14 Gründe, warum ich mich nicht wasche

Im Reliblog habe ich das gefunden, im Religionsunterricht einsetzbar, wenn es darum geht, warum Schüler nicht in den Gottesdienst gehen:

Nicht neu, aber immer wieder gut: 14 gute Gründe, warum ich mich nicht wasche:

  1. Ich wurde als Kind immer gezwungen, mich zu waschen.
  2. Menschen, die sich waschen, sind Heuchler. Sie glauben, sie wären sauberer als andere.
  3. Es gibt so viele Sorten Seife. Ich kann unmöglich wissen, welche die richtige für mich ist.
  4. Ich habe mich einmal gewaschen. Aber ich finde es langweilig.
  5. Natürlich wasche ich mich: Einmal im Jahr zu Weihnachten. Das reicht mir.
  6. Alle meine Freunde finden Waschen blöd und überflüssig.
  7. Wenn ich älter bin, kann ich ja vielleicht anfangen, mich zu waschen.
  8. Ich habe keine Zeit, mich zu waschen.
  9. Die Atmosphäre im Badezimmer ist viel zu kalt und steril.
  10. Die Seifenhersteller sind doch nur hinter meinem Geld her.
  11. Ich kann auch draußen in der Natur sauber werden. Der Wind bläst mich sauber.
  12. Wenn du dich wäscht, ist das schön für dich. Ich fühle mich auch ohne Waschen gut.
  13. Leute, die sich waschen, haben einen Waschzwang und gehören in psychotherapeutische Behandlung.
  14. Meine Eltern haben sich immer gewaschen. So wie die will ich nie werden.

Den Aufforderungscharakter dieser Liste kann ich nur bestätigen. Zumindest ich habe sofort Lust bekommen, mich damit zu beschäftigen. Die aufgeführten Gründe sind tatsächlich keine guten Gründe gegen das Waschen. Es sind ja auch Erklärungen, warum man sich nicht gerne wäscht, aber keine Gründe, warum man sich nicht waschen sollte. Das Wort „warum“ ist da mehrdeutig, es fragt nach Ziel ebenso wie nach Ursache.

Als Gründe sind sie, wie gesagt, nicht gut, und ich würde mich freuen, wenn man in der Schule Fachbegriffe lernen würde, die diese Art von Fehldenken beschreiben. Oder wenn wenigstens ich die wüsste – mehr als ein paar habe ich mir nämlich nicht angelesen.
„Ich wurde als Kind immer gezwungen, mich zu waschen“ würde ich als Non sequitur klassifizieren; mag sein, dass die Behauptung wahr ist, aber das sagt nichts über die implizite Schlussfolgerung aus, dass man sich deshalb nicht waschen sollte.
„Menschen, die sich waschen, sind Heuchler. Sie glauben, sie wären sauberer als andere“ ist ein Argumentum ad hominem: ob die Leute Heuchler sind oder nicht, spielt für das Argument keine Rolle.
Logisch einwandfrei sind dagegen „Ich habe mich einmal gewaschen. Aber ich finde es langweilig“ und „Natürlich wasche ich mich: Einmal im Jahr zu Weihnachten. Das reicht mir.“ Das sind eigentlich gute Argumente, wenn sie denn wahr sind. Zur unausgesprochenen Prämisse: siehe weiter unten.
„Alle meine Freunde finden Waschen blöd und überflüssig.“ Argumentum ad populum.
„Meine Eltern haben sich immer gewaschen. So wie die will ich nie werden.“ Korrelation statt Kausalität. Post hoc ergo prompter hoc.

Und so weiter. Es hilft, Namen für solches Fehldenken zu haben, und wenn ich sehe, wie oft diese in amerikanischen Blogs verwendet werden, muss ich davon ausgehen, dass diese in Schulen oder Universitäten gelehrt werden.

