Cabell, The Eagle’s Shadow

Ich bin gerade völlig entzückt von James Branch Cabells Frühwerk, The Eagle’s Shadow (1904). Das Buch ist eine nette, geistreichelnde Komödie um Erbschaft, Liebespaare, und ein Landhaus, in dem sich alle Beteiligten befinden: Bezaubernde junge Damen; Mütter, die ihre Töchter verheiraten wollen; alte Herren mit Zigarren; junge Dichter. Darüber Sonnenschein und darum ein weitläufiger Garten, und am Schluss haben sich doch die richtigen zwei Paare gefunden.

Kurz: Die bezaubernde Margaret Hugonin hält Hof in ihrem Südstaatenanwesen. Sie ist nicht nur bezaubernd schön, sondern auch eine reiche Erbin, und seitdem wimmelt es bei ihr nur von heiratswilligen jungen Männern. Andere Leute wollen einfach nur etwas von ihrem Geld, ohne den Umweg über die Heirat gehen zu wollen. Nach vier Jahren Abwesenheit kommt ihr ehemaliger Liebster (Trennung im Streit) und möglicherweise eigentlicher Erbe zurück.

Das hätte bislang genauso gut eine Geschichte von P.G. Wodehouse sein können. Aber der Tonfall ist ein ganz anderer. Das Buch lebt von Margaret (“Peggy”), und vor allem von deren Präsentation durch den Erzähler – von dem wir nur wissen, dass auch er früher Margaret angeschwärmt hat. Inzwischen ist aber viel Zeit vergangen und der Erzähler sieht die Ereignisse aus einer gewissen Distanz, die verklärt und ernüchtert zugleich.

Und das alles hätte ich gar nicht gebloggt, wenn meine Ausgabe (von 1924) nicht 25 Seiten Leserbriefe aus der New York Times Book Review vom Dezember 1904 bis Januar 1905 enthalten hätte. Um das Buch, Cabells erstes, hatte sich damals nämlich anscheinend eine lebhafte Diskussion entwickelt.

Es beginnt mit einem Leserbrief, der eine Stelle im Buch kritisiert, als die liebreizende Südstaatenschönheit Margaret flucht und keift und auf einen Mann, der ihren Geliebten niedergeschlagen hat, einschlägt. So etwas mache keine Dame. Gerade im Vergleich zum idyllischen Rest des Werks sei diese Stelle deplaziert. Ist das noch eine Dame?
Dem wird dann widersprochen. Ja, in einer solchen Situation dürfe man fluchen. Nein, eine Dame kennt keine Schimpfwörter. Ja, solche Menschen gibt es, aber man darf nicht über sie schreiben. (“[S]o far from being fit for heroineship, the young woman is not even qualified for decent society.”) Ja, solche Menschen gibt es, und sie sind die bezaubernd erfrischenden jungen Frauen Amerikas.

Andere vergleichen das Buch mit der englischen Komödie der Restaurationszeit: “The book exhibits a degradation in morals, a degradation in ethics, a degradation in the standards of true womanliness that I can parallel in nothing short of the Restoration comedies of infamous memory.” Auf diesen Vergleich kann Cabell stolz sein; Congreve ist einer seiner Vorbilde (wie sich in späteren Werken Cabells zeigen wird), und die Restaurationskomödie einer der Höhepunkte in der englischen Literatur. Ich habe sie im English-LK kennengelernt und im Studium gelesen; die ist einen eigenen Blog-Eintrag wert.

Die meisten der Teilnehmer an dieser Diskussion übersehen allerdings, dass Margaret – eigentlich – eine oberflächliche, eigensinnige, zickige, egozentrische, langweilige Person ist, freilich von entrückender und durchaus bewusster Schönheit. Der Erzähler (wir erinnern uns, ein zurückblickender ehemaliger Anhimmelnder) hat sich auch die größte Mühe gegeben, das nicht allzu deutlich zu sagen.

Ein Leser hat diese Dekonstruktion der Südstaatenschönheit erkannt: “In my ignorance I viewed the book as a remarkable though cruel bit of realism”. Die “ignorance” deshalb, weil der Leser danach in jeder Kritik lesen musste, dass es sich bei dem Buch um eine “fascinating comedy with an adorable heroine” handelt. “[W]omen will like the book, fancying themselves in the part of a heroine”. Und er wundert sich und ist verunsichert. Wenn der Autor tatsächlich eine zuckersüße Romanze habe schreiben wollen, dann sei ihm dennoch quasi unbemerkt etwas ganz anderes gelungen.

Und in dieser Zweischneidigkeit liegt die Kunst Cabells. Sein Erzähler sieht das ganze sentimental rückblickend verständnisvoll, aber gleichzeitig auch distanziert und manchmal geradezu zynisch. Er bleibt dabei immer Gentleman. Zeitliche Distanz ernüchtert und verklärt zugleich. Und wenn der Erzähler noch gelegentlich Margaret trifft, die ihre Schönheit schon lange verloren hat, denkt er gleichzeitig an die Peggy von früher und fragt sich, wo sie wohl geblieben ist.


Fußnoten: Ein anderer Leser erklärt sich die unterschiedlichen Reaktion auf Margaret damit, sie sei erste Heldin der englischsprachigen Literatur, die nicht auf die tugendsame Amelia Booth aus Henry Fiedlings letztem, inzwischen nur wenig bekannten Roman Amelia zurückgeht. Margaret sei die erste realistische Heldin.
Eine Generation später gab’s dann Theodore Dreiser.

Cabell hat die Leserbriefe kaum ohne Grund der Neuausgabe von The Eagle’s Shadow angefügt. Zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung sahen die Vorwürfe von damals lächerlich aus. Und die Vorwürfe Anfang der 20er Jahre, die zum zeitweiligen Verbot von Cabells Jurgen führten, würden weitere zwanzig Jahre in der Zukunft ebenso lächerlich wirken.

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