Abiturfeier 2010

Am Donnerstag gab es die Abizeitung: schönes Titelbild, schönes Layout, saubere Redaktion trotz einiger Fehler. Problematisch allenfalls die Statistiken am Schluss: Wer ist das Mauerblümchen der Stufe, wer wird mal Pornodarstellerin? Ich weiß nie, wie sehr das die Schüler trifft. Ähnlich mit den Umfragen zu Lehrern: Wer ist verplant, unvorbereitet, würfelt die Noten aus? (Neben allerlei harmlosem Lustigkram. Sehr schön die Frage: „Wer glaubt an das Übernatürliche?“, mit Religionslehrern als Ergebnis.)

Zu den Leistungskursen gibt es durchweg freundliche Worte, und wie immer erhält jeder Schüler zwei volle Seiten Bild und Text – mehr, als jeden Lehrer interessieren könnte, aber vielleicht die Mitschüler oder zumindest die jeweiligen Schüler selber. Der Adressat der Abizeitung ist ja auch die Zukunft, damit man sich das in zehn Jahren noch einmal anschauen kann, dauerhafter als Erz. Bei meiner eigenen Abizeitung gab es ein kleines Bild und fünf Zeilen pro Schüler. Knackig formuliert, dafür ohne paarreimende Gedichte immer knapp am regelmäßigen Metrum vorbei. Ein bisschen mehr literarischer Anspruch wäre schön, aber das ist keine besonders starke Seite unserer Schule allgemein. (Die sind eher Musik und Theater.)
Aber zugegeben: am Freitag war die Abifeier, da habe ich noch mal alle Schüler vor Augen gehabt, und daraufhin habe ich die Abizeitung noch einmal etwas gründlicher gelesen, auch noch einige der Schülerdoppelseiten.

Ja, die Abifeier also. Sie fand zum ersten Mal in unserem Schulgebäude statt. Nicht ganz freiwillig, die Schüler hatten den schon immer verwendeten Festsaal auf dem Klosterglände nicht rechtzeitig angemietet. Der Schule und den Lehrern ist die Aula allerdings lieber. Und das war dann auch tatsächlich eine gute Idee.

Der rote Teppich war ausgerollt:

Die Schulleitung hatte zur Feier des Tages sogar unsere begehbare abgesperrte Skulptur aufgemacht. Die Absperrung drumrum gibt es zwar nicht mehr, aber eine Kette verhindert normalerweise immer noch den Zugang, wenn nicht gerade Gäste auf dem Schulgelände sind. Versicherungstechnisches vielleicht.

Die Feier begann um 14 Uhr. Das zwingt Münchner wie mich zu folgender logistischer Vorgehensweise: Anzug in der S-Bahn mitnehmen (Transportbehältnis ist vorhanden), Hemd und Schuhe auch, dafür nur leichtes Schulgepäck: Unterricht ohne Buch und Ordner. Die Manschettenknöpfe hatte ich leider in einer anderen Tasche gelassen, vielen Dank an Frau und Herrn H. fürs Leihen. Nach dem Unterricht umziehen, Jeans, Polohemd, Schuhe, Schultasche in der Schule lassen, im Anzug nach Hause fahren. Am Montag nur mit leichtem Schulgepäck in die Schule fahren, um Anzug wieder zurückbringen zu können.

Das Programm lief zum ersten Mal so ab:

  • 13.30 Uhr: Einlass
  • 14.00-16.00 Uhr: Reden von Schulleitung, Bürgermeister, Kollegstufenbetreuer (wie so oft: ganz exzellent), Elternvertreter, Schülern. Danach kurze und freundlich gehaltene Verabschiedung der Leistungskurslehrer durch die LKs. Gut so.
  • 16.00-16.30 Uhr: Pause. Sollte nur eine Viertelstunde sein, aber allen Gästen war nach doppelt so viel.
  • 16.30-18.00 Uhr: Zeugnisverteilung. Jeder Schüler kriegte seine 30 Sekunden Ruhm in Form von Hintergrundmusik und bekam das Zeugnis mit Handschlag.
  • 18.00-19.00 Uhr: Sekt und Herumstehen in der Schule. Das war schön
  • 19.00 Uhr: Buffet und Sitzen und Trinken auf dem Klostergelände. Abends dann irgendwo Party für die jungen Leute.

