Schüler, Lehrer, Internet

Durch einen Tweet von vilsrip bin ich auf diesen Bericht in der Süddeutschen aufmerksam geworden: Demnach ist ist ein Lehrer im Kirchendienst in Passau vorläufig suspendiert worden, weil er mit Schülerinnen über Fachebook kommentiert hat. Über den Inhalt der Nachrichten selber steht nichts im Artikel, sie seien „weder obszön noch sexistisch noch unter der Gürtellinie“ gewesen, hätten aber doch Anstoß erregt; die Diözese reichte das Material an die Staatsanwaltschaft zur Prüfung weiter.

Erste vor ein paar Tagen bin ich interviewt worden zur Frage, ob Schüler und Lehrer in Facebook befreundet sein dürfen sollten. Freundschaft ist hier im technischen Facebook-Sinn gemeint, hat also nichts mit Freundschaft zu tun. Meine Antwort: ja, klar. Elektronische Kommunikation mit Schülern ist sinnvoll, und das geht am einfachsten über Facebook. Man soll doch die Schüler dort abholen, wo sie sind, wird einem immer pädagogisch um die Ohren geschlagen, und das, wo sie sind, ist nun einmal Facebook. E-Mail fällt den meisten schon zu schwer.
Allerdings: Mann soll die Schüler dort abholen, wo sie sind, aber dann nicht dort stehen bleiben, sondern weiter gehen. Also zu Moodle, Doodle, GoogleDocs, Blogs und E-Mail (mit eigenem Client). Deswegen würde ich nie eine Arbeitsgruppe auf Facebook gründen oder befürworten. Schon mal aus persönlichen Gründen: ich verwende meinen Facebook-Account nicht. Meine gelegentlichen Tweets werden nach Facebook weitergeleitet, da es Leute gibt, die gerne mitkriegen, was ich so mache, aber nur bei Facebook online sind. Ansonsten ist der Facebook-Kanal offen für Leute, die mich kontaktieren wollen und keine anderen Kanäle verwenden können oder wollen. Aber dort etwas schreiben oder lesen, was andere tun, das mache ich nicht.

Schüler bilden solche Arbeitsgruppen sehr schnell. Und auch Lehrer nutzen sie. Klar: Austausch mit Partnerschule in anderem Land, da wird schnell eine Gruppe für teilnehmende Schüler, Lehrer, Eltern erstellt, und jeder kriegt alles mit. Gegenargument: muss jeder immer alles gleich mitkriegen? Gegenargument zum Gegenargument: vernünftige Eltern werden nicht jeden Tag nachschauen und kommentieren, was das Kind heute getan hat.

Echte private Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind immer ein Problem, und wenn es nur die Mitgliedschaft im gleichen Sportverein ist, oder das Wohnen Tür an Tür, oder die Eltern-Kind-Beziehung. (Das eigene Kind an die Schule zu geben, an der man unterrichtet: problematisch.) Aber das sind alles lösbare und keinesfalls dramatische Probleme. Man muss halt wissen, was man wann zu wem sagt.
Missbrauch kommt sicher auch vor, neulich in Hamburg etwa (46jähriger Lehrer, 14jährige Schülerin, Kontakt via Facebook).
Sympathien zwischen jungen Lehrern und älteren Schülern, die sich dann – vermutlich und hoffentlich – nach dem Schulabschluss zu Partnerschaften entwickeln, gibt oder gab es auch; ich kenne mindestens vier Lehrer, die ehemalige Schüler geheiratet haben.

Das hat aber nichts mit Facebook und dem Kontakt via Facebook zu tun. Trotzdem würde ich mich zurückhalten beim Chatten mit Schülern. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass alles, was man bei Facebook tut, öffentlich ist. Und das ist doch sehr gut so: wenn man sich mit Schülern unterhält, dann nur so, dass das öffentlich bekannt und für jeden einsehbar ist. Alles andere: schwierig. Problematische Inhalte bespricht man nicht bei Facebook.

Brauchen Schulen eine Social Media Guideline? Also Richtlinien, wie man sich bei Facebook verhält? (Eine Vorschrift kann und soll das sicher nicht sein.) Unternehmen haben so etwas.


Dann noch ein Spiegel-Artikel: zwei Schüler hacken sich in Lübeck in die Schulrechner und manipulieren ihre abiturrelevanten Noten. Zugang hatten sie als Teil einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Schulnetzwerks. Jetzt ermittle die Staatsanwaltschaft gegen die beiden wegen Ausspähens von Daten und Datenveränderung.

