Die Fledermaus

Ausnahmsweise die andere, die von Johann Strauß (Wikipedia und Semperoper): Zum Geburtstag gewünscht, mit Verspätung gekriegt, jetzt endlich angehört: Die Fledermaus. Und grad schön is’!

Mit meinem Aufwachsen bin ich im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Man hat mich viel in Ruhe gelassen, wenn man davon absieht, dass ich mich lange nicht gegen Geh-doch-mal-raus-Radtouren wehren konnte. Aber ich war früh in den USA, lernte alte Filme kennen, Shakespeare in Form von Fernsehinszenierungen lieben, und war immer wieder Oper und Operette ausgesetzt. Dazu ein wenig Theater, gar keine Prosa, aber viel Musik. Sehr hatte mich Musik nie interessiert, aber man nimmt doch etwas mit.

Unter anderem gab es eine Videokassette mit der Fledermaus (Betamax), die ich drei‑, viermal gesehen habe. Jedenfalls konnte ich mich an viel erinnern, und die CDs jetzt haben diese Erinnerungen noch einmal aufgefrischt.

Ich weiß noch, wie ich als – Fünfzehnjähriger? – mit meinen Eltern zu Freunden fahren musste und so gar keine Lust dazu hatte. Die ganze Autofahrt saß ich hinten und sang leise vor mich hin: “Galücklich iiist, wer vergiiist, was nun einmal nicht zu äääändern iiiist.” Das muss furchtbar gewesen sein. Dass das aus der Fledermaus ist, habe ich erst jetzt gemerkt.

Mir gefällt an der Fledermaus die Musik und die Handlung: Herr von Eisenstein muss ein paar Tage ins Gefängnis wegen Beamtenbeleidigung. Sein Freund Dr. Falke überredet ihn, den Abend zuvor heimlich auf dem Fest des Grafen Orlofsky zu verbringen; Eisenstein verabschiedet sich unter Krokoldistränen von seiner Frau Rosalinde, sie singen gemeinsam zwischen Dur und falschem Moll hin- und herspringend: “Oh je, oh je, wie rührt mich dies.” Die Frau hat nämlich auch etwas vor, und zwar ein spätes Abendessen mit ihrem ehemaligen Liebhaber Affred. Die Zofe Adele wird aus dem Haus geschickt, sie stibitzt sich ein Kleid der gnädigen Frau und geht ebenfalls auf den Ball bei Orlofsky.
Alfred will Rosalinde betrunken machen: “Trinke Liebchen, trinke schnell, Trinken macht die Augen hell”. Er hat es sich schon recht gemütlich gemacht, als der Gefängnisdirektor Frank kommt, um Eisenstein persönlich abzuholen. Natürlich hält er Alfred für Eisenstein, der will Rosalinde nicht kompromittieren (ich weiß noch genau, dass ich das Wort damals gelernt habe) und geht ins Gefängnis, nicht ohne sich zuvor als vorgeblicher Ehemann zwei Küsse geraubt zu haben.

Der Gefängnisdirektor hat es eilig. Er will noch auf ein Fest. Orlofsky natürlich. Der ist ein russischer Graf, fuuurchtbar gelangweilt und eigentlich ein Mezzosopran. (Ich habe eine Aufnahme mit Iwan Rebroff, der das ganze Stück durch im Falsett singt. Gruslig. Wem das was sagt, der ist noch meine Generation.) “Ich lade gern mir Gäste ein”, singt er, und die dürfen sich nicht langweilen oder mit dem Trinken aufhören, sonst werden sie rausgeworfen. “Die Majestät ist anerkannt” singt der Chor, und damit ist der König der Weine gemeint: Champagner!

Auf dem Ball glaubt Eisenstein, das maskierte Kammermädchen Adele zu erkennen. Die Gesellschaft lacht ihn aber aus, allen voran Adele: “Sie verzeihen, ha-ha-ha, wenn ich lache, ha-ha-ha”. Eisenstein selber gibt sich auf dem Ball als französischer Marquis aus, trifft auf den Gefängnisdirektor Frank, der sich ebenfalls als französischer Adliger ausgibt. Sie werden einander vorgestellt, richtig Französisch kann natürlich keiner von beiden, und sie führen einen Dialog, der nur aus ein paar halbgaren Brocken besteht.
Rosalinde ist inzwischen auch auf dem Ball. (Wie sie dorthin kommt, weiß ich nicht, ich geb’s zu.) Sie ist als ungarische Gräfin maskiert; ihr Mann flirtet heftig mit ihr, ohne sie zu erkennen. Im Uhrenduett nimmt sie ihm seine Uhr ab, die Teil eines Tricks ist, mit dem er gerne Frauen anspricht.

Der Morgen naht. Alle trinken Brüderschaft (“Brüderlein und Schwesterlein”). Eisenstein und Frank wanken beide Richtung Gefängnis; Eisenstein ist überrascht, dass dort schon ein anderer Eisenstein einsitzt (Alfred). Er gibt sich als Anwalt aus und berät Alfred und Rosalinde. Gibt sich am Ende zu erkennen, wutenbrannt (“Ja ich bin’s, den ihr betrogen/Ja ich bin’s, den ihr belogen”). Glücklicherweise hat Rosalinde die Uhr und kann ihm sein eigenes Fehlverhalten beweisen.
Trotzdem ist er ernstlich böse, und nur Dr. Falke kann mit einem Gemisch aus Lüge und Wahrheit die Wogen glätten.

Tolle Musik. Sehr witzig. Und sehr wenig moralisch im traditionellen Sinn. Erinnert mich an Komödien der Restorationszeit, abgesehen vom Ende, als nicht das Erwischtwerden, sondern tatsächlich das Fremdgehen das Problem zu sein scheint. Natürlich ist das Stück nicht sehr demokratisch, die feine Gesellschaft reklamiert Sonderrechte für sich.

Ähnlich amoralisch schön ist das kaum bekannte The Wrong Box von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osborne. Groteske Gestalten, die sich gegenseitig aufs Kreuz legen wollen; eine obskure Erbschaftsgeschichte und eine Leiche, die verborgen werden muss und von einem zum anderen weitergereicht wird. Auf die Idee, die Obrigkeit zu informieren, kommt keine einzige der Figuren.

Ja. Hm. Das wollte ich nur mal sagen.

4 Antworten auf „Die Fledermaus“

  1. Ich ging gerade den Spielplan der Staatsoper durch, blieb bei der Fledermaus hängen, dachte mir, da war doch ein Eintrag beim Herrn Rau…kurzum: ich gehe auch.

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