Ich vernerde zusehends.

(Liegt daran, dass ich dieses Jahr nur Informatik und weder Deutsch noch Englisch unterrichte. Holt mich hier raus, ich bin ein Sprachenlehrer.)

Andere Leute programmieren Tischfußball oder Pacman in Inform 7, da habe ich mich mal an einfach verkettete Listen gemacht (unter Benutzung des Kompositum-Entwurfsmusters). Das metaphorische Modell: Es gibt einen Karawanenführer, der hinter sich ein Karawanentier führt. Das kann entweder ein Esel sein; der bildet den Schluss jeder Karawane und kann keine großen Lasten tragen. Oder es ist ein Kamel. Jedes Kamel trägt eine Last und hat hinter sich wieder ein Karawanentier – einen Esel (dann ist die Karawane zu Ende) oder ein weiteres lasttragendes Kamel, das wiederum als Nachfolger… und so weiter.

Die Klassen sind dabei schnell und einfach angelegt:

A piece of baggage is a kind of thing. The plural of piece of baggage is pieces of baggage.

A caravan member is a kind of animal. [Oberklasse Listenelement]
A caravan member has a caravan member called the successor. [Nachfolger-Attribut]

A camel is a kind of caravan member. [Klasse Knoten]
A camel has a piece of baggage called the load. [Attribut Datenelement]

A donkey is a kind of caravan member. [Klasse Abschluss]

A caravan organizer is a kind of man.
A caravan organizer has a caravan member called the leader. [Anfangs-Attribut]

Allerdings werden bei Inform eigentlich keine Objekte zur Laufzeit angelegt; alle müssen schon vorher da sein. Es gibt also keine Konstruktormethoden, die man während der Laufzeit aufrufen könnten. Die Erweiterung “Dynamic Objects” von Jesse McGrew schafft da Abhilfe – es geht also doch, bis irgendwann der Speicher vollläuft.

Implementiert habe ich bisher nur: vorne einfügen, hinten einfügen, Anfang oder Ende geben (und aus der Liste entfernen), beliebiges Element suchen und geben (und aus der Liste entfernen). Außerdem Länge geben und Inhalt ausgeben.

Es fehlen noch etliche Methoden, aber im Prinzip ist alles machbar. Natürlich stellt die Sprache selber auch schon Listen zur Verfügung, wenn man eine Liste für irgendetwas benutzen wollte, nähme man nicht meine Karawane. Und ich will auch nicht, dass Schüler in Inform Listen programmieren, das ist doch etwas – uh – arg weit hergeholt. Und umständlich; für so etwas ist Inform nicht gemacht. Aber um mich vertraut zu machen mit der Sprache war das eine schöne Fingerübung.

Zum Ausprobieren für Freunde des Absurden: Linked Lists, meine Karawane in Inform 7.

Der kleine ernste Kern hinter dem Gedanken: Metaphern und Visualisierung spielen in der Informatikdidaktik eine wichtige Rolle. Man stellt sich die abstrakten Konzepte immer irgendwie vor. Das Oldenbourg-Buch (Brichzin, Freiberger, Reinold, Wiedemann) etwa veranschaulicht einfach verkettete Listen mit einer Reihe von Männern (=Knoten der Liste), die jeweils einen Dackel spazieren führen (=das Datenelement). Ich selber habe es mit Flaschengeistern versucht. Zu beiden Konzepten gibt es Präsentationen und Animationen zur Veranschaulichung und Visualisierung.

Meine Frage und Vermutung: Kann man das nur visualisieren über eine Präsentation/Animation/Trickfilm, oder nicht auch über einen Text, den man liest? Klar, gedruckter Text ist nicht sehr visuell. Andererseits…

Wir im Didaktik-Business unterscheiden (nach Bruner) die enaktive Repräsentation von Sachverhalten. Das heißt so viel wie Verstehen durch Begreifen, Anfassen, mit etwas Umgehen.
Dann gibt es die ikonische Repräsentation von Sachverhalten: als bildliche Darstellung. Dazu gehören Präsentationen, Videofilme, Fotos, die etwas darstellen sollen. Und zuletzt gibt es die symbolische Repräsentation: der Sachverhalt wird nicht als Spielzeug begreifbar gemacht, und nicht als Bild gezeigt, sondern nur als Symbol gezeigt. Sprache ist unter diesem Aspekt betrachtet immer symbolische Repräsentation von außersprachlichen Dingen.

