Schulanfang 2009

Erster Schultag. Alle, die ich gesehen habe, waren wohlauf, aber ich habe noch nicht alle gesehen. Das Schulgebäude saukalt heute. Heizen ist wohl nicht in den Ferien.

Arbeitsmaterial eines Schülers zu sehen gekriegt. Die 37 Lücken waren in keinem Fall mit den eigentlich einzusetzenden französischen Wörtern gefüllt, stattdessen war in jede Lücke ein kleiner Penis gemalt. In allen möglichen Formen und Größen. Klar, der Schüler hat Probleme, und man wird sich darum kümmern. Das soll hier nicht Thema sein. Aber faszinierend war dieser Katalog schon auch irgendwie. Wirklich alle verschieden.

Beim Drüberschauen über die Schulaufgabe einer Referendarin ist mir folgender Gliederungsausschnitt aufgefallen:

2.1 Nathan als toleranter, selbst denkender Mensch
2.1.1 Nathans Unvoreingenommenheit gegenüber Religionen
2.2 Der Patriarch als Beispiel für Intoleranz und Machtstreben

Die Referendarin hat, genauso wie ich es getan hätte, drunter geschrieben: „Nie nur ein Unterpunkt!“ Das ist nämlich eine eiserne Regel für Gliederungen. Wer 2.1.1 sagt, der muss auch 2.1.2 sagen, weil, so sagt man dann, sonst hätte man das ganze ja gleich unter 2.1 zusammen- und es dabei belassen können.

Das sehe ich auch ein. Andererseits, wenn ich Gedanken sammle und hierarchisiere, in einer Liste im Textverarbeitungsprogramm oder in einem ja ebenfalls streng hierarchischen Mindmap-Programm, dann kommt es auch oft vor, dass ich nur einen Unterpunkt habe. So wie es Tiergattungen mit nur einer einzigen Art gibt. Weil es systematisch so passt und weil man so offen für Ergänzungen ist. Sind wir Deutschlehrer da zu kleinlich?

— Ganz zu schweigen von den verschiedenen Gliederungsarten. Kommt nach 2.1.1 jetzt ein Punkt oder nicht? Ist mir ziemlich egal. Wie wichtig ist es, ob nach A) ein I. oder ein 1. kommt? Eigentlich nicht sehr, aber es stört mich trotzdem, wenn’s jemand falsch macht.

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8 Thoughts to “Schulanfang 2009

  1. Die Penis-Problematik kenne ich. Zu gut.

    Was kommt denn nach A) ?
    Sinn einer Gliederung ist für mich ganz eindeutig zu Gliedern. Wenn ich also unter 2.1 etwas wirklich unterordnen will, dann nehme ich 2.1.1 , egal ob das ein Punkt oder mehrere untergeordnet werden. Vielleicht ist das aber auch einfach ignorant von mir und man kann mir jetzt vorwerfen, dass ich immer nur von eigenen Bedürfnissen ausgehe und den Blick über den Tellerrand zu Menschen, denen so etwas am Herzen liegt, scheue… ;-)
    Ich denke noch einmal darüber nach. Versprochen.

  2. Nun… bevor der Schüler gar nichts hinschreibt, weil ihm nur ein Punkt einfällt und er das Mindestmaß für eine aus Deutschlehrersicht gelungene Gliederung nicht erfüllen kann, wäre ich auch mit nur einem Gliederungspunkt zufrieden. Wichtig ist doch, dass der Schüler Oberbegriffe (sucht und) findet und diesen Unterpunkte zuordnen kann, die diesen entsprechen. Zwar ist ein einziger dann ein wenig mager und man könnte diskutieren, ob der Oberbegriff gut gewählt ist, wenn sich nur ein Unteraspekt finden lässt, aber eben immer noch besser als keiner.

    Deinen Hinweis auf das Gedankensammeln finde ich diesbezüglich sehr wichtig. Man darf nicht vergessen, das Schülerarbeiten meist immer gleichzeitiges Gedankensammeln und Ausformulieren sind, weil die Zeit einfach knapp ist, egal ob bei einer Klausur oder einer Hausaufgabe, und oft die Zeit für Details fehlt. Und wer weiß, ob der Schüler beim Notieren der Gliederung nicht noch damit gerechnet hat, diesen unter Umständen noch zu ergänzen, so wie wir es in unseren Mindmaps auch machen? Aus zensurtaktischer Sicht hätte ich als Schüler übrigens auch den formalen Fehler riskiert, wenn an ihm deutlich wird, dass ich inhaltlich etwas verstanden habe.

    Ansonsten halte ich es mit Gliederungen wie mit Zitationsformen (Fußnoten oder Klammern im Fließtext?): So lange diese im wissenschaftlichen Sinn nutzbar sind, ist mir egal, ob da ein I. oder ein 1. nach dem A) kommt, denn beides teilt mir unmissverständlich mit, was gemeint ist.

    (Allerdings bin ich mir gerade über den Begriff „Schulaufgabe“ nicht im Klaren, da ihr Bayern ja eine andere Terminologie verwendet als wir Nordrhein-Westfalen; für mich bedeutet „Schulaufgabe“ einfach „Hausaufgabe“.)

