Der freie Wille (und Zeitreisen)

By | 3.6.2008

Man liest gerade wieder da und dort vom freien Willen und ob es ihn denn gibt oder nicht. Im Prinzip geht es dabei darum, dass das Gehirn anscheinend Entscheidungen trifft zu einem Zeitpunkt, der deutlich vor dem Zeitpunkt liegt, zu dem man glaubt, die Entscheidung getroffen zu haben. Ein Ausgangspunkt dafür ist das Libet-Expriment, von dem ich zum ersten Mal im sehr lesenswerten Buch Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewußtseins von Tor Nørretranders gehört habe.

Tatsächlich interessiert mich die Frage nach dem freien Willen gar nicht so sehr. An ein kleines Mini-Ich in meinem Kopf, das Entscheidungen trifft, konnte ich noch nie glauben; andererseits war mir immer klar, dass Ausgangspunkt für alles physiologische Vorgänge sind. In welcher zeitlichen Relation die zur wahrgenommenen Entscheidung stehen, ist interessant, macht aber für mich keinen großen Unterschied. Tatsächlich sehe ich keine Alternative zum freien Willen, aber auch keinen Widerspruch zu einem Determinismus.

Was heißt denn freier Wille überhaupt? Nehmen wir vereinfachend an, dass ich in einer gegebenen Situation zwischen den Alternativen A und B wählen soll und mich für A entscheide. Gedankenexperiment: Ich befinde mich ein zweites Mal in derselben Situation. (Es gibt dieselbe Situation natürlich nicht. Außer in einem Science-Fiction-Kontext, den ich sicher konstruieren könnte. Zeitreise, Paralleluniversum, was es da so alles gibt. Ist aber auch egal.)
Wenn ich mich in derselben Situation wieder für A entscheide, dann ist diese Entscheidung doch determiniert. Im besten Fall bin ich dann Sklave meines freien Willens – schließlich kann mich nicht gegen meine Entscheidung entscheiden, kann mich nicht gegen das entscheiden, wofür ich mich entscheide/entschieden habe.
Wenn ich mich in derselben Situation für B entscheide, dann haben wir ein anderes Problem. Dann kann meine Entscheidung eigentlich nur vom Zufall abhängen, etwa einem Quantenereignis. So stelle ich mir freien Willen auch nicht vor. Das ist Beliebigkeit.

Zeitreise-Geschichten haben gerne mal mit dem freie Willen zu kämpfen. Die klassische Frage ist die, was passiert, wenn man in der Zeit zurück reist und seinen eigenen Großvater tötet. Die eine Möglichkeit ist die, dass man dadurch die Zukunft verändert („A Sound of Thunder„), quasi mit Paralleluniversum. Ästhetisch unbefriedigend.
Die andere ist die, dass man das eben nicht kann, weil es keine Paralleluniversen gibt, sondern nur eines, und es geschieht, was geschieht oder geschehen ist. Dann gibt es auch nur den freien Willen, das zu tun, was man getan hat. Wenn man seinen Großvater getötet hätte, dann hätte man nicht die Gelegenheit, ihn zu töten, also hat man ihn eben nicht getötet.

(Weniger verbreitet ist die Variante von der Selbstzeugung. In „Time Rider„, einem ansonsten nicht bemerkenswerten Film aus den frühen 1980er Jahren, verschlägt es einen Motorradchampion in den Wilden Westen, er verliebt sich dort natürlich und lässt seiner Liebe ein Schmuckstück zurück, das er von seiner unbekannten Großmutter oder so geerbt hatte. Diese Ahnin ist natürlich die Frau selber, und man fragt sich, wo das Schmuckstück denn eigentlich herkommt – er hat es von seiner Großmutter, sie von ihm, welcher Goldschmied soll es denn gefertigt, welche Nova die Atome erzeugt haben? Das gleiche gilt für das Genmaterial, das der Held dem Genpool zugefügt hat – wo soll das eigentlich herkommen?)

