Fontane zum Schmunzeln

Fontane_zum_SchmunzelnDie erste Begegnung eines Schülers meiner Generation mit Fontane war „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ – vielgeliebt von Generationen von uh, ich weiß nicht, aber jedenfalls von früheren Generationen. Was sollte mir dieses Gedicht auch sagen? Niederdeutsch, auch gemäßigtes, war mir fremd, Birnbäume ebenso wie Birnen als Leckerei.

(Norberto42 hat Links zu diesem Gedicht zusammengestellt, darunter eine Fülle von Vertonungen, auch moderne. Vielleicht isset also doch lebendig, das Gedicht. Soll sein, soll sein, soll sein.)

Wenn man das Glück hat, an „Unterm Birnbaum“ als Schullektüre vorbeizukommen, hat man die nächste Begegnung mit Fontane bei Effi Briest. Bei mir war das erst als Lehrer. Zwei- oder vermutlich dreimal habe ich die Effi gelesen, und ich muss sagen, sie ist jedes Mal besser geworden. Dann mal Irrungen, Wirrungen. Als Schullektüre immer noch harter Tobak für junge Leser. Und auch nichts, was ich in meiner Freizeit lese. Aber ich freue mich darauf, irgendwann, in fünf, zehn Jahren, den Stechlin zu lesen.

Schon seit ein paar Jahren steht bei meinen Eltern im Regal das Buch Fontane zum Schmunzeln (ausgewählte von Lea Susemichel). Vor kurzem habe ich dann doch mal reingeschaut. Und auch wenn das Buch eigentlich völlig unbrauchbar ist, habe ich es gelesen. Unbrauchbar weil: Es handelt sich um eine Sammlung von Fontane-Schnipseln, meist sehr kurz und mit wenig Kontext, und kurzen Herausgeber-Überleitungen. Philologisch nicht zu verwenden: Keine Quellenangaben, nicht mal den Titel; ob es sich um Ausschnitte aus einer Erzählung, einem Brief, einem Tagebucheintrag handelt, muss man sich erschließen. Auch bei Romanen wird das „ich“ einfach mal als Fontane genommen. Und gleich die erste Überprüfung anhand einer besseren Ausgabe zeigte textliche Abweichungen. Dann doch gelesen weil: Ich etwas über Fontanes Biographie gelernt habe, und weil ich die Schnipsel tatsächlich interessant und manchmal amüsant fand.

Ein paar Ausschnitte:

Fontane auf dem Klo:

Das interessanteste in meinem Kölner Hotel war das Water-Closet: es ist sehr eng darin und die Wand vor einem befindet sich so nahe, dass man sie mit der Nasen­spitze berühren kann. Diese zudringliche Nähe war von talentvol­len jungen Malern, die sonst wohl die Mauern und Wände der Häuser mit gewissen mehr riesigen als naturgetreuen Abbildungen auszustaffieren pflegen, zu ähnlichen Kunstleistungen benutzt wor­den, die teils aus Bleistiftzeichnungen, teils aus dauerhaften tiefen Gravierungen bestanden. Mitten unter diesen lautren Schöpfungen der Phantasie und Laune befand sich, wie ein Professor im Bordell, die bekannte Figur des pythagoräischen Lehrsatzes, die mich vor Zeiten auf der Quartaner-Bank immer sehr traurig gestimmt, heute aber mein hellstes Lachen zur Folge hatte.

Fontane trifft sich mit Theodor Storm, der ihm etwas peinlich ist:

