Trochäische Vierheber

Metrik in der 6. Klasse:

1. Erst mal das Zählen von Silben üben. Was ist eine Silbe, was ist keine? Das Wort „Abend“ hat zwei Silben, auch wenn man in der Silbentrennung nicht „A-bend“ schreiben darf.

2. Das Unterscheiden von betonten und unbetonten Silben üben. Jede Silbe ist im Deutschen eher mehr oder eher weniger betont. (Das ist nicht in allen Sprachen so.)

3. In vielen Gedichten gibt es als Gerüst eine ziemlich regelmäßige Verteilung von betonten und unbetonten Silben. Diese Verteilung heißt Metrum. An Beispielen üben. Noch nichts von Jambus oder Trochäus sagen, keine Taktstriche machen. Das sieht dann so aus:

Er stand auf seines Daches Zinnen,
x    X    x   X  x   X  x   X  x  
Er schaute mit vergnügten Sinnen
x    X   x  X   x   X  x   X  x
Auf das beherrschte Samos hin.
x   X   x    X   x   X x   X

4. Dann aber bald darauf hinweisen, dass man beim Vortrag nicht alle dieser vom Metrum vorgesehenen Betonungen in gleicher Weise betont. Manche werden sehr, andere kaum betont, und manchmal muss man auch eine Silbe betonen, bei der das Metrum das eigentlich gar nicht vorsieht.* Mit einer anderen Farbe werden die Betonungsstriche ergänzt, die man wirklich betont. Das ist dann eine Frage des Vortrags, der Interpretation, da kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Er STAND auf seines DACHes ZINNen,
x    X    x   X  x   X  x   X  x  
Er SCHAUte mit vergnügten SINNen
x    X   x  X   x   X  x   X  x
Auf das beHERRschte SAmos hin.
x   X   x    X   x   X x   X

5. Zu diesem Zeitpunkt hat dann schon eine Schülerin bei Wikipedia nachgeschaut und meldet, dass es da so etwas wie „Jambus“ gibt. Dann führe ich auch die wichtigsten Versfüße ein (Jambus, Trochäus, Daktylus); ansonsten kann das gerne noch ein halbes Jahr warten.

6. Die Anwendung. Gemeinsames und später eigenes Bestimmen der Metren folgender Vierzeiler:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort
(„Wünschelrute“ von Joseph von Eichendorff)

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
(aus: Goethe, „Meeresstille“)

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
(aus: Deutsche Nationalhymne, Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Melodie: Joseph Haydn)

Eisgekühlte Coca Cola,
Coca Cola eisgekühlt,
Eisgekühlte Coca Cola,
Coca Cola eisgekühlt.
(1950er Jahre, Melodie von einem chilenischen Sambastück von Nicanor Molinare)

Oh my darling, oh my darling,
Oh my darling, Clementine!
Thou art lost and gone forever
Dreadful sorry, Clementine
(aus: amerikanisches Volkslied)

Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
(aus: Friedrich Schiller, „Ode an die Freude“, vertont von Ludwig van Beethoven in der 9. Sinfonie)

Man stellt schnell fest: Das sind alles trochäische Vierheber, nur dass in jedem zweiten Vers die letzte, unbetonte Silbe fehlt. Das ist erlaubt. (Männliche Kadenz, aber auch das kann noch warten.)
Man merkt bei dieser Probe aus der Praxis auch, wie wichtig der Hinweis ist, dass das Metrum nur ein Muster vorgibt, das man beim Vortrag manchmal variieren kann oder muss. Sonst würde man beim letzten Schillervers ja „Hímmlisché“ auch auf der letzten Silbe betonen.**

Für diejenigen, die bis hierhin gelesen haben: da alle diese Vierzeiler das identische Metrum haben, kann man jeden solchen Vierzeiler auf die Melodie der anderen vertonten Vierzeiler singen. Der Text von „Eisgekühlte Coca Cola“ zur Melodie der Nationalhymne? Kein Problem. Der Text von Eichendorffs Wünschelrute zu Beethovens Neunter? Ditto. Die Nationalhymne zu Clementine? Geht natürlich auch.***

Die Melodien kennen jeweils mindestens die Hälfte der Sechstklässler, so dass die Klasse mitsingen kann. (Und das besser als ich.) Immer einen Text und eine Melodie aussuchen und loslegen.

7. Nächster Schritt: Selber solch einen Vierzeiler schreiben. Das ist leichter als man denkt und schwieriger zugleich. Wenn man vor sich hinsingt, geht es allerdings fast automatisch. Am besten bei Beethoven, am schlechtesten bei Clementine, so ging es jedenfalls mir.


