Sport- und Wanderwoche II

Interessant war, was ich von den Sportlehrern erzählt bekommen oder selbst beobachtet habe: Wenn Mädchen für den Sport Mannschaften bilden sollen, sind das ausgewogene, gleich starke Mannschaften. Die schlechten Spielerinnen werden gleichmäßig verteilt und auch keinesfalls zuletzt gewählt. Das Ideal sind ausgeglichene Mannschaften, die ein gutes Spiel ermöglichen. Wenn Jungen Mannschaften wählen, ist das Ideal die stärkstmögliche Mannschaft. Auch wenn dann kein Spiel mehr möglich ist, weil eine Mannschaft deutlich besser ist als die andere – lieber gar nicht spielen als mit nicht maximaler Spielstärke.

Ich habe selber gesehen, wie es die Schüler nicht geschafft haben, nach gegebenen Kriterien (Mannschaftsstärke) eine bestimmte Anzahl von Mannschaften zu bilden, obwohl sie einen ganzen Nachmittag dazu Zeit hatten. Es darf einfach nicht jeder rein in eine Mannschaft. Das ist ein Thema, das die Sportlehrer wohl immer wieder mit ihren Schülern besprechen.

Ein weiterer Aspekt: Begehen Jungen Spielfehler (Ball ins Aus, Schrittfehler), warten sie, bis der Schiedsrichter pfeift und eine Entscheidung fällt. Mädchen geben einen Fehler zu, ohne sich zu vergewissern, dass der Schiedsrichter den Fehler erkannt hat.

Und zuletzt: Regeln sind, gerade beim improvisierten Fußball, stets Verhandlungssache. War das aus oder nicht, soll man Einwurf machen oder weiterspielen? Das sehen auch die Jungs nicht so eng.

All das ist auch für die anderen Fächer wichtig. Wir wollen, dass sich die Schüler an Regeln halten (wenn auch nicht sklavisch). Wir wollen, dass sie in Teams arbeiten können. Wir wollen, dass sie miteinander auskommen.

Tatsache ist allerdings, dass ich das alles auch gelernt habe ohne die Hilfe des Sportunterrichts. Bei mir waren es Jahre voller Brett- und Rollenspiele. Bei einer 10-Stunden-Sitzung Kingmaker kann es nicht lediglich darauf ankommen, wer gewinnt, sondern darauf, dass man Spaß am Spiel hat. Und Regeldiskussionen gab es zuhauf. Mitspielen darf gerade beim Rollenspiel wer will; da ist es fast nicht denkbar, dass man jemanden nicht in der Gruppe haben will, weil er das nicht kann. (Klar, manche Spielstile waren veschieden. Aber das kann man alles während des Spiels regeln und zum Teil des Spiels machen.)
Aber für die, sagen wir mal, sportlicheren Schüler braucht es den Sport, damit sie das lernen können. Wenn das überhaupt funktioniert.

9 Antworten auf „Sport- und Wanderwoche II“

  1. Diese Analyse, die ich in meiner All-Boys-School nur bestätigen kann, lässt mich ein wenig fürchten, dass dies zu lernen in der normalen Schulsituation gar nicht möglich ist… und ich bin kein Sportlehrer *seufz*.

  2. Muss man Lehrern mal wieder die Welt erklären…

    Jungs sind in dem Alter (und auch später, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt) sehr konkurrenzorientiert. Dazu gehört es eben, die Schwachen hinter sich zu lassen. Die Starken bekommen Anerkennung, sagen wo es lang geht, werden von Mädchen geduldet, gehen ‚mit ihnen aus‘.

    Es ist wie ein innerer Zwang, nicht gewollt sondern eben biologisch/genetisch bedingt. Wer nicht regelmäßig zu den Gewinnern gehört, wird im ‚Rudel‘ (und nichts anderes sind Jungsgruppen) schnell heruntergestuft. In der Gruppe herrscht in der Regel eine Ordnung, die aber sehr dynamisch ist.

    Deine Erfahrungen mit Kingmaker sind wohl eher das gewünschte Idealbild, die Realität sieht anders aus. Die Hormone gewinnen normalerweise über die Vernunft/das Harmoniebedürfnis eines Menschen, in diesem Fall Jungen. Einige finden einen Weg, um auch diese Harmonie mit der biologischen Veranlagung zu vereinen, erst sehr spät, andere schon früher.
    Und, ohne Dir zu nahe treten zu wollen, Brettspiele als Beschäftigung sind nicht das Ideal eines Helden, wie sie in den aktuellen Kinofilmen vermittelt werden. Und diese Filme sind meiner Meinung nach entscheidend für das Ideal-Selbstbild eines Jungen.

    Kritik an meinen Äußerungen ist willkommen.

  3. Na gut: Im Prinzip gebe ich Ihnen recht. Nur das pauschale „Jungs sind in dem Alter“ und „biologisch/genetisch bedingt“ gefällt mir überhaupt nicht. Meine Erfahrungen mit Kingmaker sind nämlich nicht das Idealbild, sondern meine Erfahrungen, insofern auch Realität. Ich war auch nicht allein mit diesen Erfahrungen, denn sonst wären die Spiele ja wirklich traurig gewesen. :-) Die Spieleszene ist eine reiche Szene in Deutschland.

