LARPzeit

Im Urlaub bin ich in einem Spieleladen gewesen, der alten Zeiten wegen. Und da habe ich auch dieses Magazin gefunden, LARPzeit Nummer 27:

(Nur Geduld, das hat nachher sogar was mit Schule zu tun.)

LARP heißt Live Action Role Playing, und was das heißt, kann man anderswo nachschlagen. Frau Rau sagt dazu immer, “in Kostümen als Elfen im Wald herumspringen”. Und das alles nur, weil ich selber noch so eine Kutte im Schrank habe, von 1984, die passt mir natürlich nicht mehr und auch die Ansprüche sind heute deutlich höher. Also ganz kurz: Fantasy-Rollenspiele haben eine lange Geschichte, die in diesem Diagramm detaillierter dargestellt ist, als man es wissen will. Nach meiner eigenen Spielephase begannen auch in Deutschland Live-Rollenspiele populär zu werden. Ich habe selber nie viel davon mitgekriegt – man trägt Kostüme, Makeup und Waffen, trifft sich ein Wochenende lang in einem Wald oder in einem Hotel, ein Organisationsteam und eine Spielleitung haben sich eine Handlung ausgedacht und die Teilnehmer spielen ihre Rollen. Am häufigsten ist die Handlung im Fantasy-Genre angesiedelt, es können aber auch die Lovecraft’schen 1920er Jahre sein; beliebt ist auch das späte 19. Jahrhundert oder Regency (“Jane Austen’s Aliens”, sage ich nur).

Woher ich das alles weiß? Ein bisschen kriege ich noch mit aus der Szene, mindestens ein alter Freund ist aktiver LARP-Spieler und ‑Veranstalter, aber das meiste habe ich aus eben diesem Magazin oben. (Überschneidungen gibt es auch mit der Goth- und Mittelalterszene.)

Für uns Pädagogen interessant ist ein Beitrag “Rollenspiel statt Unterricht”. Darin geht es um eine Schule in Dänemark, ein Internat, knapp 100 Schüler, das die Klassen 9 und 10 abdeckt und am Schluss ein reguläres Zeugnis ausstellt. Aber die Schüler lernen dort in Form von Live-Rollenspielen. Østerskov Efterskole heißt die Schule, und auf dieser Seite stellt sie sich auf Englisch vor. Dort wird auch ein Projekt beschrieben:

In the second structure, Ocean Liner, the pupils are running an ocean liner. In the preparation they are grouped in work related groups, purser, bridge, machine, entertainment …
Preparations cover fact finding about liners and deciding the layout and contents of character sheets. Finally the school is turned into a “liner” so it is possible to role play convincingly in the building. […]
The captain enters the room on the first morning and scolds everybody for a failure ridden cruise last and expects from them to be ready for a blast of a cruise in one week. In this week, the crew must choose ports of call, design sight seeing, order fuel and supplies according to travel distances, calculate expected weather, construct an on board news service (they chose media), devise a security system and prepare entertainment. In the end of the week, they all write their own passenger roles.
The second week is the actual cruise. Much of the time is taken up by presentations of the things made in the first week, but there will also be news to publish and events arranged by the teachers which open for new activities. Boat refugees are passed on the open sea (big screen projection in the dining hall). A German speaking captain of another vessel asks for assistance over the radio in the middle of the night.
On top of all the activities the students are free to add their own plot points as in a Nordic style larp. […]

Hier sind noch mehr Unterrichtsbeispiele, die man sich allerdings von Tante Google aus dem Dänischen übersetzen lassen muss. Fast mein einziges Dänisch ist nämlich “Læs videre…” – “Continue Reading…”

Gastlehrer gibt es auch. Wo die Skandinavier doch eh alles besser machen als wir, kann nicht mal ein Bildungsblogger mehr von der Schule berichten?

Damit sich bei uns für ein P‑Seminar “Pädagogisches LARP” genügend Schüler fänden, müsste das allerdings eine sehr komische Schülerzusammensetzung sein.