Aus diesem Grund würde ich nie Schüler an das Schulnetz lassen. (In Bayern gilt ohnehin: getrennte Netze für Verwaltung/Schulleitung und den Rest der Schule. Aber getrennt heißt auch immer: mehr oder weniger getrennt.) Um es mit Eugen Roth zu sagen: „’s ist auch den Guten / Mehr zuzutraun, als zuzumuten.“ Exploratives Verhalten ist genau das, was computeraffine Leute auszeichnet. Die sollte man nicht auch noch der Versuchung aussetzen zu schauen, wo sie überall hinkönnen im System.


Einige unserer Oberstufenschüler wünschen sich, im Unterricht mit Laptops zu arbeiten – und auch außerhalb des Unterrichts, zu schulischen Zwecken, innerhalb des Schulgeländes. Ich wünsche ihnen alles Gute dabei und habe ihnen ein Tipps gegeben, wie sie sich um die Erlaubnis dazu bemühen sollten. Für den Unterricht: das entscheidet jede unterrichtende Lehrkraft selber. Aber ich denke, die wenigsten werden etwas gegen einen klar abgegrenzten Versuch haben, wenn er ihnen auf geeignete Weise vorgesachlagen wird. Außerhalb des Unterrichts: mittelfristig eine Frage für das Schulforum, selbst wenn das wohl eigentlich nicht dafür zuständig ist. Kurzfristig: die Schulleitung fragen. Man müsste klar erkennbar machen, welche Schüler unter welchen Bedingungen mit dem Laptop außerhalb des Unterrichts auf dem Schulgelände arbeiten dürfen.

  • Wo? Bibliothek, Sitzecken, Aula, Cafeteria, Gänge?
  • Wann? Vormittägliche Pausen, Mittagspause, Freistunden?
  • Was? Mit Internet – mit Handy-Tethering unbemerkbar zu machen – oder ohne?
  • Welche Konsequenzen bei Regelüberschreitung?

Schulen mit Laptopklassen haben schon länger solche Regelungen.


Bei Netzpolitik geht es gerade um Webfilter in Schulen. Ausgangspunkt war, dass die Webseiten der Piratenpartei gesperrt waren; ähnlich ging es auch schon SPD und Grünen.

Technisch sieht das mit den Filtern so aus:

1. Eine Firma stellt Software und eine Liste von gesperrten Seiten zur Verfügung. Diese – sehr umfangreiche – Liste wird hauptsächlich automatisch durch einen mehr oder weniger guten Algorithmus erstellt, der zum Beispiel Seiten mit bestimmten Schlagwörtern sperrt.

2. Die Schule kauft diese Dienstleistung und übernimmt die Sperrliste. Theoretisch kann die Schule Ausnahmen hinzufügen oder weitere Seiten sperren; in der Praxis kommt das kaum vor. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie man den Filter bei uns anpasst. (Aber ich habe einen Proxy laufen auf meinem eigenen Server, der auf keiner Blacklist steht. Damit komme ich selber dann doch überall rein.)

3. Eine Alternative zu Sperrlisten wäre die Alterskennzeichnung von Webseiten, wie sie immer wieder gefordert wird. Dann könnte man den Browsern für Unmündige sagen, dass sie nur Seiten bis zu einem bestimmten Alter durchlassen. Das ist international nicht machbar und obendrein nicht sinnvoll, aber ein anderes Thema.

Rechtlich wird argumentiert, dass Schulen solche Filter haben müssen. Ich bin mir dessen nicht sicher und halte es für möglich, dass das gute Lobbyarbeit und vorausschauendes Vermeiden von Ärger ist. Aber ja, es gab Fälle, wo Eltern sich beschwerten, dass ihr Kind im Unterricht Dinge gesehen hatte, die es nicht hätte sehen dürfen.
Braucht man solche Filter auch für den Unterricht oder nur für den außerunterrichtlichen Zugang zum Web? Im Moment ist es an meiner Schule so, dass Schüler nicht ohne eine Aufsicht führende Lehrkraft ins Web kommen dürften. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich Pornographie anschaut, muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich einem anderen Pornographie zeigt (der sich dann zurecht zu Hause beschwert), muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn Schüler irgendwann mal unbeaufsichtigt ins Internet dürfen, dann wird’s schwierig.

Dazu möchte ich mal eine Erörterung lesen.

