Wer hat, dem wird gegeben

Als Kind hat mich am katholischen Gottesdienst eigentlich nur die Lesung und deren anschließende Interpretation interessiert. (War das die Predigt?) Ein Text, an dem ich stets zu kauen hatte, war das Gleichnis von den Talenten. Das war gut so, denn mir nutzte der Reiz widersprüchlicher Texte. Hier ist er:

Das Himmelreich ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten.
Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.
Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. (Matthäus 25,14–30)

Warum war der Text widersprüchlich für mich? Weil er mir so eindeutig ungerecht erschien. He, der Diener sollte das Talent aufbewahren, und das hat er getan. Und dann wird er geschimpft dafür. Unfair! Außerdem kam dieser phantasielos wörtlich nehmende Diener meinem eigenen analytischen Wesen am nächsten. Wenn der Herr etwas anderes gewollt hätte, hätte er sich gefälligst deutlich ausdrücken sollen.
Vielleicht habe ich damals nicht verstanden, was gemeint ist mit: “vertraute ihnen sein Vermögen an”, und welcher Auftrag dahintersteckt. Hier scheint es mir sehr auf die Übersetzung anzukommen, jedenfalls lautete der Auftrag des Herrn in meinem Verständnis immer: “Pass gut darauf auf”, und sonst nichts. Heute nehme ich mal an, der Herr hat damit etwas anderes gemeint. Das nächste Mal die Sprechakte etwas expliziter, bitteschön!

(Im Lukas-Evangelium heißt es im analogen Gleichnis: “Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme.” Das hätte ich verstanden. Anscheinend ist mir immer nur das Matthäus-Evangelium untergekommen.)

Aber noch aus anderen Gründen haderte ich mit diesem Gleichnis. Zum einen glaube ich nicht, dass man verpflichtet ist, aus seinen Talenten etwas zu machen, jedenfalls wenn man darin Talente in der konkreten heutigen Bedeutung versteht: musikalische Begabung, Zeichenbegabung, sonstige Begabungen. Vor allem hat mich aber das Ungerechte an dem Prinzip: “wer hat, dem wird gegeben” gestört.

Aaaaaaandererseits… wie ist das so mit dem Lernen in der Schule? Wer viel weiß, wird bald noch mehr wissen. Oder von mir aus auch modemäßig kompetenzorientiert: Wer viel kann, wird bald noch mehr können. “Wie schwierig ist doch der Lernprozeß – man hat vom Lernen eigentlich erst was, wenn man schon eine Menge gelernt hat” (Lila). Das deckt sich auch mit meinem Verständnis von Konstruktivismus: wer sich schon viel konstruiert hat, kann Neues um so leichter irgendwo einbauen. Und der Matthäus-Effekt gilt wohl auch für die Schule: “Wenn man Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet, so fällt auf, dass die Schule vorhandene Leistungsunterschiede verstärkt.” (Wikipedia, und hiermit gebe ich zu, dass ich zum Forschungsstand hierzu nicht die geringste Ahnung habe.)

Wenn es diesen Effekt wirklich gibt, und ich zweifle nicht daran: kann man das verhindern? Soll man das verhindern? Klafft die Schere dann nicht immer weiter auseinander? Ich denke, das tut sie, und das will auch keiner ernsthaft verhindern.

(Subjektiv wird das Problem vielleicht gar nicht so wahrgenommen. Dieser Aufsatz – “Why people fail to recognize their own incompetence” (pdf), schon mal verlinkt – legt nahe, dass Studenten ihre eigene Leistung proportional um so mehr überschätzen, je schlechter sie sind. Wie sehr das übertragbar ist, weiß ich allerdings nicht.)

Letztlich kommt es ja nicht darauf an, wie groß die Menge an Wissen ist, die sich jemand – ausgestattet mit den nötigen Kompetenzen dazu – konstruiert hat. Um es mit Josh Billings zu sagen: “It ain’t what a man don’t know that makes him a fool, but what he does know that ain’t so.” Darauf nehmen die Lerntheorien wohl alle wenig Rücksicht.

5 Antworten auf „Wer hat, dem wird gegeben“

  1. Ja, das ist die Predigt. Und der Text davor kommt aus den Evangelien und heißt auch ‘Evangelium’ ‑die ‘Lesung’ ist noch davor und stammt immer aus dem AT oder den Briefen.
    (Ich schreibe das nur, weil ich inhaltlich wenig hinzuzufügen habe.)
    :-) Dirk

  2. Wer gelernt hat zu lernen, dem wird beim nächsten Mal das Lernen leichter fallen. Dazu kommt die Freude am Erfolg. Der wiederum weckt den Bedarf nach Wiederholung oder nach mehr. Warum sollte man das verhindern wollen? Ich glaube eher, dass Menschen mit einer niedrigen Frustrationsgrenze den Einstieg scheuen oder nicht lange genug dabeibleiben, weil sie die schnelle Befriedigung suchen. Das Lustprinzip der letzten Jahrzente (alles muss Spaß machen) weckt diese Erwartung. Lernen ist aber nun mal, besonders zu Anfang, mit Anstrengung verbunden.

  3. Mir war dies Gleichnis auch immer unsympathisch, aber bezogen auf immateriellen Talente habe ich das – obwohl viel von der Grossmutter zitiert – noch nie betrachtet. Wie so oft im Leben, bin ich auf das Naheliegende nicht gekommen.

  4. Dieses Evangelium ist seh verwirrend! Aber ich denke da muss man querdenken! wie wäre es mit der folgenden Interpretation.… wer den glauben hat versucht immer wieder dazuzulernen dem wird immer mehr zufriedenheit geschenkt wer aber keinen richtigen glauben hat den wird auch dieses bisschen genommen! die zweite interpretation wäre folgend wer die dankbarkeit hat den wird sie auch zurückgegeben und sie wird immer mehr und wer sie nicht hat der ist unzufrieden un das bisschen was er hat wird im genommen! was denkt ihr darüber?

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