Weiterer Inhalt von LARPzeit 27: Tipps für das Spielen im Steampunk- und Gaslight-Milieu (Forscher, Journalisten, Diebe, Dandys), ausführliche Anleitungen zum Schneidern von Kostümen und Anfertigen von falschen Bärten; Berichte von Cons und Spielen, Artikel Waffenherstellung und Phrenologie, Kleinanzeigen und viele, viele Links, denen ich erst gar nicht nachgehen werde, weil ich dann mit dem Lesen nicht aufhören kann.

Schöne Fundstücke aus dem Magazin sind noch diese Videos:

Als Nachtrag weitere Links, zusätzlich zu denen in den Kommentaren:

Weitere Nachträge:
1. Lese gerade eine Aufsatzsammlung zum Thema LARP. Glaube eine Faustregel entdeckt zu haben: je weiter unten auf der Geek Chart, desto mehr wird Habermas zitiert.
2. LARP habe ich damals wie erwähnt nicht gemacht, aber in Kostümen im Wald herumgesprungen sind wir auch, wie dieser Film belegt.

Martin Gardner

Komme aus dem Urlaub zurück, deswegen erst gerade bei Hanjo gelesen – und merkwürdigerweise sonst nirgendwo! – dass Martin Gardner gestorben ist, fünfundneunzigjährig (NYTimes).

Martin Gardner war einer der ganz Großen. Jahrelang hatte er eine Kolumne im Scientific American (dessen deutsche Ausgabe ich als undergraduate einige Zeit abonniert hatte), in der er mathematische Kuriositäten präsentierte. Diese Beiträge und viele mehr erschienen in einer Vielzahl von Büchern, ein Dutzend davon oder so habe ich zu Hause. Die ersten habe ich wohl noch in der Unterstufe aus der Bibliothek ausgeliehen: Logikrätsel, Denkaufgaben, Unterhaltungsmathematik. Efronsche Würfel. Zellautomaten.

Später kam dann The Annotated Snark dazu, eine kommentierte Ausgabe von Lewis Carrolls “The Hunting of the Snark”, und, ähnlich wie bei Hanjo, die kommentierte Alice. Zu empfehlen auch seine Essaybände, etwa The Whys of a Philosophical Scrivener oder vor allem Gardner’s Whys & Wherefores mit gesammelten Vorworten, Buchbesprechungen und Essays. “Casey at the Bat” habe ich daher und Chestertons “The Coloured Lands”. The Martian Chronicles und Lord Dunsany kannte ich vorher schon, H. G. Wells, Ulysses und Gatsby auch. Gardner war vielseitig interessiert, das hat mir immer imponiert.

Was ich von ihm nicht gelernt habe, kam von seinem Kollegen Douglas R. Hofstadter, eine Generation jünger, und vor allem Raymond Smullyan (Jahrgang 1919).

Dr Johnson’s Dictionary

Gerade habe ich ein bisschen in Dr Johnson’s Dictionary. A Singularly Energetick Potpourri of Some 4,000 of the Most Entertaining and Historically Stimulating English Words and Definitions from Abactor to Zootomy Extracted from the World’s Foremost Feat of Lexikography Selected by the Superexcellent Linguist and Verbally Gymnastick David Crystal geblättert – eine gekürzte Ausgabe von Samuel Johnsons berühmten Wörterbuch von 1744. Hier ein paar Fundstücke daraus, bekannte und weniger bekannte:

JOB. n.s. [A low word now much in use, of which I cannot tell the etymology.]
1. Petty, piddling work; a piece of chance work.
2. A low mean lucrative busy affair.

KI’SSINGCRUST. n.s. [kissing and crust.] Crust formed where one loaf of bread in the oven touches another.

LA. interject. [corrupted by an effeminate pronunciation from lo.] See; look; behold.

LEXICO’GRAPHER. n.s. A writer of dictionaries; a harmless drudge, that busies himself in tracing the original, and detailing the significaion of words.

