Verursacherprinzip und Solidaritätsprinzip

Wir haben ein schönes neues Schulgebäude und Teppich. Deshalb sollen alle auf die Sauberkeit der Schule achten. Das klappt auch gut; die Schule sieht immer noch schön aus. Allerdings: so ganz zufrieden sind manche Schüler nicht, denn diese Sauberkeit erfordert Einschränkungen. (Keine Wasserspiele in der Aula, auch nicht für die Hochschulreifen.)

Kein Murren gibt es allerdings beim Pausendienst. Der sieht so aus: Jede Woche räumt eine Klasse den offensichtlichsten Müll in der Aula und umliegenden Bereichen auf. Jede Klasse ist also einmal im Jahr dran, an fünf aufeinander folgenden Tagen. Pro Tag werden 6–8 Schüler eingeteilt, die gleich nach der zweiten Pause mit dem Lehrer dieser Stunde ein paar Minuten aufräumen. Dazu gibt es große Zangen, mit denen man Müll vom Boden aufheben kann.

Und ja, die Schulstunde wird dadurch ein paar Minuten kürzer.

Ich habe das jetzt schon mit zwei Klassen gemacht, es gab nie Probleme. Hoffentlich, weil die Schüler das ebenso einsehen wie die meisten Lehrer. Ich erkläre dazu immer Verursacherprinzip und Solidaritätsprinzip, und das manchmal das eine, manchmal das andere sinnvoller ist. Für eine gemeinsame Kranken- und Arbeitslosenversicherung sind die Schüler ja auch.
Andererseits machen diese Zangen vielleicht auch nur Spaß.

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Für die Bilder danke ich Kollege S. – ich hatte selber Unterricht und konnte nicht fotographieren. Am Tag zuvor hatte ich Zeit, aber, äh, da gab’s nichts zu knipsen. Gerade am Anfang des Schuljahrs hat sich das mit dem Aufräumen wohl noch nicht zu jedem Lehrer herumgesprochen, und dann sind eben noch nicht alle Klassen informiert.

7 Antworten auf „Verursacherprinzip und Solidaritätsprinzip“

  1. Doch es hat sich herumgesprochen, schließlich hat jeder (!) Lehrer ein Papier mit der Einteilung in seinem Fach vorgefunden (?). Es kann aber sein, dass eingeteilte Lehrer wegen der Klassenfahrten (5. Klassen in Riederau, 7. Klassen in Inzell) oder die Klassen selbst nicht anwesend sind. Auf dem Papier steht allerdings auch, dass man (Lehrkraft) sich selbstständig um einen Ersatzspieler kümmern muss. Bei derartigen Nebensächlichkeiten liegt das Problem immer in dem Wörtchen “selbstständig”.
    Dazu kommt noch, dass das vielleicht doch stichprobenartig kontrolliert werden muss. Mir fehlen dafür allerdings Mandat, Zeit und Interesse. Der pädagogische Konsens ist schließlich die Aufgabe aller Pädagogen.

  2. PS Und dann gibt es noch das Problem der Koppelungen (z.B. in Sport oder Religion). Da scheint der Grundsatz zu sein “Der andere macht’s schon.” Macht er nicht.

  3. Keine Sorge, Beelzebub; eigentlich läuft es doch ganz gut. Am Mitmachwillen der Schüler liegt es jedenfalls nicht. Manche Lehrer muss man anstupsen, aber so lange gibt es das ja auch noch nicht.

    Durchsetzen, Christopher, ist gar nicht die Frage: die Schüler sehen das ein. Aber Routine kommt bei einer Klasse nicht rein, sie kommt ja auch nur einmal im Jahr dran – die Lehrer müssen darin Routine kriegen. Und das sollte sich durchsetzen lassen.