21 Antworten auf „Schüler, Lehrer, Internet“

  1. Webfilter:
    Ich habe einen Bekannten, der beim ULD (Datenschutz Schleswig-Holstein, die haben z.B. die Facebookbuttongeschichte losgetreten), der sagt: „Wenn Juristen Netzwerke bauen, dann bekommen wir Einzelplatzrechner“. Die Webfilter sind ein juristisches Konstrukt, das zumindest hier in NDS vorhanden sein muss. Gegen jeden Umgehungsversuch kann ich technisch „zurückschlagen“, komme dann aber sehr schnell zum Einzelplatzrechner oder zu anderen merkwürdigen Kontrukten wie „Deep-Pakage-Inspection“, womit dann auch deine Proxypakete auffliegen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich fragen muss, inwieweit Schaden und Nutzen in einem vertretbaren Verhältnis stehen – je mehr ich logge und speichere, desto mehr Unterschriften und Verfahrensbeschreibungen brauche ich als Schule. Das gibt dann anderen Ärger.

    Netzzugang:
    Eigentlich gibt es da zwei Varianten: Verbieten und mit UMTS/LTE gezielt und heimlich umgangen werden. Oder: Verhandeln und Reden mit eine Bisschen Hoffnung, dass der ist so passiert, dass man ihm pädagogisch begegnen kann. Ich denke gerade auf einem Vertrag herum (Eltern, Schüler, Lehrer).

    Facebook:
    Finde ich in jeder Hinsicht schwierig. Jeder Post, jede Suche generiert mehr Verknüpfungen. Ich bin da auch – als Berater tut das auch not. Ist für mich sowas wie ein iPad: Schick, einfach, verlässlich – für meine Art des Arbeitens unbrauchbar…

  2. Ich nutze Facebook nach wie vor als Werkzeug und möchte mich da nicht einschränken lassen.
    Ich bin nicht der Typ Lehrer, der sich duzen lässt und mit Schülern chattet, aber es gibt sicher Situationen, Schulen und Lehrer, wo das – auch als Teil des pädagogischen Konzepts – ganz großartig funktioniert. Das muss wohl nicht von oben gesteuert werden, denke ich.
    Nichtsdestotrotz erarbeitet der Bund gerade einen Verbots-Verhaltens-Katalog für Lehrer, bei dem – natürlich – auch Facebook vorkommt. Ich sehe diese ganzen Regularien und Verbote eher kritisch. Werde die Tage mal was dazu schreiben.

  3. Der Bund? Die Regierung/das Bundesbildungsministerium? Was wollen die denn bei Bildung mitreden?
    Aber auch von meinem Land ließe ich mir nichts vorschreiben. Das sind a) alles übervorsichtige Juristen und keine Pädagogen und b) Leute, die keine Ahnung von Kommunikation oder Social Media haben. So ein Katalog kann nur ein Ratgeber sein, und das auch nur, wenn er von Leuten gemacht wird, die sich mit Social Media auskennen.

  4. Warum braucht man Regeln für die Laptopnutzung am Schulgelände außerhalb des Unterrichts? Vermutlich steh ich auf der Leitung, aber wo ist die Problemlage? Für mich hört sich das ähnlich absurd an, als würde man fordern, Regeln dafür aufzustellen, wann und wo Schüler am Schulgelände etwas mit Kuli und Papier schreiben dürfen oder wo Bücher aufgeschlagen werden dürfen (so nach dem Motto: „Das Lesen am Gang ist streng verboten“)

  5. Regeln braucht man mindestens deshalb, weil laut BayEUG in Bayern digitale Speichermedien auf dem Schulgelände ausgeschaltet sein müssen, was auch immer das heißen soll:

    „Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten.“

    Allerdings gilt:

    „Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten.“

    Unabhängig von diesem Gesetz gilt, dass die Schule das Hausrecht auf dem Schulgelände hat und alles, was den Schulbetrieb stört, verbieten kann. Darf man deshalb Schülern alle ihre Rechte wegnehmen? Nein, nur wenn ihr Verhalten den Schulbetrieb stören kann.
    Gehören angeschaltete Handys dazu? Muss man nicht so sehen, kann man aber. Für den Vormittag wird man das leichter argumentieren können als für die Freistunde am Nachmittag.
    Beim Lesen am Gang wird man kaum eine Störung behaupten können, aber beim Aufenthalt im Gang an sich schon, je nach Gelände. („Hier dürft ihr nicht stehenbleiben!“)

