Internetgenerationen

By | 3.8.2010

Über juhudo im Spiegel gefunden: Null Blog. Dort steht, was ich schon seit Jahren sage: die jungen Leute benutzen das Internet rege, aber sie bloggen nicht und machen auch sonst nicht mit, Mitmachweb hin oder her. Ganz genauso wie alle anderen Leute übrigens auch. Es gibt keine digitale Generation, die sich außer in einem ganz trivialen Sinn von einer vorhergehenden unterscheidet. Da ändert auch die „kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten“ nichts, die stets betont, „der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr.“


Überhaupt, das mit den digital natives und digital immigrants. Diese Begriffe führte Marc Prensky im Jahr 2001 ein, also schon vor einiger Zeit. Gemeint sind damit Muttersprachler, die fließend Web sprechen. (Mehr als das Web ist das Internet für diese Gruppe ja eh nicht.) Sie sind inzwischen nicht sehr hilfreich. Besserer Vorschlag: visitors vs. residents, der zum einen keine neue Generation einführt und zum anderen viel deutlicher macht, dass es schlicht Typsache ist: der eine baut eine Rolle im Web auf, der andere halt nicht. Diese Einteilung bildet das Nutzerverhalten, so wie ich es erlebe, besser ab.

Schief an dem ursprünglichen Bild ist auch, dass die immigrants zeitlich ja eigentlich vor den natives da waren. Wie soll sich da eine neue Muttersprache entwickeln? Was herauskommt, ist dann bestenfalls ein Pidgin. Dazu passt allerdings die reduzierte Sprache, der ich in den Facebook- und Foreneinträgen meiner Schüler begegne.

Öfter wird native/immigrant aber nicht auf die Sprache bezogen, sondern auf das Land Digitalien. Auch hier wären die immigrants vor den natives im Lande gewesen, aber wie beim Gründungsmythos der USA wäre aus dieser Nation von Immigranten ein neues Land geschaffen worden. Dann wäre es allerdings höchste Zeit, einen Aufsatz über die Gentrifizierung des Internets zu schreiben, denn das ist es, was zur Zeit etwa durch Facebook geschieht.


Apropos Facebook. Heike Burkhard verlinkt in ihrem Blog „The 8 Things Teachers Should NEVER Do On Facebook.“ (Und daneben 8 Sachen, die man tun sollte.) „Don’t comment on a student’s non-school-related post“ ist das einzige, bei dem ich mich ab und zu zusammenreißen muss. Klar kann man wirklich krank sein und trotzdem munter genug für Facebook, aber das erregt trotzdem mein Misstrauen. Und der Einblick in das, was die jungen Leute so tun – den möchte ich eigentlich gar nicht haben. Grauslich und faszinierend zugleich. Für ein Remake von Das Fenster zum Hof braucht man heute gar kein Fenster mehr, da reicht ein Monitor.

Die meisten Kollegen halten es so, dass sie eben keine Freundschaftsangebote annehmen von Schülern, die sie gerade unterrichten. Bei mir ist es andersherum, ich nehme fast nur Angebote von genau diesen an, und natürlich von Ehemaligen, die die Schule verlassen haben. Aber ich denke oft darüber nach, Facebook ganz zu verlassen. Der Gewinn ist gering, das Konzept gefällt mir nicht, die Benutzer werden von technischen Entwicklungen abgeschirmt: Warum braucht man noch einen Mailclient oder wenigstens einen Webclient, wenn alle Kommunikation über Facebook abläuft?

Lesenswert auch das Experiment im Halbtagsblog: Wie sehr verschreckt man seine Freunde, wenn man als verheirateter Erwachsener den Beziehungsstatus auf „It’s complicated“ setzt?

