Mit großem P, verdammt noch mal

By | 29.8.2011

Die Geschichte ist jetzt über ein Jahr alt, aber ich habe sie erst gestern mitgekriegt. Also: breaking news aus dem Lehrerzimmer.

Ich schrieb gestern an einem Blogeintrag, in dem das Wort „Wordpress“ einige Male auftauchte. So schrieb ich das Wort, so wurde es gespeichert. Auf der Vorderseite des Blogs wurde es aber so dargestellt: „WordPress“. Hm. Also recherchiert.

Stellt sich heraus, dass das schon seit Wordpress 3.0 so geht. Der Anlass: WordPress (immerhin eine registrierte Marke) schreibt man mit großem P. Camel case heißt das allgemein, weil das Wort einen Buckel in der Mitte hat.
Und Matt Mullenweg, der führende Kopf hinter Wordpress, hat mit der Version 3.0 eine Methode in den Code eingebaut, die automatisch jedes „Wordpress“ als „WordPress“ darstellt. Die php-Funktion heißt capital_P_dangit(), auf Deutsch etwa „Großes P, zefix!“

Guter Name, weniger gute Idee. Es hagelte Kritik, unter anderem, weil a) diese Funktion nicht über den üblichen Weg der offenen Diskussion eingebaut wurde, sondern an der Community vorbei, b) weil die Programmierung schlampig war und bei Blogs, die etwa in einem Verzeichnis „Wordpress“ lagen, zu Chaos führte (das kleine „wordpress“ wie bei mir blieb verschont) und c) weil Mullenweg wenig diplomatisch und eher pampig auf die Kritik reagiert hat.

  • In diesem Blogeintrag (englisch) ist die Geschichte schön dargestellt.
  • Hier ein deutschsprachiger Blogeintrag.
  • Die Domain http://capitalp.org/ ist nur zur Verspottung dieser Aktion da.
  • Und wenn man das Verhalten nicht mehr haben möchte: Hier ist ein Plugin dazu, oder man fügt einfach ein paar Zeilen Code in sein Template ein, wie hier beschrieben und wie ich es gemacht habe.
    Sonst könnte ich ja nur über Umwege überhaupt darüber schreiben.
  • Eine schöne, nicht ganz ernst gemeinte Idee hier: Das Plugin No Comic Sans, Dangit! verhindert, dass jemand diese Schrift benutzt. Für die Zukunft geplant: eine Funktion, mit der man missliebige Kommentare automatisch in dieser Schriftart anzeigen lassen und deren Schreiber so als Idioten darstellen kann. Now that’s an idea.

Die Kritiker rufen „Zensur“ und wollen sich nicht ihren Inhalt von einem Programm vorschreiben lassen. Außerdem müsse es plug-in heißen und nicht plugin, und sowieso WordPress®. Was wäre, wenn Microsoft in Word die beliebte Schreibweise Micro$oft unterbinden würde?

Die Verteidiger sagen: das ist auch nichts anderes als die automatische Veränderung von einfachen Anführungszeichen in typographische, oder die Veränderung von Emoticons zu grafischen Smileys, und dagegen habe auch niemand etwas. Außerdem müsse WordPress seine Marke schützen.

Darf der Mullenweg das überhapt? Aber klar. WordPress ist zwar Open Source. Das heißt nicht nur, dass der Quelltext offen gelegt ist, sondern auch, dass sie beliebig kopiert und verändert werden darf. Der Name „WordPress“ ist aber geschützt, so dass nur der Inhaber der Rechte an dieser Marke Material unter diesem Namen veröffentlichen darf. Wem dessen Version nicht passt, der darf gerne auf Basis der bestehenden Software seine eigene Version verbreiten – aber nicht „WordPress“ nennen.

— Ich weiß nicht, ob sich inzwischen noch jemand darüber aufregt. Vermutlich haben die meisten Blogs wissentlich oder eher unwissentlich diese Zwangsschreibung akzeptiert.

Ich habe die Funktion jedenfalls deaktiviert. Wenn die Leute aufhören, „Spiderman“ zu schreiben (6.480.000 Treffer) und stattdessen das korrekte „Spider-Man“ verwenden (5.850.000 Treffer), dann reden wir weiter. Die Zusammenschreibung (ohne Camel Case, ohne Bindestrich, ohne Leerzeichen) ist ein Zeichen, dass das Wort in die Sprache übernommen wurde. So wurde auch aus space ship das spaceship und aus screen play das screenplay.

Nebenbei: der Föhn ist ein trockener Fallwind, wie es so schön heißt. Die Haartrockner-Marke Fön schreibt man ohne h, auch wenn sie ihren Namen vom Wind abgeleitet hat. (Strenggenommen sogar: FOEN.) Das generische Wort für Haartrockner schreibt man heute Föhn (wie den Wind), vor der Rechtschreibreform aber Fön (wie die Marke).
Auch hier hat die Sprache sich nicht an die – vom Standard abweichende – Schreibung der Marke gehalten, und dabei die Markenbezeichung auf vergleichbare Produkte erweitert. Ich nehme mal an, dass man das als Marke verhindern will.

2 thoughts on “Mit großem P, verdammt noch mal

  1. Frau Weh

    Ich bin sprachlos. Aber danke für das camel case. Was für ein wunderbarer Begriff.

    (Und natürlich habe ich SOFORT nachgesehen, ob ich in meiner blogroll Spider-Man korrekt geschrieben habe. Habe ich. Puh.)

  2. DJH

    „… die automatische Veränderung von einfachen Anführungszeichen in typographische, oder die Veränderung von Emoticons zu grafischen Smileys, und dagegen habe auch niemand etwas.“ – Hah, von wegen ;) Grafische Smileys werden überall, wo möglich, deaktiviert, und wer mal versucht hat, Quellcode in ein Textverarbeitungsprogramm zu klopfen, der sucht auch sehr bald entnervt, wo die Autokorrekturoptionen versteckt sind…

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