  4. Solidaritätsprinzip und Verursacherprinzip. Eine wichtige Überlegung und eine sehr gute Gelegenheit, es zu behandeln.
    In der Finanzkrise wurde der Fall Lehmann Bank nach dem Verursacherprinzip behandelt (auch wenn viele Mitschuldige völlig ungerupft, sondern reichlich versorgt daraus hervorgingen). Bei der HRE in Deutschland griff das Solidaritätsprinzip, weil das Verursacherprinzip so schnell nicht funktioniert hätte (vgl. Leck im Schiff, wo der Kapitän “Wer war das?” schreit, aber sich um Stopfen und Pumpen nicht kümmert); dennoch muss nachher nach Verantwortlichen gesucht werden, und diese sind dann auch verantwortlich zu machen.
    Beim Säubern der Aula gilt zu Recht – nach der Verschmutzung – das Solidaritätsprinzip, doch es muss auch ins Bewusstsein geraten, dass die Verursacher verantwortlich sind und im Fall, dass sie festgestellt werden, dementsprechend zur Verantwortung gezogen werden. Das lässt sich mit dem Verursacherprinzip beim Umweltschutz vergleichen. Man kann nicht auf Kläranlagen verzichten, aber die Verursacher haben die Kosten zu tragen.

  5. Das mit dem Feststellen der Verursacher ist das Problem. Es handelt sich in der Regel um Frau Keiner, Herr Jemand und Herr Man (Vgl. Hacke, Das Partnerschaftspassiv). An unserer Schule gilt auch nicht der Augenschein, sondern am besten man bringt einen Augenzeugen mit, damit sich die ungerechtfertigt zum Aufräumen angehaltenen Schüler und deren Eltern nicht bei der Schulleitung beschweren. Die Folge: einer der Verantwortlichen macht sich die Mühe halb im Ernst Erkundigungen über ein CCTV-System (siehe auch: Videoüberwachung) einzuziehen. Priml. Da haben wir ein schönes Beispiel für die Folgen repressiver Toleranz.
    Ansonsten hat Herr Rau schon recht, bisher liefen ja nur ein mehrmonatiger Versuch mit drei verschiedenen Klassen im 2. Halbjahr und ein mehrmonatiger Probelauf im letzten Vierteljahr des letzten Schuljahrs mit Klassen aller Jahrgangsstufen außer der Kollegstufe… Wie die Oberstufe im Kurssystem eingebunden werden kann, ist noch nicht ganz klar. Dass sie einbezogen werden muss, ist allerdings zwingend notwendig. Nach Beobachtungen verursachen diese Schüler nämlich den meisten Müll, den dann die Unterstufenschüler mit Begeisterung wegräumen.

  6. Außerdem finde ich sollten das Verursacher- und das Solidarprinzip zumindest im Bereich der Pädagogik durch etwas ergänzt werden, das Verantwortungsprinzip genannt wird. Im Idealfall übernimmt ein einzelner Lehrer oder Schüler gelegentlich eine (ungeliebte) Aufgabe, weil er oder sie sich für das Ganze als mitverantwortlich versteht. Genau darin scheint mir auch das Problem zu liegen. Bereitschaft und Initiative Verantwortung für andere zu übernehmen wird nicht honoriert, statt dessen ziehen sich Schule, Eltern und andere Erziehungsinstitutionen auf Rechtsnormen zurück. Mit dem Resultat, dass nicht nur ein wichtiges emanzipatorisches Erziehungsziel aufgegeben wird (Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen), sondern dass Erziehung zu einer Art Hilfsheriff-Tätigkeit verkommt, die sich in der Durchsetzung und Einhaltung von Minimalstandards erschöpft. Statt Schülern also beizubringen, dass die Sauberkeit in der Mensa von ihrer Bereitschaft abhängt, immer auch den Teller oder Abfall des Platznachbarn aufzuräumen (das wäre gut), vermitteln wir nur noch, dass der eigene Teller aufgeräumt wird (das ist bloß R/recht). Zugleich gewöhnen wir damit denen, die eigentlich bereit wären Verantwortung zu übernehmen, diese Bereitschaft ab: “Ich bin doch nicht blöd!”

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