Reden zum Schuljahresende

In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Schüler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung für die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. Wenn ich Klassleiter bin, bin ich bei der Rede dabei, sonst lasse ich sie mir oft nur mailen.
Hier ein Beispiel aus einer 8. Klasse:

Liebe Klasse [Bezeichnung der Klasse], sehr geehrter Herr [H.], sehr geehrter Herr Rau,

mit gemischten Gefühlen werden wir dieses Schuljahr beenden. Einerseits beginnen damit die lang ersehnten Sommerferien, andererseits bedeutet das Ende des Schuljahres auch immer Abschied. Wir können auf ein Schuljahr voller kleiner Höhe- und natürlich auch Tiefpunkte zurückblicken.

Das Schuljahr begann mit einem unerfreulichem Ereignis: Gleich zum Anfang wurde der Deutschtest in allen 8. Klassen in Bayern geschrieben. Dieser bestand aus etwa zehn Seiten über Grammatik, die als Grundwissen bezeichnet wird, was aber kein Schüler perfekt kann. Zwar zählte der Test nur wie eine Stegreifaufgabe, aber die Aufregung glich mehr der vor einer Schulaufgabe. Obwohl für den Test ausführlich im Unterricht geübt worden war, herrschte am 17. September 2003 allgemeine Weltuntergangsstimmung. Umso größer war die Erleichterung, als der benotete Test wieder an die Schüler verteilt wurde.
Danach ging es mit dem üblichen Schulstress los, bald folgte der erst Schulaufgabenblock.

Gegen Weihnachten verließ uns [ein Schüler], der zurück in die siebte wechselte. Für uns kam das allerdings sehr überraschend, kaum jemand wusste das vorher, das war wahrscheinlich sogar beabsichtigt.

Nach dem alljährlichen ökumenischen Weihnachtsgottesdienst und einer kleinen Weihnachtsfeier in der Klasse, in der hauptsächlich Gesellschaftsspiele gespielt und natürlich kleine Geschenke untereinander verteilt wurden, gingen wir für zwei Wochen in die Weihnachtsferien.

Gleich danach, am 16. Januar fand die erste Stunde unseres Tanzkurses statt, an dem alle Mädchen und alle Jungen, die nichts ‘Wichtigeres’ vorhatten teilnahmen. Bekanntlich muss man manchmal Leute zu ihrem Glück zwingen, in diesem Fall ging der “Zwang” gewissermaßen von Herrn Rau aus, der diese Aktion vorgeschlagen hat. Natürlich nahmen alle freiwillig teil, aber wie es nun mal in einer größeren Gemeinschaft ist, wollte keiner als Außenseiter dastehen und sich weigern. Gelohnt hat sich der Kurs auf jeden Fall, jedenfalls für diejenigen, die den Kurs nicht abgebrochen haben, alleine wegen dem Abschlussball, der am 22. April stattfand. Wochen vorher war der Abschlussball, besonders bei den meisten Mädchen, das Gesprächsthema Nummer Eins.
Der Termin wurde extra verschoben, weil sich drei Schülerinnen unserer Klasse zum geplanten Termin wegen eines Austausches in Frankreich befanden. Alle drei waren sich einig, dass sich die Teilnahme auf jeden Fall gelohnt hat und würden sich jeder Zeit wieder anmelden.
Etwas komplizierter sah die Sache beim Englandaustausch aus. Von etwa zwanzig Anmeldungen aus der Klassen durften nur sechs Schüler teilnehmen. Trotz der Beteuerungen der Lehrer dass die Auswahl nichts mit Charakter oder Noten zu tun hat, sah man in der Stunde als die Schüler, welche ausgewählt worden waren, bekannt gegeben wurden, sowohl enttäuschte als auch frustrierte Gesichter.

Jedoch war zu diesem Zeitpunkt der eigentlich Austausch noch in weiter Ferne.
Vielmehr folgte die “kirchliche Zeit”, viele Schüler hatten entweder Konfirmation oder Firmung, was für die Betreffenden auch einen Schulfreien Tag bedeutete: für die einen am Tag der Firmung, für die anderen am Montag nach der Konfirmation.

Dazwischen fand unser jährlicher Theaterbesuch statt. Dieses Mal schauten wir in der Neuen Bühne Bruck “Das Herz eines Boxers” an. Wir befassten uns im Deutschunterricht ausführlich mit dem Stück und hatten sogar einen der beiden Hauptdarsteller, Herrn Uwe Treplin, “live” in der Klasse. Das dort entstandene Interview sollte eigentlich veröffentlicht werden, es schein aber als wäre das Projekt zusammen mit ein paar Deutschheften bei Herrn [Z.] verschwunden.

Das Schuljahr ging weiter, wir lernten viele Dinge, die wie garantiert immer wieder brauchen können, zum Beispiel wie man ein Schweineherz seziert. Manche Schüler hatten ihren Spaß, im Biologieunterricht Metzger zu spielen und Eingeweide zu erforschen. Herr [B.] brachte uns sogar noch ein Lammherz mit Lunge mit, das von der Schülerseite begeistert inspiziert wurde.

Am 22. Juni fand auf dem Sportplatz der Abiturstreich statt. Im Gegensatz zu den vorigen Jahren beschäftigten sich kaum Schüler anderweitig, sondern verfolgten das Programm der “GlABIatoren”, höchstwahrscheinlich wegen dem schlechten Wetter, was das “In-Der-Wiese-Sitzen” unmöglich machte, es sei denn man legte Wert darauf, krank zu werden, um am folgen Tag nicht am Wandertag teilnehmen zu können beziehungsweise müssen. Zwar war nach Schöngeißing wandern nicht gerader der Traumwandertag, aber trotzdem recht schön. Sechs Schüler konnten nicht am Wandertag teilnehmen, da sie sich mit den nun eingetroffenen englischen Austauschschülern auf einem separaten Wandertag befanden.