OATS. n.s. [aten, Saxon.] A grain, which in England is generally given to horses, but in Scotland supports the people.

PENGUIN. n.s.
1. A bird. This bird was found with this name, as is supposed, by the first discoverers of America; and penguin signifying in Welsh a white head, and the head of this fowl being white, it has been imagined, that America was peopled from Wales.

Und wenn man ein bisschen in etymologischen Wörterbüchern nachschaut: die Herkunft von penguin ist tatsächlich unklar, die einzige Theorie, die ich gefunden habe, nennt ebenfalls das walisische “weißer Kopf”.

– Ansonsten genieße ich jetzt erst mal die Ferien. Ein paar schöne Bloginträge habe ich noch im Kopf, aber zum Aufschreiben fehlt mir die Zeit. Abiturkorrektur, Urlaub, andere Schulvorbereitungen.

Fundsachen

1. Lothar Bodingbauer verlinkt auf eine englische Seite, bei der man auf einem Stadtplan die Schulen der Nachbarschaft abklappern kann und gleich angezeigt kriegt, wie gut oder schlecht diese Schulen laut offiziellen Erhebungen sind – Lehrerqualität, Schülerzufriedenheit, Schülerleistungen in verschiedenen Fachgebieten, grobe Einschätzung des Einkommens der Eltern:

  • Science results here are better than the local average.
  • OFSTED says teaching standards here are lower than average.
  • Fewer pupils get 5 GCSEs between A* and C than the local average.
  • Official OFSTED grades for care & guidance here are lower than average.
  • The kids here need more experience of life outside school.
  • The school isn’t showing many signs of improving.

2. Die interessantesten Analysen zum Lehrersein finde ich immer wieder bei Maik Riecken. Lesenswert: seine Gedanken zu Macht und Schule:

Die ideelle Macht: Es gibt immer wieder Menschen, die sich durch besondere Fähigkeiten an einer Schule hervortun. Das kann besonderes soziales Engagement, eine besondere pädagogische Fähigkeit, gewissenhafte Pflichterfüllung die Übernahme einer unangenehmen, aber notwendigen Aufgabe u.v.m. sein. Das System “Schule” wäre ohne solche Menschen um ein ganzes Stück weniger bunt, attraktiv und nicht zuletzt ärmer an Menschlichkeit.

Fortgeführt in Warum Schule sich kaum verändert:

Inhaber ideeller Macht erlebe ich an vielen Schulen oft als Motoren, als Vorreiter des pädagogischen Fortschritts – somit sind sie Schmuckstücke der Außendarstellung einer Schule. Da aber viele von ihnen ihr Engagement auf freiwillige Basis stellen, kann ihnen dieses Engagement nicht “abverlangt” werden. Man versucht dem zu begegnen, indem man Stellen schafft, die derartige Projekte in ihrer Beschreibung enthalten. Die ideellen Machtinhaber lehnen nach meiner Erfahrung diese Art der Dekoration oft genug ab, um sich die Option offenzuhalten, ebendieses Engagement auch wieder beliebig einstellen zu können, wenn der Rahmen nicht mehr passt.

Dieses Verhalten kenne ich.

Und dann gibt es die schöne Reihe Widerstand ist zwecklos Teil 1 und Teil 2. Im ersten Teil wird gezeigt, dass die innere Kündigung eine Reaktion darauf sein kann, dass der andere Vertragspartner – der Arbeitgeber, also bei mir das Kultusministerium – seine erwarteten Aufgaben nicht mehr wahrnimmt. Eine andere Möglichkeit des Widerstands gegen diese Arbeitsbedingungen besteht darin, dennoch zum munteren innovativ Engagierten zu werden, auf Vorgesetzte und Vorschriften zu pfeifen, und den Freiraum, den einem die Führungslosigkeit bietet, auf Arten zu nutzen, die man selber für sinnvoll hält.

