Also gut, ALSO GUT, ich bin mit Noten auch nicht zufrieden

Ausgangspunkt: Siehe vorletzten Eintrag, in dem ich nicht über meine Einstellung zu Noten geschrieben habe, sondern über den Umgang mit Sekundärliteratur. Deshalb hier jetzt meine Gedanken zu Noten, zum Teil schon anderswo in den Kommentaren geschrieben.

Was gegen Noten spricht:

  1. Sie machen mir Arbeit. Aufsätze korrigieren ist schwer genug, eine Note darunter zu setzen noch viel schwerer. Mir wäre es sehr viel lieber, unter einen Aufsatz nur zu schreiben, was gut oder schlecht daran war.
  2. Erschwert wird das noch durch die Entscheidung über das Vorrücken, die von Noten getragen wird. Sie führt oft genug dazu, dass die Note geschönt wird, weil mit der passenden Leistungsbeurteilung ein Vorrücken nicht möglich wäre. Damit erfüllt die Note nicht mal mehr die Funktion, die sie ursprünglich hatte.
  3. Sie werden gelegentlich zur Disziplinierung missbraucht.
  4. Allein die Möglichkeit, sie zur Disziplinierung zu missbrauchen, sorgt bei Eltern und Schülern für Unsicherheit und Misstrauen, Furchtsamkeit und Fehlattribuierung bei schlechten Noten.
  5. Noten haben viele nützliche Funktionen, aber auch mindestens eine unnütze: Manchmal macht man sie nur, weil das so vorgeschrieben ist. Mit Datum und allem. Ich muss von jedem Schüler ungefähr gleich viele und zeitlich ungefähr gleich verteilte Noten machen. Dann mache ich das halt, aus rein formalen Gründen.
  6. Wenig erlebt: Streitereien zwischen Schülern. Aber das wird gerne mal angeführt.
  7. Noten entstehen teilweise intransparent, teilweise sind sie nicht vergleichbar. Dadurch entsteht das eigentliche Problem: Sie sind ungerecht. Das finde ich tatsächlich nur begrenzt ein Argument gegen Noten. So ungerecht sind sie nämlich auch wieder nicht. Und: Es gibt Möglichkeiten, sie gerechter zu machen.
  8. Generell schlecht an der Notenorientierung: Lehrer werden oder fühlen sich gedrängt, nur das zu unterrichten, was benotet werden kann. Nicht sehr, aber immer mehr.

Warum ich trotzdem Noten gebe:

  1. Das ist meine Arbeit, für die ich gut bezahlt werde. Schüler, Eltern und der Souverän möchten das so. Das ist der Hauptgrund.
  2. Ich halte sie, einen Kommentar von Jan-Martin Klinge aufgreifend, für die schlechteste aller funktionierenden Formen. Aber die einzige, der ich bisher vertraue. Überzeugt bin ich davon nicht. Aber ich hätte gerne ein vergleichbareres Vorbild als Finnland oder was auch immer.
  3. Ihre Rückmeldefunktion ist begrenzt. Aber es gibt sie. Andererseits: Unter Deutschaufsätzen muss auch immer zusätzlich ein Kommentar stehen; die Note ist keinesfalls die einzige Rückmeldung.
  4. Persönliche Gründe: Ich war ein sehr guter Schüler. Wenn mich ein Fach interessiert hat, habe ich gute Noten bekommen. Wenn nicht, und ich nicht gelernt habe, habe ich schlechte bekommen – und wusste, dass ich selbst dafür verantwortlich war. Konsequentes Aufpassen und Mitdenken hat gereicht. Diese Erfahrung verführt dazu, zu glauben, dass es anderen Schülern auch so geht. (Dass das kein gute Grund ist, weiß ich selber. Aber er führt dazu, dass ich überdramatisierte und pauschale Aussagen von der verwerflichen Folge von Notengebung nicht ernst nehmen kann. Einfach ein „Bei manchen Schülern“ davor setzen, dann höre ich zu.)