    Ich will übrigens keinesfalls Brettspiele als Ersatz für Sport vorschlagen. Nur Folgendes: Manche lernen es nie. Manche lernen es über Sport. Manche lernen es über andere Spiele als Fußball.
    Wenn die Fähigkeit miteinander zu spielen (und, analog, zu arbeiten) nur genetisch ist und nicht gelernt werden kann, dann möchte ich bitte den Sportunterricht noch weiter reduziert wissen. Ich glaube aber doch, dass der Sportunterricht dazu beitragen kann, miteinander auszukommen und vielleicht sogar zu erkennen, dass schönes Spiel wichtiger ist als die beste Mannschaft. Zumindest ist das ein Ziel der Sportlehrer.
    Und bei Brettspielen ist es so: Gewinnen ist auch da sehr wichtig, keine Frage. Aber nicht alleine. Außerdem gibt es viele asymmetrische Situationen – bereits explizit zu Spielbeginn oder während des Spiels. Da heißt es dann: Alle gegen einen – das müsste doch auch Jungs Spaß machen. :-)

    Hm, vielleicht liegt es daran, dass Sport immer nur zwei Mannschaften gegeneinander antreten lässt und Brettspiele meist drei bis sieben. Sobald mehr Parteien beteiligt sind, gewinnt eben nicht mehr die Mannschaft der unmittelbar besten Spieler, da dann Koalitionen nötig sind.

  4. Hallo Herr Rau

    Danke für die konstruktive und interessante Antwort auf meinen provokanten Kommentar.

    Eine Meinung eines Menschen beruht eben, selbstverständlich, viel auf den eigenen Erfahrungen. Den Sportunterricht an Schulen kenne -ich- etwa so: Aufwären, einige Übungen zur Verbesserung der Technik ‚ertragen‘, anschließend Teambildung und dann Spiel. Wie das Spiel ablief, ob ’schön‘ oder nicht, war eher unwichtig. Kann mich auch nicht an ernsthafte Bemühungen von Lehrern erinnern, das Spiel besonders harmonisch und gemeinschaftsorientiert zu gestalten.

    Für die unterschiedlichen Sportarten sehe ich aber auch unterschiedliche Motivatoren: Beim Fußball z.B. geht es direkt darum, besser als der jeweilige/die jeweiligen Gegenspieler zu sein. Schneller zu reagieren, den Ball besser zu beherrschen. Man kann sich direkt und unmittelbar mit dem Gegenspieler/den Gegenspielern messen. Die Konkurrenz treibt an und befriedigt das natürliche Verlangen nach dem sich-messen.
    Volleyball ist da indirekter, ein guter Schmetterball und der damit erzielter Punkt ist schwerer direkt einem Gegenspieler zuzuordnen. Konkurrenz fällt schwerer, der Teamgeist sollte besser sein.

    Gemischte Mannschaften verhalten sich wieder ganz anders. Ein Hauptmotivator für mich jahrelang Volleyball in einer Gruppe zu spielen, waren die weiblichen Mitspielerinnen, weniger der Bewegungsdran oder der Spaß am Spiel.

    Die Spieleszene mit Schulsportunterricht zu vergleichen halte ich für heikel. In der Spieleszene wird sicher mit weniger (aggressiven) Emotionen gespielt, die Charaktere sind auch gelassener, spielen weil sie es selbst möchten. Schulsport ist aufgezwungen und alle nehmen daran teil.
    Der Unterschied ist schon deutlich, wie ich meine.

    Wozu ich eigentlich kommen wollte: Kritisieren ist einfach, Meckerer gibt es genug. Mir ist aber auch ein konstruktiver Vorschlag eingefallen, der vielleicht frischen Wind in die Teambildung bringen kann:
    Meist werden ja zwei herausgenommen, die sich dann abwechselnd aus den Übrigen ihre Mitspieler wählen können. Nun könnte man vorher zwei Gruppen bilden lassen: Gute in der Sportart und weniger Gute. Die Zuordnung zu einer der Gruppen machen sie selbst. Jeder entscheidet also für sich selbst, ob er gut oder weniger gut ist. Sachlich beschrieben muss das gar nicht negativ wirken, es ist eine Selbsteinschätzung die auch etwas Selbstkritik fördern kann.
    Daraufhin werden sich hoffentlich zwei Gruppen bilden, ist die der Guten etwas größer, kein Problem. Nun wählen wie üblich zwei daraus ihre Teammitglieder abwechselnd. Mit dem Unterschied dass sie immer abwechselnd einen aus der Guten und einen aus der weniger Guten Gruppen wählen müssen. Damit werden die Teams automatisch gerechter. Betrugsversuche müssen natürlich unterbunden werden (Top-Spieler gehen in die schlechtere Gruppe o.ä.).

    Können Sie vielleicht einmal gegenüber einem Sport-Kollegen ansprechen.

