Handschrift ist nützlich bei der Gestaltung der Briefe. Die Grenze zwischen Rollenspiel, mündlichem und schriftlichem Erzählen verschwimmt dabei. Wer sich darunter etwas vorstellen kann, hat sicher Vergnügen dabei, den Links bei Wikipedia zu folgen:

Aber dazu schreibe ich jetzt nichts mehr. Fass ohne Boden, das ganze Zeug.

7 Antworten auf „Es war einmal (und viel mehr über weitere Erzählspiele, als ich eigentlich zu schreiben vorhatte)“

  1. Sehr schöner Eintrag. Die Probleme bei „Es war einmal“ kann ich nachvollziehen. Liegt manchen so absolut gar nicht.

    De Profundis hab ich mir jetzt erstmal bestellt. In 1- 4 Wochen ist es dann hoffentlich da.

  2. Herzlichen Dank für diesen Eintrag! Da bin ich mal gespannt, was für Schätze auch schon lange liegen und endlich mal geschrieben werden sollen.
    Da ich Rollenspieler kenne, bin ich überzeugt, dass sie sich auch für diese Spiele interessieren.

  3. Vielen Dank für diesen langen Beitrag! Auch ein Schönes Spiel, bei dem es ums Erzählen geht, ist Merk mal (aus der Reihe Think von Ravensburger: http://www.ciao.de/Ravensburger_Think_Merk_mal__2371450). Die Spieler erhalten Karten mit nicht ganz alltäglichen Wörtern drauf. Die Karten sind auch bebildert. Die Lernenden erzählen gemeinsam eine Geschichte. Jeder erzählt einen Satz und muss dabei immer eine seiner Karten ablegen. Die Karten kommen auf einen Stapel, so dass man immer nur die oberste sieht. Wenn jemand eine Memo-Karte legt, versuchen alle ihre Hände auf den stapel zu legen und der letzte muss die Geschichte erzählen.

    Das Spiel habe ich bei Ludolingua kennengelernt (http://ludolingua.de/), ein sehr empfehlenswertes Blog mit Spieleempfehlungen für DaF aber auch einzelnen, die für andere Sprachen, wie zum Beispiel Englisch geeignet sind.

  4. Ich hab ein super schönes Spiel gefunden. In dem Spiel „Dschungelzauber“ lernen die Kinder spielerisch soziale Kompetenz. Es gibt kleine Rollenspiele, es gibt Fragen zur eigenen Person, man lernt sich und andere einfach besser kennen. Erhältlich ist es unter http://www.tonisinger.de

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