Über den Tod

Es war zwar schon im Deutsch-LK-Blog, aber weil’s so schön ist, hier gleich nochmal:

Protokoll zum Deutsch-LK im Stil der Lektüre (Wolf Haas, Komm, süßer Tod) [-von einer Schülerin-]

Jetzt ham sie doch glatt erst die zweite Unterrichtsstunde zum Wolf Haas und seinem SÜSSEN TOD, und gleich wieder eine echt riesige Diskussion gehabt. Über den Erzähler vom TOD und wie der sich so macht und und und. Aber nicht dass du jetzt denkst, das ist alles so einfach, das mit dem Erzähler. Einfach wärs ja, wenn der Erzähler, der uns im Buch über all die Morde auf dem Laufenden hält, auch gleichzeitig der Brenner wär, der die Morde dann so mit der Zeit ganz geschickt aufklärt. Mit Hilfe der anderen natürlich. Aber leider ist es gar nicht so einfach, wie man immer denkt. Ja, das musst du dir merken: Meistens, wenn eine Sache so tut, als ob sie ganz einfach wär, wird sie dann doch ganz kompliziert und unverständlich. Ist fast so wie mit den Frauen.
Aber jetzt nochmal zurück zum Erzähler. Es wär halt nun wenigstens nett gewesen, wenn der Haas selber den Erzähler gemacht hätte. Der hat sich aber ganz fein rausgezogen. Vielleicht wollte er nicht direkt was mim Brenner und so zu tun haben. Sogenanntermaßen Schiss gehabt. Quasi Todesschiss. Is aber verständlich. Dieser Erzähler ist also weder der Brenner noch der Haas, sondern weranders. Und diesen Weranders haben sie nun gründlich zu beschreiben versucht. Charakterisierung heißt das. Obwohl die ja gar nicht wussten, wer das ist, der da erzählt. Feine Sache, nicht?! Einfach jemanden charakterisieren, den man nicht mal kennt. Sie haben den, glaub ich zumindest, alle, aber wahrscheinlich wirklich alle, noch nie gesprochen. Geschwiege denn irgendwo getroffen oder auch nur von weitem gesichtet. Aber charakterisieren! Das musst du dir mal anschaun. Da sitzen vielleicht neun, zehn Deutschler, quasi Deutschklugscheisser, in einem Raum und meinen, die Wahrheit geschluckt zu haben. Bleibt allerdings die Frage, ob sie das auch verdauen können und was dann dabei rauskommt.
So, und wie sie jetzt, die deutschen Deutschler über das Erzählerproblem nachgedacht haben sind sie zu ziemlich vielen Entschlüssen gekommen, frag nicht.
Wenn du jetzt aber denkst, die haben sich so einfach einigen können, wer da jetzt richtig scheißt und wer nur Scheiß redet, dann liegst du ganz und gar verkehrt. Im Deutschkurs gibt es nämlich die verschiedensten Meinungen. Und wie das halt mal so ist, kommen dadurch auch die verschiedensten Interpretationen und CHARAKTERISIERUNGEN raus. Aber halt Meinungsfreiheit. Und damit nicht zu kurz im Deutschunterricht. Und wie sie sich jetzt über die verschiedenen Erzählers gestritten haben und die Luft voller verschiedenartiger Erzählertypen war, sozusagen Erzählertypentreffen, da sind die Kursler auf folgende Ergebnisse gekommen:
Der Erzähler ist ein Mann. Da warn sich alle einig. Oder, man kann sagen, fast einig. Aber das tut nicht so viel zur Sache jetzt. Charakterisierung und so. Also, wenn du so einen Erzähltypen zu beschreiben versuchst, und ihn aber nicht vom äußeren kennst, dann bleibt dir nur noch wenig übrig. Aber nicht, dass du jetzt denkst, dass sie dann fast gar nichts mehr rausgefunden haben über ihn. So ist das nämlich mit den Deutschlern. Guter Trick. Auch wenn fast gar nichts mehr da ist, was man sagen kann, doch noch ganz viel sagen. Das ham die Deutschler schon immer ganz gut gekonnt. Vielleicht heißen sie deshalb auch Deutschler. Aber da bin ich mir nicht so ganz sicher. Vielleicht lernt man das ja auch beim Gedichtinterpretieren. Diese Vielauswenigholmethode. Aber wer weiß. Ich möchte nicht sagen, dreist, aber gefuchst sind sie schon. Wegen der Methode und so. Wie sie also weiterinterpretiert haben, kam raus, dass der Erzähler ein selbstsicherer und lockerer Typ ist. Und dass er vielleicht nicht soviel aufm Kasten hat. Obwohl, so möchte ichs gar nicht sagen, weil Carakter und so. Vielleicht sagt man da lieber: durchschnittliche Schulbildung und einfach gestrickt. Weißt du, ohne Schnörkel und Muster. Aber vielleicht ham sie sie nur nicht erkannt, die Schnörkel, weil er ihnen eben noch garnicht über den Weg gelaufen ist. Aber wie ichs schon gesagt hab. Sollte man dann doch lieber lassen, so eine Charakterisierung, wenn man jemanden gar nicht kennt und so. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass die Deutschler alle noch ein bissl jung sind. Darum will ich nicht so drauf rumhacken. Außer der Chef. Der ist schon viel älter. Trotzdem nicht rumhacken. Fairness und so. Aber wie das mit dem Radfahrerprinzip, haben die Deutschler, wo man jetzt nicht auf ihnen rumhackt, sofort angefangen, auf dem Erzähler rumzuhacken. So ist das nämlich mit dem Radfahrerprinzip: Nach oben Buckel und nach unten feste treten.
Aber insgesamt ist der Erzähler dann doch noch ganz gut weggekommen. Weil die Deutschler ihn dann doch alle ganz nett gefunden haben. Nur über die Figur vom Erzähler haben sie sich nicht ganz einigen können. Ob der Erzähler jetzt ein hochgeschossener, schlanker Mann ist oder einer, wo das geliebte Bier schon seine ersten Kinder kriegt, das ist nicht so ganz klar geworden. Kann man nur hoffen, dass ihm das nichts ausmacht, mit dem Gewicht und so. Weil Komplexe. Und wie es dann eben um das Alter ging, haben sie sich schon wieder nicht ganz einigen können, die Deutschler. Von wegen deutsche Einheit und so. Aber lass dich nicht so schnell täuschen von grossen Wörtern. Weil manchmal muss man da eben genauer hinschaun. Und wie die Kursler den Erzähler genauer angeschaut haben, haben sie sein Alter ganz unterschiedlich eingeschätzt. Obwohl gar nicht da und so. Aber eben junge Leute. So ist der Erzähler bei den einen als junger Spund gesehen worden, bei den anderen aber schon voll alt gewesen. Vielleicht wegen dem Bierbauch. Und der Chef von den Deutschlern noch mal ganz gut weggekommen.