  3. Das Problem des „einen Unterpunktes“ ist geradezu typisch für Erstsemesterarbeiten im Jurastudium. Dort gilt die ganz eindeutige Regel: Wer A sagt, muß auch B sagen. Wem zu B dann allerdings überhaupt nichts mehr einfällt, der darf sich ausnahmsweise herausnehmen, unter B einen Abschnitt „Zwischenergebnis“ einzufügen. Das fällt natürlich kurz aus, wenn man sich nicht begründet zwischen A, B, C usw. entscheiden muss. Aber immerhin hat man einen Formfehler vermieden, der wertvolle Punkte kosten kann. Wäre vielleicht auch eine Lösung für die Deutschaufgabe.

  4. Die Logik von Unterpunkten ist doch, dass man einen Oberbegriff in mehrere verschiedene(!) Aspekte aufgliedern kann/will, die alle in diesem Oberbegriff enthalten sind. Wenn man nur einen(!) Aspekt findet, ist dies eben der Oberbegriff und ist dementsprechend und der Gliederungsstruktur angepasst zu formulieren. Trotz des Zeitdrucks in Schulaufgaben sollte die Logik nicht ausgeblendet werden und in die Bewertung angemessen einfließen. Die SchülerInnen nehmen es bei nachdrücklicher Forderung schnell an.

  5. HAIo, da muss ich dir mal Deutschlehreraroganz vorwerfen, nur weil man nur einen gefunden hat, heisst das nicht das es nicht mehr gibt, Sachverhalte koennen ja schliesslich so liegen, dass man ganz genau weiss das es noch mehr geben muss…

  6. @becks: Nach A) kommt I. – und keinesfalls 1. oder 1) oder I) oder so etwas. Tse. Aber da bin ich milder gewordern, ich streiche es immer noch an, aber die manische Freude des Lehrers, wenn er dem Schüler einen Fehler vorhalten kann, will sich nicht mehr so recht einstellen. Wenn ich das ganze als Datei kriege, stellen die Textverarbeitungsprogramme ohnehin alles mögliche mit der Systematik an. Das könnte man zwar alles einstellen, aber soviel kann man tatsächlich nicht verlangen.
    Der Grund, warum ich es trotzdem noch anstreiche: Wenn sich Schüler nicht an mein System halten, kann ich nicht überprüfen, ob sie sich an ein System halten. Dann ist das bei jede Arbeit möglicherweise verschieden und ich kriege es nicht mit.
    Ich bin ja schon froh, wenn nicht Dezimal- und alphanumerisches Gliederungssystem gemischt werden.

    @Hokey: Ich vergesse es immer wieder. Schulaufgabe sind hier angesagte, umfangreichere Leistungserhebungen, gibt es nur in Kernfächern, 2-4 Stück pro Jahr.

    @Christian: Dass das an der Uni auch wichtig ist, beruhigt mich. Also ist es tatsächlich sinnvoll, dass wir in der Schule darauf bestehen.

    @HAlo: Ich glaube gar nicht, dass der Zeitdruck das Problem ist. Ich denke eher, es ist Oberflächlichkeit und fehlendes Problembewusstsein. In manchen Fällen – ich kann mich allerdings an keinen erinnern, der mir untergekommen ist – könnte auch die Systematik der Gliederung so einen Fehler entschuldigen. Phantasieloses Beispiel: Wenn ich schreibe I. Vorteile und II. Nachteile, und dann fällt mir dann als Vorteil nur ein Punkt ein, nämlich: 1. Geringere Kosten, dann finde ich das logisch und systematisch. Nur halt inhaltlich schwach. Bei einem Werk, das noch im Entstehen begriffen ist, fände ich das natürlich.
    Aber vielleicht muss der Schüler auch seine Gedanken umstrukturieren.

    @sts: Verstehe ich nicht. HAlo hat doch nicht gesagt, dass keine weiteren Punkte mehr gibt. Aber man bewertet doch nur das, was da steht.

  7. @Herr Rau: Ganau an dein Beispiel habe ich auch schon gedacht als eine vielleicht entschuldbare Untergliederug mit nur einem(!) Punkt. Aber um in der Logik zu bleiben, könnte/sollte man den Punkt halt anders formulieren (wenn es hier auch nicht gerade schön klingt), z.B. „I. Geringe Kosten als Vorteil“. Bei einer Stoffsammlung als „einem Werk, das noch im Entstehen begriffen ist“, ist ein(!) Unterpunkt zunächst natürlich möglich. Es können ja noch weitere Aspekte gefunden werden. Aber die fertige Gliederung ist doch abgeschlossen.

    @sts: Verstehe ich nicht als Antwort auf meinen Kommentar. Den Vorwurf der Arroganz weise ich zurück.

  8. @Herr Rau
    Ich vergesse es ja auch immer wieder. Demnächts erstelle ich mir mal eine „Übersetzungsliste“, damit ich immer schnell im Bilde bin. ;-)

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