  6. Konkret der Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig mit vielen wichtigen Leuten.

  7. Die „Digitale Speichermedien“-Klausel ist eh ein jüngerer Auswuchs von sinnbefreitem Aktionismus (da gabs ja hier im Blog auch schon Diskussionen dazu). Ich denke, man wird nicht umhinkommen, die Privilegien nach Jahrgangsstufen zu staffeln. Ähnlich zu dem, wie das bei uns mit Heften und Ordner war: Erst ab der 10. Klasse war es uns freigestellt, ob wir Hefte oder einen Ordner nutzen, davor waren Hefte verpflichtend.
    Rein technisch ist das ja kein Problem, es funktioniert ja an den Universitäten auch. Da gibts nen Login für den Internet-/Intranetzugang, und wer den nicht hat, kommt einfach nicht ins Netzwerk rein, oder z. B. nur auf bestimmte Seiten. So einen Login kann man ja in der Testphase an bestimmte „Arbeitsgruppen“ rausgeben; ich sehe das Problem eher, dass an den Schulen keine IT-Fachleute verfügbar sind, die sowas wirklich Instandhalten können – es bleibt ja alles an den Lehrkräften hängen, die weder Zeit noch Lust haben, für eine Anrechnungsstunde einen zusätzlichen Vollzeitjob zu machen. Wie das in Zukunft (10..20 Jahre) gehen soll, darauf bin ich ohnehin gespannt…

    Zum Thema Lehrer auf Facebook: Ich kenne durchaus Fälle, bei denen Lehrer Facebook nutzen, um z. B. Schüler daran zu erinnern, Schulaufgaben zurückzugeben (klappt angeblich ausgezeichnet ;) ). Und viele Lehrer der jüngsten Generation haben ohnehin einen Facebook-Account, den sie so auch privat nutzen. Ich denke, dass das nicht unbedingt negativ sein muss; als Lehrer aktiv Freundschaftsanfragen an Schüler stellen würde ich natürlich auch nicht, annehmen vermutlich schon. Man kann ja in Facebook sehr genau einstellen, wer was sehen darf, und spätestens, wenn ein Schüler einen Lehrer in der Freundesliste hat, wird er sich damit auseinandersetzen, wer was lesen kann – und dieses Bewusstsein versucht man doch grad dauernd zu stärken.

  8. >Ich denke, man wird nicht umhinkommen, die Privilegien nach Jahrgangsstufen zu staffeln.

    Soll es denn ein Privileg sein oder ein Recht? Ich bin ja für Privilegien; in der Schule gibt es eh viel zu wenig, das man sich verdienen muss.

    >Rein technisch ist das ja kein Problem, es funktioniert ja an den Universitäten auch. Da gibts nen Login für den Internet-/Intranetzugang

    Ach so, an einen Netzwerk- oder Internetzugang habe ich gar nicht gedacht. Ins Internet kommt man mit dem Rechner mit dem Handy in der Jackentasche ohnehin immer (UMTS-Empfang vorausgesetzt), und das merkt keiner – außer der Lehrer hat so ein cooles T-Shirt an, das anfängt zu blinken, wenn er in einem WLAN-Bereich ist.
    Infrastruktur und Fachleute für ein WLAN an Schulen fehlen in der Regel aber.

    >Und viele Lehrer der jüngsten Generation haben ohnehin einen Facebook-Account, den sie so auch privat nutzen.

    Die meisten Lehrer meiner Generation und darunter. Stimmt: selber Freundschaftsanfragen an Schüler stellen geht nicht; ich nehme allerdings Anfragen von Schülen, die ich gerade unterrichte (oder Ehemaligen) immer an. Nächste Frage: muss man dann alle Schüleranfragen annehmen oder darf einem kommentarlos die Nase eines bestimmten nicht passen?

    >Man kann ja in Facebook sehr genau einstellen, wer was sehen darf, und spätestens, wenn ein Schüler einen Lehrer in der Freundesliste hat, wird er sich damit auseinandersetzen, wer was lesen kann – und dieses Bewusstsein versucht man doch grad dauernd zu stärken.

    Einerseits ja. Andererseits sollte man standardmäßig davon ausgehen, dass alles bei Facebook irgendwann öffentlich wird. Wie sieht denn das aus; sind Facebook-Kommentare ähnlich geschützt wie E-Mail das ein bisschen ist – oder zählt das als veröffentlichtes Werk, aus dem ich ohne Erlaubnis zitieren darf?