* Man könnte auch sagen, dass immer wieder mal ein Jambus durch einen Trochäus ersetzt wird oder umgekehrt. Das sage ich aber erst ein Jahr später so.

** Wer will, kann auch sagen, dass in diesem Vers eben keine trochäischen Vierheber vorliegen, sondern dass ein trochäischer Versfuß durch einen Pyrrhichius ersetzt wurde. Von mir aus.

*** Ein Problem kann es geben, wenn in der Vertonung eine Silbe auf zwei aufeinanderfolgende Noten aufgeteilt wird (Melisma). Das ist oben, soweit ich gesehen habe, nur bei der Nationalhymne einige Male der Fall, etwa bei „Frei-ei-heit“ und „Va-te-er-land“. Statt des trochäischen „Freiheit“ mit Melisma könnte man auch ein daktylisches Wort ohne Melisma**** einbauen, und die Melodie würde dennoch passen.

**** Ich wusste auch nicht, dass das so heißt. Aber ich war mir sicher, dass es dafür ein Wort gibt.


Schülerstrophen aus der 6. Klasse mit dem Metrum von oben:

Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
So vergeht das ganze Jahr.
Kälte, Frost und Sonnenstrahlen,
Regen, Schnee und draußen sein.

Manchmal gibt es schöne Tage
viele Tage sind so lang
aber nur das Wochenende
find ich wirklich super gut.

Träume sind wie Seifenblasen,
Zierlich, klar und schön wie nie,
Bleib ganz nah, spür, dass sie leben,
Halt sie fest und liebe sie.

Chips sind eine Göttergabe,
die ich immer mit mir trag,
und ess sie fast alle Tage,
da ich sie so gerne mag.

Zu anderen Strophenformen gibt es auch Lieder. (1) Abwechselnd jambische Vier- und Dreiheber gibt es bei „Ghost Riders in the Sky“:

An old cowpoke went riding out
One dark and windy day,
Upon a ridge he rested as
He went along his way,

und hier:

Should auld acquaintance be forgot,
And never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot
And auld lang syne?

(Im letzten Vers sollten aber auch sechs Silben sein, dafür ohne Melisma zu singen.)

Dazu passt Goethe, „Auf dem See“:

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!

(2) Trochäische Vierheber, durchgehend männliche Kadenz? Yellow Submarine, ohne den Refrain.

Schön wäre es, wenn jemand ein Lied wüsste, das zu jambischen Fünfhebern passt.

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9 Thoughts to “Trochäische Vierheber

  1. Sehr schön, danke!
    Hier daktylische Vierheber (tw. mit Auftakt): Anfang von Klaus Lages „1001 Nacht“
    Du wolltest dir bloß den Abend vertreiben
    und nicht grad allein gehn und riefst bei mir an.
    Wir waren nur Freunde und wollten’s auch bleiben,
    ich dacht‘ nicht im Traum, dass was passieren kann.

    Anno 1990 gab’s (z.B. auf dem Titel der ZEIT) die große Diskussion, welche Hymne nun für Gesamtdeutschland genommen werden solle. In einer Fernsehsendung wurde ganz praktisch probiert, ob nicht der Ost-Text (Johannes R. Becher) zur West-Melodie (Haydn) passt – und es ging ganz gut (mit Melismen):
    Auferstanden aus Ru-i-hi-nen
    und der Zukunft zuge-he-wandt…
    Als Alternative diskutiert wurde auch die Brecht’sche Kinderhymne (Anmut sparet nicht noch Mühe).
    Falls mir in meinen Liederbüchern etwas Fünfhebiges über den Weg läuft halte ich es fest.

  2. Jambische Fünfheber gefunden: http://en.wikipedia.org/wiki/Danny_Boy

    Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling
    From glen to glen, and down the mountain side

    The summer’s gone, and all the roses falling
    
’Tis you, ‚tis you must go and I must bide.

    Trochäische Fünfheber (Karat/Maffay, noch eine Ost-West-Geschichte…):

    Über sieben Brücken musst du geh‘n,
    Sieben dunkle Jahre übersteh‘n,
    Sieben Mal musst du die Asche sein,
    Aber einmal auch der helle Schein.

    Fünfheber sind in Liedern eher selten, vielleicht wegen des langen Atembogens?
    Zum Schluss noch ein daktylisches Fundstück (Beatles, Siebenheber?):

    What would you think if I sang out of tune, would you stand up and walk out on me?
    Lend me your ears and I’ll sing you a song and I’ll try not to sing out of key.

  3. Danke für die Fundstücke. „Auferstanden aus Ruinen“ passt genau, auch vierhebig trochäisch mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz.