7 thoughts on “Internetgenerationen

  1. Hanjo

    »Aber ich denke oft darüber nach, Facebook ganz zu verlassen. Der Gewinn ist gering, das Konzept gefällt mir nicht, die Benutzer werden von technischen Entwicklungen abgeschirmt […]« – Eben. Auf die Frage eines Schülers, der mein Verschwinden von seiner »Freunde«-Liste bemerkte, warum ich mich von Facebook abgemeldet habe, sagte ich nur zusammenfassend, [url=http://www.ats20.de/blog/index.php?/archives/940-Tschuess,-Zuckerberg..html]es passe nicht in meine Philosophie[/url]: Wer das freie Netz schätzt, muss um Facebook einen Bogen schlagen.

  2. sdinkel

    Als ich vor einem Jahr in der Schule angefangen habe war ich erschreckt, wie wenig die Schüler im Netz wirklich aktiv sind. ICQ, SchülerVZ und vielleicht Facebook, ansonsten war’s das. Ich weiß eigentlich nur von einem Schüler, der wirklich Videos zur Selbstdarstellung auf Youtube hochlädt (C-Walk). Die meisten konsumieren eben „nur“. Ich nehme mich da auch gar nicht aus. Die „digitale Generation“ wird definitiv überschätzt.
    Ohne Facebook lebe ich übrigens super. Ich will nicht sagen „sowas brauch ich nicht“. Das haben früher die Handygegner auch immer gesagt und irgendwann hatten sie eins. Nein, Facebook ist einfach hässlich und schlecht strukturiert. Ne gute Seite im Internet sieht anders aus. Außerdem habe ich irgendwie die Angewohnheit vor Hypes davonzulaufen. Das gleiche gilt für iSchrott.

  3. Buntstift

    Schmunzel immer noch vor mich hin.

    Als nicht Facebooknutzer stößt man aber immer wieder drauf und liest so weit möglich mal ein bisschen herum. Naja –
    Interessant find ich, dass auch fast alle Firmen jetzt fans haben.
    Da müsst man ja glatt die Schulhomepage reinstellen! (oder den Blog!) :))

    Abgründe tun sich auf!

    Feriengruß!

  4. Herr Rau Post author

    Als große Firma muss man früher oder später wohl zu Facebook und in andere Netze. Spätestens dann, wenn Mitarbeiter dort als Firmenangehörige auftreten und dadurch, wenn auch nicht absichtlich, die Firma repräsentieren. So viel Außenwirkungsmanagement müssen Schulen glücklicherweise noch nicht leisten.

  5. Dina

    ….Passend dazu kräht das Radio hinter mir gerade nach einem „Internetführerschein für Schüler“…

    Vielen Dank für diesen und den Spiegel-Artikel. Es bestätigt, was ich schon länger vermute. Es ist diese „komische unbenannte Zwischengeneration“ (aka Generation Golf + Generation Praktikum), die angeblichen immigrants, die das eigentliche „Mitmach-Web“ unter sich ausmachen.
    Er erinnert mich ein wenig an den berühmten „Elfenbeinturm“: Das Netz dreht sich um sich selbst mit denen, die bereits drin sind. Und die, die angeblich drin sind, nämlich die Schüler, stehen grinsend vor dem Karussell und wenden sich dem zu, was sie als „echtes Leben“ bezeichnen. Ohne Offline-Online-Trennung…..
    Wie passend, dass wir das in einem Blog diskutieren ;-)

    Meine ausführliche Meinung, die zum Teil in eine ähnliche Richtung geht: http://bit.ly/128JEA (Das Internet, die Gesellschaft und ich anläßlich des Bildungskongresses und den dort erhobenen Forderungen an Unterricht, Schule, Lehrer)

    LG Dina

  6. Herr Rau Post author

    Wobei es auch nicht eigentlich diese Zwischengeneration ist, die beim Web mitmacht, sondern nur ein kleiner Teil davon – bei allen Generationen ist es eben nur ein kleiner Teil. Zugeben, bei meiner-deiner-unserer Generation sind es wohl am meisten. Was auch alles völlig in Ordnung ist.

  7. Pingback: Das Netz und wie man damit umgehen kann oder soll | rete-mirabile.net

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.