  9. Dass Lehrer und Schüler auch über Facebook kommunizieren, ist doch normal. Als ich am Gymnasium war, gab es kein Facebook und auch noch nicht alle hatten Internet zu Hause. Da wurden aber trotzdem Lehrer suspendiert, weil sie Schülerinnen bessere Noten für sexuelle Dienstleistungen versprochen hatten. Klassischer Fehler: Medium und Inhalt verwechselt.

    Beim Rest frage ich mich: Wovor habt ihr Angst? Bei uns sollte damals ein Programm eingeführt werden, mit dem im Rechnerraum der Lehrer jederzeit auf den Bildschirm eines jeden Schülers kucken kann. Da waren einige Lehrer ganz arg scharf drauf. Vor allem die, die sich mit Computern nicht gut auskannten. Da gab es eine große Angst, dass die Schüler irgendwas böses machen. Klar, Scheiße bauen die Kids immer, das ist nicht schön, aber das gehört doch irgendwie zum Geschäft, oder? Vermutlich war es bei uns auch so, dass viele Lehrer ein ganz schlechtes Gefühl hatten, weil die Schüler einen Wissensvorsprung hatten. Und das haben die bei uns im Kollegium nicht gut verkraftet.

  10. > Wovor habt ihr Angst?

    Vor den Eltern. Das sind die Leute, die im Kultusministerium anrufen, dass ihnen eine Aufgabe im Workbook nicht gefällt, weil die sich ein bisschen lustig über Eltern macht, so dass das Kultusministerium dann herumschreibt, dass man die Aufgabe überspringen soll und sie bei der nächsten Auflage gestrichen wird.

    Wir hatten mal so ein Monitorprogramm, inzwischen haben wir – aus technischen, nicht pädagogischen Gründen – keines mehr. Die Lehrer sind da weniger das Problem als die Schulleitung, die weitergibt, was das Kultusministerium will, das weitergibt, was die Anwälte befürchten.

    Wir haben Angst davor, dass Kinder heimlich Pornos und Schlimmeres gucken (oder gar Mitschülern zeigen), auch wenn das verboten ist. Mir würde es reichen, wenn man die dementsprechenden Kinder bestraft, sobald das Fehlverhalten auftritt. Aber das reicht möglicherweise dem Gesetzgeber nicht, der neben dem grundegsetzlichen Jugendschutzschutzgebot außerdem – tatsächlich oder vermeintlich – dem Wunsch der Eltern entspricht.

    Kurz gesagt: Von mir aus ohne Filter.

  11. Herr Rau, bitte sagen Sie mir, dass die Story mit der Elternbeschwerde über die Übung im Workbook nur ein frei erfundenes Beispiel ist!

  12. Workbook Green Line New 4 E2 (also Englisch als 2. Fremdsprache), Aufgabe 6 auf Seite 46. Eine Mediation zu „How to make sure your parents go on complaining!“

  13. Das erinnert mich an eine Geschichte aus letztem Jahr:
    Zur Feier der Dortmunder Meisterschaft durften in einer Dortmunder Grundschule alle Kinder in Fußball-Trikots kommen (aller Mannschaften) und es wurde ein großes Fest gefeiert.
    Ein Vater beschwerte sich beim Ministerium über den „Zwang zur Schuluniform“ und den ausgefallenen Unterricht (der an einem anderen Tag mit Ankündigung nachgeholt werden sollte).

    Wir haben mit Geschichten zu kämpfen :-D

  14. Korrektur: Am gleichen Tag. Der Unterricht sollte eine Stunde später beginnen und eine Stunde länger dauern. Die Lehrerin ist davon ausgegangen, dass die Kinder nach der Meisterfeier am Sonntag spät ins Bett gekommen sind und entsprechend länger schlafen würden…

  15. Man könnte natürlich den Eltern gegenüber argumentieren, dass ein Text namens „How to keep your parents complaining“ ja offensichtlich auf humorvolle, ansprechende, zielgruppenorientierte* Weise zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregen soll und auf die Art und Weise das Schüler/Elternverhältnis verbessern kann…man könnte den Eltern auch sagen, dass sie keine wertvolle Ministeriumszeit mit derlei Lappalien verschwenden sollen. Aber bitte.

    * „die Schüler dort abholen, wo sie stehen“

  16. Auf den schriftlichen und begründeten Antrag einer Gruppe von Schülern der Q11 ist der Gebrauch von Laptops zum Zweck der Mitschrift in meinen beiden Kursen (Deutsch und Geographie) ab jetzt und bis auf Widerruf erlaubt.