Es mochte zwölf Uhr sein, als wir durchs Brandenburger Tor zurückkamen und beide das Verlangen nach einem Frühstück verspürten. Ich schlug ihm meine Wohnung vor, die nicht allzuweit ablag; er entschied sich aber für Kranzler. Ich bekenne, dass ich ein wenig erschrak. Storm war wie geschaffen für einen Tiergartenspaziergang an dichtbelaubten Stellen, aber für Kranzler war er nicht geschaffen. Ich seh‘ ihn noch deutlich vor mir. Er trug leinene Beinkleider und leinene Weste von jenem sonderbaren Stoff, der wie gelbe Seide glänzt und sehr leicht furchtbare Falten schlägt, darüber ein grünes Röckchen, Reisehut und einen Schal. Nun weiß ich sehr wohl, dass gerade ich vielleicht derjenige deutsche Schriftsteller bin, der in Sachen gestrickter Wolle zur höchsten Toleranz verpflichtet ist, denn ich trage selber dergleichen. Aber zu so viel Bescheidenheit ich auch verpflichtet sein mag, zwischen Schal und Schal ist doch immer noch ein Unterschied. Wer ein Mitleidender ist, weiß, dass im Leben eines solchen Produkts aus der Textilindustrie zwei Stadien zu beobachten sind: ein Jugendstadium, wo das Gewebe mehr in die Breite geht und noch Elastizität, ich möchte sagen, Leben hat, und ein Altersstadium, wo der Schal nur noch eine endlose Länge darstellt, ohne jede zurückschnellende Federkraft. So war der Stormsche. Storm trug ihn rund um den Hals herum, trotzdem hing er noch in zwei Strippen vorn herunter, in einer kurzen und einer ganz langen. An jeder befand sich eine Puschel, die hin und her pendelte. So marschierten wir die Linden herunter, bis an die berühmte Ecke. Vorne saßen gerade Gardekürassiere, die uns anlächelten, weil wir ihnen ein nicht gewöhnliches Straßenbild gewährten. Ich sah es und kam unter dem Eindruck davon noch einmal auf meinen Vorschlag zurück. „Könnten wir nicht lieber zu Schilling gehen; da sind wir allein, ganz stille Zimmer.“ Aber mit der Ruhe des guten Gewissens bestand er auf Kranzler. En avant denn, wobei ich immer noch hoffte, durch gute Direktiven einiges ausrichten zu können. Aber Storm machte jede kleinste Hoffnung zuschanden. Er trat zu der brunhildenhaften Comptoirdame, die selber bei der Garde gedient haben konnte, sofort in ein lyrisches Verhältnis und erkundigte sich nach den Einzelnheiten des Büffets, alle reichlich gestellten Fragen bis ins Detail erschöpfend. Die Dame bewahrte gute Haltung. Aber Storm auch. Er pflanzte sich, dem Verkaufstisch gegenüber, an einem der Vorderfenster auf, in das zwei Stühle tief eingerückt waren. „Hier wird er Platz nehmen,“ an diesem Anker hielt ich mich. Aber nein, er wies auch hier wieder das sich ihm darbietende Refugium ab, und den schmalen Weg, der zwischen Fenster und Büffet lief, absperrend, nahm er unser Gespräch über Mörike wieder auf, und je lebhafter es wurde, je mächtiger pendelte der Schal mit den zwei Puscheln hin und her. Ich war froh, als wir nach einer halben Stunde wieder heil heraus waren.
(Von Zwanzig bis Dreißig)

Und dann scheint es da noch ein altes Stöckchen zu geben, ausgeworfen von L(o)uise Fastenrath, ungarische Schriftstellerin (siehe Wikipedia zu Johannes Fastenrath). Wilhelm Busch beantwortete die Fragen am 22.5.1892 ausführlich, Fontane deutlich lapidarer:

Was ist Ihre hervorstechendste Eigenschaft? Indifferenz.
Wie verstehen Sie das Glück? Gar nicht.
Das Unglück? Auch nicht recht.
Wo möchten Sie leben? In meiner Stube.
Was wünschen Sie sich am sehnlichsten? Luft. Licht.
Wer ist in Ihren Augen der erste Dichter, Schauspieler, Musiker, Maler? Wechselt alle fünf Jahre.
Welche Fehler finden Sie am verzeihlichsten? Die meinigen.
Lieben Sie das Ideale oder das Reale? Das Diagonale.
Was ist am schwersten zu erreichen? Papst oder großes Los.
Welchen Rat würden Sie der Frau geben, die Sie lieben? Mich wiederzulieben.
Welches ist Ihre Lieblingsbeschäftigung? Schlafen.
Welche politische Richtung ist Ihnen am sympathischsten? Mecklenburg.
Wie denken Sie über die Ehe? Je nachdem.
Welches Vergnügen ist Ihnen das liebste? Schlafen.
Wie definieren Sie die Liebe? Mir zu schwer.
Wie definieren Sie die Frau? Noch schwerer.

Aus zwei verschiedenen unvollständigen Quellen zusammengebaut, beide nicht ganz zuverlässig. Bin für genauere Quellenangaben dankbar. Und wer will, kann das Stöckchen ja aufgreifen.

Fazit: Man kann aus so manchem unvollkommenen Buch noch etwas herausziehen.

14 Antworten auf „Fontane zum Schmunzeln“

  1. Es gibt ja eine Art Leser, die wohl eher etwas aus unvollkommenen Büchern denn aus vollkommenen zieht.

  2. Ich hab mir vor ein paar Monaten mal den „Stechlin“ gegeben und war sehr, sehr angetan…diese epische Breite, dieses Gravitätische, ewig lange Sätze, detaillierte Schilderungen. Es hat richtig gut getan, mal so etwas zu lesen, und es geht nur mit etwas innerer Entschleunigung.

  3. Der Stechlin steht bei mir im Regal und wartet. Ich freue mich schon darauf. Die Schnipsel im Buch haben mir jedenfalls gefallen.