(Wird ergänzt.)

14 Thoughts to “Also gut, ALSO GUT, ich bin mit Noten auch nicht zufrieden

  1. Unterstreiche alles uneingeschränkt. Würde zwei Gedanken hinzufügen.
    Ich finde die Fülle an Noten ziemlich heftig. Hab es mal auf meinem Blog hochgerechnet. Kam auf 1700 – 1900 Einzelnoten pro Schuljahr bei einem Normaldeputat. Irre.
    Und ich habe festgestellt, dass mir, je länger ich dabei bin, desto schwerer fällt, Noten zu geben und zufrieden dabei zu sein.

  2. Letztlich bleibt die Schulnote trotz aller genannten Einschränkungen/Nachteile alternativlos. Ich beobachte allerdings häufig, dass die Noten von den Schülern wichtiger genommen werden als ich sie selbst nehme. Der zu beobachtende ‚Notenfetischismus‘ führt dann zu den unangenehmen Notenfeilschereien und leider auch zu der Reduzierung des Schulgeschehens auf dieses formale Phänomen: Ein Jahr Arbeit reduziert auf eine Zahl. Aber wie gesagt – und da schließe ich mich Herrn Rau an – zeigt eine funktionierende bessere Alternative auf und ich freue mich auf eine Schule ohne Notendruck für Schüler aber auch für Lehrer.

  3. Sehe ich genauso. Vor allem den letzten Punkt kann ich sehr gut verstehen.

    Ich sehe in den Noten auch einen Problempunkt beim Thema selbstständiges und selbstgeteuertes Lernen. Wie oft kommt doch die Frage: Was muss ich machen, um eine Eins zu bekommen?

    Dadurch fixieren sich Schüler – meines Erachtens – zu stark auf die Note, die sie am Ende bekommen möchten, anstatt den Lernstoff wirklich nachzuvollziehen.

  4. Ich glaube es gibt verschiedene Notentypen.
    Den einen ist die Note relativ egal. Andere nehmen sich die Noten sehr zu Herzen und werden durch negative Noten eher demotiviert. Der Rest nimmt sie sportlich.

    Ebenso sind die Benoter:
    Die Wurstigen, die Negativ-/Destruktivbenoter, die Fairen, die Positivbenoter.

    Dass die Noten eine solche Gewichtung bekommen haben, halte ich für kontraproduktiv.

    Würde sich etwas ändern, wenn wir den Zwang zum Wiederholen abschaffen würden? Würde das die Notengewichtung verändern?

  5. @ Jo
    Uneingeschränkte Zustimmung, was die Typisierung des Notengebers und -empfängers betrifft. :-)

    Ich glaube nicht, dass der Zwang zum Wiederholen so eine große Rolle spielt, solange das Endresultat, der Heilige Gral nach mühsamen 12 Jahren, das Stück Papier, das über Wohl und Wehe im Leben entscheidet (zumindest vermitteln das manche Eltern, Lehrer und Medien so), der Fetisch aller Fetische, das Abitur mit seinen vielen Noten am Ende des Weges steht. Daraufhin spitzt sich ja alles zu, und die Schüler verinnerlichen ja großteils, dass sie nur wegen dieses Stück Papiers der Schule Zeit opfern (Humboldtsches Bildungsideal? LOL). Und dafür brauchen sie halt die Noten.

  6. „Noten haben viele nützliche Funktionen, aber auch mindestens eine unnütze“

    Welches sind die vielen nützlichen Funktionen, die nicht nur scheinbar bestehen?

  7. Mindestens schon mal, aber das weißt du sicher, Rückmeldung an die Eltern, Rückmeldung an die Schüler, Rückmeldung an den Lehrer. Klar geht das auch über Wortgutachten, zum Beispiel (wie sie unter jeder Deutschschulaufgabe stehen), aber über Noten eben auch.

    >Würde sich etwas ändern, wenn wir den Zwang zum Wiederholen abschaffen würden? Würde das die Notengewichtung verändern?