  17. darf ich noch mal auf eines der analogen dinge kommen? warum ist es problematisch, die eigenen kinder an die eigene schule zu geben?
    wenn das wirklich problematisch wäre, dann wäre es doch um lehrerkinder auf dem land schlecht bestellt, oder? es gibt doch wirklich viele gemeinden und regionen, in denen es nur eine schule gibt, und auf die gehen halt alle kinder. und wenn das weit genug ab vom schuss liegt, dann wohnen die lehrer auch da. gerne in laufweite zum arbeitsplatz. und dann halt auch deren kinder.
    ich glaube nicht, dass das wirklich problematisch ist.
    ich glaube auch nicht, dass es problematisch ist, im gleichen ort zu wohnen in dem man auch unterrichtet. ich kenne die tendenz, in einen anderen ort zu ziehen oder gleich in die nächste stadt, aber das ist doch eigentlich eher ein weglaufen vor der maßnahme, sich einfach als privatmensch zu verhalten und nicht auch am nachmittag im drogeriemarkt den lehrer zu geben, oder?

  18. Ich glaube auch nicht, dass es ein Problem ist, am gleichen Ort zu wohnen, an dem man unterrichtet. (Hört man halt oft.) Ich habe das allerdings nur zweimal ein halbes Jahr im Referendariat selber erlebt. Außerdem bin ich eher der Typ, der auch mitten im Ort recht privat bleiben würde.

    Was Lehrerskinder betrifft: Problematisch heißt ja nicht unmöglich, und das Argument aus der Konsequenz (dann wären Lehrerkinder auf dem Land schlechter bestellt) zieht ohnehin nicht. Sagen wir mal: man kann dann ja nie sicher sein, ob es nicht doch irgendeine Beißhemmung gegenüber Kollegenkindern gibt. Dass man außerdem Einblicke in den Unterricht der Kollegen kriegt, die man sonst nicht hat, ist eher ein Feature als ein Problem.

  19. Diese Schulen, die im weiten Umkreis keine Alternative haben, gibt es natürlich. Ich war an einer derartigen Schule, im Extremfall waren beide Eltern Lehrer an der Schule und die drei Söhne ebenfalls gleichzeitig dort Schüler. Weil die Schule nicht sehr groß war und es wenig Alternativen gab (beide Eltern waren auch noch Deutschlehrer), durfte ich zum Beispiel ein Jahr lang vier Deutschklassen unterrichten. Vielen Dank auch!

    Mit den Jahren, die das eigene Kind an der Schule unterrichtet wird, scheint mir die Hemmschwelle zu sinken, wenn es vermeintlich ungerecht zugeht. Lehrereltern erleben die gleichen Frustrationen mit ihren Kindern und mit unserem Schulsystem wie andere auch. Nur verfügen sie über Insiderwissen und Insiderbeziehungen, die nicht zu nutzen immer schwerer fällt, je länger sich der Ärger anstaut. Schließlich sieht man die vermeintlichen Verursacher jeden Tag, unter Umständen sogar häufiger und länger als das eigene Kind, wenn es schon älter ist. Möglicherweise bringt man seinen Kollegen sogar in Interessenkonflikte…

    Ganz besonders schön ist es, wenn man das eigene Direktoren-Kind an der eigenen Schule Abitur machen lässt. Natürlich kann niemand etwas dafür, aber die Folgen sind unter Umständen wenig erfreulich. Dann übernimmt nämlich der Direktor einer anderen Schule die Aufsicht über die Prüfungen. Und der bringt dann auch seine eigene Fachaufsichten mit. Und diese Leute schnüffeln dann überall herum. In meinem Fall war der Direktorensohn im Kolloquium zu prüfen. Da war kein fremder Beisitzer dabei. Dafür haben die freundlichen Herren und Damen dann die Bewertung in Deutschkursen auseinandergenommen, in denen der Direktorensohn gar keine Abiturprüfung abgelegt hat. Da freut man sich schon sehr.

    Es hat ein Gschmäckle, wenn es Alternativen gibt.

    Gleicher Ort: Es ist einfach unangenehm und peinlich, wenn man zudringlichen Eltern gelegentlich sagen muss, dass man ja auch so etwas wie eine Sprechstunde… Mittlerweile sind viele Eltern von erschreckender Distanzlosigkeit, manche wollen sogar meine Mobiltelefonnummer, damit sie mich jederzeit (!) erreichen können. Ich ernte dann ungläubiges Staunen, wenn ich wahrheitsgemäß erkläre, keine telefonische Hundeleine zu besitzen.

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