Aber zurück zum freien Willen. Viel interessanter ist doch die Frage nach dem Bewusstsein. Wieso gibt es das eigentlich? Warum kriegt man mit, dass da etwas denkt und vor sich geht? Wieso läuft das nicht ohne Zuschauer ab?
Vor dieser grundlegenderen Frage ist das mit dem freien Willen sekundär.

14 thoughts on “Der freie Wille (und Zeitreisen)

  1. naDine

    Nach diesem Konstrukt gibt es zwei Möglichkeiten – Determinismus („Wenn ich mich in derselben Situation wieder für A entscheide, dann ist diese Entscheidung doch determiniert.“) und Beliebigkeit („Wenn ich mich in derselben Situation für B entscheide, […] dann kann meine Entscheidung eigentlich nur vom Zufall abhängen […] Das ist Beliebigkeit.“).
    Man wäre insofern auch determiniert, wenn man bei der Entscheidung einem Prinzip folgt (und somit immer derselben Maxime). Man hat sich jedoch für diese Handlungsweise entschieden, selbst entschieden, frei entschieden (?). Die Handlung ist also nicht fremdbestimmt.

    Determinismus bestünde doch vielmehr, wenn die Entscheidung bereits vor der bewussten Entschlussfassung getroffen wäre (vgl. Libet, allerdings trifft dies auf simple Entscheidungsprozesse zu – wie das bei einem Gewissenskonflikt aussieht, ist m.W. nicht erforscht, bzw. kein Determinismus ‚bewiesen‘). Das Bewusstsein hätte keinen Einfluss auf die Entscheidung.

  2. Herr Weese

    Ein Lehrerkollege bloggt über Zeitreisen – da hüpft mein Herz vor Freude und ich setze gleich mal einen Link von und auf mein(em) „Hill Valley Blog“ ;)

  3. rip

    >Wenn ich mich in derselben Situation wieder für A entscheide, dann
    >ist diese Entscheidung doch determiniert. Im besten Fall bin ich dann
    >Sklave meines freien Willens

    Das leuchtet mir nicht ein. Es kann doch sein (und ist wohl wahrscheinlich), dass die Entscheidung für A einfach vernünftig ist und unter Abwägung diverser Vor- und Nachteile befriedigender als die Entscheidung für B. Was soll daran „sklavisch“ sein, wenn ich die vernünftige Entscheidung ein zweites Mal treffe? Was habe ich davon, wenn ich mich – nur um nicht „Sklave meines freien Willens“ zu sein – für B entscheide, obwohl ich absehen kann, dass aus dieser Entscheidung mein finanzieller/emotionaler/… Ruin resultieren wird?

    >Gedankenexperiment: Ich befinde mich ein zweites Mal in derselben Situation

    cf. Max Frisch, „Biografie“ http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=1225

  4. Robert Nitsch

    1. Stimme ich rip zu. Das leuchtet mir ebenfalls nicht ein.
    2. Ich glaube nicht an den freien Willen (es deutet nichts darauf hin, dass ihn gibt). Kurz gefasst: Natürlich können wir tun, was wir wollen, aber unser Wille hängt von unserer Persönlichkeit ab und die wiederum haben wir uns nicht ausgesucht.
    3.:

    Viel interessanter ist doch die Frage nach dem Bewusstsein. Wieso gibt es das eigentlich? Warum kriegt man mit, dass da etwas denkt und vor sich geht? Wieso läuft das nicht ohne Zuschauer ab?

    Das Stichwort ist Evolution. Das Bewusstsein hat sich als „positiver Fitness-Faktor“ herausgestellt. Ich denke, das liegt daran, dass das Bewusstsein vorausschauende Planungen ermöglicht. Das wäre ohne Bewusstsein nämlich nicht möglich (oder?).

    MfG, Robert Nitsch

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  6. naDine

    > Natürlich können wir tun, was wir wollen, aber unser Wille hängt von unserer
    > Persönlichkeit ab und die wiederum haben wir uns nicht ausgesucht.