    Davon bin ich überzeugt. Die Selektionsfunktion von Noten würde wegfallen (die ja irgendwie hinter dem Wiederholen steckt), und wenn manche Schüler auch weiterhin Angst hätten, dann doch wenigstens vor einer Sache weniger. Lehrern könnte man nicht mehr vorwerfen, sie würden einen durchfallen lassen wollen. Und Lehrer müssten nicht mehr darauf Rücksicht nehmen.

  8. Ne, überdramatisiert ist das nicht, schon okay. Aber auch nicht meine Welt und meine Fächer — in Englisch geht es nicht, in Deutsch nur wenig darum, das Wissen des Lehrers in die Köpfe der Schüler fließen zu lassen. Aufsätze schreiben, Texte verstehen, eien Sprache lernen, das kann nie Kübelunterricht sein, und das versucht auch keiner. (Die Geschichten vom Lehrer, dessen Schüler aus einem Text herauslesen sollen, was der hören will, stimmten nich mal zu meiner Schulzeit.) Informatik ähnlich.

    Und das mit dem Siezen und Duzen… macht tatsächlich keinen Unterschied, was den Respekt betrifft. Ob es die genannten Niveau- oder andere Unterschiede gibt oder nicht, das stellt sich mit Du oder Sie genauso schnell heraus.

  9. Ich zitiere aus Punkt 4 von Liste 2 (= „trotzdem“) des Beitrags von Herrn Rau: „Ich war ein sehr guter Schüler. Wenn mich ein Fach interessiert hat, habe ich gute Noten bekommen. Wenn nicht, und ich nicht gelernt habe, habe ich schlechte bekommen – und wusste, dass ich selbst dafür verantwortlich war. Konsequentes Aufpassen und Mitdenken hat gereicht. Diese Erfahrung verführt dazu, zu glauben, dass es anderen Schülern auch so geht.“

    Das ist mit Blick auf diese Debatte ein enorm wichtiger Gedanke! Wie wir wissen, wird diese Debatte zumeist im Hinterzimmer des Internets geführt und kaum je in den Länderparlamenten. Was wohl auf den Umstand zurückgeht, dass die politischen Entscheider weit überwiegend Schüler mit vergleichbar leichtfüßigen Schulerfahrungen sind. Wundert es da, dass die Selektion in Bayerns weiterführenden Schulen gegenüber dem Bildungsauftrag so an Boden gewonnen hat? Denn wem – um nur eine Benachteiligung von vielen möglichen zu nennen – die persönliche Erfahrung einer leicht aktivierbaren Stressachse (*) fehlt, der vermag sich kaum vorzustellen, wie sich, selbst bei guter Vorbereitung und ordentlich IQ im Gepäck, mit klopfendem Herzen und flatternden Gedanken eine Schulaufgabe schreibt.

    (*) Es gilt als gesicherte Erkenntnis, dass die Stressachse durch während der Schwangerschaft auftretende Stressoren (Trennung, Tod, Arbeitslosigkeit, Krankheit etc.) eine Art „Fitnesstraining“ erhält, das sich auch mit sehr viel Meditation kaum rückbilden lässt. Das ungeborene Leben wird somit in späteren Jahren mit Prüfungssituationen Schwierigkeiten haben, obwohl es den Lauf der Dinge selber nicht ansatzweise beeinflussen konnte. – Das Glück hingegen ist mit denen, die ohne pränatale Prägungen der Art zur Welt kommen durften. Gänzlich ohne eigenes Verdienst. Bessere Noten bekommen sie in späteren Jahren dann noch gratis dazu.

    P.S. Bewertung auf Kopfnotenbasis verstärkt schicksalshafte Ungerechtigkeiten. Zumal wenn die zur Notenerhebung eingesetzten Prüfungen unter Zeitdruck eher Stresstests als Leistungsstanderhebungen darstellen.