Insgesamt mit vier Stunden eigentlicher Veranstaltung immer noch länger als eine Oscarverleihung (der Maßstab, an dem ich Abifeiern messe), aber schon deutlich kürzer als früher bei uns üblich. Lieber wäre mir zwar eine knappe Zeugnisübergabe am Vormittag und abends ein echter Abiball, also mit Live-Musik und Tanzfläche, aber das hat an meiner Schule keine Tradition. Ansonsten war das organisatorisch die beste Form von Abiturfeier bisher, am schönsten war die Stunde zwischen sechs und sieben Uhr: von einigen rasch getrunkenen Gläsern Sekt ermutigt, habe ich mich von den Schülern verabschiedet, derer ich habhaft werden konnte. Leider waren einige schon weg. Überhaupt waren viele nicht beim Buffet; es gab wohl Schwierigkeiten bei der Kartenvergabe, so dass etliche mit ihrer Familie Essen gingen, ohne am Buffet zu sein. Dann lieber ein längerer Empfang an der Schule.

— Selbst die zweite Hälfte der Abifeier, die Zeugnisvergabe, wurde mir nicht langweilig: ich saß neben Kollegin L. und bei jedem Schüler, der auf die Bühne trat, riefen wir uns zu: „Englisch 5. und 6. Klasse, Deutsch 7, Leistungskurs“ oder „Englisch 7 und Informatik 10“, je nachdem, wann wir die Schüler gehabt hatten. Das machte dieses endlose Reihe von Schüler auch gleich persönlicher, über jeden haben wir zumindest ein bisschen nachgedacht und uns erinnert. Danach haben wir dann aber auch gleich die Kleidung des Schülers oder der Schülerin kommentiert. „Schöne Schuhe“ oder „geht ja gar nicht“ und alles dazwischen. Ich habe da schon zu vielen der vorgeführten Kombinationen eine Meinung. Hier zwei, die mir besonders positiv aufgefallen sind:

Die Dame im auffälligen uncoolen edwardianischen (?) Stil mit Haarschmuck, als Eingangsmusik eine orchestrale Nummer aus Mary Poppins. Hat sehr gut zusammengepasst. Der Herr weniger kontrovers, sehr leger, aber es war ja auch heller Sonnenschein am Nachmittag und nicht Abend. Kann ich mir auf einer Yacht vorstellen. Schöne Schuhe.

Mit Modeblogs kenne ich mich kaum aus, ab und zu weist man mich auf schöne Bilder beim Sartorialist hin, etwas öfter noch kriege ich den Spott bei go fug yourself mit. So eine Art kritische Modenschau bei den Abiturfeiern könnte ich mir auch vorstellen. Nächstes Mal nehme ich eine bessere Kamera mit und konzentriere mich auf die Kleidung.

Zu diskutierende Punkte:

  • Turnschuhe zum Anzug: so 80er 90er Jahre.
  • Überhaupt: die Schuhe machen ganz viel aus. Bin eher für geschlossene Schuhe statt Abendsandalen. Ballerinas passen gar nicht, aber ich habe ein Herz für sie.
  • Kleid schulterfrei und und eine Handbreit überm Knie: können die wenigsten tragen. Schon gar nicht in bonbonfarben.
  • Strümpfe/Strumpfhose oder bloße Beine: vertagt, da keine Einigkeit unter den Diskussionsteilnehmern.

Aber man will ja keinen Druck ausüben auf die jungen Leute. Etliche haben sich gleich nach der Hauptveranstaltung schon wieder umgezogen.

Tagged: Tags

12 Thoughts to “Abiturfeier 2010

  1. Danke für den Link. Ist nicht ganz das meine, das sind (wieder mal, möchte man seufzen) nur junge Leute, die sich selbst in vorbereiteten und kontrollierten Bildern zelebrieren, unter Verschlagwortung der Klamottenmarken. Auch wenn manche schönen Sachen dabei sind. Beim Sartorialist sind viele Bilder „on the street“ und spontan aufgenommen: Schnappschüsse.