Maik hält es aber auch nicht für ideal, wenn sich jeder so auf seine eigene Art durchschlägt, und fordert stattdessen Zusammenarbeit und Solidarität unter den Lehrern einer Schule – nicht im Netz, sondern vor allem vor Ort.

Inhaltsangaben bei Referaten – natürlich!

6. Klasse, Referate, Buchvorstellungen. Heute gab es eines über Edgar Wallace, Der Banknotenfälscher (The Forger). Wer wen für geisteskrank erklären möchte und so weiter. Das Referat war auch ganz in Ordnung, aber trotzdem musste ich dabei so sehr an diesen Evelyn-Hamann-Sketch denken, dass ich den den Schülern gleich danach gezeigt habe. (Immer wieder praktisch: Youtube im Klassenzimmer.)

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Auch die Schüler fanden das lustig. Für die nächste Runde muss ich mir merken, dass ich den Ausschnitt den Schülern schon vorher zeige. (Die DVD habe ich zu Hause.) Für Krimis gilt es besonders stark, aber auch bei anderen Büchern ist es manchmal schwer, als Zuhörer den Überblick zu bewahren. Und da ist so ein abschreckendes Beispiel vielleicht ganz gut.

Fotos für die Abizeitung

Heute war Fototermin für mich als LK-Lehrer: wie schon letztes Jahr kriegen die Lehrer Fragen nach dem “Sagen Sie jetzt nichts”-Modell des SZ-Magazins, müssen also nur mit Gestik und Mimik antworten und sich fotografieren lassen.

Die erste Frage war; “Wenn Sie ein Superheld wären, welcher wären Sie?” Ich fürchte, meine typische Webshooter-Geste wird lediglich als gemeine Rock’n Roll-Hand gedeutet werden. Ist aber auch nur für Insider auseinanderzuhalten. Eine andere Frage war: “Gibt es Ihre Frau wirklich?” Tja.

“Darm-Virus wütet in Massenquartier”

Und das kam so: Im Umfeld Münchens liegend war meine Schule einer der Orte, die für Besucher des ökumenischen Kirchentages als Schlafquartier zur Verfügung gestellt wurden. Das heißt, dass ab Mittwochnachmittag die Gäste kamen, am Donnerstag war Feiertag, Freitag ausnahmsweise schulfrei, im Laufe des Sonntags sollten die Gäste dann wieder verschwunden sein. Mich hätte schon interessiert, wie das dann zugeht, aber nicht so sehr, als dass ich mich freiwillig zum Frühstückshelfen gemeldet hätte. Im Gegenteil, ich konnte die Zeit gut brauchen für Abiturkorrektur und eine kleine Erkältung. (Danke, schon wieder besser, im Moment löffle ich den Rest Hühnebrühe von gestern.)

Den Gästen ging es leider nicht so gut: Der Noro-Virus hatte sich breit gemacht (die Zeitung berichtet, mit dramatischer Fotostrecke). Ärzte, Sanitäter, Desinfizierung, und heute weiter mit dem Abitur. Ich hätte ja gut damit leben können, erst morgen oder übermorgen wieder in die Schule zu gehen, sicherheitshalber, und den Schülern zwei Tage zu Hause zu geben. Das Abitur hätte ja trotzdem stattfinden können, ich wäre auch als Aufsicht gekommen. Aber das sollte wohl nicht sein.

Die meisten Lehrer haben erst heute früh davon erfahren – aber wer in einem Netzwerk wie Twitter oder Facebook steckt, erfährt so etwas halt früher. Merken als Beispiel für deren Nützlichkeit.

Ansonsten bin ich heute morgen in der Schule auf mein Blog angesprochen worden, von einem Erwachsenen, nicht von Schülern. Das passiert mir nur einmal im Jahr (Eltern, Pausenverkauf, neue Kollegen) und ich wirke dann vermutlich viel gelassener, als ich bin. Also noch einen schön Gruß von hier aus!
Ich blogge hier nur Dinge, von denen ich möchte, dass sie öffentlich sind, aber trotzdem sind das reale Leben und mein Blog noch zwei verschiedene Welten. In letzter Zeit beschäftigt mich die Schule auch besonders viel, drunter und drüber geht’s da.