Wenn man jetzt aber bedenkt, dass der Erzähler, wenn er alt ist, vielleicht lieber Wein trinkt, dann fragt man sich halt schon, wo denn dann der Bierbauch herkommt. Ja, so ist das nun mal: gar nicht so einfach.
Du wirst sagen, ganz schön wild, was die da in den armen Brenner so rum- und reininterpretieren, praktisch Maulstopfmethode. Aber jetzt sag ich dir mal was: Es bleibt dem Deutschler gar nichts anderes über, als sich da was Nettes auszudenken. Spezialrezept und so. Und deshalb waren sie, als sie mit dem Interpretieren und Charakterisieren für den Tag fertig waren, auch ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Schließlich ist dabei ja ein ganz netter Typ rausgekommen. Und wegen Sympathie und so.
Aber nicht, dass du denkst, das wars schon. Mit dem Interpretieren. Da werden die Deutschler ganz eifrig weiter machen. Darf man ihnen aber nicht über nehmen wegen dem Fach und so. Alles hat seine Tücken. Das musst du dir merken. Nur das mit dem Bierbauch. Vielleicht war das echt nicht so nett.

2 Antworten auf „Über den Tod“

  1. Genial. Klingt wie vom Haas selber. Mal dran gedacht, das dem Herrn Haas zukommen zu lassen, quasi als Fanpost? (Obwohl, vielleicht ist der Mann auch gar nicht begeistert, dass da jemand anderes genauso schreiben kann wie er…)

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