Vom Jambischen

Jeder hat so seine Sachen, die einen besonders stören. Und wenn nicht, dann sollte jeder sie haben. Zu meinen gehört die Füßigkeit des Jambus.

Wir merken uns: Der Jambus ist einer von drei oder vier in der deutschen Lyrik häufig auftauchenden Versfüßen. Er besteht aus zwei Silben, einer unbetonten und danach einer betonten. Er sieht demnach so aus:

jambus1.png

Das sind dann also zwei Jamben:

jambus2.png

Und das sind fünf Jamben. Wir zählen nach: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Stimmt. Fünf Jamben hintereinander:

jambus3.png

Wir sagen zu einem Vers, der aus fünf Jamben besteht, auch: jambischer Fünfheber. Jambisch ist der Vers allemal, er besteht aus lauter Jamben. Und fünf Hebungen hat er auch.

Und das Folgende, meine Damen und Herren, ist der leider auch oft von Deutschlehrern im Munde geführte fünfhebige Jambus:

jambus4.png

Grrrrrrrr. Den gibt es nicht.

Fußnoten:
a) Gilt für Trochäus oder Daktylus natürlich genauso.
b) Warum man überhaupt wissen muss, was ein Jambus ist, ist ein anderes Thema.
c) Ich sag eh lieber „alternierendes Metrum“. Denn wie man einen trochäischen Vers mit Auftakt von einem jambischen Vers unterscheidet, ist in der Deutschlehrerkonferenz noch nicht geklärt worden. Kollege Z. erklärt dann gerne: „Es gibt keinen Auftakt in der deutschen Lyrik.“ Lange Geschichte.

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8 Thoughts to “Vom Jambischen

  1. Ha! Großartig und vielen Dank für die amüsante Aufklärung, ich muss zugeben, über die sprachlichen Ungenauigkeiten des „fünfhebigen Jambus“ noch nicht nachgedacht zu haben. Auch an der Uni hat mich niemand darauf hingewiesen.

    Der letzte Punkt hat allerdings in meiner Examensvorbereitung für Schwitzen gesorgt.

  2. Wie mir aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen übermittelt wurde, sagt Kollge Z., dass man in der deutschen Lyrik für gewöhnlich Volksliedverse einerseits und an klassischen Mustern orientierte Verse (die mit den Versfüßen!) unterscheiden kann. Volkslieder und ihnen nachempfundene Verse, zum Beispiel aus der Romantik, weisen häufig einen Auftakt auf. Bei denen gibt es dann auch freie Füllungen, d.h. Fünfheber (daher der Ausdruck“fünfhebig“), die aber nicht streng alternierend gehalten sind, sondern auch mal zwei aufeinanderfolgende unbetonte Silben aufweisen können. Der Ausdruck fünfhebiger Jambus ist also tatsächlich Schmarrn, weil er zwei völlig unterschiedliche metrische Systeme durcheinanderwirft.
    Bei Versen nach klassischem Vorbild (Hexameter, Odenstrophen usw.) oder über die romanische Welt vermittelten Versen (Terzinen? Endecasillabo?) gibt es keine Auftakte oder freien Füllungen. Ein Verstoß gegen diese metrischen Regeln deutet, anders als bei volksliedartigen Versen auf mehr oder weniger gewollte, demnach interpretationsbedürftige (?) Betonungen, Spannungseffekte usw. hin.
    Zur Erinnerung: Vor dem alten Klopstock gab es außer den alternierenden Versen z.B. dem Alexandriner in der Barockzeit, keine neuhochdeutsche Lyrik, die antike Muster übernehmen konnte, weil es im Mittelhochdeutschen zum Zusammenbruch der Vokalquantität gekommen war. In den Kultursprachen des antiken Mittelmeeraums wurden aber nicht betonte bzw. unbetonte Silben, sondern lange und kurze Silben unterschieden. Einen Daktylus (lang-kurz-kurz) überführte man erst im 18. Jhdt. in betont-unbetont-unbetont.

    Pretty gelahrt, puh!

  3. Ui, das werd ich mir merken, die Erklärung überzeugt mich nämlich.
    Gelernt habe ich es in der Schule aber auch mit dem fünfhebingen Jambus, von einem Lehrer, der durch seine Kompetenz überzeugte.

    Ich erinnere mich an meine damalige Schwierigkeit, hebig von häbig zu unterscheiden. Jetzte gefiele mir so ein behäbiger Jambus ganz gut, glaube ich ;)

  4. Wenn man sich mal beinahe verquatscht hat und ist schon bis „fünfhebiger Jamb-“ gekommen, dann kann man’s noch zurechtbiegen als „fünfhebiger jambischer Vers“ ;-)

  5. Ich bin ja jetzt beruhigt, dass hier ziemliche Einigkeit herrscht, denn ich bin mir verflixt sicher, es in der Schule genau so (also falsch) gelernt zu haben! Und es ist nicht einfach, sich davon zu trennen. Ich ziehe mich also jetzt mit ein entsprechender Literatur bewaffnet zurück und prüfe das Ganze noch einmal – immerhin steht bei mir in einer Woche der Beginn einer Lyrik-Reihe an…

  6. Stimmt denn die Prämisse? Bezeichnet Jambus notwendigerweise und ausschließlich den *Versfuß*? Kann Jambus nicht auch den gesamten Vers bezeichnen, wenn er sich nur aus jambischen Versfüßen zusammensetzt? In diesem Falle hätte ich mit einem „fünfhebigen Jambus“ kein Problem.

  7. Soweit ich sehe, stimmt die Prämisse. Jambus ist überall, wo ich geschaut habe, nur als Versfuß erklärt. Und herzlich willkommen!

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