Mrs. Oliphant, A Beleaguered City

Margaret Oliphant Oliphant, geborene Oliphant Wilson, heiratete ihren Cousin. Das erklärt die Dopplung des Oliphant; wo der Name ursprünglich herkommt, ist mir immer noch unklar.

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Auf dieses Buch (erschienen 1880) bin ich durch Rudyard Kiplings Stalky & Co gekommen. Dort erschreckt Beetle (der junge Kipling) seine Mitschüler mit einer auf ihre Schule umgemünzten Nacherzählung dieses Buches.


Die Bewohner des verschlafenenen Städtchens Semur sind eher weltlich orientiert. Man genießt das gute Leben; das Glockenläutern der Klosterschwestern stört eher die Sonntagsruhe als dass es zur Erbauung beiträgt. Da geschehen unerhörte Dinge, die größtenteils vom Bürgermeister – ein wenig eingebildet, ein wenig angeberisch, ein wenig neidisch auf die größeren Gemeinden drumherum – erzählt werden. Einzelne Kapitel werden von anderen Personen erzählt; gerade der Stellvertreter des Bürgermeisters sieht einige Sachen anders, ist aber nicht weniger eingebildet als sein Chef.

Es beginnt mit einer merkwürdige Dunkelheit mitten im Sommer, die nur das kleine Städtchen betrifft. Die Stimmung ist winterlich, es wird spät hell, früh dunkel. Lecamus, ein etwas verschrobener und belächelter Bürger, führt den Bürgermeister Dupin zu einem der kleineren Stadttore. Die Wächter dort zieren sich etwas, keiner will so recht vor die Stadt. Lecamus und Dupin gehen hinaus und Dupin spürt eine große Menschenmenge, einen Strom von Leuten, die alle an ihm vorbei und um ihn herum in die Stadt ziehen. Er tut das als Einbildung ab. Eine unheimliche Szene.
Bald darauf taucht ein Schreiben am Tor der Kirche auf, eine Aufforderung. Jeder liest seinen eigenen Namen dort. Am nächsten Morgen ziehen alle Einwohner vor die Stadt, ohne zu wissen warum und ohne sich wehren zu können. Hinter ihnen fällt Stadttor zu.

Manche Frauen und einige Männer sehen ihre toten Kinder und andere Verwandte, so berichtet es jedenfalls der Bürgermeister, der das noch halb für Hysterie hält. Diese Ausgewählten empfangen eine Botschaft, oder bilden sich irgendetwas ein, jedenfalls ziehen die Frauen in verschiedene Notunterkünfte in der Umgebung. Die meisten Männer lagern vor den Stadttoren. Keiner kann näher als ein paar Schritte an die Stadttore heran. Gelegentlich hören die Bürger Geräusche aus ihrer besetzten Stadt, Musik, Stimmen. Zu sehen ist niemand. Das ganze ist unheimlicher als es hier klingt.

Die dunklen Wolken lichten sich manchmal über dem Kirchturm. Man einigt sich darauf, dass es tatsächliche die Seelen der Toten sind, die das Städtchen besetzt halten, und dass einige Mensche, vor allem die Frauen, Nachrichten von ihnen empfangen können. Ihre Motive sind noch unklar. Eine der interessanteren Figuren ist der Priester, der zwar tief religiös ist, aber genauso wenig von den Toten mitbekommt wie die meisten anderen, und das nicht versteht. Agnès, die Frau des Bürgermeisters, will als Botschafterin in die Stadt – und notfalls dazu sterben. Da kommt Lecamus, der in den letzten Tagen nicht mehr gesehen worden ist, aus der Stadt. Ganz bleich ist er, und bringt eine Einladung von den Toten.

(Diese Szene hat mich an die Unterwelt-Sequenz aus der Odyssee erinnert: Odysseus und seine Gefährten machen sich von Kirke aus auf in die Unterwelt, um den Seher Teiresias um Rat zu fragen. Beim überstürzten Aufbruch fällt der letzte in ihrer Reihe, Elpenor, vom Dach des Hauses – Sonnenbad – und bricht sich den Hals. Die Gruppe kriegt gar nicht mit, dass er nicht mehr bei ihnen ist – und im Hades wundert sich Odysseus dann, dass ihr Gefährte Elpenor schon da ist, obwohl er doch der letzte war.)

Aber Lecamus ist nicht, wie man zunächst denkt, beim Auszug aus der Stadt gestorben, so dass er jetzt zu den neuen Einwohner gehört. Aber er ist sichtlich angegriffen von seinen Erlebnissen und wird nach wenigen Tagen sterben.

Ab dieser Stelle wird das Buch langsam uninteressant. Der Bürgermeister und der Priester gehen in die Stadt, haben Visionen, blablabla, beschließen öfter in die Kirche zu gehen, das Dunkel lichtet sich, die Männer ziehen ein, die Frauen ziehen ein, großer Gottesdienst, noch ein paar geisterliche Spuren. Immerhin: Der Bürgermeister gibt in seinem Bericht zu, dass die guten Absichten nicht lange gehalten haben, und die ersten nachweislich falschen Legenden bilden sich um die Ereignisse.


Die erste Hälfte der Erzählung ist ein spannender Gruselroman, die zweite Hälfte dann eher religiöse Lehrgeschichte. Aber die erste Hälfte ist überraschend unheimlich und könnte Vorbild für manche Stephen-King-Geschichten gewesen sein. Ich hatte beim Lesen ständig im Kopf, wie ich die Handlung als Horror-Rollenspiel aufbauen würde. Als Call-of-Cthulhu-Rollenspiel müsste man die Handlung in die 1920er Jahre verlegen. Ein Problem: Kommunikationsmöglichkeiten, vermutlich wäre bald die Presse da. Also müsste aus dem Städtchen ein noch kleineres Dorf werden. Ein Holzfällerlager irgendwo im Wald? Oder gleich Innsmouth?
Die Spielercharaktere stoßen auf Versuche, in Gebäude der Stadt einzudringen. Man bildet sich ein, etwas zu spüren, zu sehen ist nichts. Hinweise auf ein düsteres Geheimnis, Recherchearbeiten. (Muss bei CoC einfach sein.) An einem Morgen ziehen alle Bewohner vor die Stadt. Warum? Ein paar Leute behaupten, Stimmen zu hören. Gehet in euch! rufen sie. Andere murmeln von einem Fluch. Den Spielercharakteren gelingt das Eindringen in die Stadt. Sicher keine Geister der Toten, eher Deep Ones und die Vorbereitung auf das Erscheinen eienr größeren Mythosgestalt. Vor den Toren religiöse Eiferer, daneben ein paar Kultisten.
Vielleicht mache ich mal etwas daraus.

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