Motivation und Abitur, ohne größeren Zusammenhang

“Motivation vor allem bei schwächeren Schüler/innen effektiv” titelt der Lehrerfreund und zitiert dazu eine Studie zur Intelligenzforschung, aus der man möglicherweise als Ergebnis ablesen kann: extrinsische Motivation funktioniert, allerdings vor allem bei Menschen mit niedrigem IQ. Die Folge: je dümmer sich Schüler anstellen, desto mehr muss man motivieren. “Der etwas unappetitliche Umkehrschluss: Je besser die Schüler/innen, desto weniger kann man durch Motivation erreichen.”

So oder so finde ich es erfreulich, dass mal differenziert wird – dass zugegeben wird, dass für manche Menschen/Schüler ein anderes Verhalten sinnvoll ist als für andere. Ich selber habe als Schüler über die Motivationsphase im Unterricht oft nur gelacht. Erst die Folie anschauen, oder das Lied anhören, oder irgendeinen stummen Impuls über sich ergehen lassen – und darauf warten, dass endlich irgendwann mal der richtige Unterricht losgeht. (Aber zugegeben, Motivationsphase und Motivation sind zwei verschiedene Sachen.)

Unappetitlich finde ich den Umkehrschluss gar nicht, sondern naheliegend und logisch. Wer Mechanismen extrinsischer Motivation durchschaut, lässt sich weniger davon beeinflussen oder hat zumindest mehr Kontrolle darüber. Und gute Schüler sind oft schon motiviert, die brauchen nicht noch extra welche.

(Ob Intelligenz und Erfolg im Leben – was auch immer man darunter verstehen möchte – viel miteinander zu tun haben, ist eine andere Frage.)

– Am Freitag ist Abiturfeier, am Anfang der Woche gab es schon die Abiturzeitung. Hm. Launige Lehrerzitate, viel Selbstdarstellung. Die üblichen Umfragen, zum Teil aufschlussreich (“Welche/r Lehrer/in ist leicht ablenkbar?” – laut Deutschlehrer) oder nicht ohne einen gewissen Reiz (“Welche/r Lehrer/in verstößt selbst gegen die Teppichbodenregel?”), aber auch völlig uninteressant (“Wer wird mal Osterhase?”). Aber immerhin alles oberhalb der Gürtellinie.

Die Reiseberichte über die Kursfahrten habe ich gar nicht erst gelesen, das ist sicher interessant, wenn man dabei war, aber sonst nicht. Als es noch Leistungskurse gab, stand zu jedem Leistungskurs ein Beitrag in der Abizeitung, im G8 gibt es das nicht mehr – bei uns gab es immerhin zu allen vier Deutschkursen eigene Beiträge, vielleicht stellvertretend für alle Kurse, vielleicht auch, weil die Deutschlehrer recht geschlossen auftraten, vielleicht auch, weil Deutsch das Fach ist, dass irgend etwas mit Texten zu tun hat.

Ansonsten gab es wenig Textbeiträge – aber immerhin einen Kommentar zu unserer Hausordnung. Das ist schon mal ein Anfang. Vielleicht sollte man bei den nächsten Übungsaufsätzen auch mal einen solchen Abizeitungs-Kommentar anregen. Kritisiert wird in diesem Beitrag unter anderem, dass laut Hausordnung Schüler (und Lehrer) in den Gängen und Klassenzimmern nicht essen dürfen. Etwas kurzsichtig wird das auf einen von den Schülern als Planungsfehler interpretierten Aspekt des Schulgebäudes zurückgeführt: “Ohne Teppichboden müsste man das Essen auf demselben nicht verbieten.” Oh mei. Das dort nicht gegessen werden soll, hat wenig mit dem Teppich zu tun, sondern das ist ein pädagogischer Wunsch der meisten Lehrer – auch wenn es das ohne Teppich wohl nicht bis in die Hausordnung geschafft hätte.