Aktueller Stand und staatliche Antikensammlung

Am Dienstag hat mein LK Deutsch-Abitur geschrieben. Bin heftig am korrigieren, da ich vor Pfingsten fertig sein will (Urlaub, Zweitkorrektor).

Da trifft es sich gut, dass in einigen meiner Klassen der Unterricht ohne aufwendige Vorbereitung von meiner Seite läuft. Deutsch 6: Umformen der Schulaufgaben-/Übungstexte in Audioversionen. Wir haben genügend Computer, Kopfhörer mit Mikrophonen, und die mehrspurige Aufnahmesoftware Audacity haben die Schüler schnell kapiert. Inzwischen wollen sie schon Hintergrundgeräusche; Schritte werden selber gemacht, anderes gibt es bei hoerspielbox.de.


Innenleben der Schule: In diesem und den kommenden Schuljahren werden diverse Stellen frei und man spekuliert schon, wer auf welche nachrücken wird. (Ich auf keine davon, finde so etwas aber spannend.) Daneben: Verschiedene weitere Baustellen in der Schule. Nichts über das ich bloggen kann. Nächstes Jahr sind wieder Personalratswahlen, ich mache schon ein bisschen Werbung, damit es genug Kandidaten gibt.


Bei uns findet der zweite Wandertag fachgebunden statt (irgendeine Modus-oder-so-Maßnahme) und wird jeweils für eine Jahrgangsstufe von einem Fach organisiert. Die Schüler mögen das nicht so gern, weil das ja wieder Schule in anderem Gewand heißt und sich die Schüler gerne etwas Eigenes heraussuchen. (Meine Meinung dazu: diese Art Wandertag ist nicht so gut wie echtes Wandern, aber besser als Schwimmbadbesuche. Ob das also insgesamt eine gute Idee ist, hängt davon ab, wie der Wandertag an der Schule sonst aussehen würde.)

Letzte Woche war ich deshalb mit der 6. Klasse in den staatlichen Antikensammlungen München, gegenüber der Glyptothek. Vasen:

Es gab eine Führung:

und danach sollten die Schüler selber etwas malen. Das haben die dann auch gerne gemacht:

- aber noch lieber wären ihnen zwanzig Minuten zum selbstständigen Herumlaufen gewesen. Ist fürs nächste Mal notiert. Am Schluss setzten sich die Schüler in einen Kreis und zwei antike Gefäße wurden herumgereicht – zum Anschauen und Anfassen. Keine spektakulären Stücke natürlich, aber echt alt.

Am schönsten fanden die Schüler trotzdem die gemeinsame S‑Bahn-Fahrt hin und zurück. Benommen haben sich alle Schüler sehr gut. Beeindruckt war ich von den Detailkenntnissen, die die Schüler zur griechischen Mythologie und zur Ilias noch hatten – die Fragen bei der Führung empfanden die Schüler dann auch als zu leicht und zu wenig fordernd, nachdem sie in Deutsch, Latein, Geschichte und vermutlich auch noch Religion mit der Antike getriezt wurden. Da fragt man einmal nach dem trojanischen Pferd und kriegt dann die ganze Geschichte erzählt, bis hin zu “und die Griechen ließen nur einen Mann zurück, der hieß Sinon, glaube ich, und der erzählte den Trojanern, dass…” Fragt man nach dem Anfang, geht das wirklich mit der Hochzeit los von Tethis und Peleus, Eigennamen eingeschlossen. Hektor und Achill auf Vasen erkennen geht genauso. Dabei war das alles vor Weihnachten.