    Klaus Lage: schwer zu singen, und bevor das Schüler kriegen, würde ich noch ein paar Silben einfügen, damit das auch gelesen schön regelmäßig bleibt. Das mit dem Auftakt bei Daktylen erwähne ich bei den Schülern nur ganz beiläufig, um sie nicht zu verwirren. Auch wenn die tatsächlich häufig sind, zur Klaus-Lage-Melodie passen etwa Zeilen aus Goethes „Der Gott und die Bajadere“:

    Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet
    Die Großen belauert, auf Kleine geachtet.

    Danny Boy: Klasse! Ich habe Johnny Cash singen lassen und parallel dazu den Anfang von Iphigenie versucht:

    Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
    Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines,
    Wie in der Göttin stilles Heiligtum,
    Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl

    und Shakespeare:

    Shall I compare thee to a summer’s day?
    Thou art more lovely and more temperate:
    Rough winds do shake the darling buds of May,
    And summer’s lease hath all too short a date

    Schwierig ist bei der Melodie nur die Zäsur nach den ersten zwei Takten, die einen dazu zwingt, etwa die erste Silbe von „eure“ lange auszuhalten. Beim Originallied ist das aber auch manchmal der Fall.

    Fünfheber sind tatsächlich selten. Jamben auch, denke ich, da halt doch eher der erste Ton im Takt betont ist.

  4. Johnny Cash meets Goethe und Shakespeare, hätte er sich auch nicht träumen lassen… Welches Lied?

    „Jamben auch, denke ich, da halt doch eher der erste Ton im Takt betont ist.“ –
    Die Definition von Takt, die ich kenne, heißt: „Eine Gruppe von Grundschlägen, der erste Schlag ist (immer) betont.“ Dabei kann der erste ‚Schlag‘ nur ‚gefühlt‘ sein, ohne real klingenden Ton.
    Daher muss man sich bei Jamben mit dem Trick behelfen, Lieder mit musikalischem Auftakt zu nehmen. Literarische Metrum- und musikalische Taktgrenzen sind dann nicht identisch.
    Solche auftaktigen Lieder gibt es allerdings viele, v.a. Wanderlieder – vielleicht braucht man den ‚Anlauf‘ uuund-EINS-zwo-DREI-vier?
    Beispiele: Das Wandern ist des Müllers Lust, Es brennt in meinen Reiseschuhn, Mein Vater war ein Wandersmann (nur: Wer kennt die noch?). Schön auch Greensleeves: Alas, my love, you do me wrong (hier werden die Betonungen durch lange Notenwerte besonders deutlich).

  5. Johny Cash: oben noch „Danny Boy“, weil ich mir das alleine für Goethe und Shakespeare nicht zugetraut habe. Inzwischen auch „I walk the line“, meist reine jambische Fünfheber mit männlicher Kadenz, nur der letzte Refrain/letzte Vers jeder Strophe ist vierhebig:

    I keep a close watch on this heart of mine
    I keep my eyes wide open all the time.
    I keep the ends out for the tie that binds
    Because you’re mine, I walk the line

    Kann man schön Shakespeare dazu singen: „Shall I compare thee to a summer’s day“, nur beim vierten Vers wird’s holprig, da muss man die zwei Silben, die Cash aussetzt, eben durchsingen.
    Mehr Jamben noch bei „Stand by your man“ von Tammy Wynette (oder den Blues Brothers in Bobs Country Bunker). Irgendwie hoffe ich bei Country mehr auf Jamben/Auftakt, aber vielleicht täuscht mich diese Hoffnung. Dazu kenne ich mich zu wenig aus. Aber die Wanderlieder sind eine gute Quelle.

  6. „Danny Boy“ gestaltet Cash rhythmisch sehr frei, finde ich ziemlich schwer zum Mitsingen. Zum flotten „I walk the line“ macht Shakespeare-Sprechen aber richtig Spaß. Beim englischen Wikipedia-Eintrag ist eine Klavierversion, die geht auch als Begleitung.
    In Countrymusik – „Oh, wir haben beide Sorten. Wir haben Country UND Western.“ – hört man halt gut die schwer-leicht-Wechsel, kann man auch anschaulich in Bewegung umsetzen.
    Zum Jamben-Abschluss schlage ich noch den Klassiker „(I go out) walking after midnight“ vor. Darauf einen Orange Whip…

  7. Singt man wohl auch oft so, aber Robert Burns hat das ohne gedichtet. Aber wenn ich das Schülern präsentierte, würde ich das ergänzen, dann passt das metrisch auch ganz wunderbar.

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