Die Pipette

9. Klasse Deutsch, es ging um Sprachvarianten, Jugendsprache, Behördensprache, Fachsprachen. Irgendwie tauchte das Wort “Pipette” auf und ich behauptete, das Wort gehöre zur Fachsprache Chemie (und verwandter Fachbereiche). Die Schüler widersprachen und meinten, nein, das Wort kenne doch eh jeder.

Gut. So einfach glauben sollen mir die Schüler solche Behauptungen nicht. Im Zug meiner kürzlich erwachten Begeisterung für Empirie haben sich die Schüler also überlegt, wie man nach dem Modell Mythbusters eine oder beide dieser Thesen überprüfen kann.

Die Thesen widersprechen sich eigentlich nicht. Ob ein Wort zu einer Fachsprache gehört, ist schwerer herauszufinden. Immerhin, ein Schülerpaar hat sich an einer Korpusanalyse versucht, nachdem ich ihnen erzählt habe, dass es Sprachkorpora gibt und wie und wozu man sie benutzen kann. (Am einfachsten wäre es, wenn das Wort in Normal- und Fachsprache unterschiedliche Bedeutungen hätte, so wie das Wort “Drama” zum Beispiel. Das ist bei der Pipette aber nicht so. Allerdings haben wir die Synonyme “Saugheber” und “Stechheber” gefunden.)

Die meisten anderen Schüler haben sich darum gekümmert, wie man herausfinden kann, ob das Wort “Pipette” allgemein bekannt ist oder nicht. Dazu wurden verschiedene Fragemethoden ausgearbeitet, worauf die Schüler einige Deutschstunden jeweils zu zweit in der Stadt verbrachten und Leute befragten, auch wenn allen klar war, dass das keine repräsentative Auswahl sein konnte. (Das Wort “Klemmbrett” haben sie so auch kennengelernt.) Eine Schülergruppe hatte ein Mikrophon dabei und will das Material bis nach den Ferien zusammenschneiden.

Herausgefunden haben sie, dass die Leute frühmorgens unfreundlicher sind als später, dass überhaupt Leute ganz schön unfreundlich sein können, und dass es sehr von den ersten Worten abhängt, ob die Leute weiterlaufen oder stehenbleiben.

In der letzten Stunde vor den Ferien präsentierten die Schüler dann, ganz kurz, formlos, ohne Noten, ihre Ergebnisse. Kurz gesagt: Das Wort Pipette ist tatsächlich halbwegs bekannt.


Das Wort “Leiterholm” kommt übrigens aus dem Biologieunterricht, als der Lehrer das Wort in einer Ex verlangte, auch wenn sie es noch nie zuvor gehört hatten.

Das war erst einmal ein kläglicher Anfang mit der Empirie, aber wenn Schüler schon mal wirklich etwas wissen wollen (und das wollten sie), dann muss ich das ausnutzen. Außerdem schadet es den Schülern nicht, im Auftrag der Schule mal raus aus dem Gebäude zu kommen.

5 Antworten auf „Die Pipette“

  1. Schöne Idee! Das werde ich mir merken, wo sich doch gerade Sprachvarietöten zur empirischen Untersuchung anbieten. Empirie im Deutschunterricht – das ist mal was!

  2. Das würde bei uns gar nicht erlaubt, weil wir die Aufsichtspflicht sonst legal nicht nachweisen können: außer der Lehrer rennt mit jedem Paar mit. Unsere Schule ist da recht anal.

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