Erzählen mit Perspektivenwechsel, die Schulaufgabe

Bei den letzten Schulaufgaben (für Leute außerhalb Bayerns: angekündigte, benotete Aufsätze, heftig benotet) meiner 6. Klasse habe ich mich beim Korrigieren sehr unterhalten. Eines der Themen, angelehnt an diese Übung (und die), sah so aus:

Zwei Leute haben sich verabredet, um ins Kino zu gehen. (Möglich: Kind/Elternteil, Freunde.) Einer von beiden ist pünktlich und wartet vor dem Kino und wird ungeduldig oder besorgt, weil der andere nicht kommt. Der oder die andere hat sich verspätet und beeilt sich sehr, um noch rechtzeitig zu kommen.
Erzähle das, indem du zwischen den Perspektiven der beiden abwechselst. Schildere anschaulich das Innenleben der beiden. Schreibe unterhaltend, aber übertreibe nicht; benutzte Vergleiche oder Metaphern. Am Schluss der Erzählung sollen Sie sich treffen.
Erzähle in der 3. Person.

Die Schülerinnen und Schüler haben viele Varianten dazu gemacht – Freunde, Freundinnen, Kinder und getrennt lebende Elternteile. Sehr häufig war auch das Liebespaar, das sich verabredet hatte – und an das ich beim Themenstellen gar nicht gedacht hatte. Hier die schöne Lösung einer Schülerin – 6. Klasse, 55 Minuten Arbeitszeit, 770 Wörter, gelegentliche Rechtschreib- und Kommafehler verbessert, Absätze waren bereits in dieser Form vorhanden:

Er rümpfte seine Nase. Es war schon viertel vor acht. In fünfzehn Minuten würde der Film beginnen anfangen. Irgend so eine romantische Schnulzengeschichte. Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Von so viel Liebe und Personen, die sich Namen wie “Schnuckebärchen” oder “Honigkuchenpferd” gaben, hatte er wenig Ahnung. Ihm waren diese Leute relativ egal. Trotzdem wartete er nun schon seit geschlagenen weiteren 15 Minuten vor dem riesigen Kino, dessen Leuchtschriften und Plakate die nächtliche Atmosphäre dieses Stadtteiles etwas erhellten. Obwohl seine digitale Armbanduhr, auf die er in der vergangenen Zeit mehrmals nervös und stöhnend einen Blick geworfen hatte, erst 20.50 Uhr zeigte, lag die zu kleine Nebenstraße des Kinos verlassen vor ihm. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein. Er hätte genau so gut zu Hause bleiben und einen gemütlichen Abend verbringen können. Aber wieder einmal hatte ihn seine Freundin Stella dazu überredet, ihr diesen einen Gefallen zu tun. Wie immer war das Argument, dass es nur dieser eine war und er in letzter Zeit viel zu wenig bei ihr war. Tja, wie immer eben. Was tut ein Mann nicht alles, um die Welt der Frauen erträglicher zu machen.

Sie musste sich beeilen. Ihr ausgemachter Zeitpunkt wäre bereits um halb acht gewesen. Nun blieben ihr nur noch sieben Minuten um ihren Weg zum Kino zu schaffen. Wieso war sie nicht mit der S‑Bahn oder dem Bus gefahren? Und wieso hatte ihr Vater ausgerechnet heute dieses, wie er immer betonte, superwichtige Meeting seiner Firma, bei dem er natürlich unbedingt den Wagen für sich beanspruchte. Sie atmete tief die kalte Luft durch ihre Nase ein, ließ sie hörbar wieder hinaus. An jenem Abend hatte einfach nichts klappen wollen. Ihre Haare sahen aus wie gehäuftes Stroh, ihr Make-up machte sie sicherlich zu einem Clown im Abendkleid. Vor ihren Augen konnte sie schon ihre Mitschüler über sie tratschen sehen. Mit Worten wie: “Hast du schon gehört?” und “Ich sag es ja, eine richtige Vogelscheuche!” würde sie das Gespött der Schule werden. Der einzige Trost bestand darin, dass sie mir ihrem Freund Derek für einen Liebesfilm verabredet war. Man hörte nur die romantischsten Dinge über ihn. Himmlisch. Diese Erkenntnis malte ihr ein erleichtertes Lächeln auf ihr Gesicht. Nur er und sie. Verborgen ihm Dunklen des Kinosaales.