    Danke für die Aufmerksamkeit

  5. „Kann mich auch nicht an ernsthafte Bemühungen von Lehrern erinnern, das Spiel besonders harmonisch und gemeinschaftsorientiert zu gestalten.“ Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Mein Sportunterricht war bis zur Kollegstufe völlig für die Katz. Ich habe gelernt, dass Auswahlverfahren eine komplizierte Sache sein können, aber das war’s. Alles andere hätte man für mich weglassen können, ich habe nichts davon behalten. (Ähnlich übrigens Musik. Was ich heute über Musik weiß, habe ich mir alles nach der Schule selber beigebracht. Der Musikunterricht war vergeudete Zeit. Ich schiebe das auf Lehrplan und Lehrer, nicht das fach.)

    Eigentlich wollte ich die Sportlehrer gar nicht so verteidigen. Mir ist das Fach nämlich trotz allem immer noch etwas suspekt. Aber dass sie diesen Anspruch haben, finde ich erwähnenswert. Möglicherweise können sie ihn tatsächlich nicht erfüllen. Und manche Schüler brauchen für dieses Lernziel auch gar keinen Sportunterricht – ich und meine Mitspieler etwa.

    Ihr Wahlverfahren klingt machbar; ich glaube, dass die Einteilung in zwei Gruppen auch ohne große Probleme und Statusverlust abginge. Allerdings würde sich vermutlich an der Mannschaftszusammensetzung nichts ändern. Ausgeglichene Mannschaften kommen ja auch nach dem üblichen alten Wahlverfahren zustande, nur dass der Prozess unschön ist.

  6. Mannschaftsspiele im Schulsport sind für sportliche Kinder ein Graus. Warum? Weil die Anforderung, gute Teams zu bilden, eine fürchterliche Überforderung ist. Vor allem im koedukativen Sportunterricht mit Ballspielen. Ein Hauptproblem besteht darin, daß einerseits eine hohe Gemeinschaftsleistung von den Schülern verlangt wird, andererseits jede Sportstunde neu die Teams wechseln. Meine Jungs sind Wasserballer. Sie erfahren in ihren Vereinsmannschaften, dass gute Teams erst über lange Zeit entstehen, in der in immer gleicher Mannschaft Spielzüge trainiert werden müssen, und in der jeder Einzelne an der Position eingesetzt wird, wofür er sich am besten eignet. Der ständige Wechsel im Schulsport verbunden mit der Illusion, alle könnten alles gleich gut, ist frustrierend. Frustrierend auch, dass Teamgeist verwechselt wird mit Solidarität, die die Schwächeren oder Ball-Ängstlichen schont, z.B. indem man sie nicht so hart anwirft o.ä. Das hat nichts mit Sport zu tun. Und nichts mit Team. Ein Team wird im Schulsport häufig zum Sozialverhaltens-Training mißbraucht. Es geht dann nicht darum, dass das Team gemeinsam eine hohe Leistung erreicht, sondern darum, dass sich alle irgendwie „wohlfühlen“. Dabei wird außerdem ignoriert, dass sich die Starken unter diesen Bedingungen nicht wohlfühlen. Im Schul-Mannschaftssport wird von Sportlehrern oft vorgegangen nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Das ist für Sportler ätzend, denn für sie ist das Ziel ist das Ziel.
    Und wenn dann noch den Jungs mit ihrer Leistungs- und Zielorientierung die Teamfähigkeit abgesprochen wird – auch noch von Geschlechts wegen und ihnen die Mädchen als harmonische Teamgeister vorgehalten werden, dann braucht man sich nicht wundern, wenn gerade sportliche Jungs die Mannschaftsspiele im Schulsport hassen. Mädchen sind häufig beziehungs- und harmonie-orientiert. Das bestimmt ihr Verhalten im Schul-Mannschaftssport. Das führt aber nicht zu hohen Mannschaftsleistungen. Mir scheint, oft werden die Leistungsziele der Jungs abgewertet gegenüber den Harmonie-Zielen der Mädchen. Es sind aber einfach nur andere Ziele. Mädchen, die in Sportvereinen Mannschaftssport als Leistungssport betreiben, verhalten sich übrigens genauso wie Jungs. Sie erscheinen dann im Schulsport, als hätten sie „männliche“ Verhaltensweisen, und werden ebenso wie diese dafür kritisiert.

  7. Lisa Rosa: Das überzeugt mich. Einiges davon konnte ich so nicht formulieren, aber jetzt verstehe ich besser, was da eigentlich geschieht.

  8. Teamsports vs. Extreme Sports.
    Im Teamsport geht es um Teamgeist & Taeuschung;
    Extreme Sports lehren einem komplett andere Lessons.
    Extreme Sports basieren auf Kreativitaet und individueller Excellence und lehren dem Athlet viel ueber Anstrengung und Verantwortung. Extreme Sportler koennen sich im Gegensatz zu Teamsportler nicht auf andere verlassen.

    „The future entrepreneurs of this nation are more likely to emerge from extreme
    sports than from traditional sports.“ -Blaine McCormick

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