Harold Pinter, Last to go & Phatische Sprechakte

Manchmal, wenn ich daran denke, mache ich in der Englisch-Oberstufe den Sketch “Last to go” von Harold Pinter aus dem Jahr 1959. Er ist kurz, nur zwei Seiten lang, mit zwei Personen: Ein Verkäufer hinter einer Kaffeetheke, irgendwo in London, und ein Zeitungsverkäufer, der dort seinen Tee trinkt, nachdem er die letzte Zeitung des Tages verkauft hat.

Für die Schüler und Schülerinnen ist der Text erst einmal irritierend: Die beiden reden anscheinend über nichts, nicht einmal über das Wetter. Nur so: “Eben die letzte Zeitung verkauft.” “So, so, die letzte Zeitung.” “Ja, war die letzte heute.” Viele Wiederholungen, und das über zwei Seiten, mit viel Pausen-Regieanweisungen dazwischen.

Aufs zweite Lesen entdeckt man die Redekonventionen: Rhetorische Fragen, question tags, immer dem Gegenüber Recht geben. Eine Art dramatischen Höhepunkt gibt es dann aber doch, als es um einen George geht, einen gemeinsamen Bekannten, dessen Nachname keinem mehr einfällt, bei dem sie vielleicht an verschiedene Menschen denken, und der auch überhaupt keine Rolle spielt – wie eine Bombe platzt da ein Widersprechen hinein: “Nein, der hatte doch keine Arthritis!”

Eine zweite Stelle ist die, die laut Pinter den größten Lacher bei der Aufführung gibt. Die zu finden und das nachzuvollziehen ist für die Schülerinnen und Schüler gar nicht so leicht. Aber beim anschließenden Lesen in Paaren geht es dann doch. Die Vorgabe: Die Pausen einhalten, zusätzliche Pausen an passenden Stellen machen, und die Pausen so lange aushalten, wie man sie dem Publikum gerade noch zutraut. Das wird dann schon automatisch recht komisch.

Natürlich bin ich nicht der erste, der mit dieser dramatischen Szene arbeitet. Im Web gibt es etliche Fundstellen für Verwendung im Unterricht, und ich kenne den Text ja selber aus einem alten Englischbuch – elfte Klasse, frühe 1980er Jahre? Ich habe es leider nicht mehr und war nur im Referendariat darüber gestolpert und habe nur noch die – viel zu hastige – begleitende Schulbuch-Audioaufnahme dazu.

Bekannt wurde die Szene wohl auch durch die ausführliche Analyse “Pinter’s Last to Go: A Structuralist Reading” von David Lodge, die man in überarbeiteter Form in seiner Sammlung The Practice of Writing finden kann. Pinter selbst habe darüber wohl nur verwundert den Kopf geschüttelt: “I couldn’t believe it … It’s only a sketch.” – David Lodge wendet darin das Kommunikationsmodell von Roman Jakobson auf die Szene an. Das ist eine Weiterentwicklung des Organon-Modells von Karl Bühler, das seinerseits auf Platon zurückgeht, und auf dem andererseits auch das bei uns bekanntere Modell von Schulz von Thun beruht, in das noch etwas Watzlawik eingeflossen ist.

Mit Schulz von Thun bin ich nie so recht warm geworden. Ich habe mich allerdings auch nicht gründlich mit dem Modell beschäftigt und kenne eigentlich nur die Schulbuchversionen. Neu und wichtig dabei scheint mir vor allem zu sein, dass man als Senderin vielleicht den einen Aspekt betonen will, als Empfängerin aber einen anderen Aspekt mehr wahrnimmt – eine Quelle für Missverständnisse. Im Modell gibt es Sachaspekt, Appellcharakter, Selbstoffenbarungs- und Beziehungsebene, auch wenn ich die nicht immer gut trennen kann.

Bei Roman Jakobson gibt es ebenfalls verschiedene Aspekte:

  • referential (entspricht etwa dem Sachaspekt, das Reden über Dinge mit der Absicht, über Dinge zu reden)
  • emotive (Schwerpunkt Sender: Selbstoffenbarung)
  • conative (Schwerpunkt Empfänger: Appell)
  • metalingual und poetic und (Schwerpunkt Code und die Nachricht selber; lassen wir erst einmal so stehen)
  • phatic (mit dem Nachrichtenkanal, der Verbindung als Schwerpunkt)

Die letzten drei Funktionen fehlen bei Schulz von Thun, dafür hat der die Beziehungsebene.

Lodge geht Zeile für Zeile die ganze Szene durch und analysiert jeder Äußerung hinsichtlich des Sprechakts. Am Ende kommt heraus: viele der Äußerungen sehen vielleicht referential aus, sind aber tatsächlich vor allem phatic – sie dienen nur dazu, den Kommunikationskanal zu bedienen und offen zu halten. So wie “roger” und “over” beim Funk, wie gelegentliches Gegrunze am Telefon, wie Gerhalt Polt vielleicht in “Net Vui”.

Und diese phatischen Sprechakte sind schon wichtig. Das muss man… vielleicht auch erst lernen.

Auf Twitter hieß es mal, eine gute Lehrkraft stellt nie eine Frage an die Klasse, auf die sie schon die Antwort weiß. Und da ist schon auch etwas dran, man sollte mal an sich überprüfen, wie und warum man Fragen stellt. Allerdings gilt das nur für die intuitiv-naive Vorstellung, Fragen und Antworten seien dazu da, Informationen auszutauschen. Das mit den Informationen, also der referentielle Aspekt (wobei das immer schwierig wird, sobald die referenzierten Objekte die beteiligten Personen sind), ist nur ein Aspekt der Kommunikation und oft nicht einmal der häufigste. Fragen dienen eben nicht nur dazu, sich eine fehlende Information zu besorgen.

2 Antworten auf „Harold Pinter, Last to go & Phatische Sprechakte“

  1. Da der Text nicht im Hause H. existiert, wurde ein Youtube-Video angehört (es gab nur Standbilder).

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  2. Ah, vielen Dank! Ich habe immer die eine Aufnahme genommen, die ich hatte, und war nicht mal auf die Idee gekommen, nach vielleicht besseren Fassungen bei Youtube zu suchen. Die Gewohnheit.

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