    Sympathischer, weil charmanter, ist mir my parent were awesome. Da geht es zwar eigentlich nicht um Mode, aber die spielt natürlich eine gewisse Rolle. Auch hier feiert man andere Leute und nicht sich selber.

  2. Nachtrag: Man könnte das in Zukunft auch so machen wie bei diesem Ablauf, mit Sekt und Häppchen von 18 bis 19 Uhr, und dann um 20 Uhr einen echten Abiball beginnen lassen: Musik und Tanzfläche. Dann lassen die zu Feiernden auch ihre schöne Kleidung an.

  3. „Nicht ganz freiwillig, die Schüler hatten den schon immer verwendeten Festsaal auf dem Klosterglände nicht rechtzeitig angemietet.“

    Möglicherweise wurde auch, natürlich ganz ohne Hintergedanken, von anderer Seite „vergessen“ die Reservierung zu verlängern…
    Ich bin mir zu 99% sicher, dass zumindest in meinem Jahrgang der Saal ganz ohne Zutun der Schüler schon lange im Voraus reserviert wurde, damit das Viscardi ja nicht zum Zug kommt – wie praktisch, dass man jetzt die neue Aula hat :P

  4. Ist es jetzt auch noch Aufgabe der Schulleitung, den Schülern ihre Feier zu organisieren? Ganz ohne Zutun der Schüler… nein, da halte ich es lieber mit den 1% Unsicherheit, ganz ehrlich.

    So eine Verschwörung traue ich unserer Schulleitung nicht zu. (Kann man jetzt lesen, wie man will.)

  5. Ich hab Ende letzte Woche bei einem Besuch in Mannheim ja ein wenig Abifeierei mitbekommen und war etwas erstaunt, daß inzwischen die Kluft so erschreckend sichtbar ist: Superfeine Klamotten, Autocorsos (-corsen? -corsoi? -corsata?) mit Neuwagen der „Look! I just bought my kid a shiny car“-Klasse, dann lese ich von immer länger und immer mehr inzsenierten Abifeiern…
    Hm. Ich hoffe nicht, daß ich mich anhöre wie einer dieser „früher war alles besser-Apologeten“. Das bin ich nicht und finde es auch nicht – ich nehme an, wir hätten vor 20 Jahren auch Spass an einer Oscar-langen Zeremonie gehabt.
    Ich erinnere mich aber ganz gern an unser kleines, vielleicht mal eine Stunde langen Festchen zur recht schlichten Zeugnisübergabe, bei der man sich zwar auch etwas schicker machte, aber das war dann schon damit erledigt, daß man sich halt eine Sackojacke übers normale Hemd gezogen hat. Die Jeans war die, die man auch sonst anhatte. Klar, danach gabs auch Häppchen und Sekt, aber irgendwie wars auch einfach nur Schule.
    Worauf ich hinaus will: Ich gönne den Kids ihren Spaß und ihren Stolz auf den Abschluss. Irgendwas finde ich an dem, was ich heute so sehe, dennoch bedauerlich – nicht das konkrete, mehr so das, was sich daran auch noch zeigt, z.B. daß man inzwischen doch geschafft hat, eine Art Klassentrennung über Bildung einzuführen.

  6. Wobei bei dieser Abifeier sogar weniger Inszenierung war als in den Jahren zuvor. (Gut, die 30 Sekunden Rampenlicht zur eigenen Musik gibt es immer noch. Der erste Jahrgang ohne „Don’t know much about history“ und „We don’t need no education“, wird entweder vergessen oder läuft sich tot.) Von einem Autocorso habe ich nie etwas mitgekriegt, den gibt es hoffentlich nicht.

    Bei all meinem Interesse an der Kleidung der Schüler: meine eigene Abifeier war auch schlichter. Vormittags, kurz, förmlich, einmal Heisenberg für die besten zehn, und am Abend dann buntes Programm. Ohne Verabschiedungselemente darin. Für mich war es auch persönlich keine große Sache. Ich war reif, zu gehen und etwas anderes zu machen, und da fiel der Abschied leicht und erforderte keine Zeremonie.

    (Klassentrennung – vielleicht gab es früher wirklich weniger. Die wenigsten Eltern meiner Mitschüler hatten studiert, viele auch kein Gymnasium. Das war keine große Sache damals.)