    Sucht man sich eine Persönlichkeit aus? Entwickelt sie sich nicht eher? (Und wirken wir nicht an ihrer Entwicklung mit, indem wir Entscheidungen treffen? Aber die Entscheidungen müssten wir ja dann auf Grund unserer Persönlichkeit treffen…nenene…was wird hier als Persönlichkeit gesehen und wie soll sie entstehen, wenn nicht durch Entscheidungen und Prozesse?)

  7. Robert Nitsch

    @naDine:
    Ich formuliere es mal anders: Wir sind nicht für das verantwortlich, was wir sind. Wir sind nicht für unsere Persönlichkeit verantwortlich.

    Wie soll das auch möglich sein? Wir werden gezeugt, geboren, erzogen usw. Unsere Person ist das Resultat dieser Entwicklung. Wenn es den „echten“ Zufall gibt (das ist umstritten), dann wird die Entwicklung unserer Persönlichkeit meinetwegen zum Teil vom Zufall begleitet. Ändert aber auch nichts daran, dass wir noch immer nicht dafür verantwortlich sind. Wir haben uns weder unsere Eltern noch unsere Umgebung ausgesucht, in der wir aufgewachsen sind…

  8. naDine

    @Robert Nitsch:
    Ab einem gewissen Alter kann man sich durchaus seine Umgebung aussuchen. Und man kann Fragen mit Ja oder Nein beantworten, man kann ein Umfeld annehmen oder ablehnen. Ich denke nicht, dass wir völlig ausgeliefert sind.

  9. Robert Nitsch

    @Robert Nitsch:
    Ab einem gewissen Alter kann man sich durchaus seine Umgebung aussuchen. Und man kann Fragen mit Ja oder Nein beantworten, man kann ein Umfeld annehmen oder ablehnen.

    Das habe ich gar nicht bestritten, allerdings verfolge ich einen ganz anderen Ansatz. Vielleicht verstehst du mich besser, wenn du diesen Artikel liest:
    http://www.robertnitsch.de/2007/10/12/uber-den-freien-bzw-unfreien-willen/

    Ich weiß auch nicht, inwiefern (!) sich Herr Rau hier eine Diskussion über den freien Willen wünscht. Das artet nämlich schnell aus und wird unübersichtlich.

  10. rip

    Zu diesem Thema hat sich auch der große Philosoph Albus Dumbledore geäußert:
    „It is our choices, Harry, that show what we truly are, far more than our abilities“ (HP2, p. 245, Bloomsbury paperback).
    :-)
    Zum Grad der Freiheit unseres Willens noch soviel: Man muss die Möglichkeiten berücksichtigen. Es ist, realistisch betrachtet, völlilg unmöglich, sämtliche Einflüsse der ersten ca. fünfzehn Lebensjahre auszuschalten, nur um anschließend sagen zu können: Ich entscheide mich frei. Schon die Frage, in welcher Sprache dieses beklagenswert isolierte Lebewesen diese Aussage wohl treffen würde, zeigt, dass absolute Einflusslosigkeit nicht nur unmöglich, sondern auch schädlich wäre.
    Natürlich gibt es schädliche Einflüsse, von denen Kinder fernzuhalten höchst wünschenswert wäre. Aber man kann nicht alles regulieren – die Gedankenexperimente, die solch eine Zwangsbeglückung (auch wieder ein Megapack an Einflüssen) beschreiben, animieren nicht zur Nachahmung (vgl. Aldous Huxley, „Brave New World“).

    Beim Gedanken an die Beschreibung der Entwicklung eines Bewusstseins und der Entstehung eines Entscheidungsprozesses ist mir ein Begriff durch den Kopf gegangen, den ich von einem alten Zeitungsartikel zur Bildstabilisierung bei Video-Kameras kannte, besser gesagt: zu kennen meinte, denn er fiel mir nicht ein. Ich hab dann in meinem Textarchiv nachgesehen und ihn (halb überrascht) doch gefunden. Es war der Begriff „fuzzy logic“ -> http://de.wikipedia.org/wiki/Fuzzy-Logik

  11. Herr Rau Post author

    @Herr Weese: Irgendwo habe ich noch eine Kopie des Aufsatzes „The Other Marty McFly“ aus einem alten Starlog. (Online-Fundort.) Bei der Suche gesehen, dass Starlog tatsächlich noch existiert. Hat mich gefreut.