  10. Ich werde gerne skeptisch, wen ich lese „es gilt als gesichert“ und „wie wir wissen“ lese. Ob die politischen Entscheider es so leicht in der Schule hatten, bezweifle ich – gibt es da irgendeine Untersuchung?

    Ich hatte sicher Glück, dass mit meiner Stressachse alles in Ordnung und dass ich auf der für mich richtigen Schulart gelandet war. Aber wie ich schrieb: Ich war auch fleißig und übernahm Verantwortung für mein Lernen. Da sehe ich in der Praxis häufiger das Problem als bei Stress. Und selektiert wird in Bayern in den weiterführenden Schulen ja immer weniger, wenn man sich die Verteilung auf Schularten ansieht, inwiefern hat da die Selektion an Boden gewonnen?

  11. Ja, Ihre Skepsis verstehe ich schon. Beziehe mich mit der Aussage beispielsweise auf „Neurobiologie und Psychotherapie“ von Juckel/Edel und „Das emotionale und das Schmerzgedächtnis“ von Johann C. Rüegg.

    Wer es in der Politik nach oben geschafft hat, dürfte in der Schulzeit nicht allzu viel Schaden genommen haben. Denn wie viel Prozent aller Schüler halten schlussendlich ein Abi in der Hand, wie viele von denen schließen erfolgreich ein Studium ab, und wie viele schaffen es schlussendlich, mit der Politik auch noch ihren Lebensunterhalt zu bestreiten? Für diesen langen Weg braucht es, so meine ich, durchaus ein funktionierendes Nervenkostüm.

    Betreffs der Selektion hat sich doch dieser Modus etabliert: In den entsprechenden Stadtgebieten tritt eine große Zahl an Schülern aufs Gymnasium über, von denen hernach aber mindestens jeder Dritte die Schulform wieder verlässt. – Wie zäh da auch um das Reifezeugnis gerungen wird (mit Ehrenrunden, FOS/BOS, Einführungsjahr, Privatanbietern etc.), und wenn viele es schlussendlich auch schaffen mögen. Es gelingt den Schulen meiner Kinder einfach nicht, mir glaubhaft den Eindruck zu vermitteln, als ginge es ihnen im Wesentlichen darum, ihnen Bildung nahebringen zu wollen. Auch wenn ich, und das soll nicht unerwähnt bleiben, auf zahlreiche Lehrer große Stücke halte und den Hut ziehe vor ihrer ansteckenden Begeisterung und ihrem Einsatz.

  12. >Wer es in der Politik nach oben geschafft hat, dürfte in der Schulzeit nicht allzu viel Schaden genommen haben.

    Das sehe ich wie Sie. Schaden nehmen ohnehin die wenigsten. Aber ist denke bei wenigen Politikern an „leichtfüßige Schulerfahrungen“. Gingen die gern zur Schule, haben die nie wiederholt? Mein Bild vom bayerischen Politiker ist anders, aber natürlich ohne irgendein Fundament. Für die Politik braucht es in der Tat ein funktionierendes Nervenkostüm, aber ein solches hat wenig wenig mit leichtfüßigen Schulerfahrungen zu tun. Außer sie denken da an die schafköpfelnde Leichtfüßigkeit des Durchmogelns, aber das ist eine andere Leichtigkeit als die, an die ich zuerst dachte.

    Um Bildung geht es schon lange nicht mehr, sondern um die Erteilung von Abschlüssen, das stimmt. Wenn jeder Dritte das Gymnasium wieder verlässt, ist das anders; die Zahl erscheint mir hoch, aber ich habe keine andere. (Ich weiß nur, dass Übetrittsqoten steigen und Wiederholerzahlen sinken.) Wenn das stimmt, hat das aber nichts mit dem steigenden Selektionsbestreben zu tun, das von Politikern ausgehen soll, sondern mit einer Steigerung der falschen Schulartwahl. Die Politiker freuen sich doch über jeden zusätzlichen Abiturienten in der Statistik.

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