  4. Da kann ich der Versuchung nicht widerstehen, auch Herrn Raus Lesern ein paar Schnipsel aus dem Stechlin anzubieten, für die man keinen langen Atem braucht:

    „Alle Lehrer sind ein Schrecknis. Wir im Kultusministerium können ein Lied davon singen. Diese Abc-Pauker wissen alles, und seitdem anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode kam, ›der preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹ – ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz, der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen -, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten.“
    (Fontane: Stechlin, 5. Kapitel)

    Weitere Schnipsel:
    http://fontanefan3.blogspot.de/search/label/Stechlin

  5. @Fontanefan

    Als Österreicher muss ich hier anmerken, dass uns 1866 sicherlich kein preußischer Schulmeister geschlagen hat (niemals! Kultur haben wir nämlich selber!), sondern das Zündnadelgewehr und der preußische Militarismus (Schande über ihn!).

    Oh Gott, und am Freitag droht das Rematch in Form von Fußball – und WIEDER wird uns der Preiß schlagen. Meh.

  6. Noch was Kurzes:

    „Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.
    Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran, und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«
    »Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!«
    »So, hat’s denn eine Verlobung gegeben?«
    »Nein… noch nicht«, lachte Melusine.“

    „Liebe gibt Ebenbürtigkeit.“ (Woldemar über Joao de Deus und Pastor Lorenzen)
    „Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger.“ (Woldemar über Armgard)

    und noch ein Link:
    http://wiki.zum.de/Der_Stechlin

    Ich bitte um Verzeihung. Aber im Stechlin sollte jeder lesen, auch wenn er keinen langen Atem hat.

  7. Die antiquierte Metapher vom preußischen Schulmeister bezog sich auf Drill, Präzision und blinden Gehorsam – wesentliche Voraussetzungen des preußischen Militarismus. Diese Voraussetzungen wurden allerdings in preußischen Schulen des 19. Jahrhunderts geschaffen. Aber wie man sieht, war ja auch Fontane schon anderer Auffassung.

  8. @Beelzebub Bruck Was den Schulmeister und den Militarismus betrifft, gebe ich dir recht. (Auch Fontane lässt den Schulmeister Krippenstapel seine Schüler in militärischer Zucht halten.)

    Was Fontanes Auffassung betrifft: Über den Ministerialbürokraten Rex, der über die Überbewertung des Schulmeisters klagt, wirft er ein heiter ironisches Licht und auch auf sein Vertrauen auf Autoritäten.

    Fontanes Sympathie gilt dem alten Stechlin, und dem gilt ein geistreiches Wort, auch wenn er es für falsch hält, immer mehr, als eine Aussage eines Rechthabers.

  9. @Herr Rau
    Zu den angegebenen Stellen. Etwas präzisere Angaben und Kontexte:
    Fontane an Emilie Fontane, Aachen 6.4.1852 (Hotel)

    Von Zwanzig bis Dreißig, Der Tunnel über der Spree, 4. Kapitel (Storm)
    http://www.zeno.org/Literatur/M/Fontane,+Theodor/Autobiographisches/Von+Zwanzig+bis+Drei%C3%9Fig/Der+Tunnel+%C3%BCber+der+Spree/Viertes+Kapitel

    Fragebogen in einem Gästebuch
    http://www.berliner-zeitung.de/archiv/und-des-lebens-raetsel-bleibt-theater-im-palais-theodor-fontane-woche–sieben-tage-mit-einem-grossen-dichter,10810590,10038668.html
    (Der Fragebogen wird nur in einer sehr vollständigen Fontaneausgabe unter „Kleinere Schriften“ zu finden sein. Vielleicht bin ich noch etwas erfolgreicher; aber an eine Uni-Bibliothek komme ich nicht ran.)

  10. Danke fürs Recherchieren. So ein Buch ohne Quellenangaben ist ja schon ärgerlich, wenn man sauberes Arbeiten gewöhnt ist.
    Werde mich in Zukunft ohnehin wieder mehr mit Unibibliotheken und Fernleihe beschäftigen.

  11. „Aber ich freue mich darauf, irgendwann, in fünf, zehn Jahren, den Stechlin zu lesen.“

    Ach lass man. Ich habe das gerade hinter mir. Zu Ende gelesen habe ich dieses irgendwann sehr, sehr breitgewalzte Werk dann nur noch aus Pflichtgefühl.

    Man kann die Zeit besser nutzen: Den Stechlinsee besuchen. Wirklich sehr schön, mitten im Wald, man kann dort baden, und die Pommesbude bietet wirklich sehr gute Pommes feil. Und vom AKW Rheinsberg am Horizont kann man abstrahieren.

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