  7. Tjaja, „schon immer“ ist, ist tatsächlich gerade mal 10 Jahre her. Davor wurde die große Turnhalle genutzt. ;) Man kann sagen was man will: Die Atmosphäre in der Stadthalle war wirklich schöner! Ob das übertrieben ist? Ob es die 30 Sekunden Ruhm wirklich braucht (die es seit mind. 12 Jahren gibt)? Ich selbst hab es jedenfalls genossen und habe bei meinen Schwestern und Freunden tatsächlich ein paar gerührte Tränchen verdrückt. Aus Stolz… und wohl auch, weil es ein kleiner Abschied war… oder auch ein großer Schritt…
    Und schnell umgezogen hab ich mich auch… aber nur, weil die schönen, teuren Schuhe mit den 7-8cm Absätzen mir sonst den restlichen Abend versaut hätten und das Kleid ohne sie zu lang gewesen wäre. *lach*
    Vielleicht bedeutet die Zeremonie ja nicht, dass die Schüler nicht gerne gehen, sondern, dass sie gerne da waren? Da darf sich dann jeder Lehrer selber überlegen, ob er dieses Kompliment verdient oder vielleicht auch nicht gemeint ist.

  8. Meine ersten Abifeiern am GRG waren in der Turnhalle, die habe ich auch noch erlebt. Ging, war aber nicht richtig schön. Das war 1998, auch wenn ich da noch keine Schüler hatte. 2001 dann die ersten, die ich mal unterrichtet hatte. Auch das war noch in der Turnhalle, glaube ich, aber alles schon mit Motto. „Boxkampf“ und „Oscarverleihung“ sind die frühesten, an die ich mich erinnern kann. Und Ihre Verabschiedung… das war (rechnen-nachschauen) auch schon 2002. Das ist ja ewig her! Waren Sie tatsächlich die ersten mit der Stadthalle?

    Allerdings: nein, ich fand die Atmosphäre in der Stadthalle nie schöner. Zu heiß, zu stickig, zu wenig frische Luft; ich fühle mich mit dem Glas drumrum in der Schule wohler. Und die Stadthalle verführt zu überlangen Veranstaltungen.

  9. Wir waren der zweite Jahrgang, der in der Stadthalle gefeiert hat. (Die Stadthalle gibts ja auch noch nicht sooooo lang.) Im Vergleich zur Turnhalle ein deutlicher Fortschritt. Im Schulgebäude war damals ja kein Platz für größere Veranstaltungen.
    Das neue Rasso am Tulpenfeld kenn ich ja nur vom Vorbeifahren und von all den Geschichten, die man so erzählt bekommt… naja, das ist allerdings ein ganz anderes Thema.

    Übrigens vielen Dank für das nette Wörtchen „ewig“!
    Sowas liest Frau doch immer gerne. *lach*
    Soweit ich weiß waren wir ja auch Ihr erster Englisch-LK, oder? Apropos: Gibt es das Superman T-Shirt von der Verabschiedung noch?

  10. Bei dem „ewig“ dachte ich ja weniger an Sie als an mich. Sie sind ja jetzt einfach nur munter erwachsen, ich bin so alt, wie Herr F. war, als ich an die Schule kam.
    Ja, Sie waren mein erster Englisch-LK, mein erster LK überhaupt. Romeo & Juliet und so weiter.
    Das Superman-T-Shirt… glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich es nicht mehr habe, weil es aufgrund des vielen Tragens so sehr zerschlissen ist? Sagen wir: inzwischen könnte ich es wirklich gut brauchen, für das bisschen Sport, dass ich – eben inzwischen – treibe.
    Aber den Spider-Man habe ich natürlich noch:

  11. Ist ja sehr nett, das ich gerade beim Stöbern auf diesen Eintrag stoße. Ist ja doch schon wieder eine Zeit her. Outfitbewertungen habe ich auch mit meinen Sitznachbarinnen durchgeführt – sehr unterhaltsam! Die beiden, die Ihnen besonders positiv aufgefallen sind, sind auch mir (und unabhängig davon meinen Familienangehörigen) postiv aufgefallen.
    Vielen Dank für das Abizeitungslob.
    Liebe Grüße.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.