Die Analogie zwischen Gottesdienst und Waschen funktioniert nur, weil unausgesprochen im Raum steht, dass a) regelmäßiges Waschen sinnvoll ist (weil hygienisch und gesellschaftlich relevant), worüber ein gewisser Konsens besteht, und dass analog dazu auch b) regelmäßiger Gottesdienstbesuch sinnvoll ist (weil die Seele entschlackend) – was man erst einmal begründen müsste. So lange das nicht geschieht, gibt es auch keinen Grund für Schüler, die implizite Verteidigungshaltung anzunehmen. Niemand muss begründen, warum er etwas Sinnloses nicht tut.

Machen wir die Analogie doch noch deutlicher. Gottesdienstbesuch ist wie Waschen, weil:

  • man ohne das leichter Krankheiten kriegt,
  • man ohne das seinen Mitmenschen unangenehm wird,
  • man sich ohne nicht so gut fühlt?

Oder wie Marx sagen würde: Religion ist die Seife des Volkes.

Gute Gründe gegen den Gottesdienstbesuch sind die 14 genannten Gründe tatsächlich nicht. Bessere sind:

  • weil es mich nicht interessiert,
  • weil ich nicht an die Wirkung glaube,
  • weil ich Besseres zu tun habe.

Auch diese Gründen klingen lächerlich, wenn man sie aufs Waschen bezieht, für den Gottesdienst können sie allerdings sehr wohl gelten. Was geben denn junge Leute – an die sich diese Liste wendet – als Gründe gegen den Gottesdienstbesuch an? Vermutlich tatsächlich die oben genannten. Und was sind die tatsächlichen Gründe? Vielleicht hilft die Liste ja, sich Gedanken darüber zu machen – und logisches Fehldenken aufzudecken.

Wikipedia: List of fallacies

8 Thoughts to “14 Gründe, warum ich mich nicht wasche

  1. Ist aber nicht schon die Gleichsetzung zweier vollkommen verschiedener Dinge ein Denkfehler? Ich meine, sich Waschen und zum Gottesdienst gehen sind nun einfach total verschieden.

  2. Ich sehe mich selbst vor einigen Jahren als Schüler. Hätte ich diesen 14 Punkte vorgelegt bekommen, ich hätte vermutlich den Lehrer einfach für bescheuert erklärt und abgeschaltet.

    Im Ethik-Unterricht blieb mir das aber erspart, da gab es andere Dinge, bei denen ich Augenrollen im Akkord betreiben musste. Religionsunterricht hatte ich nie.

  3. Meine Schüler haben meistens gar keine Gründe für einen Nichtbesuch von Gottesdiensten. Sie haben einfach keine Lust und das genügt ihnen. Mir geht es auch nicht darum, sie alle zu fleißigen Gottesdienstbesuchern zu machen.
    Ich möchte sie gerne ein bisschen provozieren, damit sie etwas kritischer ihre eigene Position betrachten und – idealerweise – auch merken, dass ein argumentativer Unterbau dieser Position meistens nicht schadet (wenn es eine gute Position ist. Oder sie merken, wie dünn das Eis ist, auf dem sie scheinbar so sicher stehen und suchen nach neuen Standorten.
    Das Ganze steht im Kontext Institutionalisierung von Kirche. Und ob es jetzt die Kirche, das Amt des Bundespräsidenten oder sonst etwas ist: über die eigene Position nachdenken dürfte selten schaden.
    Wenn ich erreiche, dass ein Schüler, der nicht meine Position vertritt, seine Position für sich klarer herausarbeitet und auch argumentativ begründen kann, ist es mir viel lieber als eine ganze Klasse von Abnickern, die einfach sagt „Ja, ja, sie haben schon recht…“, ohne auch nur einen Grund dafür nennen zu können.
    Ich finde es übrigens immer beeindruckend – ganz ehrlich – wenn jemand die unterschiedlichen Bezeichnungen für Argumentationsweisen mit Fachbegriffen benennen kann. Damit können Argumentationen gründlicher, strukturierter und letztlich schneller geführt werden.

  4. Provozieren ist gut. Hätte mich als Schüler auch gleich gereizt… 59 Punkte im Religions-Colloquuium… insofern halte ich das schon für eine reizvolle Unterrichtsidee.

  5. Das drucke ich doch gleich mal am Freitag als Plakat aus und hänge es auf. Im Computerraum, in der Bibliothek? Mal schauen.

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