Appendices

Bei Romananfängen frage ich mich nur selten, warum die Geschichte ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt erzählt zu werden beginnt. Beim Schluss ist es anders: Warum hört die Geschichte ausgerechnet zu diesem Punkt auf? Wenn es ein glückliches Ende gab, was geschieht danach? Wenn nicht, wird es noch einmal eine zweite Chance geben?

Sehr ordentlich finde ich zum Beispiel Life According to Garp: Es beginnt mit der Zeugung des Protagonisten und endet mit seinem Tod.
Genau genommen endet es sogar noch später: In einem Anhang wird kurz erzählt, wie es denjenigen Personen weiter ergeht, die Garp überleben, bis viele Jahre in die Zukunft hinein.

Solche Anhänge mag ich. Sie geben zu, dass Geschichten den Rahmen jeder Erzählung sprengen, dass es immer noch mehr zu sagen gibt. Dragnet oder American Graffiti haben das ähnlich gemacht, nur kürzer, und bei Dickens gibt’s das in Hard Times und The Old Curiosity Shop, bei Fielding bei Tom Jones.

Den besten Anhang, den ich kenne, hat aber The Circus of Dr Lao von Charles G. Finney. 1935 erschienen, 1964 mit Tony Randall von George Pal verfilmt – ohne Anhänge. In eine Kleinstadt im Westen kommt ein Zirkus, ein sehr mysteriöser und kurioser, auch wenn das von den Leuten gar nicht so recht wahrgenommen wird. Er bleibt ein Weilchen und zieht dann weiter.

Zum Schluss des sehr kurzen Romans gibt es dann 18 Seiten Anhänge:

The Male Characters

  • Hermes: a legend.
  • Nebulous people some day to exhume Frank Tull: A contractor, a straw boss, and seven labourers. They didn’t do it on purpose. They were fixing to dig the holes for the foundation of a new T.B. sanatorium and didn’t know they were scratching into sepulchral ground.
  • Teddy Roosevelt: A president.
  • A Russian.

The Female Characters
The Child Characters
The Animals
The Gods and Goddesses
The Cities
The Statuettes, Figurines, Icons, Artifacts, and Idols
The Questions and Contradictions and Obscurities

  • Was it a bear or a Russian or what?
  • Why didn’t the two college punks get sore when they were thrown out?

The Foodstuffs

  • Pork chops. Lettuce. Ham hocks. Lamb chops. Persimmons. Hay. Soda pop. Duck eggs. Garlic. Little fat brown boy. Candy. Onion seeds. Pie. Pelicans. Grapes. Proteins. Snales. Beer. Snow geese. Sea foods. Carbohydrates. Frigate bird. Butterfat. Chicken. Gooseliver. Fish. Vahine. Frogs. Bananas. Oyster’s. Brown boy’s old pappy. Bugs. Plantain. Fishing worms. Little plants. Lizards. Grub worms. Hot dogs. Rattlesnakes. Noodles. Slop. Nuts.

Wie gesagt, nur ein kurzer Auszug.

3 Antworten auf „Appendices“

  1. Über die Bedeutung von Romananfängen wird ja gerne gesprochen. Aber nie in meinem ganzen literaturwissenschaftlichen Leben ist mir eine Diskussion über das Ende untergekommen – und dabei ist dies auch bei grandiosen Werken häufig unbefriedigend. Endlich thematisiert das jetzt mal jemand!!

  2. Ich sehe dies anders: Gerade durch solche Anhänge wird dem Leser eigentlich seine Phantasie weggenommen. Gerade bei einem recht offenen Ende macht man sich ja seine eigenen Gedanken und vorstellung von dem weiteren Leben der Hauptpersonen o.ä. Und durch einen Anhang wird dies vorgegeben und in einem engen Rahmen belassen. Deshalb favorisiere ich auch Enden, die nicht alle offenen Punkte abschließen, sondern lustige, spannende oder interessante Nebenquests offen lassen und den Leser somit selbst zu einer Entscheidung zwingen. Auch wenn der Autor selbst das Ende für sich selber anders sieht, hat man somit seine eigene befriedigende Version.

  3. Ach, meine Phantasie nimmt mir so schnell niemand weg. Der Punkt ist ja der, dass auch mit einem Anhang nie alles geklärt werden kann. Es kann gar nicht anders sein, als dass doch etwas offen bleibt. (Daher auch der Punkt bei Finney: “Ungelöste Fragen”.)
    Aber es ist schon was dran. Mich stören offene Enden und auch Anfänge bei Romanen einfach. Die Fiktion des Erzählens braucht einen Erzählanlass, eine Grund anzufangen und einen aufzuhören, bei einem Ich-Erzähler sowieso, aber auch bei jedem anderen Erzähler, um so mehr, je auktorialer er ist. Und wenn der dann einfach aufhört zu erzählen, ohne einen Grund anzugeben, irritiert mich das.

    Enden sind ja wichtiger als Anfänge, denke ich, außer wenn es ums Verkaufen des Buches geht. Ich erinnere mich an einen Roman, bei dem thematisiert wurde, wie man die Wörtchen “THE END” heutzutage noch am Ende eines Buche unterbringen konnte. Ich glaube, die Lösung war, dass das die letzten Worte einer der Personen oder des Erzählers waren, die zwar optisch herausgehoben, inhaltlich aber noch innerhalb der Handlung waren.
    Ich weiß nicht mehr, was das für ein Buch war; David Lodge war mein erster Verdächtiger, und in Changing Places hat er das tatsächlich thematisiert, aber auf andere Weise gelöst. Ein englischer Roman war’s, das weiß ich. John Fowles bietet in The French Lieutenant’s Woman zwei Varianten an.

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