(Warum das ein Wunsch ist, also meiner zumindest? Sagen wir als Kurzfassung: ich möchte auch nicht, dass die Lehrer im Lehrerzimmer an den gemeinsam genutzten Arbeitstischen essen.)

Leider ist auch dieser Kommentar, wie alles an einer Abizeitung, keine Aufforderung zu einem Dialog. Dabei würde ich gerne ausführlich darauf reagieren, und eine Reaktion wiederum darauf erwarten. Nicht zwischen Tür und Angel im Gespräch, das ist oberflächlich und flüchtig. Aber solange wir nicht wieder eine bloggende Schülerin haben, wird es diese Kommunikationsform nicht geben.

Der Nutzen einer Hausordnung wird dabei keineswegs in Frage gestellt – für die Unterstufenschüler, also die anderen. “Absolut respektlos” sind die nämlich. Zum ersten Mal habe ich das vor zehn Jahren von Oberstufenschülern gehört, dass die jüngeren Klassen so frech sind. Zum meiner Zeit war das anders, da hat man sich gegenseitig gar nicht groß wahrgenommen… vielleicht haben wir in der Oberstufe auch respektvolleres Verhalten eingefordert? Jedenfalls höre ich die Klagen über die Unterstufe regelmäßig jedes Jahr.

Nachtrag zur Motivation: Erstens kennen wir alle auch den Fall des intelligenten, aber lernunwilligen Schülers. Pubertät in der Mittelstufe und so. Da kann man mit externer Motivation wenig machen. Und zweitens sind das alles bestenfalls statistische Erscheinungen, die eventuell für bildungspolitische Entscheidungen herangezogen werden können – als Lehrer hat man es immer mit Einzelfällen zu tun, und die müssen nie dem statistischen Muster entsprechen.

3 Antworten auf „Motivation und Abitur, ohne größeren Zusammenhang“

  1. Würden wir unsere Schüler also für intelligent halten, bräuchten wir weder einen Motivationsheini noch Karotten, Bonbons und sonstige Bespaßungen. Weil wir sie aber nicht für… Ich fürchte das führt zu weit. Elterngespräche über die mangelnde Motivation des leserechtschreibschwachen, dyskalkulischen, demnach schwerbegabten Filius gehören zu den ersten Dingen, die einer echten Schulreform zum Opfer fallen sollten. Und dann gibt es doch einen Zusammenhang zur Abiturfeier: Wer seinem Kind für das bestandene Abitur ein Cabrio in Aussicht stellt, braucht sich nicht zu wundern, dass es schon vorher nicht mehr zu Fuß in die Schule gehen will. (Alles nur metaphorisch gemeint, natürlich, natürlich…)

  2. Was ich auch immer schön finde: wenn Oberstufenschüler, die selbst kein Wort des Grußes rausbringen, sich gegenseitig vulgäres Vokabular an den Kopf werfen, völlig lethargisch über den Tisch hängen und sich kaum aufraffen können, mal irgendwo mitzuarbeiten, plötzlich lebhaft und wortreich erklären, dass die Unterstufenschüler faul, frech und unmotiviert wären. Splitter = Auge des Bruders =/= Balken = eigenes Auge. Und die Bibel hat doch recht…

  3. Zum Umkehrschluss:
    Sinnvoll wäre eher, mal davon abzusehen, ausschließlich extrinsisch motivieren zu wollen, d.h. Papagei kriegt sein Kekschen, sondern auch mal zu sehen, wie es mit der intrinsischen Motivation aussieht.
    Ich sehe es mit Bedenken, dass sehr stark auf jene Kekse (hier: Noten) fokussiert wird und dass es in Schüleraugen eigentlich nur um diese zu gehen scheint.
    Belohnung/Bestrafung wären weniger nötig, wenn Schüler die Möglichkeit und Zeit hätten, sich für den Lerngegenstand zu interessieren, vielleicht gar freiwillig mehr wissen wollen. Wenn ihnen gesagt wird, was sie wie zu tun haben, wird es etwas schwer, das als Eigeninteresse und somit intrinsisch motiviert zu erachten.

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