    @rip/Robert, ganz oben: Dein Punkt 2 ist eigentlich das, was ich unter deinem 1 meine: „Natürlich können wir tun, was wir wollen, aber unser Wille hängt von unserer Persönlichkeit ab und die wiederum haben wir uns nicht ausgesucht.“ Also können wir zwar tun, was wir wollen, aber eben auch nur das. Das ist für mich Determiniertheit. Dass wir nicht alle Faktoren kennen oder gar berechnen können (sei es wegen Heisenberg oder wegen Chaos oder aus anderen Gründen), steht auf einem anderen Blatt. (Berechnen kann man sowieso sehr viel weniger, als theoretisch möglich ist, weil für manche Dinge die Rechenzeit schlicht zu groß ist.)
    Wie ich ganz oben geschrieben habe, ist das für mich nicht zwangsläufig ein Widerspruch zu freiem Willen. Man kann sich unter denselben Voraussetzungen nicht anders entscheiden, wenn es dieselben Voraussetzungen sind. „Sklavisch“ sollte nur heißen: determiniert.

  12. Herr Rau Post author

    Fußnote, weil doch nie ein eigener Blogeintrag daraus werden wird:

    Eine Möglichkeit, dem Diktat des freien Willens zu entgehen (unter welchem ich keinesfalls leide, weshalb ich diese Möglichkeit auch nicht empfehle – selbst wenn ich vor zwanzig Jahren zwei kleine Edelsteinwürfelchen geschenkt bekommen habe) – eine Möglichkeit ist, sich dem Zufall zu überantworten.

    Nicht unbedingt allgemein empfehlenswert, und schon lange nicht mehr gelesen, ist The Dice Man von Luke Rhinehart (Details bei Wikipedia.) Die Kurzfassung: Ein gelangweilter und frustrierter Psychiater kommt nach und nach auf den Geschmack, sein Leben nach dem Würfel zu führen. Wenn es Entscheidungen zu treffen gilt (und es werden immer mehr), schreibt er verschiedene Möglichkeiten auf ein Blatt und würfelt aus, was er macht. Da sind dann auch, hm, eher unangenehme Sachen dabei. Und so verläuft der Roman, hm, in kuriosen Bahnen.

  13. Markus Thies

    Ein interessanter Ansatz, der m.M. folgende Möglichkeiten zuläßt:
    – wir sind determiniert und alles ist vorgegeben und es erfüllt sich ein (göttlicher) Plan. Das halte ich für dummes Zeug und brauche das sicher nicht weiter zu begründen.
    – Es gibt die Parallelen Universen, die nicht nur durch Zeitreisen entstehen, sondern in allen Entscheidungsmomenten. Unsere Gedanken, die wir manchmal haben, dieses „was wäre, wenn..“ würde es wirklich geben, nur eben in einem anderen universalem Strang.
    – Vielleicht interessiert unsere Entscheidung als Individuum aber gar nicht – höchstens bedingt.
    Ich halte es für wahrscheinlich, daß die Entwicklung (der Welt) nicht von unseren individuellen Biografie beeinflußt wird. Dies so ähnlich zu sehen, wie z.B. bei statistischen Korrelationen. Wenn wir uns also vor der Entscheidung A oder B befinden, ist es wichtig, ob sich 80% für A oder B entscheiden (z.B. Kinder zu bekommen). Ob wir persönlich B wählen interessiert dabei nicht.
    Anschaulich wird dies, wenn wir bestimmte Entwicklungen mit dem nötigen Abstand betrachten. Wären wir heute an einem anderen Punkt, wenn Alexander Persien nicht angegriffen hätte? usw. Die Änderungen wären Marginal. Deshalb glaube ich, daß wir persönlich frei entscheiden können, aber diese wirklich nur dann Wirkung zeigen, wenn der gesamte (Gen) Pool sich auch in eine bestimmte Richtung Entwickelt wie z.B. bei Durchsetzung neuer Ideale wie in der Aufklärung.

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