Na, toll. Da nahm er sich extra den Abend frei und sie ließ ihn einfach so sitzen. Drei weitere Minuten verstrichen ohne auch nur die kleinste Regung. Aber Moment! Das hieß ja auch, dass er nur noch vier Minuten hatte, bis er sie hier in der Kälte stehen lassen konnte. In seinem Kopf spielte sich ein weiterer Film ab: Er ging. Sie kam und… sie heulte. Nein. Das konnte er nicht machen. Nicht nachdem er es nun schon so weit gemeistert hatte. OK. Er musste ganz ruhig bleiben. Er musste einfach an schönere gemeinsame Zeit mit ihr denken. Ja. Es half ein wenig. Dies war der Beweis, dass er sie wirklich liebte. Na, gut. Ein Film. Ein lächerlicher Film. Was war das schon für eine Aufgabe für einen Mann wie ihn. Schulter zurück. Brust raus. Cool bleiben. Ja. Das war ein Mann.

Sie blieb abrupt stehen, kramte einen kleinen Kosmetikspiegel aus ihrer Handtasche hervor und warf einen letzten, prüfenden Blick hinein. Ihre Vermutung hatte sich bestätigt. Zum Teil. Lächeln. Einfach lächeln. Wenn ihm wirklich etwas an ihr lag, würde er über die kleine Schminkpanne hinweg sehen. Noch einmal atmete sie tief durch, ehe sie den Spiegel zurück steckte, ihr Sonntagslächeln aufsetzte und um die Ecke vor dem großen Gebäude des Kinos eilte. Sie beschleunigte ihren Gang, als sie ihn sah. Er sah umwerfend aus im Schein der Lampen, die in alle Richtungen ihren Glanz warfen. Majestätisch. Ja. Fast schon göttlich.

Da war sie. Endlich. Mit langen Schritten kam er ihr, um Lässigkeit bemüht, entgegen. Sie wirkte süß, gleichzeitig jedoch auch stilbewusst und elegant. Wunderschön. Aber ihr Lächeln übertraf jedes noch so strahlende Model dieser Welt. Von ihm aus konnten zehn Heidi Klums auf ihn zu kommen; er hätte nur Augen für sie. Sie, seine große Liebe.

Wie schaffte er es nur, so entsetzlich ruhig zu bleiben? Tja, er hatte wohl viele versteckte Talente. Zu denen zählte auch die Kombination seiner Lederjacke, dem weißen Shirt und der verwaschenen Jeans, die er wie der Schöpfer der Coolness zum besten trug. Ihr Bauch kribbelte, als würden viele Schmetterlinge und Flugzeuge durch ihn ihre Loopings drehen. Dieser Abend würde trotz kleiner Katastrophen perfekt werden.

Als sich die beiden nach einer scheinbar endlosen Zeit trafen, fielen sie sich in die Arme. Dabei vergaßen sie fast schon wieder den Anlass, weshalb sie hier waren. Doch das war ihnen in diesem Moment egal. Zwei Menschen. Eine große Liebe.

Natürlich ist das ein bisschen übertrieben… aber besser als zu wenig innere Handlung. Der abgeschlossene Kurzroman als Aufsatzsorte?

(Fußnote fürs nächste Mal: Nicht alle Aufsätze waren so gut, auch wenn viele Einser dabei waren. Den Unterschied zwischen erlebter Rede und wörtlicher Rede muss ich besser erklären, der war nicht allen klar. Aber ähnliche Themen gibt es viele, und die werde ich auch in Zukunft ausprobieren. Kaufhausdetektiv und möglicher Ladendieb… oder bringe ich Schüler da auf falsche Gedanken?)