Wenn ich die Gattung Novelle erkläre, erkläre ich auch gerne das mit der Rahmenhandlung. Novellen sind mehr oder weniger kurze, jedenfalls abgeschlossene Erzählungen, in denen ein außergewöhnliches, sich tatsächlich ereignetes oder für ereignet ausgegebenes Geschehen erzählt wird. Eine Neuigkeit sozusagen, von der man sonst auch in der Zeitung lesen würde. Das unterscheidet die Novelle vom Märchen (das nicht für wahr gehalten wird) oder der Kurzgeschichte (die jünger ist, nicht abgeschlossen und nicht für wahr ausgegeben, und insbesondere bei der deutschen Kurzgeschichte oft kein außergewöhnliches Ereignis enthält).
Da in der Novelle von einem außergewöhnlichen Ereignis erzählt wird, ist oft die Erzählsituation Teil des Textes. Es gibt vielleicht sogar eine Rahmenhandlung, oder vielleicht nur einen einleitenden Absatz, der den Erzählanlass für die eigentliche Handlung beschreibt:
In einem der härtesten Winter war gegen Ende des Februar ein sonderbarer Tumult gewesen, über dessen Entstehung, Fortgang und Beruhigung die seltsamsten und widersprechendsten Gerüchte in der Residenz umliefen. Es ist natürlich, dass, wenn alle Menschen sprechen und erzählen wollen, ohne den Gegenstand ihrer Darstellung zu kennen, auch das Gewöhnliche die Farbe der Fabel annimmt.
In der Vorstadt, die ziemlich bevölkert ist, hatte sich in einer der engsten Straßen das Abenteuer zugetragen.(Ludwig Tieck, „Des Lebens Überfluss“)
Man fragt sich, was da passiert ist. Oder:
(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem
Süden verlegt worden)In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…, eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.
(Heinrich von Kleist, „Die Marquise von O…“)
Man fragt sich, was da passiert ist. Die Antwort liefert die Novelle.
Kurzgeschichten beginnen anders: „Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei.“ oder „Die Berge jenseits des Ebrotals waren lang und weiß. Auf dieser Seite gab es weder Schatten noch Bäume, und der Bahnhof lag zwischen zwei Schienensträngen in der Sonne.“
Bis zu Kleist gibt es häufig ganze Rahmenhandlungen, in denen in einer gefährlichen Ausnahmesituation eine Gesellschaft einander Geschichten erzählt. Im Decamerone von Boccaccio flieht man vor der Pest und vertreibt sich die Zeit mit Geschichten; bei Chaucer spielen die erzählenden Pilger eine fast ebenso große Rolle wie deren Geschichten; bei Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten sitzt man auf einem Schloss, das von den Franzosen bedrogt wird; Scheherezade muss erzählen, um ihr Leben zu verlängern; Bart, Lisa und Maggie erzählen einander in „Treehouse of Horror“ Gruselgeschichten. Und selbst noch in der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig gibt es die Binnenerzählung im Rückblick und die Rahmenhandlung der Ozeanüberquerung, die auch hier, finde ich, die eigentlich interessantere Geschichte ist.
Etliche der romantischen Novellen, die wir oft nur einzeln kennen, sind eingebunden in Erzählkontexte. „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann stammt aus Nachtstücke, ebenso wie „Das steinerne Herz“ oder „Das öde Haus“; mindestens in letzterem gibt es daher den expliziten auktorialen Erzähler. In Das Wirtshaus im Spessart ist die Rahmenhandlung – wieder eine gefährliche Ausnahmesituation – interessanter als die Binnenerzählungen,
Das Konzept einer Rahmenhandlung, das weiß ich aus vorherigen Erfahrungen, ist Schülern und Schülerinnen erst einmal fremd; es fallen ihnen kaum eigene Beispiele dafür ein. Deshalb versuche ich immer, das gründlich zu erklären, vielleicht auch, weil ich Rahmenhandlungen mag. („Natürlich, eine alte Handschrift.“) Zum ersten Mal habe ich bei diesem Durchgang allerdings selbst mal eine Rahmenhandlung schreiben lassen, und zwar für die als Lektüre gelesene rahmenlose Erzählung „Das Marmorbild“ von Eichendorff. Rahmenlos wahrscheinlich aus gutem Grund, ein nachträglicher Rahmen drumrum ist ja nicht unbedingt eine literarisch oder strukturell gute Idee.
Hier jedenfalls ein allerdings besonders schöens Ergebnis aus der 12. Klasse:
Die sterbende Sonne reflektierte tausendfach in Glasflächen, die einmal Fenster eines himmelhohen Gebäudes gewesenen sein mussten. Wie von übermenschlicher Kraft in den Boden gerammte Keile ragten die monumentalen Überreste der seit Äonen verlassenen Stadt aus der Erde. Moos war einige der schiefen Pfeiler aus Glas und Stahl hinaufgekrochen, wie um von oben dem Kampf der Natur gegen die letzten Überbleibsel der Zivilisation zuzusehen. Die einstigen Verkehrsadern des Lebens hatten wilde Gewächse erobert, die Ruinen der für die Ewigkeit gebauten Metropole waren von urtümlichen Ranken fast gänzlich eingeschlossen worden. In den vergeblich nach dem Himmel reichenden Bauwerken brach das Licht sich zahlose Male in Scherben und malte Lichtwelle in dunklem orange auf die Blätter der Schlingpflanzen, ein verzweifelter Versuch der Gestirne, dem Ort den letzten Funken Leben abzuringen. Ein einzelner scharfer Lichtstrahl fand seinen Weg aus diesem Kaleidoskop durch die Stahlträger zweier sich ineinander lehnender Gebilde. Inmitten einer Lichtung von Stützpfeilern, die die Jahrmillionen unter einem Geflecht aus Ranken vergraben hatten, traf das Leuchten auf ein Relikt älter als die Zeit. Den Blick voller Schwermut dem Glanz zugewandt, auf einem von Kräuterbüscheln überwuchertem Sockel stehend, schien die bleiche Statue dem Ende des Universums entgegenzusehen – Stellvertretend für eine Spezies, deren Name schon lange aus den Geschichtsbüchern verschwunden war. Zu ihren Füßen schwebten träge Staubpartikel über Tafeln aus Marmor. Auf diesen befanden sich mit einer erstaunlichen Akribie eingekerbte Zeichen in einer längst vergessenen Schrift, die eine Geschichte für die Ewigkeit bewahrten. Sie lautete wie folgt:
[Hier der Text der Erzählung]
Die letze Röte glomm noch am fernen Horizont, bis sich die Nacht vollständig über die Ruhestätte der Zivilisation senkte. Der Vollmond durchdrang die Gebäudebruchstücke mit müden Schein und hüllte auch die Venus in seinen kosmischen Glanz. Als der Polarstern im Zentrum der stählernen, zum schwarzen Himmel hin zulaufenden, Pfeiler aufleuchtet, hatte die Gestalt aus Marmor in der völligen Stille der Abwesenheit jeglichen Lebens die steinernen Augen bereits geschlossen.
Polarstern, Venus, letzte Röte, Pfeiler, Ende des Universums, das hat mich gleich an einen Text erinnert, den ich kannte. Danach gefragt, zumindest hatte der Schüler/die Schülerin vom Autor dieser Werke schon manches gelesen, wenn auch nicht unbedingt das, was ich im Kopf hatte – wir kamen nicht dazu, das zu vertiefen. Mit Erlaubnis veröffentlicht, natürlich; Rechte bleiben bei Urheber:in.
Schreibe einen Kommentar