Ringelnatz

Ringelnatz mag ich ein bisschen lieber als Morgenstern, vermutlich, weil er sentimentaler ist. Zum 71. Todesjahr, und weil er damit endlich gemeinfrei (public domain) geworden ist, ein paar Gedichte aus dem Kinderverwirrbuch und dem Geheimen Kinder-Spiele-Buch:

Unter Wasser Bläschen machen

Kinder, ein Rätsel! Hört mich an!
Wer es herausbekommt, kriegt Geld! – Wie kann
Man unter Wasser Bläschen machen?

Das müßt ihr versuchen – unbedingt! -
In der Badewanne. Und wenn es gelingt,
Werdet ihr lachen.


Sich interessant machen
(für einen großen Backfisch)

Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind
Mehr! – Die Lederbände im Bücherspind
Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst,
Hinten eine kleine Höhlung im Rücken.
Dort hinein mußt du weichen Käse drücken.
Außerdem kannst du Käsepfropfen
Tief zwischen die Sofapolster stopfen:

Lasse ruhig eine Woche verstreichen.
Dann mußt du immer traurig herumschleichen.
Bis die Eltern nach der Ursache fragen.
Dann tu erst, als wolltest du ausweichen,
Und zuletzt mußt du so stammeln und sagen:
“Ich weiß nicht, – ich rieche überall Leichen – .”

Deine Eltern werden furchtbar erschrecken
Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank,
Und dich mit Schokolade ins Bett stecken.
Und zum Arzt sage dann: “Ich bin seelenkrank.”

Nur laß dich ja nicht zum Lachen verleiten.
Deine Eltern – wie die Eltern so sind -
Werden bald überall verbreiten:
Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind.


Afrikanisches Duell

Wenn dich der Paul oder jemand, den du kennst,
Schwein schimpft, oder wenn du ihn Rindsvieh nennst,
Dann habt ihr euch beleidigt.
Dann müßt ihr afrikanisches Duell machen.
Ich bin der Schiedsrichter, der bei Ehrenwort euch vereidigt.
Niemand darf auch nur mit der Wimper lachen.
Jeder schweigt. Und ihr stellt euch dabei
Gegenüber. Mit sechs Handbreit Abstand. Und dann
Zähle ich langsam bis drei.
Darauf spuckt jeder dem anderen ins Gesicht
Möglichst so lange, bis der nicht mehr sehen kann.
Mich anspucken gilt aber nicht.

Wer zuerst sagt, er habe genug abgekriegt,
Der ist besiegt,
Und muß sich von mir eine runterhauen lassen
Ohne sich wehren oder mich anfassen.
Darauf dürft ihr euch nicht mehr hassen,
Sondern müßt euch bezähmen
Wie Männer von Ehre und Stand.
Jeder reicht dem andern die Hand.
Weil die Helden in Afrika sich wegen Spucke nicht schämen.


Eine Erfindung machen
(Nur für Kinder, die keinen Schiß haben)

Wer was erfindet, wird furchtbar reich.
Was man erfindet, ist ganz gleich.
Wenn man nur allerlei Dinge zusammenmischt,
Noch länger, als bis es zischt, und das Richtige rausfischt,
Dann wird man in wenigen Stunden
Berühmt oder macht Gold.
Ich hab auch schon mal was zur Hälfte erfunden,
Aber Wolfgang, mein Bruder, wollte nicht mehr. -
Wenn ihr das etwa fertig erfinden wollt,
Will ich’s euch sagen. Aber es ist sehr, furchtbar sehr schwer.
Das allerwichtigste ist die teure
Furchtbar gefährliche Salzsäure.
Entweder findet ihr die im Klosett
Hoch oben auf einem Brett.

Oder ihr müßt euch unter das Dienstmädchen stecken.
Dürft aber ja nicht dran lecken.

Erst legt ihr einen Goldfisch oder anderen Fisch -
Es kann auch ein Rollmops sein -
Nicht etwa auf den Tisch,
Sondern: Auf Elfenbein.
Und zwar auf die weißen Tasten von dem Klavier.
Müßt aber die Fische vorher mit Bier
Und Zahnpulver kneten,
Und auch erst tottreten,
Damit sie auch liegenbleiben.
Nun müßt ihr Seife, dann Zwiebel darüber reiben.
Dann müßt ihr Pfennige, Nachtleuchterstücken
Und anderes Kupfer tief in die Fische drücken,
Und nun darüber langsam Salzsäure träufeln.
Dann holt ihr schnell eine Schaufel (eigentlich zwei Schaufeln)
Voll glühender Kohlen.
Wolfgang ließ mich damals die zweite Schaufel nicht holen.
Der dumme Ochse ist ja zu unverschämt.
Aber ihr müßt das zu Ende bringen.
Wenn ihr noch Soda und Wachs und sowas zu nehmt
Dann wird’s schon gelingen.
Und wenn eure Eltern was wollen,

Dann müßt ihr zum Trotz in die glühenden Kohlen fassen.
Und sagt nur ganz barsch: Sie sollen
Sich lieber und recht bald begraben lassen.

4 Antworten auf „Ringelnatz“

  1. Also, ich mochte immer das hier:

    Ein männlicher Briefmark erlebte
    Was Schönes, bevor er klebte.
    Er war von einer Prinzessin beleckt.
    Da war die Liebe in ihm erweckt.

    Er wollte sie wiederküssen,
    Da hat er verreisen müssen.
    So liebte er sie vergebens.
    Das ist die Tragik des Lebens!

  2. Hallo. Wenn Ringelnatz public domain ist, wie du oben schreibst: Wo bekomme ich dann das Kinderverwirrbuch online her? Im Gutenberg-Projekt ist es jedenfalls (noch?) nicht zu finden.

    Schöne Grüße

    homg

  3. Ringelnatz ist tatsächlich public domain, soweit ich das als Laie sagen kann (und nächstes Jahr wird’s Tucholsky); Gutenberg hat ja auch etliche Texte von ihm, und unter http://www.vorleser.net/ kann man auch Ringelnatz als Hörbuch kostenlos als mp3 herunterladen. – Ich sehe gerade, dass das Kinderverwirrbuch tatsächlich auch mal bei Gutenberg eingestellt war (ist bei Google noch im Cache). Ich weiß auch nicht, warum das nicht mehr da ist. Vielleicht wegen “mit vielen Bildern”, die vielleicht nicht von Ringelnatz stammen und noch nicht gemeinfrei sind? Ganz überzeugt mich das nicht. Jedenfalls habe ich auch keine Quelle für das Kinderverwirrbuch, leider.

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