  • Addition kann man enaktiv darstellen (mit bunten Steinen spielen lassen), eine Liste auch (die Schüler stellen sich auf und zeigen auf ihren Nachfolger).
  • Addition kann man ikonisch darstellen (Bilder von Äpfeln), eine Liste auch (Bilder von Männern mit Hund hintereinander).
  • Addition kann man symbolisch darstellen (Summenzeichen), Listen auch (Objekt- oder gar Klassendiagramm).

Im Unterricht sollte man möglichst viele dieser Repräsentationsebenen ansprechen.

Nun gibt es in der Folge von Bruner weitere Repräsentationsformen. Die semi-enaktive kennen wir aus dem Chemieunterricht: der Lehrer macht es vor, die anderen schauen zu. Und dann gibt es im Informatikunterricht auch die virtuell-enaktive Repräsentation: Robot Karol etwa, ein auf den Bildschirm gezeichneter Roboter, den man mit Befehlen und Tasten manipulieren kann. Die Manipulation ist es, die das Enaktive ausmacht, nur dass man den Roboter eben nicht selber in die Hand nimmt, sondern mit der Tastatur befingert.

Und ist das nicht auch so mit Interactive Fiction? Die besteht nur aus Text, symbolischer Repräsentation. Aber es ist Text, den man in die Hand nehmen und untersuchen kann (take the box, open the box, examine the box, close it); Text, in dem man sich selbstständig und frei bewegen kann (go east, north, enter the dungeon). Ist das nicht auch irgendwie enaktiv?

Vermutlich alles schon längst mal untersucht, ich bin ja fast zwanzig Jahre raus aus der Didaktik. Aber es nagt das Gefühl an mir, dass Text zum Anfassen – meine eigene Definition von Interactive Fiction – noch unerforschte Möglichkeiten bietet.

3 Antworten auf „Ich vernerde zusehends.“

  1. Schöne Idee! Gefällt mir. Wenn gleich ich so mit Computerspielen immer mal wieder auch auf Kriegsfuß stehe, weil ich die einfach nicht blicke.

    Zum Thema Repräsentation kann ich auch noch was beisteuern: In der elften mache ich ja auch die Liste mit Hilfe des Kompositums. Dafür benutze ich Überraschungseier, die ich miteinander verkette und wodurch ich Struktur und Inhalt schön voneinander trennen kann. Das ist sehr haptisch und sie müssen erstmal gegessen werden. Das ist Spiel, Spaß und Schokolade ;)

    Dsa mit dem Vernerden kenne ich. Außer einer elften in Mathe mache ich auch nur noch Info. Das kann ganz schön einseitig werden. Dann noch Sysadmin unterwegs…Für nächstes Jahr habe ich mir mal wieder Physik gewünscht, nach dem ich sehen musste, dass ich das Physikabi kaum noch verstanden habe.

  2. Hallo Ingo,

    habe deinen Blog entdeckt und habe mich über den Beginn des Artikels sehr amüsiert. Ich unterrichte auch noch Deutsch und Geschichte (zumindest auf dem Papier) und wehre mich nun schon das dritte Jahr gegen die aufgezwungene “Nerdisierung” durch das System Schule. Das geht wirklich nur durch konsequenten Sport und eine vielseitige Ernährung :)
    Außerdem lange ich in den Ferien keine Computer mehr an.

    Grüße
    Christoph

  3. Ingo war der letzte Kommentator, vermutlich meinst du mich, ich bin Thomas. Ingo bloggt allerdings auch, und beide sind wir Informatiklehrer. Insofern habe ich mir das Nerdtum ja auch ausgesucht, und das fing schon lange vor Computern an. In den Ferien komme ich im Gegenteil dazu, endlich lustige Projekte mit dem Rechner auszuprobieren.

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