Blut und Wasser (und Wein)

Die letzten Tage war ich in Berlin, familienfeiern. Das war sehr schön, auch wenn der Anlass eine Beerdigung war. Die Urne mit der Asche eines Onkels wurde beigesetzt. (Krebs, an dem auch schon zwei Geschwister gestorben sind. Ein weiteres hat eine Krebserkrankung überlebt, und bei meiner Mutter wurde letztes Jahr Krebs diagnostiziert und operiert, nach einigem Bangen sieht es jetzt gut aus. Genetisch habe ich also die besten Aussichten, selber mal Krebs zu kriegen – dieses Jahr werde ich 40, Zeit für Vorsorgeuntersuchungen.)

Ich komme aus einer großen und weit verteilten Familie – Onkels und Tanten in den USA, der Schweiz, Berlin und anderswo, jeweils mit Cousins und Cousinen. In meiner Kindheit waren Fahrten zu Verwandten ganz normal, im Urlaub, zu Hochzeiten oder einfach so. Und unsere Wohnung war andersrum auch immer voll mit Besuch, auf Sofas und Klappbetten. Besuch kriegen war immer schön, wegfahren war manchmal schön, manchmal lästig, je nachdem.

Als Teenager fing ich dann an, mich weniger am Familienleben zu beteiligen. Zog irgendwann mal in den Zwanzigern aus, und dann hörte das mit der vielen Verwandtschaft auf, von sporadischen Versuchen selbstgebastelter Weihnachtskarten abgesehen.
Auf der Hochzeit meines Bruders vor zweieinhalb Jahren habe ich dann wieder eine Ahnung davon bekommen, dass Verwandte gar nicht so übel sind. Danach habe ich sie mal da und dort gesehen, vor einem halben Jahr hat dann auch noch der andere Bruder geheiratet, und jetzt war die Beerdigung in Berlin.

Ich habe mit äußerst sympathischen kleinen Kindern gespielt, mit Erwachsenen gegessen und Geschichten ausgetauscht, mir Geschenkideen für meine Neffen und Nichten aus dem anderen Zweig der Familie notiert. Und am Abend waren die anwesenden Mitglieder meiner Generation nebst Partnern aus, einen trinken gehen. Die jungen Leute halt. (Im gleichen Alter hatten unsere Eltern schon ältere Kinder, oder überhaupt Kinder.) Wir waren erst in der Hausbar, Cocktails und Bier trinken, dann in der Alten Kabine Kantine in der Kulturbrauerei. Ein Rockschuppen. Nirvana habe ich sogar erkannt, auch wenn mir im Bierdusel nur noch der Name des Leadsängers einfiel.
Und das alles in meinem Alte. Um drei war ich zu Hause. Und ich bin sonst eher der Typ, dem schlag zehn Uhr abends die Augen zufallen. (Ja, auch in Gesellschaft.)

Ob es in Zukunft wieder so viel, oder wenigstens halbwegs so viel, Treffen gibt wie in meiner Kindheit, wird sich zeigen. Das liegt jetzt jedenfalls an meiner Generation.

Software-Nachtrag: Mein Vater, computermäßig so firm, dass ich mir Tipps von ihm hole, hat in Berlin auf allen greifbaren Rechnern der Verwandschaft ein Genalogieprogramm samt Daten installiert. (Auch auf meinem Laptop. Technofamilie.) Die Daten haben er und meine Mutter im letzten halben Jahr nach und nach eingegeben. Schon spannend.
Ich erwähne das deshalb, weil ich daraufhin gleich nach web-basierten Genealogie-Programmen gesucht habe. Sonst kann nur immer einer die Daten verwalten und muss die Datendatei per E-Mail oder sonstwie an die Familienmitglieder verschicken.
Ich bin auch auf mehrere Programme gestoßen, etwa PhpGedView. Mit Passwortschutz (obwohl Daten auf gemieteten Servern natürlich nie völlig sicher sein können), schöner Benutzeroberfläche, differenzierter Rechtervergabe. Ich muss nur noch schauen, ob das Programm mich auch per E-Mail über bevorstehende geburtstage informiert.

Hübsch jedenfalls.

Hm. Ich könnte ja mal meine Schüler die Mitglieder der englischen Königsfamilie von den Plantagenets bis zu den Windsors eingeben lassen. Zusammen mit Bar Mizvahs, Scheidungen, Einbürgerungen, Religion, Tauftermin, Hinrichtungen und so weiter (was halt alles eingegeben werden kann) – als eine andere Art der Geschichtsschreibung.

Man ist halt doch immer Lehrer.

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One thought to “Blut und Wasser (und Wein)”

  1. Dies Auf und Ab ertragen halt vor allem Verwandtschaften, das finde ich daran so toll – auch wenn ich meine Cousinen nur alle Jubeljahre mal sehe, bleibt der Kontakt doch offiziell bestehen. :-)
    Ich selbst habe ja in eine intakte Großfamilie hineingeheiratet – und liebe es. Auch die Kinder genießen es, auch wenn sie ihre gleichaltigen Tanten und Onkel nur einmal im Jahr sehen.

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