Dinge erklären können gehört, ob man das gut findet oder nicht, zum Lehrersein. Was heißt das, etwas erklären, und wie macht man das gut?
Lee LeFever kennt man von seiner Firma Commoncraft – die machen Erklärvideos „in plain English“, wie etwa das hier:
Bekannt geworden ist Commoncraft vor einigen Jahren durch „Wikis in Plain English“ und „RSS in Plain English“. Sind noch immer sehenswert, auch wenn man merkt, dass die jüngeren Videos mit mehr Erfahrung produziert sind.
Aus Gründen, die ich nicht mehr weiß, habe ich mir LeFevers Buch The Art of Explanation besorgt und gelesen. Immerhin geht es im Buch ums Erklären, und das spielt ja auch in der Schule eine Rolle. Aber was für eine genau? Schüler müssen überraschend wenig erklären. Am nächsten kommt dem noch die Vorgangsbeschreibung in der 6. Klasse, aber auch da liegt er Schwerpunkt nicht beim Erklären. Beschreiben, erörtern, begründen, analysieren, zusammenfassen, das gibt es alles beim Aufsatzschreiben. Aber etwas erklären nicht. Vielleicht im Geschichtsunterricht? In den Naturwissenschaften?
Auch mündlich gibt es wenig Anlass für Schüler, etwas in mehr als ein oder zwei Sätzen zu erklären. In Betracht kommen das Referat und das Ausfragen. Beim Ausfragen wird wenig erklärt, sondern allenfalls erinnert und wiederholt; Transferaufgaben nehmen einen kleinen Raum ein, und es gibt kaum etwas zu erklären, was Lehrer und Mitschüler nicht eh schon wissen müssten.
— Bleiben Referate. Und da wird auch im Fach Deutsch gelegentlich erklärt. (In den Naturwissenschaften vielleicht öfter?) Das beste Referat meiner Schullaufbahn war in der 6. Klasse. Es ging um Frequenzmodulation und Amplitudenmodulation, Kurzwelle und UKW, und der Schüler erklärte mit großer Fachkenntnis im Hintergrund und realistischer Einschätzung seiner Mitschüler, wie das funktionierte. Aber so funktionieren Referate selten. Überprüft wird, ob ein Schüler einen zu lernenden Inhalt verstanden hat; ob er ihn erklären kann, wird weder gelehrt noch kontrolliert. So viel Wissen, dass man etwas anderen erklären kann, erarbeiten sich Schüler für Referate selten: Man kann nur etwas erklären, wenn man es verstanden hat. Auch bei der Lernzieltaxonomie von Bloom und ihren Varianten taucht „erklären“ nicht auf – vermutlich ist das sozusagen mitgemeint oder selbstverständlich, wenn man die Stufen „erzeugen“ oder „bewerten“ erreicht hat. So selbstverständlich ist das aber nicht.
Der Lehrer erklärt öfter etwas als Schüler, oder versucht es zumindest. Wie zentral ist das für den Lehrerberuf? Hängt vom Stil ab, aber das Erklärenkönnen ist jedenfalls eine wichtige Fähigkeit. Schüler behaupten jedenfalls oft, dass manche Lehrer besser erklären können als andere. Und manche vielredenden Lehrer haben deshalb den Beruf ergriffen, weil sie gerne schlaumeiern oder erklären, und das mitunter sogar gut. Ich rechne mich zu einen von diesen.
In Stichpunkte, aus Zeitmangel:
- Vieles von dem, was in dem Buch steht, weiß jemand mit Lehrerfahrung eh schon – etwa dass man Erklärungen nicht spontan vorbringt, sondern sich besser vorher überlegt, wie man etwas erklärt.
- Schule ist natürlich viel mehr als Erklären. Bei LeFever geht es nur ums Erklären, um Vorträge, nicht um Interaktion.
- Erklärungen sind dann gut, wenn man sie weitererzählen kann.
- Dass man etwas erklären kann, ist ein gutes Zeichen dafür, dass man es verstanden hat.
- Wenn man jemandem etwas erklärt, führt das bestenfalls dazu, dass der es verstanden hat. Dass man etwas verstanden hat, führt aber nicht unbedingt dazu, dass man etwas kann oder nicht mehr vergisst.
- Für LeFever ist ein ganz zentraler Punkt beim Erklären Empathie: Die Fähigkeit, sich in seine Zuhörer hineinzuversetzen und einschätzen zu können, was sie zu welchem Zeitpunkt interessiert und was sie verstehen können.
- Die Beispiele aus LeFevers Buch stammen zu einem großen Teil aus dem Bereich Marketing: Da wird jemandem erklärt, warum etwas sinnvoll ist; und nicht, wie etwas funktioniert. Kann es sein, dass ersteres für die Schule weniger wichtig ist?
- Statt einen 160-Wort-Essay zu schreiben, sollten Schüler vielleicht mal etwas in 160 Wörtern erklären, ohne Einleitung.
- Trotz der Marketingorientierung der Beispiele ist es erfrischend, dass es in diesen Erklärsituationen mal nicht ums Messen und nicht um Kompetenzen geht. So wie man sich das in der Schule auch vorstellt.
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Und dann noch ein sehr wichtiger Gedanke. Das ist die zentrale Grafik aus LeFevers Buch, nur dass sie viel besser aussieht, wenn er sie zeichnet:

Zu lesen ist sie so: Wenn jemand wenig über ein Thema weiß, interessiert vor allem das „Warum“. Je mehr jemand weiß, desto interessanter wird das „Wie“ für diese Person. Der Erklärende muss richtig einschätzen, wo sich auf dieser Skala sein Publikum befindet. Ganz zentral ist für LeFever Empathie. Der Erklärer muss sich in seine Zuhörer hineinversetzen können.
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