Langsam näherte sich da Schuljahr dem Ende, immer mehr Stunden fielen aus. Eigentlich hätten auch die Temperaturen ansteigen sollen damit die noch etwas Hitzefrei dazu kommt, aber das ist diese Jahr wortwörtlich ins Wasser gefallen.

Spätestens wenn der Zettel ausgeteilt wird, der die Schüler daran erinnern soll, die letzten Schulwochen immer noch ernst zu nehmen, ist es mit der Ernsthaftigkeit endgültig vorbei. Im Normalfall ist sie ja eigentlich auch nicht mehr nötig, wenn man die letzte Schulwoche betrachtet: Vier Projekttage, das Sommerfest und natürlich der “Tag des Schicksals”, der letzte Schultag.

Dann haben wir Sommerferien. Das ist wohl die längste Zeitspanne im Jahr, in der wir uns nicht sehen. Für manche ist das sicher eine Erleichterung. Auch wenn sich viele neue Freunde gefunden haben und die früher noch deutlichen Grenzen, die zwischen Jungen und Mädchen sind, immer kleiner werden, ist in der Klassengemeinschaft ganz gewaltig der Wurm drin. Der erste Fall betrifft fast die ganze Klasse, die meisten wohl als Mitläufer. Die Rede ist natürlich von der, von euch so liebevoll bezeichneten, “Wasserleiche” oder auch dem “Schuppenkaspar”, wen das mehr anspricht. Am meisten Anspruch findet wohl der Name “Blubber”. Es verlangt ja niemand, dass man mit jedem in der Klasse gut auskommen muss, aber was ist so lustig daran, andere zu unterstützen, die jemanden fertig machen, der einem persönlich nie etwas getan hat? In diesem Fall sind wirklich alle gegen einen. Sogar den Lehrern bleibt das verborgen, die wundern sich nur über das Gelächter, wenn zum Beispiel die Redewendung “wie Schuppen vor die Augen fallen” benutzt wird. Ich habe den Verdacht, dass dich das im nächsten Schuljahr auch nicht bessern wird. Sicherlich führt diese Verhalten zu gar nichts, es sei denn man hat die Absicht, jemanden rauszuekeln, was ja, in einem andern Fall geglückt ist:
[Eine Schülerin] verlässt die Schule, weil sie sich hier nicht mehr wohl fühlt. Vielleicht ist es besser so, wenn man mit niemanden auskommt. Aber daran sieht man, was diese Ausgrenzgeschichte für Folgen für Leute hat, deren Rückgrat vielleicht nicht so stark ist, die vielleicht nicht soviel einstecken können.
Schluss mit der Kritik.
Es ist der Zeugnistag. Es standen ein paar Leute auf der Kippe, die meisten haben es geschafft. Für [einen Schüler] ist das heute der letzte Schultag in dieser Klasse. Er hat “Das Klassenziel nicht erreicht”, wie es so schön formuliert wird. Aber was hilft einem das Klassenziel, wenn man nichts damit anfangen kann? Es ist viel wichtiger, das Lebensziel zu erreichen.
Bei beiden hatten sie gewissermaßen Mitschuld, schlimmer ist es jedoch, wenn man gar nichts dagegen machen kann, wie bei [einer Schülerin]. Sie zieht in den Sommerferien nach Baden-Württemberg. Ich denke die Klasse ist sich einig, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

Die Zeugnisverteilung.
In den meisten Fällen sind das grausamste auf dem Zeugnis wohl die zweiten oder dritten Vornamen, die man versucht vor anderen geheim zu halten. Allerdings sind die meisten schon ans Licht gekommen.
Wenn das nicht der Fall ist, lasst euch auf keinen Fall etwas einreden.
In diesem Sinne euch allen schöne Ferien, Erholt euch von der Schule und dieser Rede, ein erfolgreiches und unterhaltsames neues Schuljahr, egal wo, mit Lehrern, die euch schöne Geschichten aus der zweiten Dimension, von unsichtbaren Freunden, Indianern oder sonstigen Kreaturen erzählen. Denn Schule soll nicht nur lehren, wie man sich vor Regen aller Art schützen kann sondern auch Spaß bringen.

3 Antworten auf „Reden zum Schuljahresende“

  1. 1. Fantastisch!
    2. Hat die Schülerin das allein formuliert und vorgetragen oder war es Team-Arbeit?
    3. Hat/Haben sie sich freiwillig gemeldet oder wurden sie damit beauftragt?
    4. Gibt es bei euch so etwas wie eine Schul-Medaille? Diese (selbst-)kritische Betrachtung hätte eine verdient.
    5. Super!
    6. Mal sehen, ob ich so etwas Ähnliches in meiner nächsten Klasse auch zuwege bringe.

    Schöne Grüße!

  2. Ja, das hat mich auch beeindruckt.
    Die Schülerin hat das, soweit ich weiß, alleine geschrieben; sie haben die Rede aber zu zweit vorgetragen.
    Freiwillig gemeldet hat sich zumindest die Schülerin nicht; der Schüler schon, wenn ich mich recht erinnere, auch wenn er dann wenig getan hat. Im Jahr zuvor hatte ich Freiwillige genommen; da meldet sich immer wer, und auch das war gut.

  3. hy ist urre gut geworden
    ich schreibe trotztdem besser aber ich finde die rede urre gut kompliment

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